Freitag, 5. Juli 2019

Ich komme raus wenn's spannend wird

Echte Freude

Der Fähranleger war nach ca. zwei Minuten erreicht, die zwei fröhlichen Kerls vom Ticketverkauf drückten uns eine Minute später unsere Karten in die Hand und gaben uns alle Infos, die wir brauchten. Die wichtigste, Boarding time um 9:40 Uhr, bescherte uns 37 Minuten Wartezeit, die wir gemütlich vor der Eingangshalle verbrachten und den Leuten beim Ankommen zuguckten. Wie eigentlich zu erwarten, kamen wir auch mit einigen ins Gespräch, zwei Frauen, die auch aus Deutschland angereist waren und eine deutlich getaktetere Tour mit dem Auto fuhren und zwei anderen Radfahrern. Andy und Ross kamen mit der Fähre von Hai Da Guwai und steuerten zwei unterschiedliche Ziele an, Andy wollte seine Freundin südlich von Campbell River besuchen und Ross ein Boot von Victoria zurück nach Hause fahren. Ross kannte sich mit dem ganzen Fährprozedere anscheinend aus und wir folgten ihm und Andy als diese auf der Fähre zielstrebig einen guten Platz ansteuerten, um die Räder abzustellen. Schnell noch ein paar Sachen umgepackt und weiter hoch ins Schiff. Es war ziemlich geräumig, neben den zahlreichen Kabinen und den Außendecks gab es auch eine relativ große Lounge, eine Kantine und einen Souvenirshop. Wir gingen in die mit vielen Sitzreihen, aber wenig Menschen, gefüllte Lounge, suchten uns jeder eine Sitzreihe aus und machten es uns gemütlich. Ross und Andy waren super freundlich und wir verquatschten die Stunde bis zur Abfahrt.

Linus, Andy, Sven und Ross
Nach der Stunde Gespräch war uns klar, dass wir auch gut die ganze Fährfahrt mit den beiden verbringen können. Egal in welchen Themenbereich wir eingedrungen sind, es gab viel auszutauschen und die beiden hatten vertretbare Meinungen. Auch wenn uns über ein Jahrzehnt in Jahren trennte und wir unseren Kindheiten und Teens mit ganz unterschiedlichen Dingen verbracht haben, gab es genug Redestoff für den gesamten Tag, bis spät in den Abend hinein.

Wir hatten „guten“ Maple Whiskey bei uns und Ross warf einige Bier ein. Von den beiden erfuhren wir, dass unser Getränk eher der working class Whiskey ist. Wir hatten vielen Menschen den Whiskey angeboten, getrunken hat ihn niemand.

Wir freuten uns allerdings über das kühle Bier. Ross ist immer mal wieder unter Deck verschwunden und verbrachte nur bestimmte Passagen mit uns an Deck. Er ist die Tour bereits hunderte Male gefahren und kennt sie recht gut. „Ich komm in einer Stunde wieder nach oben. Dann kommt eine Passage, die richtig schön ist. Jetzt gerade ist es eher mäßig. Ich komme raus wenn‘s spannend wird“. Mäßig... was er da redet!

Er meinte auch, dass wir Glück hätten, die letzte Fähre außerhalb der Sommersaison erwischt zu haben. Dauert zwar ein paar Stunden länger, ist aber mit dem hübscheren Schiff – wie er findet. Außerdem hat man so viel Platz, dass man sich in der Nacht einfach in eine der komplette Sitzreihen legen kann. Mit Isomatte und Schlafsack im Trockenen, also kein schlechter Deal. Nur das Schaukeln muss man haben können.

Aber dennoch gut für uns, da uns die Schlafkabinen 100 Extra gekostet hätten und da hätten wir zur Not im Sitz geschlafen.

Ross war auch der Erste, der uns wirklich bestätige, dass Radfahrer für Bären ein Jagdtrigger sein können. Er kannte zumindest eine Frau, die von einem Schwarzbären vom Rad geholt und getötet wurde. Auch ohne seine Auskunft hätten wir uns weiter an alle Tipps und Tricks gehalten, die wir kannten.

Den Tag über war prächtiges Wetter und wir haben uns eigentlich die meiste Zeit draußen aufgehalten. Da man zu drei von vier Seiten des Schiffes Zugang hatte, gab es eigentlich immer einen windgeschützten Platz. Wenn der Wind nicht alle ein, zwei Minuten drehen würde, könnte man das sogar richtig nutzen. Also haben wir uns mit wetterfester Kleidung nach draußen gestellt, uns eine Seite ausgesucht (es sah alles mega krass aus!) und unsere Blicke über die Landschaft schweifen lassen. Hin und wieder strömten Erklärungen zu Landmarken, Inselabschnitten, Gebäuden, Wäldern und Flüssen von unseren beiden Begleitern ein. Die Welt hier sieht so unglaublich aus. Ein ganz eigener Abschnitt. Da man nun auf Höhe Null war, sahen alle Berge ringsherum einfach nur unnatürlich aus, wie sie aus der unendlichen Tiefe des Wassers innerhalb weniger Meter so hoch hinaufschossen, dass sie das Himmelszelt kitzeln. Mit dichtem Wald bewachsen, könnte man fast glauben, jeder Berg ist sein eigener Friseur. An einigen Stellen sind Bäche durch das tiefe Waldland gedrungen und ergießen sich ins Meer. Dieses Schauspiel sieht man auf beiden Seiten der Küstenstraße, die wir nun 22 Stunden durchqueren werden. Es sind vielleicht zweihundert Meter zur einen und zweihundert Meter zur anderen Seite der Ufer, mal ein paar Meter mehr, mal ein paar Meter weniger. Und dennoch soll das Wasser unter uns mehrere hundert Meter tief sein! Das waren Anblicke, darin konnte man einfach für Stunden versinken.

Wenn da nicht Delfine und Wale gewesen wären, hätten wir das vielleicht auch getan.
Auch wenn wir nicht den „Free Willy“ Moment hatten, dass ein Orca im Schraubenstil über uns gesprungen ist und wir darunter in Zeitlupe unsere Hand ausstrecken und die Flosse des Killerwals berühren konnten, war das was wir gesehen haben, sehr beeindruckend: Wasserfontänen, die Meter hoch in der Sommerluft glänzten und zu einzelnen Wassertröpfchen zerfielen. Dann einzelne Flossen, die während ihrer Drehungen deutlich aus dem Wasser emporragten. Dann eine ganze Gruppe von Walen, die neben- und hintereinander schwammen. Ihre Wasserfontänen waren auch in weiter Ferne noch gut zu erkennen.

Dicht neben dem Schiff sind zwei Flossen von unterschiedlichen Seiten aufeinander zu geschwommen: „Das müssten Orcas sein. Zumindest jagen die so ihre Beute.“ Die waren ziemlich dicht am Schiff und man konnte die massigen Körper dicht unter der Wasseroberfläche ausmachen. Wie riesig diese Lebewesen einfach sind.

Dann haben wir noch Gruppen von Delfinen gesehen, die teilweise aus zwanzig Säugern bestanden. Diese schwammen teilweise direkt neben der Fähre. Hin und wieder kamen auch Ansagen der Crew, wo es gerade was zu sehen gab, sodass man ja nichts verpasst.

Wir haben die Fährfahrt richtig genossen und unsere beiden Begleiter waren eine fantastische Gesellschaft. Wären unsere Ziele nicht so unterschiedlich gewesen, hätten wir gut mit den beiden einige Kilometer, oder Tage, noch gemeinsam fahren können. Aber die zwei hatten einen festen Zeitplan und wollten am Tag um die 100 Kilometer machen. Und wir zwei waren uns nicht ganz sicher, ob das unserem Reisestil entspricht.

Auf dem Weg runter von der Fähre haben wir uns schon verloren. Einen richtigen Abschied hatten wir also nicht, aber die Stunden die wir zusammen verbracht hatten, hallten noch lange nach.

Wir hatten uns überlegt, direkt beim Fähranleger auf einen Campingplatz zu fahren, um den ersten Tag in Ruhe zu verbringen. Nach 3 Kilometern, kurz bevor wir in die Einfahrt des Campingplatzes einbogen, überquerte ein Schwarzbär wenige Meter vor uns den Highway. Er kam einfach rechts aus dem Gebüsch geschossen und flitzte über die Straße. Er kam so dicht vor uns aus dem Unterholz, dass wir mit unserer Geschwindigkeit fast in ihn reingefahren wären. Laut rufend sind wir weiter gerast und diesmal nicht abgestiegen, da wir recht schnell unterwegs waren. Der Bär nahm die Verfolgung nicht auf.

Als wir dann wenige Meter später auf den Campingplatz einbogen, blieb Sven erneut stehen. Als Linus zu ihm aufschloss, sah er warum. Ein Schwarzbär stand zwischen ihm und dem Office-Häuschen und glotzte ihn an. Wieder war er nur wenige Meter von uns entfernt und trottete langsam von dannen. Immer wieder warf er den Kopf über seine Schulter zurück, um uns im Auge zu behalten.
Beim Office hat man niemanden gesehen und auch sonst schien auf dem Platz nicht viel los zu sein. Schilder klärten einen darüber auf, wie wir unseren Platz aussuchen und was zu bezahlen ist. Also wieder ein Do-it-yourself Campingplatz.

Der Platz war mitten in einem Wald – es sah unglaublich aus. Durch unsere Bärenbegegnungen waren wir allerdings auf alles gefasst. Wenn die Bären hier so über den Platz laufen, dann könnten die ja überall sein. Und durch das Dickicht waren viele Stellen sehr uneinsichtig.
Wir fanden nach einiger Zeit die vorgesehenen Plätze für Radfahrer – wir waren die Einzigen.

Es war wie in einem Urwald. Riesige Bäume, der Boden von Moos und Unterholz bedeckt, der ganze Wald war von den Rufen der Vögel erfüllt und über uns kreisten die Weißkopfseeadler. Ein Ort zum Verweilen.
 
Regenwald-Camping
Elektronische Sachen

Klamotten, links Sven, rechts Linus

Alles fürs Zelt

fun fun fun fun fun

Unser Essen
Werkzeugtasche und Wasserstuff
Dennoch war unsere Stimmung irgendwie angespannt. Wir waren uns erneut nicht ganz sicher, wie wir reisen wollen. Wir mussten natürlich beide Kompromisse eingehen, um der anderen Person gerecht zu werden. Sven war es gewohnt, morgens früh aufzustehen, dann Strecke zu machen und am frühen Nachmittag dann an die hundert Kilometer geschafft zu haben. Linus war gar nichts gewohnt. Klar haben die letzten Wochen die Maßstäbe geschaffen, aber beide hatten das Gefühl man gehe bereits große Kompromisse ein. Svens Kompromiss war, dass weniger Kilometer gemacht wurden, als er es gewohnt war und dass wir morgens eher langsam starteten.

Linus Kompromiss war, dass die Fähre am 14.06 angepeilt wurde und eben nicht die Nächste, die erst am 20.06 fuhr. Ursprünglich planten wir zu Beginn der Reise, dass wir am Ende noch ein paar Tage auf Quadra hatten. Doch Sven wollte aus diesen Tagen lieber 1-2 Wochen machen.

Da die Fähre am 14.06 genommen wurde, hatte Linus nun das Gefühl, der „Urlaubsmodus“ würde nun beginnen. Sven wollte aber gerne möglichst zügig nach Campbell River kommen, um von dort die Fähre nach Quadra zu nehmen. Also haben wir uns zusammengesetzt und sind ins Gespräch gegangen. Wie schon einige Wochen zuvor, wo wir uns aussprachen, mussten wir feststellen, dass das Gespräch mehr als gut tat. Wir wollten uns erneut in der Mitte von beiden Reiseideen treffen: Nicht zu früh aufbrechen, oder am besten keinen „festen“ Zeitplan machen, aber auch nicht trödeln.
Bester Laune haben wir dann den Tag auf dem Campingplatz verbracht. Sven fuhr noch rüber nach Port Hardy, um dort im örtlichen Radladen neue Reifen zu kaufen und Linus kümmerte sich derweil um den Zeltplatz. Ansonsten spielten wir Karten und genossen die Atmosphäre dieses wunderschönen Plätzchens.

Am Abend, als Linus den Gang zum Mülleimer machte (Essensmüll konnten wir genauso schlecht im Zelt aufbewahren wie das Essen selbst), begegnete er noch Bert. Bert sagte irgendwas zu Linus, was er akustisch nicht verstand: „Excuse me?“ „Ach ich hab' nur Hallo gesagt“. Daraufhin entwickelte sich ein langes Gespräch. Als Bert erfuhr, dass wir in Alberta bei irgendwelchen Farmern auf deren Land geschlafen haben, ist er völlig ausgeflippt. „Ich habe schon viele Radfahrer getroffen und alle möglichen Reiseoptionen gehört. Aber dass Leute einfach bei anderen Leuten an die Tür klopfen und fragen, ob sie dort schlafen können, hab ich noch nie gehört!“ Dann wollte er ein Video machen mit seinem Handy: „Ich muss das filmen und meinen Freunden zeigen. Das glauben die mir sonst nicht.“ Also startete er sein Video, machte eine professionelle Ansage nach dem Motto: „Das ist Linus, ein Radfahrer aus Deutschland und er hat mir gerade was Erstaunliches erzählt. Linus, kannst du mir nochmal erzählen, wie ihr die Nächte in Kanada verbracht habt?“
Und so stand er da und erzählte Bert von der Tour, während dieser breit grinste und sich freute.
Dann nahm er Linus mit zu seinem Schlafplatz. Beide verquatschten sich völlig.
 
Es ist Bert
Bert ist Ende Sechzig und war ein total begeisterter Typ. Er hatte dieselbe Attitüde wie Bernie aus Drumheller. Er hat sich so heftig über unsere Reise gefreut und hat unseren Geschichten gelauscht.
Er selbst meinte, seine Frau habe ihn verlassen, da sie ihm vorwarf, dass wenn er in Rente ist nur Reisen will und keine Zeit für sie habe. „Und wie recht sie hatte! Ich will nur reisen! Sie wollte einfach zu Hause sein. Das war die beste Entscheidung meines Lebens“. Hat Linus zelebriert, wie glücklich er dabei war. Am Ende hat er ihm dann noch eine Flasche Champagner in die Hand gedrückt: „Ist nicht der Beste, aber ihr sollt ihn haben“. Linus hat sich für die schönen Momente mit Bert bedankt und ihm versichert, dass wenn morgen früh etwas Zeit ist, er mit Sven zum Frühstücken vorbeikommt.

Als Linus zurück zum Zeltplatz kam, war Sven bereits im Zelt verschwunden. „Ey Sven, es wird nicht geschlafen. Wir haben noch ‘ne Flasche Champagner zu trinken!“ Also saßen wir noch zusammen und haben schmunzelnd noch lange in den Abend hinein gesessen und getrunken. Das fühlte sich einfach belohnend an. Da hat man ein paar Meinungsverschiedenheiten, tauscht sich aus, klärt alles, hat einen wunderschönen Tag und am Abend lernt man noch einen super freundlichen Menschen kennen, der einem eine Flasche Champagner schenkt, die den ganzen Abend abrundet.

Am nächsten Morgen sind wir dann zum Frühstück zu Bert gefahren und haben es uns bei ihm für einige Stunden gemütlich gemacht. Wieder machte er ein witziges Video von uns, wo Sven diesmal die Ehre hatte, alles zu erzählen. Außerdem hatte er ein paar Kleinigkeiten zum Essen für uns, die wir während unseres Gesprächs verspeisten. Wir saßen einige Stunden bei ihm und brachen dann auf Richtung Port McNeil. Auf dem Weg dahin hatten wir erneut Probleme mit den Reifen und waren froh, dass Port McNeil einen Radladen und einen Campingplatz hatte. Wir entschieden uns, auch aufgrund des leichten Regens, einen kompletten Tag in Port McNeil zu bleiben. Der Campingplatz dort war schön, wir hatten WLAN, Strom und Duschen – das ist für uns immer so etwas wie der Jackpot. Außerdem war die Radfahrer Area wiedermal leer und wir konnten uns gut ausbreiten.

Am Tag waren wir einkaufen und haben uns im örtlichen Radladen aufgehalten. Die Inhaberin war eine klasse Frau, die für den ein oder anderen Schnack zu haben war. Sie fährt selbst gerne Fahrrad auf Vancouver Island und konnte uns von einigen Spots berichten, wo wir gut wildcampen können.
Als wir am ersten Tag dort waren, meinte sie, ihr Radmechaniker kommt erst morgen wieder. Also sollen wir morgen nochmal herkommen, sodass er sich unsere Räder anschauen kann. Wir hatten Zeit, dass kam uns also alles gut gelegen.

Auch der Fahrradmechaniker war ein lustiger Kerl, der ganz offensichtlich einiges von seinem Handwerk verstand. Die Zeit, die wir bei den beiden verbrachten, war schön und wir konnten uns schon bestens auf die kommenden Kilometer einstellen.

Woss Lake - WoW
Als wir von Port McNeil aufgebrochen sind, ging es nach Woss Lake. Der Seitenstreifen war so gut wie nicht vorhanden und bei den hügeligen Passagen war die Straße teilweise unglaublich uneinsehbar. Wir hatten einen extremen Moment, in dem die Welt für 2-3 Sekunden einfach stehen blieb. Sven fuhr vorne, Linus dahinter. Ein Lastwagen überholte mit knapp über 100 (man bekommt ein Gefühl für die Geschwindigkeit von den Fahrzeugen, die an einem vorbeirasen), während es einen Hügel hinauf ging. Er fuhr komplett auf der Gegenfahrbahn. An sich super freundlich, da er so den größtmöglichen Abstand zu uns einhielt. Da er allerdings nicht hinter die Hügelkuppe blicken konnte, auch sehr unvorsichtig!

Und da passierte es. Wir hatten auf der Tour viele dieser Momente, wo man dachte „Wenn jetzt ein Auto auftaucht auf der Gegenfahrbahn, dann kracht es“.

Der Lastwagenfahrer ist nicht vom Gas gegangen, dafür war es zu spät. Beide waren zu dicht aneinander, um noch rechtzeitig abbremsen zu können. Der Lastwagenfahrer ist also mit Vollspeed rübergezogen auf die rechte Seite. Linus ist instinktiv rechts auf den Schotter gebrettert, Sven nicht. Kein Scheiß. Mein (Linus) Herz ist stehen geblieben. Von meiner Perspektive aus habe ich Sven schon unter die Räder des Lkws kommen sehen. Das war super knapp! Der Fahrer zog soweit rüber auf die rechte Seite, dass er dicht vor Sven über die rechte Straßenkante rutschte und super dicht zwischen Sven und dem entgegenkommenden Auto hindurch zischte. Noch Minuten später habe ich (Linus) nur ein Wort die ganze Zeit wiederholend ausgespuckt: „Fuck“. Als wir irgendwann anhielten, haben wir uns angestarrt. Auch Sven war sich sicher: „Das war höllisch knapp“. Erstmal sammeln.

Auf der Strecke sind einige dieser Lastwagen mit voller Geschwindigkeit an uns vorbeigezogen.
Als Linus gerade vorfuhr, ist einen halben Meter vor ihm auf einmal etwas in Bewegung gekommen und straight auf die Straße gerannt. Im ersten Moment hat er sich so sehr erschrocken, dass er fast vom Rad gefallen wäre. Ein Huhn ist bis zur letzten Sekunde wie festgefroren am Wegesrand stehen geblieben. Dann sprintete es los.

Wir wussten, was passieren würde. Wir waren nicht taub. Der Lastwagen, der sich langsam von hinten näherte, kam perfekt auf unsere Höhe, als das Huhn losrannte. In der einen Sekunde hatten wir klare Sicht. In der nächsten hörte man ein „Puff“ und dann fuhren wir durch einen Federregen, das T-Shirt vor Nase und Mund gezogen. Die Konzentration war hoch, niemand von uns stürzte, aber der nicht vorhandene Seitenstreifen zog viel Energie.

Wir waren sehr zufrieden, als wir endlich von der Straße kamen und in dem kleinen Örtchen Woss ankamen. Es tröpfelte erneut und wir setzten uns ins Trockene bei einer Gedenkstätte. Ein herbeieilender Passant der uns mit all unserem Stuff dort sitzen sah, klärte uns schnell darüber auf, dass wir hier nicht campen können und verwies auf den Campingplatz am Woss Lake. Wir wollten ja auch nicht hier campen! Also haben wir uns aufgemacht zu dem Campingplatz, auch wenn wir dafür für einige Kilometer über Schotter fahren mussten. Und jeder Meter war es wert!

Der Platz, an dem wir ankamen, war so wunderschön! Und der Platz war umsonst. Staunend saßen wir am See und blickten über das ruhige Wasser. Hinter uns ragten riesige Bäume in den Himmel und auf der anderen Seite des Sees sahen wir – wie so oft – gigantische Berghänge.
Dieser Ort hatte seine ganz eigene Magie. Wir haben es dort sehr genossen.

Von Woss Lake ging es dann nach Sayward Junction (die Kreuzung, bei der es nach Sayward ging und eine Tankstelle, ein Restaurant und ein Eisladen standen), wo wir eine weitere Nacht verbrachten. Dort wurden wir gefragt, ob wir auch hier sind, um an dem großen Berglauf-Event teilzunehmen. 23 Kilometer rauf und wieder zurück. Wir haben auf dem Platz einen 60-Jährigen getroffen, der den Trail mit seiner Tochter laufen will: „Mal gucken, wer von uns beiden schneller ist“. Außerdem fragte er, ob er uns unsere Bikes abkaufen soll, wenn wir Kanada verlassen. Wir verneinten natürlich, da wir beide zum einen keine Räder in Deutschland haben und zum anderen so viel Geschichte an ihnen hängt. Was sagte er zu unseren Rädern? „Hmm, ich glaube so auf einer Skala von 1-10, sind eure Räder so ne 2“. Klar, man kann halt auch 2000€ nur für einen Rahmen ausgeben. Fanden wir beide dennoch sehr witzig, da wir in unserem Leben noch nie so gute Fahrräder besessen haben. Und für andere sind das halt „Nette Sammlerstücke“.

Von der Kreuzung sind wir nach Campbell River gefahren, wo wir dann die nächstbeste Fähre nach Quadra Island nahmen. Die Fährfahrt dauert auch nur wenige Minuten. Und dann sind wir tatsächlich bei unserem finalen Ziel angekommen. Wenn der Weg das Ziel ist, sind wir mit Quadra sogar über das Ziel hinaus. Die Reise ist damit zu Ende. Irgendwie fühlte sich das komisch an. Zwei Monate haben wir die Karten überflogen und sind zielstrebig unserem End-Halt immer nähergekommen. Zwei Monate haben wir geplant, gepackt, gerechnet, gestrampelt - nur um an diesen Ort zu kommen. Und jetzt soll sich alles ändern, innerhalb von zwanzig Minuten.


Natürlich freuten wir uns auf Quadra. Sven freute sich auf seine Tante und ihre Familie und Linus freute sich natürlich auch, alle kennenzulernen. Aber irgendwie war mit diesem neuen Abschnitt das Leben der letzten Wochen auf einen Schlag vorbei. Ein Leben, das wir beide sehr zu schätzen gelernt haben, da es uns so viele Eindrücke gebracht hat, wie es in manchen Jahren keine gab.

Wie viele Leute wir kennenlernten, wie viele Orte wir sahen, wie viel Natur wir erlebten, wie viel man auch über sich selbst lernt. Wie viele Pläne wir machten, was wir alles ändern wollen in unserem Leben und und und. Irgendwie war das alles eine Flut von Gedanken und Emotionen, die einen in diesen Momenten einholt und überrollt.