Donnerstag, 20. Juni 2019

Wenn du nicht aufpasst hast du train in den Augen


Wir nahmen das Fahrradfahren in Gitaus wieder auf, einem kleinen Dorf 20 Kilometer nördlich von Terrace, wo Jacob ein Meeting hatte und dementsprechend nicht weiterfuhr. Wir brachten die Kilometer bis Terrace in einer Stunde hinter uns und veranstalteten dort vor Walmart ein zweites Frühstück. Um Terrace setzte, wie von Jacob prophezeit, ein starker Wind ein, der kurz nach Terrace aber wieder verschwand und wir so, unbehelligt über ein paar Hügel und den dann startenden flachen Küstenabschnitt der Strecke hinwegfegten. Die Natur und das Klima veränderten sich auf dem Weg nach Prince Rupert wahrscheinlich ein letztes Mal, wir kamen in Regenwaldgebiet, es wurde deutlich schwüler, wenig Wind, viel Moos an den immer höher ragenden Bäumen. Nach längerer Suche machten wir einen uns zufriedenstellenden Schlafplatz an einem Boatlaunch am Exstew River aus und schlugen dort etwas erschöpft unser Zelt auf. Im weichen Sand der Rampe fanden wir einige frische Bärenspuren, Survivalguide Linus meinte, es wären Schwarzbären, wir verstauten unser Essen also wieder mal sorgfältig in unseren Säcken am Ende eines Astes und legten uns schlafen.

Bärenspuren am Boat Launch

Bärensack sicher verstaut
Der nächste Morgen barg eine miese Überraschung. In unseren Bärensäcken war die Spiritusflasche in Schieflage geraten und anscheinend nicht dicht gewesen, wir hatten sie zumindest noch nicht geöffnet. Wir mussten Brot und Äpfel wegschmeißen und aufgrund der Tatsache, dass es bis Prince Rupert keine Möglichkeit für Nachschubeinkäufe gab, entschlossen wir uns, aufs Frühstück zu verzichten. Wir dümpelten also los, waren kaum 10 Minuten unterwegs, als uns ein unerwartetes Schauspiel fesselte: Ein Personenzug. Ein stehender Personenzug. Mitten im Nirgendwo.

Insgesamt erst der zweite, den wir zu Gesicht bekommen haben. Sie wirken mit ihren drei Waggons lächerlich klein im Vergleich zu den Kolossen von Güterzügen, die halbstündlich über das Gleis am Highway rollen. Neben dem Zug standen verstreut ein paar Menschen herum. Als wir näherkamen, rief uns ein Mann, etwa Mitte vierzig, zu: „Hey guys! Want some Coffee?“ Und ohne uns zweimal bitten zu lassen, fuhren wir über den groben Schotter zu den Gleisen. Das Alter des Typen ist nur deswegen erwähnenswert, weil wir den Altersschnitt der Fahrgäste, die hier vor dem Zug standen, auf um die 75 Jahre geschätzt hätten. Es sollte sich zeigen, dass der Altersschnitt der Leute im Zug ähnlich war und als wir von Bruce, dem „Servicemanager“ des Zuges, in den Speisewagen geführt wurden, guckten uns viele Verblüffte Gesichter an. Wir brauchten ein paar Minuten durch den kurzen Zug, alle zwei Schritte die Eckdaten unserer Tour vor begeistertem Publikum vortragend.

Linus wurde von einer Frau mit den Worten „I know you!“ angequatscht und als dieser die Dame zunächst verwirrt, dann mit einem kurzen Blick der Erkenntnis, gefolgt von einem Gesichtsausdruck des Bedauerns musterte, erkannte er die Frau auch. Es war die ältere der beiden Frauen, die uns in Prince George vor dem Supermarkt angesprochen hatten und längst wussten, wo sie die Ewigkeit verbringen. Warum auch immer hatte sie aus dem Gespräch in Prince George entnommen, dass wir auch mit diesem Zug nach Prince George fahren würden (ehrlich, wir haben keine Ahnung, wie sie auf diesen Trichter gekommen ist). Für sie muss es wohl unglaublich verwirrend gewesen sein, uns in den Zug steigen zu sehen.

Im Speisewagen angekommen, sammelte Bruce gerade von zwei Leuten Geld für den Kaffee ein, füllte zwei weitere Becher, die er uns hinstellte und fragte: „You guys had some cookies today? Take some, here. You need a lot of cookies while cycling!“, während er uns eine volle Keksbox unter die Nase hielt. Wir waren völlig hin und weg.  Wir schlürften dankbar unter dem strahlenden Blick von Bruce unseren Kaffee und kamen ins Gespräch.
 
Kaffee im Zug
Der Zug war von Prince Rupert über Prince George unterwegs nach Jasper und wartete hier gerade auf einen entgegenkommenden Zug, weswegen Bruce vorgeschlagen hatte, sich etwas die Beine zu vertreten. Er ist selbst begeisterter Radfahrer und „warmshower“ Mitglied und als er uns gesehen hatte, war es für ihn selbstverständlich, uns herzurufen. Wir erzählten ihm von unserer Tour und unserer „warmshower“ Erfahrung bei Vinnie und John, worauf er lachend meinte: „Oh yeah! This cabin is beautiful. John is cycling in Chicago right now, I will tell him from you.“ Nach 15 Minuten meinte er dann, dass sie gleich weiterfahren würden, wir leerten also unsere Heißgetränke, griffen nochmal zu den Keksen und machten uns durch die Waggons zurück zum Ausgang. Auch dieser Weg dauerte verglichen mit der Zuglänge ewig, von allen Seiten bekamen wir irgendwas Ess- oder Trinkbares zugesteckt, wir hatten ja schließlich noch eine weite Strecke vor uns.

Mit Müsliriegeln, Trinkpäckchen, Mandarinen, Keksen und Torte (!) beladen, kamen wir die Trittstufen des Zuges herunter, schossen noch ein paar Selfies mit ein paar Fahrgästen und Bruce und als sich die Maschine wieder in Bewegung setzte, standen wir grinsend und winkend neben dem Zug während aus den Fenstern Leute mit Spiegelreflexkameras unser Konterfei ablichteten. Eine Minute später war der Zug dann nicht mehr zu hören. Was für eine Begegnung!
 
Mit Bruce und Speisen bewaffnet
Wir standen noch 20 Minuten am Gleis und ließen das Erlebte auf uns wirken. Zunächst war da Bruce, ein unglaublich netter Kerl, der wahrscheinlich weiß, wie geil es ist, irgendwo Kaffee geschenkt zu bekommen und mit Leuten über seine Tour zu quatschen. Dann die Oma aus Prince George. Für sie war es wahrscheinlich voll die Enttäuschung, als sie uns in Prince Rupert nicht unter den Fahrgästen gesehen hatte. Das dann zwei Stunden später der Zug auf offener Strecke, mitten im Dschungel hielt und die zwei abgeranzten Gestalten aus Prince George einstiegen, muss sie völlig vom Hocker gehauen haben. Das ganze Gourmet Essen, das wir bekommen haben, hat das ausgelassene Frühstück vergessen gemacht. Ich meine, wer rechnet schon damit, Sahnetorte angeboten zu bekommen? Einfach unglaublich.

Als der Zug längst außer Sichtweite war, haben wir uns wieder auf die Räder gesetzt und sind weitergefahren. Die Natur war schier unglaublich. Die letzten zwei-, dreihundert Kilometer waren schon absolut überwältigend, aber die riesig aufragenden Bäume und das hohe Unterholz, mit den nebelumsäumten Gebirgsgipfeln im Hintergrund, gab einem oft das Gefühl, sich im Jurassic Park zu befinden. Die Geräuschkulisse und der wechselnde Duft der Luft, lassen sich leider nicht auf Bildern einfangen, aber von überall wirkten neue Eindrücke für unsere Sinne zum Konsumieren auf uns ein.

An einem der schönsten Ausblicke und der gefährlichsten Passagen auf unserer Tour dieses Tages sahen wir in einer Kurve auf der Gegenfahrbahn in etwa 200 Metern vor uns ein „Etwas“. Wir waren uns erst nicht sicher, ob es ein auf die Fahrbahn ragendes Gestrüpp war, oder vielleicht doch ein Bär, da es sich leicht bewegte. Beim Näherkommen sahen wir einen jungen Mann, der oberkörperfrei in der Kurve an einer Leitplanke lehnte und rauchte. Vor ihm stand ein Fahrrad, mit teilweise abgeladenem Gepäck. Kaum zwei Meter neben ihm rauschten mit über 100 km/h die Pkws und Trucks vorbei.
 
Wer braucht Photoshop ...
Skeena River


Hinter ihm befand sich der Skeena-River, der an diesem Punkt so breit war, dass er auch als See durchgehen könnte. Hinter dem breiten Fluss türmten sich hoch die Coastal Mountains auf – ein unglaublich schöner und überwältigender Anblick. Wir grüßten und fuhren zu ihm hinüber auf die andere Straßenseite. Nach kurzem Austausch haben wir entschieden, dort Mittag zu essen. Also standen nun drei Personen und drei Fahrräder auf dem schmalen Seitenstreifen, zwischen Leitplanke und Fahrbahn. Hartley war auch auf einer Radtour von Victoria (wo er auch lebte) nach Alaska. Er war also noch ganz zu Beginn seiner Reise, wir schon kurz vorm Ende. Zuerst haben wir uns über die Touren ausgetauscht, dann aber auch über dies und das. Es war einfach ein total lieber, ruhiger Kerl und wir standen über eine Stunde mit ihm dort. Er hatte einige Essensspezialitäten bei sich, die er von einem Freund, den er auf der Reise getroffen hatte, geschenkt bekam und nun mit uns teilte. Wir bekamen von ihm Cantucini und Seegras. War beides super lecker.

Erst stand die Überlegung im Raum, dass wir gemeinsam irgendwo hier in der Wildnis campen und die Nacht noch zusammen verbringen, haben uns aber alle drei dann doch dazu entschieden, heute noch einige Kilometer zu fahren und dabei trennten sich leider unsere Wege. Hartley kam gerade aus Prince Rupert und wir wollten dorthin fahren. Nach einer warmherzigen Umarmung (kein einfaches kurzes Umschließen und Klopfen auf den Rücken, sondern sich richtig gemütlich aneinanderschmiegen – gefühlt nehmen sich hier fremde Menschen öfters in den Arm) gingen wir getrennter Wege. Wir haben noch Kontaktdaten ausgetauscht, sodass wir uns untereinander auf dem Laufenden halten können, was auch immer wir erleben.

Zum Abschied gabs von Hartley noch ein freundliches „Don't Die!“ und dann fuhren wir weiter.
Zusammen mit Hartley am Highway
Wir sind noch am selben Tag in Prudhomme Lake angekommen, das ungefähr zwanzig Kilometer vor Prince Rupert liegt. Die Fähre kommt erst in zwei Tagen und so haben wir die erste Nacht an diesem See verbracht. An einem Tag sollten wir die letzten 20 Kilometer wohl noch schaffen.

Dies war der erste Campingplatz, den wir hinter Terrace ansteuerten und er hatte schon ein ganz anderes Flair. Unser kleiner Platz war umringt von riesigen Bäumen, mit Moos bewachsen und neugierige, abgefahren aussehende Vögel erkundeten unsere Mitbringsel. Von den Farnen, die in unser Campingareal wuchsen, gab es Blätter mit denen man den Torso von jedem von uns abdecken konnte, so groß waren die: „Ein Meter achtzig Brennnesseln!“ Ansonsten haben wir uns früh ins Bett begeben, um am nächsten Tag früh in Prince Rupert anzukommen.

Gesagt getan. Als wir Prince Rupert erreichten, fuhren wir einmal durch die gesamte Stadt, um zum Campingplatz nahe des Fähranlegers zu kommen. Als wir dort unsere Sachen abluden und unsere Optionen checkten (Duschen, Waschmaschinen, Toiletten mit fließend Wasser), haben wir uns zum Fähranleger begeben, um schon mal die Tickets für die Tour zu kaufen. Prince Rupert nach Port Hardy kostet pro Person mit Rad 180 Dollar und dauert 22 Stunden. Das war aber alles in unser Budget mit einkalkuliert, also kein zu harter Schlag – dennoch nicht sehr günstig. Für zusätzliche 100 Dollar konnte man eine Kabine für die Nacht dazu buchen. Pff, und wenn wir halt eine Nacht durchmachen müssen...

Das Tickethäuschen war unbesetzt. Schon von Weitem haben wir sehen können, dass das gesamte kleine Häuschen mit mehreren Schildern behängt ist. Auf jenen Stand: „Push Button for service“. Einige hatten auch noch Pfeile darauf, die auf eben jenen Button zeigten.

Was für Leute kommen hierher, dass fünf Schilder nötig sind, um zu erklären was zu tun ist?

Wir haben also den Knopf gedrückt und über Lautsprecher erklärte man uns, dass wir das Ticket morgen direkt vor Abfahrt kaufen können. Wir sollen um neun Uhr hier sein. Die Fähre fährt dann um 11.

Dann ging es in die Stadt, um einzukaufen, sodass wir für die 22-stündige Fahrt genug zu futtern haben.

Nach unserer Rückkehr gab’s eine erfrischende Dusche und die Klamotten wurden in der Waschmaschine verstaut. Als wir an unserem Tisch saßen und Karten spielten, bemerkten wir, dass wir Nachbarn hatten. Zum einen zwei Typen, die sich prächtig unterhielten und noch zwei Frauen, die gerade auf den Platz fuhren. Als die vier untereinander Kontakt knüpften, haben wir schon gedacht, dass das ein ganz netter Abend werden könnte.

Es dauerte nicht lange und einer der beiden Männer schlenderte an unserem Platz vorbei, wir grüßten einander und er meinte: „Sprecht ihr auch deutsch?“ - unser Gekicher beim Kartenspiel muss man quer über den halben Platz gehört haben – war ‘ne heiße Partie!

Wir kamen ins Gespräch und nach kurzem Austausch meinte der freundliche Herr, Mitte dreißig, dass er Feuerholz suche und die vier heute Abend Feuer machen wollen. Er sei ganz allein hier und hat den anderen Typen auch heute erst kennengelernt. Also ein völlig zufälliges Zusammentreffen.

Wir zwei haben uns heute unsere Pulle Schnaps zur Feier des Tages gegönnt, da mit unserem Eintreffen in Prince Rupert ein großer Streckenabschnitt sein Ende findet. Wir schienen also ganz gut vorbereitet, auf ein gemeinsames Zusammensitzen und hatten auch noch was zum Teilen dabei.

Als das Feuer zu brennen begann, sind wir rüber stolziert. Einige Bänke wurden in Position gerückt und dann nahmen wir am Feuer Platz.

Der junge Herr, der das Feuerholz besorgte, stellte sich als Vincent vor. Der andere Herr war Mitte vierzig und heißt Aleks – aus den Niederlanden. Die beiden Damen waren Mutter und Tochter. Die Tochter war in ungefähr unserem Alter. Ihre Mutter dementsprechend etwas älter.

Da wir mit Aleks und Vincent unsere Kontaktdaten teilten, war es etwas einfacher, ihre Namen im Gedächtnis zu behalten. Die der beiden Damen haben wir wiedermal vergessen.

Als wir am Feuer saßen, entwickelten sich immer unterschiedliche Gespräche, zwischen verschiedenen Gruppen. Wir haben zum großen Teil allerdings Vincents spannender Geschichte gelauscht.

Die beiden Frauen waren mit dem Auto unterwegs und genossen ihre freien Tage. Sie kommen beide aus Kanada und fahren beliebte Reiseziele ab. Sie waren etwas aufgebracht, dass wir mit dem Rad von Calgary nach Prince Rupert gefahren sind, aber Attraktionen wie den Banff Nationalpark nicht besucht haben, oder den Ice Field Parkway. Auch bestimmte Wanderwege, die man dort hätte sehen können, sollen jeden Besuch wert sein und sie meinten, wir sollen direkt wieder zurückfahren, um unsere Fehler rückgängig zu machen.

Wir machten immer wieder klar, dass unsere Tour, so wie sie war, hervorragend und einfach unglaublich war und Touristenattraktionen gar nicht unsere vorrangigen Reiseziele sind. Die Damen konnten sich gar nicht vorstellen, was für eine schöne Zeit wir hatten – und das konnten sie wohl wirklich nicht, wie wir feststellen mussten. Für die Mutter waren wir, glaub ich, bis zuletzt „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und den Mt. Robsin Wanderweg nicht gelaufen sind“, oder „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und nicht den Ice Field Parkway durchfahren haben.“

Aleks ist Extremsportler. Er ist, soweit wir das richtig verstanden haben, in vielen Sportarten auf Distanz der zweitbeste Sportler der Welt. Also Radfahren auf Distanz, Laufen auf Distanz, Rudern auf Distanz, Schwimmen auf Distanz usw. irgendwelche Disziplinen aus diesem Metier.

Zurzeit war er mit einem Rudersurfbrett unterwegs. Also man steht auf einem Surfbrett, hinten und vorne das gesamte Gepäck darauf und paddelt sich voran.

Seine Tour startete in Seattle und soll bis nach Alaska gehen – einige hunderte Kilometer hatte er also schon hinter sich. Er war dafür bestens ausgestattet. Er zeigte uns zumindest noch Teile seines Equipments und schenkte uns auch noch praktische Dinge! Wir haben von ihm einen zwanzig Liter Wasserschlauch bekommen und Mahlzeiten, die man einfach mit kochendem Wasser aufgießen kann und dann seine 800 Kcal bekommt. Außerdem gab er Sven seine Sandalen – die super passten – und bot uns noch seine Regenjacke an. Also entweder hatte er zwei dabei, oder er hofft, bis nach Alaska nicht mehr nass zu werden. In jedem Fall super freundlich!

Er meinte, er müsse etwas an Ballast loswerden und ist froh, wenn jemand anderes dann etwas davon hat. Außerdem meinte er, dass wir unser Zelt unter einen Holzunterstand stellen sollten, da es hier in Prince Rupert oft regnet. Und wenn wir am nächsten morgen früh los wollen, gibt es nichts nervigeres, als ein nasses Zelt einzupacken. Er hat sein Zelt auch unter den Unterstand gestellt – ist doch egal, ob das ein Zeltplatz ist oder nicht!

Und dann war da Vincent. Die Stunden mit diesem Mann waren für uns beide sehr eindrucksvoll. Er war bestimmt nicht so ein krasser Sportler wie Aleks, oder hatte schon so viele Urlaubsorte in Kanada gesehen, wie die beiden Damen, aber seine Attitüde war einfach unbeschreiblich phänomenal.

Er hat sich aus Deutschland aufgemacht, um einfach mal einen Tapetenwechsel zu erfahren. Die Arbeit und den Alltag einfach mal hinter sich lassen, hat ihm dieses Leben nicht mehr die Freude bereitet, wie man es sich das vielleicht von seinem Leben wünscht. Er hat noch immer einen Forstbetrieb in der Heimat, der weiterläuft. Doch er hat gar nicht vor, in Kanada einfach Urlaub zu machen. Er will auch hier arbeiten, aber einfach anders als in Deutschland.

Vincent hatte sich in den Kopf gesetzt, Snowboardlehrer zu werden. Das war vor einigen Monaten alles, was er wollte. Also suchte er sich einen Mentor, der ihm all das nötige Zeug dazu beibringen sollte. Vincent achtete wohl darauf, dass dieser Typ richtig viel vom Snowboarden verstand und teilte ihm dann mit, dass er die Prüfung am liebsten in 2-3 Monaten ablegen wolle.

Vincent: „Die Leute haben mich für verrückt erklärt, da der Kurs mit dem bisschen Vorerfahrung, die ich hatte, ein Höllenritt werden könnte und die Leute haben nicht daran geglaubt, dass das jemand schaffen könnte in so kurzer Zeit.“
Am Ende dieser Prüfung muss man drei Prüfungsteile bestehen. Einer davon ist ein Sprung über 18 Meter mit einer 360° Drehung.
Wir: „Hast du bestanden?“
Vincent: „Hab den Sprung nicht 100% gepackt, aber bin durchgekommen. Nicht gut, aber hab bestanden“.

Aktuell wollte er fischen. Am liebsten Krabben, da hierfür gerade die Saison startet. Er war dafür bei jeder erdenklichen Stelle, um sich diesen Traum zu ermöglichen: Polizei, Hafenmeisterei, BC Fischereibehörde, Küstenwache, Touristeninformation, Ortsansässige Kapitäne und jeden Tag ist er hinunter zum Hafen gelaufen, um die Leute vor Ort anzuquatschen. Er meinte, dass die Leute zu Beginn kopfschüttelnd vor ihm standen und ihn für verrückt erklärten. Er solle lieber einen stressfreien Job machen, für den er noch mehr Kohle bekommt. Er wurde gefragt ob er überhaupt wisse, wie anstrengend es ist, bei jedem Wetter 21 Stunden am Stück zu arbeiten, kaum zu ruhen und dann wieder zu arbeiten, mehrere Tage am Stück. „Wenn ich mittlerweile runter zum Hafen gehe, lachen die Fischer und rufen mich ran, dass sie ‘ne Limo für mich über haben“.

Wir haben ihn gefragt, ob es irgendeinen bestimmten Grund gibt, dass er Lust hat zu fischen. Er antwortete einfach: „Ich will einfach fischen.“ Und damit war das für ihn geklärt.

Wir haben später auf der Fähre von Leuten erfahren, dass das Krabbenfischen hier an der Küste einer der rauesten und gefährlichsten Jobs der Welt ist und Leute dabei sterben. Und allein der Weg bis dahin war unglaublich steinig für ihn, da die meisten Leute einen deutschen Touristen vor sich stehen hatten, der vom Fischfang keine Ahnung hatte. Aber er war motiviert. „Am Anfang sag ich den Leuten einfach, dass ich weiß, wie man mit Mob und Wasser umgeht. Den Rest können sie mir ja beibringen“.

Wir sind vollends überzeugt, dass Vincent noch fischen wird. Seine Überzeugung, etwas zu tun ist heftiger und stärker, als alles was wir von uns selbst kannten.
Sven: „Vincent ist so wie die Endpassage aus dem Film The Big Lebowski, wo der alte Cowboy Dude sagt: ‚und irgendwo da draußen ist vielleicht noch ein anderer kleiner Lebowski, der einfach seinen Weg geht‘. Und man weiß einfach, Vincent macht genau das, worauf er Bock hat.“

Linus: „Erinnert mich an diesen Spruch: Alle sagten immer das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat's einfach gemacht“.

Der Abend war wunderschön und wir kamen einige Stunden später ins Bett, als geplant. Am nächsten Morgen haben wir zügig die Sachen zusammengepackt und uns auf zur Fähre gemacht.

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[Hier wieder einmal zwei Karten, die die Route (hoffentlich korrekt) zeigen: (ph)]

Die gesamte Strecke von Calgary bis Prince Rupert

In diesem Bericht erwähnte Orte, von Gitaus bis Prince Rupert

Essbar und nahrhaft


Nach noch weiteren ziemlich anstrengenden zehn Kilometern sind wir am Abend bei Jessica und Jacob auf die Einfahrt eingebogen. Auf den ersten Blick sah man drei Gebäude und einige Fahrzeuge, eher Traktoren als Autos. Außerdem riesige Bäume und Grünflächen, die sich immer weiter ausdehnten, umso mehr Sicht man auf das große Grundstück bekam. Wir hielten auf einer Wiese und aus dem hinteren Teil des Grundstücks kamen die vier winkend auf uns zu, ihre zwei Hunde an ihrer Seite.
 
Farm von Familie Beaton
Sie empfingen uns super freundlich und ihre lebendige Art hat den müden Geist direkt erfrischt.

Am Abend wurden wir herumgeführt und haben uns das Grundstück angeschaut. Die beiden Jungs waren richtig super und haben uns alles gezeigt, was es zu sehen gab. Neben dem riesigen Geräteschuppen, den Feldern, Wiesen und Äckern haben wir einen Bachlauf mit Pumpsystem gesehen. Noah hat während der Tour sein außerordentliches Wissen und Interesse an Pflanzen zeigen können. Wir sind an so vielen Pflanzen vorbeigekommen, von denen er etwas pflückte, uns hinhielt und erklärte, was es ist. Danach verschwand es oft in seinem Mund. „Ist essbar und nahrhaft“. Wir haben daraufhin so viele unterschiedliche Dinge probiert und gegessen, so vielfältig isst man bei keinem Hauptgericht. Das schmeckt nach Bohnen, das schmeckt süßlich, das schmeckt fruchtig, das schmeckt nach Pilzen. „Hier, die Rinde kann man abmachen und dann die Innenseite ablecken“. Absolut. Schmeckt erst süßlich, dann bitter. Hat er sich zu vielen Teilen selbst beigebracht. Es war schön zu sehen, mit wie viel Lebensfreude ihn das Draußensein und Erklären erfüllte. Als uns die Mücken ins Haus jagten, haben wir im Wohnzimmer gesessen, gegessen und uns ausgetauscht. Ezra ist ein erstaunlich guter Ukulelespieler und wir haben am Abend mehrere seiner Songs genießen dürfen. Auch Sven hat sich getraut, einen Song zu singen – nice! Es war für uns ein absolut angenehmes Ankommen. Es musste gar kein warmwerden sein, da es von Anfang an sehr herzlich war – wir haben uns sehr gut aufgehoben gefühlt! Als Jacob uns am Abend fragte, ob wir noch einen Tag bleiben wollten, zögerten wir nicht lange. Die Nacht haben wir im Camper vor dem Haus verbracht. Kein Zelt aufbauen und einfach im trockenen Bett schlafen – himmlisch.
 
Ezra mit Mocqua
Am nächsten Tag sind einige Arbeiterinnen gekommen, um auf dem Feld zu arbeiten. Nach unserem Frühstück, das uns Jessica und Jacob kredenzten, haben uns die Jungs noch etwas herumgeführt. Nachdem Ezra Sven seine gesamte Legokollektion zeigte -MILLENIUMFALKON!!111 - und Linus von Noah in dessen Toyota übers Grundstück gefahren wurde - das ist hier völlig legal - haben wir uns auf einem Beet wiedergefunden, auf dem wir Heu ausstreuten. Wir haben den beiden gesagt, dass wir gerne helfen wollen, wenn sie hier am Arbeiten sind.

Zum Mittagessen hat Jessica für alle Helfenden Essen gemacht, was wir in großer Runde genossen.

Am Nachmittag waren die meisten Helferinnen verschwunden. Wir arbeiteten mit der Familie noch allein weiter. Der Sonnenschein wich bald dichten Wolken, die sich über uns ergossen. Linus hat mit Jacob Pflanzen gegossen und nachdem der auf dem ATV [Anm.: kurz für All Terrain Vehicle, deutsch: „Geländefahrzeug“] stehende Wassertank leer war, ist er mit Linus runter zum Bach gefahren, um neues zu besorgen. Nachdem der Ablauf durch war, fragte er Linus, ob er die zweite Tour fahren würde. Also ab in das ATV! Jacob hat sich daraufhin an Sven gewandt und fragte ihn, ob er Eimer von A nach B befördern könne. Das waren ziemlich viele, also wurden alle auf einen Hänger gehoben und hinter einen Trecker gespannt: „Sven magst du den Traktor fahren?“.
 
Noah und Linus im ATV
Sven auf'm Traktor
Sah ziemlich witzig für Linus aus, als dieser den Hang hochkam und Sven auf dem roten Oldtimer Traktor saß, die Arme zum Himmel gereckt am Jubeln und das bei ungeschlagenen 4 km/h.

So glücklich hat Linus ihn nicht mal auf einem Fahrrad gesehen.

Wir bereiteten alles darauf vor, einen Acker mit Kartoffeln zu bepflanzen. Der Acker war 100 Meter einen Hügel hinauf und Sven hat mit seinem Traktor einige Touren machen müssen. Wirkte nicht so, als ob ihm das etwas ausmachte.

Der größere Traktor, der das Feld pflügen sollte, musste allerdings auch noch nach oben. „Linus, willst du den hoch fahren?“ Also saß er wenige Sekunden später hinterm Steuer und ließ sich die Steuerung und Hebel erklären. Jetzt konnte er Svens Euphorie verstehen. Glücklich wie ein Kind fuhr er im Schneckentempo den Traktor nach oben auf das Feld.

Leute in Kanada haben richtig Glück. Die dürfen neben den ganzen Maßeinheiten, die man gewöhnlich in Europa benutzt, auch die amerikanischen Maßeinheiten lernen. Der Acker wurde in Inch und Feet ausgemessen – das ist schon ziemlich lästig und ohne das richtige Messinstrument schwer nachvollziehbar.

Dann ging es los. Abstände wurden abgemessen (15 Zoll zu jeder Seite Platz), dann markiert und dann wurden in Zweierreihen Löcher gebuddelt. Acker rauf. Acker runter. So lange es geht. Denn Noah, der viel in Gartenarbeit hineinsteckt, fehlen am morgigen Tag helfende Hände und so muss heute so viel geschafft werden wie möglich. Auch der immer stärker werdende Regen darf dabei kein Hindernis sein.
Links wir zwei - rechts Ezra und Jessica
Wir verbrachten einige Stunden auf dem Acker, quatschten miteinander oder hörten jemandem beim summen und singen von Melodien zu.

Auch wenn wir an diesem Tag viel arbeiteten, war es dennoch mehr ein familiäres Event. Die Vier sind ein klasse Team und wir zwei waren höchst beschwingt.

Dennoch waren wir nach den Stunden auf dem Feld klatschnass geregnet und die Dusche am Abend war höchst erfrischend. Zum Abendessen gab es dann den Champagner, den sich beide zur Feier des verkauften Hauses gekauft hatten – woraufhin sie sich dann dieses Grundstück kauften. Es war ein gemütlicher Abend, an dem wir uns noch lange austauschten. Es gab eigentlich immer was zu reden. Jacob war beispielsweise einige Monate in Deutschland und spricht und versteht auch immer noch einiges. So hat er Linus erzählt, wie es bei ihm anfing, dass er auf Deutsch dachte und auch träumte.

Das passiert immer öfter: Man überlegt, was man einkaufen muss, wo man morgen hinfährt, geht Abläufe des Tages durch und das immer alles auf Englisch. Sven und Linus erwischen sich oft dabei, dass sie nach einem Gespräch mit irgendwem noch Minuten danach auf Englisch weitersprachen, da das ewige hin und her Hüpfen der Sprachen manchmal lästiger ist, als einfach weiter auf Englisch zu quatschen.

Wir würden beide nicht behaupten, dass wir tolles Englisch sprechen, aber es reicht halt aus, um sich über alles auszutauschen, die Leute zu verstehen und zur Not halt nachfragen zu können, was irgendeine Vokabel bedeutet. Zumal auch viele Leute sagen, dass das mit dem englisch Reden eh niemand genau nimmt. Zeiten vertauschen, Grammatik, Aussprache, es gibt so viele Menschen, die englisch sprechen, jeder hat da irgendwelche Fehler.

Besonders die Slangwechsel sind abgefahren. Wir fahren ja nun schon einige Wochen durch Kanada und haben uns mit Leuten unterschiedlichster Herkunft und vieler Altersstufen unterhalten. Es ist schon verdammt vielfältig, was einem so um die Ohren geballert wird.

Für uns vollkommen neu war die Art und Weise wie Noah und Ezra ihre Schulerfahrungen machen. Das Schulgebäude kriegen sie zumindest nicht zu sehen. Jacob und Jessica betreiben Home-Schooling. Davon kann man nun halten, was man will. Es hängt alles von den Eltern ab, was sie daraus machen. Uns hat gut gefallen, dass die beiden Eltern darauf setzen, dass sich ihre Kinder mit den Dingen auseinandersetzen sollen, die ihnen gefallen. Natürlich müssen einige Dinge gelernt werden, wie rechnen und schreiben, aber man stelle sich vor, dass Kinder diese Dinge nicht lernen, weil sie es müssen. Sondern weil sie es wollen. Weil sie Spaß daran haben.
 
Noah hat's schwer erwischt :-)
Noah kann also ganz in seinem Element der Natur und der Gärtnerei aufgehen – und er bietet schon in seinen jungen Jahren sein Gemüse auf einem Markt an. Ezra spielt seine Ukulele nicht nur für sich, sondern erfreute bereits im letzten Jahr viele Besucher eines örtlichen Musikfestivals. Und es wirkte für uns absolut nicht so, als täten sie das, weil sie es irgendwie müssen, sondern einfach, weil sie Lust dazu haben. Und dabei auch noch unglaubliche Freude haben.

Wir glauben, Jessica und Jacob machen da etwas richtig gut.

Jessica und Jacob haben wir als humorvolle, liebevolle und klare Leute wahrgenommen. Ehrlichkeit ist ihnen sehr wichtig. Die Zeit bei den Vieren verging wie im Flug. Der Zweite Abend flog dahin und es stand nur noch eine Frage im Raum. Jacob bot an, uns am morgigen Tag im Auto bis nach Terrace mitzunehmen. Er hat dort in der Nähe ein Meeting. „Bis nach Terrace seht ihr eh nichts Neues. Erst dahinter verändert sich die Natur nochmal richtig.“ Bis nach Prince Rupert waren es von Kitwanga noch 240 km und wir hatten noch drei Tage Zeit dafür, um die Fähre nach Vancouver Island zu bekommen. Ursprünglich hatten wir vier, aber da wir uns entschieden, noch einen Tag zu bleiben, musste nochmal neu gerechnet werden.

Linus fand die Idee eigentlich ganz gut. Wir hätten den Tag bei unseren Gastgeberinnen mitnehmen können und müssten dennoch nicht wesentlich mehr Kilometer fahren. Das kratzte etwas an Svens Radfahrerstolz und er wolle etwas Zeit haben, um darüber nachzudenken.

Als am Abend alle im Bett waren und wir noch mit Jacob zusammensaßen und uns unterhielten, haben wir beschlossen, uns von Jacob mitnehmen zu lassen. Dann würden wir ca. 80 Kilometer bis kurz vor Terrace überspringen und von dort weiterfahren.

Am nächsten Morgen haben wir uns nett von Jessica, Noah und Ezra verabschiedet und sind mit Jacob in rasender Geschwindigkeit den Highway entlanggefahren. Auto fahren kommt einem zumindest ziemlich schnell vor, wenn man vorher über Stunden hinweg bestimmte Landmarken
beobachten konnte, die jetzt nach Minuten wieder verschwanden. Zum Abschied gab es noch gekochte Eier von Jessica, ein Abschiedsfoto und eine herzliche Umarmung.
 
Mit Jacob zum Abschied
Neben der Farmarbeit, dem Entdecken der Natur und unseren vielen Fragen zum Leben „da draußen“ kamen wir auch immer wieder auf die Kultur und das Leben der First Nations (der Ureinwohner) in Kanada zu sprechen. Jacob gehört selbst einem Clan der Natives an und konnte uns dementsprechend viel erzählen. Genauso Jessica, die nicht Teil eines Clans war und trotzdem ebenso viel berichten konnte.

Zwischen Calgary und Kitwanga sind uns mehrere Menschen mit teilweise ziemlich komischen Weltanschauungen, in denen auch häufig offener Rassismus durchkam, begegnet. Bei uns kam dadurch mit fortschreitender Reisedauer die Frage auf, wie „normal“ das ist? Haben wir einfach Pech und treffen häufig Idioten, die so freizügig mit ihrer Meinung umgehen, dass sie sie jedem Fremden nach zwei Minuten Gespräch auf die Nase binden? Oder sind solche Einstellungen hier eher geduldet oder toleriert? Wir wollten uns diese Fragen eigentlich für Quadra Island und Svens Tante Iris aufheben, schließlich ist das auch ein Thema, über das man nicht mit Menschen reden will, die man erst seit wenigen Minuten kennt. Als wir die letzten Kilometer auf dem Highway 37 dann zu den vier „unbekannten Bekannten“ hochfuhren, hatten wir schon überlegt, wenn es sich ergibt, mal zu fragen wie es politisch so in Kanada aussieht. Gerade zu der Situation der Natives hatten wir bisher nur von europastämmigen Kanadiern gehört.

Direkt am ersten Abend, aber auch öfter während unseres Aufenthaltes, haben wir uns ausgetauscht. Jacob und Jessica wirkten sehr reflektiert und wissend. Sie konnten uns auf alles eine Antwort und darüber hinaus viele Erklärungen für diverse Zustände geben.

Für uns war es immer etwas verwirrend, dass die konservativen Leute so schnell und direkt auf ihre Themen kamen und uns damit konfrontierten. In Deutschland kriegen wir es zumindest beim Spaziergang nicht so oft mit, dass man von jemandem angequatscht wird, der gerade seinen Hof kehrt: „Hey, wie ist euer Tag so? Ich bin Konservativer! Habt ihr Bock mit mir über Religion und Politik zu reden?“ Der nächste Satz könnte dann sein: „Ich find Moslems übrigens voll Scheiße“.
So kamen uns einige Situationen hier zumindest vor.

Kanada hat eine große rassistische Community, die teilweise auch stark mit dem christlichen Glauben verwachsen ist.

In der Gesellschaft sind rassistische Klischees ziemlich akzeptiert, weshalb die Leute sich in der Öffentlichkeit mit ihren Äußerungen nicht zurückhalten müssen.

Außerdem findet eine konsequente „Nicht-Aufarbeitung“ der Geschichte statt. So wie wir das verstanden haben, gab es Prozesse zwischen den First Nations und den Kanadiern, in denen entschieden wurde, dass die Kanadier das Land geraubt haben und es rechtlich zurückgeben müssten. Das passiert allerdings nicht, da es gar kein gesellschaftliches Interesse gibt, dieser Forderung nachzukommen.

Neben den Eindrücken über den Ist-Zustand haben wir auch einiges über die Geschichte Kanadas gehört, wie die Siedler kamen und wie die Menschen vorher hier lebten.

Einige Dinge, die in Geschichte nicht beigebracht werden, da die Geschichte immer noch von den Gewinnern geschrieben wird und andere Teile und Erzählungen in Vergessenheit geraten, haben uns ziemlich beeindruckt. Die Kanus beispielsweise, die wir uns oft als kleine längliche und schmale Boote vorstellten, waren zur Zeit des Eintreffens der Siedler viel größer als die Schiffe aus Europa. Außerdem sind Chinesen und sehr wahrscheinlich auch Russen schon vor den Europäern in Kanada gewesen, weshalb die Natives Gegenstände der anderen Zivilisationen bei sich hatten.

Die Darstellung der Geschichte sieht meistens anders aus.

In der Vergangenheit (auch noch nach WW2) gab es „Erziehungsanstalten“. Eltern mussten ihre Kinder in diese Schulen schicken, sonst wurde ihnen gedroht, sie ins Gefängnis zu sperren. In den Anstalten wurden Kinder misshandelt, gefoltert oder gar getötet. In den Schulen wurde den Kindern ihre eigene Sprache verboten, wodurch ihre Sprache verkümmerte.

Über die Zeit wurde ihre Kultur systematisch zerstört, Kinder umgedrillt, die Sprache gerät in Vergessenheit, Ausgrenzung und offener Rassismus setzen dem Ganzen die Krone auf. Es war schon erschreckend.

Doch so ernst der Gesprächsinhalt auch war, Jessica und Jacob gaben uns nicht das Gefühl der Beklommenheit. Es veränderte dennoch unseren Blick auf einige Dinge. Es waren sehr viele Informationen, die wir auf anderen Wegen nur schwer, wenn überhaupt, bekommen hätten. Wir danken den beiden sehr dafür, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns geteilt zu haben.

Und bevor wir anfangen mit dem Kopf zu schütteln und den Finger auf „böse, konservative“ Kanadier zu richten, sollten wir natürlich vorerst vor der eigenen Haustür kehren.

Gibt ja genug zu tun.

Dienstag, 18. Juni 2019

You're in the wild, wild West, so shoot out of the hip


Es war einfach, aus Prince George aufzubrechen. Nicht weil der Zeltplatz schlecht oder Prince George zu uninteressant war, sondern weil wir richtig Bock hatten, Kilometer zu machen. Es war nicht mehr so heiß wie die letzten Tage, leicht bewölkt, super Radfahrwetter. Der Kaffee von der Tanke gegenüber vom Campingplatz puschte dann zusätzlich und wir brachen voller Enthusiasmus Richtung Vanderhoof, unserem nächsten Etappenziel, auf. Die Strecke war gut zu fahren, der anfänglich noch stärker befahrene Yellowhead Highway beruhigte sich zusehends, wir kamen dementsprechend gut auf wenig hügeligem Terrain voran und erfreuten uns einer Streckenführung, die ohne große Steigungen klar kam. Svens Hinterrad holte uns dann etwas unverhofft von der Straße, einer der größeren Schottersteine, die viel vor Einfahrten rumlagen, hatte es geschafft, ein Loch in den Schlauch zu reißen. Erste Zwangspause an diesem Tag, eine weitere sollte 30 Minuten später folgen, gleiches Rad, diesmal ein anderes Loch. Beide Rückschläge vermochten uns aber nicht die gute Laune zu nehmen, selbst der gegen 14:00 Uhr einsetzende starke Gegenwind vermochte das nicht, wir fuhren unbeirrt unseren Weg, der uns weiter zwischen den sanften Hügeln Richtung Westen trug. Am Abend kamen wir abgestrampelt aber zufrieden damit, fast hundert Kilometer hinter uns gebracht zu haben, in Vanderhoof an.

Tief im Dreck - Reifenflickzwangspause
Vor dem dortigen Office-Häuschen verbrachten wir dann etwas Wartezeit, da niemand vor Ort war. So konnten wir das Treiben auf jenem Campingplatz beobachten und genossen die Abendsonne.

Viele Familien waren hier und der Platz war nahezu ausgebucht. Nebenan erstreckte sich eine riesige Wiese mit Volleyballnetz, Spielplatz und Café mit Bistro – es wirkte alles sehr idyllisch.
Als wir dann eincheckten, das Zelt aufgebaut hatten, Bier tranken, Karten kloppten und Musik hörten, gaben wir uns der Euphorie hin, die uns an diesem Tag bis nach Vanderhoof trug. Wir waren richtig guter Dinge. Am Abend haben wir noch Nachbarn von uns angequatscht, denen wir unsere Bärensäcke anvertrauten und dann gut schlafen konnten.

Am nächsten Tag wollten wir erneut gut Meter machen, wussten aber auch, dass wir uns nun eigentlich auch mehr Zeit lassen können, da wir gestern schon so gut vorangekommen waren. Also sind wir vom Campingplatz runter, über die Straße und zu einer Tankstelle mit Kiosk. Da haben wir uns erst mal einen Kaffee gegönnt und einige Muffins – einige zu viel wie sich herausstellte, da wir danach so vollgestopft waren (mitnehmen war keine Option – zusätzliches Gewicht wollten wir nicht), dass wir kaum vorwärtskamen. Es war schon ein unangenehmes Völlegefühl. Rasten war dennoch keine Option, also ging es auf. Die Natur war immer noch atemberaubend und gegen unsere Erwartungen wurden die dichten Waldlandschaften immer wieder von Feldern und einzelnen Wohnhäusern unterbrochen, was für schöne Abwechslung sorgte. In der Ferne ragten immer wieder riesige, hohe Gipfel auf, die teilweise noch mit Schnee bedeckt waren. Immer wieder konnte man riesigen Regenwolken dabei zuschauen, wie sie sich an den langen Berghängen abregneten und die Gebirgsformationen dahinter im unscharfen Dunst versanken.

Schön anzusehen, nicht schön drin zu stehen
Wir wurden immer besser im Abschätzen des Wetters und Abwägen, wann wir Pausen machten und wann wir weiter Kilometer machen wollten, wann ist Zeit für Mittagessen und wann trinkt man nur einen Kaffee und rastet in einer Stunde. Da die Wetterprognosen in BC kaum besser wurden als in Alberta, war unser Gefühl der beste Kompass – und wir verbrachten viel Zeit draußen unter freiem Himmel, wodurch wir viel Zeit hatten, diesen Kompass möglichst genau auszurichten. Auch Tempo, bergauf, bergrunter, wurde immer ähnlicher und wir passten unseren Fahrstil immer besser an. Teilweise fuhren wir so dicht auf den Vordermann auf, dass wenn es zum abrupten Abbremsen käme, ein unheimlich fieser Sturz die Folge wäre. Doch gegenseitiges Vertrauen, Erfahrungen über Straßenbegebenheiten und Einschätzung der an das Terrain angepassten Geschwindigkeit zeigten, dass das gemeinsame Fahren über so lange Zeit einen eher zu einer Einheit verschmelzen lässt. Manchmal ging der Arm der vorderen Person zur Seite ab, um eine Pause anzudeuten und die hintere Person kam an und sagte: „Nice, ich hätte auch so langsam eine Pause vorgeschlagen“. Das Ganze klappte völlig ohne Absprache.

Kurz bevor es bergab geht

Ab hier ging's bergab
An diesem Tag fuhr Sven vor, Linus hatte eher Probleme, das Essen drin zu behalten und war ziemlich mit sich beschäftigt. Doch das Prinzip „ich lass mich ziehen von dir“ klappte ganz hervorragend. Auch wenn wir bereits nach vierzig Kilometern einen Rastplatz ansteuerten, verging die Zeit dahin wie im Flug. Da es nach Regen aussah, bauten wir rasch das Zelt auf und verkrochen uns darin. Auch hier gab es wieder viele Mücken – einfach lästig diese Viecher. Als die Bärensäcke verstaut waren, der Parkranger, der zu unserem Platz kam, die Gebühr einsackte und uns freundlich Information über die Parkgegend mitteilte und wir uns über die morgige Route ausgetauscht hatten, sind wir mit viel Vorfreude auf die kommende Strecke eingeschlafen.

Die Kilometer verflogen und wir machten auch an den nächsten Tagen keine Rast. Am Abend des nächsten Tages wurden wir das erste Mal von unserer Camping App enttäuscht, da ein vorgeschlagener Campingplatz einfach nicht existierte. Wir standen mitten im Nirgendwo, einen Kilometer vom Highway und viele weitere Kilometer von jeglicher Ansiedlung von Menschen entfernt. Der Feldweg endete an einem Bahnübergang, welcher mit Schildern zugestellt war: „Danger“, „No Tresspassing“, „Keep Out“, usw. Von dieser Seite kommen also höchstens Bären.

Wir fanden mitten in diesem Nirgendwo eine aus Steinen gebaute Feuerstelle, an der wir unser Zelt aufschlugen. Während Sven das Zelt aufbaute und den Stuff verstaute, übte sich Linus als Parkranger und suchte die Umgebung nach Spuren ab. Neben Fußspuren von Elchen und kleineren Bären, fand er Kot auf dem Feldweg und Kratzspuren an Bäumen. Nach diesen Kriterien wurden die Plätze für die Bärensäcke bestimmt. Als wir gerade dabei waren zu kochen, rollte ein Auto den Feldweg entlang, nahm aber 100 Meter entfernt eine Abzweigung und kam nicht bei uns entlang. Das Auto wurden von mehreren Hunden verfolgt und immer wieder waren Rufe und Kommandos zu hören. Nachdem die Kombo den Wald einige Minuten lang in Aufregung versetzt hatte (bis zu dem Moment war es erstaunlich ruhig), kam das Auto auf uns zugefahren. Drei Hunde eilten voraus, bellten und rasten über unseren kleinen Kochplatz. Im Auto eine laute Frauenstimme, die die ausreißenden Hunde immer wieder zur Ruhe zwang. „Hey wisst ihr, ob es hier einen See gibt, in dem meine Hunde baden können?“

Wir guckten einander an: „Wir suchen auch noch nach Wasser, aber einen See haben wir noch nicht gesehen“. Man sah förmlich, wie es in ihrem Gesicht arbeitete und sie uns von oben bis unten abcheckte. Zwei komplett in schwarz gehüllte, leicht abgehetzte, vom Schweiß durchnässte Gestalten, die abgesehen von einem Blechkocher (so muss er für Unwissende in etwa aussehen), nichts wirklich bei sich hatten. Unser Zelt stand hundert Meter von unserer Kochstelle entfernt und war für sie nicht zu sehen. Nach abschätzenden Blicken fragte sie: „Braucht ihr Hilfe?“

Wieder haben wir einen Blick ausgetauscht: „Nö, uns geht’s ganz geil. Wir machen uns gerade Essen, ein Fluss für Wasser ist auch nebenan und sonst niemand da.“ Das schien sie zu beruhigen und dann war sie auch schon wieder davon, ihre Hunde eilten dem Wagen hinterher. Der Abend verlief für uns ganz ruhig. Wildlife haben wir keines gesehen, waren aber auch gut bemüht, uns ständig und laut zu unterhalten.

Am nächsten Tag sind wir wieder nicht wirklich weit gekommen. Bis nach Burns Lake, wo wir zu Mittagessen wollten und wir uns erneut so lange aufhielten, dass ein Weiterfahren für uns beide sinnlos schien. Burns Lake hat einen Campingplatz, der laut unserer App nichts kosten sollte, was uns sehr gefiel. So würden wir zumindest für die zweite Nacht in Folge nichts zahlen müssen. In der App wurde man dank Kommentarfunktion darauf aufmerksam, dass sich dort viele Betrunkene rumtreiben sollen, die die Besucher des Campingplatzes (8 Plätze an einem Hügel) belästigen sollen „man fühle sich nicht sicher, ob man seinen Campingplatz unbeaufsichtigt lassen kann“.

Wir fanden, es sah da ganz nett aus. Direkt an einem See waren 5 Rastplätze (1 Tisch und eine Feuerstelle – die klassische Campingplatzausstattung) und drei Plätze dahinter. Wenn das Wetter nicht so bescheiden gewesen wäre, hätte man es sich hier echt gemütlich machen können. Außerdem gab es 100 Meter weiter einen Liquor Store wo man das Geld, welches man eigentlich für einen Campingplatz ausgegeben hätte, in Alkohol investieren konnte – was für ein Zufall! Wir tranken also ein paar Bier. Ansonsten saßen wir viel im Zelt, da es regnete. Zum ersten Mal seit Edmonton haben wir wieder gelesen und es hat uns direkt richtig gecatcht. In Edmonton haben wir den zweiten Band auf Englisch angefangen und ein Kapitel gelesen, seither keine Seite mehr.
Drei Stunden sind wir an jenem Tag wieder in der Welt Abercrombies abgetaucht und seither jeden Abend aufs Neue auf ein paar weitere Kapitel.

Am nächsten Morgen sind wir dann noch auf jene „Betrunkene“ oder andere zwielichtige Gestalten gestoßen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.

Früh am Morgen, als wir gerade dabei waren, Kaffee zu kochen und das Frühstück vorzubereiten, kam ein roter Wagen auf den Campingplatz gefahren und hielt nicht weit von unserem Zelt entfernt. Wir warfen immer wieder einen Blick hinüber, aber der Fahrer, der seinerseits ebenso uns anblickte, stieg nicht aus. Irgendwann war der Kaffee fertig und noch später war er ausgetrunken und wir überlegten, eine zweite Ladung zu kochen, da öffnete sich die Wagentür. Der Typ, in geiler Bikerklamotte, kam auf uns zu, eine Plastikschale mit Suppe darin in der Hand, nickte uns zu und fragte mit kratziger Stimme: „Wo fahrt ihr denn hin?“

Dann entwickelte sich ein nettes Gespräch, über unsere Tour und über Kanada. Dann entdeckte er unseren Trangia und meinte, dass er selbst einen hat und wie praktisch diese Dinger seien. Wir erzählten ihm davon, dass wir Probleme damit haben, den richtigen Brennspiritus zu finden, da die Outdoorläden nur Coleman verkaufen. Und der rußt alles voll. Jetzt haben wir eine Alternative gefunden, haben uns aber aus Unsicherheit nur eine kleine Flasche gekauft. Da lachte er: „Hab noch eine Pulle davon im Auto, könnt ihr haben.“ Nicer Typ! Als er uns die Flasche in die Hand drückte und seine Suppe ausgelöffelt hat, ist er verschwunden.

Kurz drauf kam ein ziemlich betrunkener Typ den Hügel hoch, hatte ein Grinsen über das ganze Gesicht und trug noch seinen benutzten Essensteller bei sich. Er war sonnengebräunt, um die vierzig, hatte ein bisschen was auf den Rippen, und trug Hemd mit Cowboyhut – den hat er sich in Alaska gekauft!

Er kam eher so zu uns: „HEEEEY LEEEEUTE, ihr fahrt nicht wirklich Fahrrad, oder?! Wo wart ihr schon, wo fahrt ihr hin? Ich bin Lavente!“ Er war ein unglaublich lustig aufgelegter Typ.

Als wir fertig waren, von den Eckdaten unserer Tour zu berichten, meinte er, dass er verheiratet ist und sich beide gerade eine kleine Auszeit gönnen. In seiner Auszeit will er eine Bustour von Florida bis Alaska und wieder zurück machen. In Alaska war er bereits und ist nun auf dem Rückweg.

Immer wieder betonte er, wie witzig er den Irrglauben der Menschen findet, die glauben, das nördlichere Gegenden kälter sind, als südlichere: „Es kommt nicht darauf an wie weit du im Norden bist, sondern wie hoch du über dem Meeresspiegel bist! Ich war in Alaska bei 30 Grad an einem See, 3 Kilometer weiter im Süden auf einem Berg waren es in der Zeit -30 Grad.“

Er war so schon super enthusiastisch. Aber als er begann, über die Polarlichter zu reden, tauchte er ab in eine andere Welt. Er meinte, dass er sie derweil in Alaska nicht sehen konnte, da es die ganze Zeit hell war – wenn er auf seine Taschenuhr blickte und sie halb 10 zeigte, war es schwer zu sagen, ob morgens oder abends. Aber er war mal auf Island. Die Eskimos glauben daran, dass diese Polarlichter Geister sind. „We know the physics. It's just a solar flare [explaining stuff]. But when you see the polar lights, you know why these people think, that these are spirits“.

Er stand mit weit aufgerissenem Mund vor uns, um diesen Moment zu beschreiben und sah dabei aus wie eine Mangafigur – absolut theatralisch, übertreibend. Aber das ist Lavente, wie wir ihn kennenlernten. Ein absolut begeisterter Typ, der sich an wunderschönen Dingen erfreute und sie auch lange nach ihrem „Abklingen“ mit sich trug.

Er machte sich dann irgendwann auf den Weg zum Liquorstore, weil sein Whiskey alle war. Wir setzten uns wieder auf unsere Räder, als Etappenendziel für den Tag haben wir Houston ausgerufen.

Wir kamen wieder in bergiges Gebiet, die Hazelton Mountains waren das letzte geografische Hindernis zwischen uns und Prince Rupert. Die Steigung die dieser Umstand mit sich brachte war für uns aber wenig Herausforderung an diesem Tag, wir behielten eher die Wolken im Auge, die sich ohne den Wind der Vortage träge über den Himmel schleppten und überall um uns herum ihre nasse Last den Berghängen überließen. Echt schön zum Angucken, aber irgendwie begleitete uns die ganze Zeit die Sorge, dass der nächste Regenguss uns gelten könnte.

Wie sich am Ende des Tages herausstellte, blieb uns unser Reiseglück treu, die letzten dreißig Kilometer wurden wir von einer Regenwolke verfolgt. Sie traf zehn Minuten nach uns bei unserem Campingplatz der Wahl ein und wir waren Harald, dem Besitzer, unglaublich dankbar, dass er einen kleinen Unterstand für uns frei räumte in den wir unser Zelt stellen konnten. Der große, freundliche Mann sprach fließend Deutsch, war vor einer halben Ewigkeit ausgewandert und hatte vor zwei Jahren den Campingplatz übernommen, sichtlich bemüht, gute Eindrücke zu hinterlassen, was ihm auch ziemlich gut gelang.

Neben unserem Regenunterstand parkte ein grauschwarzes Familienauto. Wie sich herausstellte gehörte es zu Annika und Jonas. Die beiden hatten sechs Wochen für ihren Trip geplant, schliefen hinten im Wagen und tourten von Campingplatz zu Campingplatz, die freie Zeit und Natur genießend. Wir kamen schnell ins Gespräch, tauschten Reisegeschichten, Campingerfahrungen und viel Gelächter aus, während es langsam dunkel wurde, das Geräusch vom Auftreffen von Regentropfen auf Bäume und unser Dach aber nicht nachließ. Als die beiden sich irgendwann in ihr Auto verkrochen und freundlicherweise unsere Bärensäcke mitnahmen, bauten wir unser Zelt im Dunkeln unter unserem Dach auf und hauten uns zufrieden über die trockene Übernachtungsmöglichkeit in unsere Schlafsäcke.

Das klackende Geräusch von Regentropfen auf dem Holzdach weckte uns früh am nächsten Morgen, wir blieben also lange liegen, bei Regen wollten wir nicht starten. Irgendwann standen wir dann trotz des Regens auf, es war kühler als am Vortag und die warmen Duschen taten gut und wuschen Schweiß und Dreck der vergangenen Tage von den sich regenerierenden Körpern. Um 12:00 Uhr beschlossen wir dann: Regentag = Zelttag. Annika und Jonas fingen wir noch ab, bevor sie sich auf den Weg nach Prince Rupert machten. Wir tauschten Kontaktdaten aus, mit der Absicht, uns in ein zwei Wochen auf Vancouver Island wieder zu treffen. Harald machte es nichts aus, dass wir noch eine Nacht blieben, im Gegenteil, er bot uns sogar an, uns zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, bei dem Regen würde das mit dem Rad ja keinen Spaß machen. Sven machte sich also mit ihm auf den Weg in die Stadt, während Linus sich an den Blog setzte. Der Einkauf war schnell erledigt, Harald und seine Frau Kathy luden uns dann sogar noch zum Abendessen ein, was wir natürlich nicht ausschlugen und wenig später bei ihnen auf der Matte standen. Wir freuten uns unglaublich, mal was anderes als Reis mit Soße zu essen. Wie sich herausstellte, sind wir bei super freundlichen Gastgebern gelandet, Harald zeigte uns Fotos von den Schneemassen im Winter und den Rehen, die hin und wieder über den Campingplatz schlenderten. Ein absolut schöner Abend und wir verabschiedeten uns, als es dunkel wurde, dankbar von den beiden in unser Zelt. Den Weg dahin durften wir mit Haralds Golfkart machen, er benutzt das, um schneller über den Platz zu kommen. Ist auf jeden Fall ziemlich lustig, damit über die Schotterwege zu poltern. Wir haben es gefeiert.

Der Regen hatte sich am nächsten Tag zunächst verzogen, die Wolken nicht, wir drifteten wieder in einen Spätstart, verschickten noch Blogeintrag und Fotos, verabschiedeten uns von Harald und Kathy und machten noch beim Supermarkt in Houston halt, um einem Hagelschauer auszuweichen. Wir machten dann auch direkt die erste Essenspause, mittlerweile haben wir uns auf Kuchenteilchen und Ähnliches, wenn vorhanden, als Zwischensnacks umgestellt, ist ziemlich geil. Den Kaffee, den es da gab, nahmen wir dann auch noch mit bevor wir uns Richtung Smithers aufmachten. Das Bulkley River Valley, durch das wir fuhren, wurde ab Houston links und rechts wieder von schneebedeckten Gipfeln gesäumt, die in Kombination mit den sich wieder abregnenden Wolken umso majestätischer aussahen. Wir genossen, dass wir nicht von den Regenwolken betroffen waren und kamen gut voran, 15 Kilometer vor Smithers machten wir dann nochmal ‘ne Trinkpause in der Einfahrt von einer Farm, die sich durch das Aussichtgenießen etwas mehr ausdehnte als geplant.

Panorama satt
Als wir dann endlich wieder kurz davor waren in die Pedalen zu treten, kam ein älterer Typ mit Einsteinfriese und Gummistiefeln auf einem Quad die Einfahrt runter, um seine Post abzuholen. Erst die üblichen Fragen, wo wir hinwollen, wo wir herkommen, was wir sonst so machen. Es entwickelte sich ein Gespräch, das uns bereuen ließ, unsere Trinkpause nicht 3 Minuten eher beendet zu haben, es kamen nach und nach noch Verschwörungstheorien, abgedrehte religiöse Aussagen und dergleichen mehr dazu. Wir konnten uns dann irgendwann losreißen, hatten beide nicht so Bock auf den Typ und wollten ja noch nach Smithers. Inzwischen war eine Front aus Regen vor uns aufgetaucht und als wir uns kurz darauf vor dem kleinen Örtchen Telkwa entscheiden mussten, durch die Wand aus grau zu fahren oder auf das Grundstück mit dem „Cyclists Welcome“ Schild an der Straße zu fahren, um nach einem Platz für die Nacht zu suchen, fiel die Wahl nicht schwer.

Die kurze Einfahrt führte uns auf eine große Wiese die von etwa zehn Mobile Homes, die in zwei Reihen standen, besetzt war. Mobile Homes sind etwas größer als Frachtcontainer, sehen aber ansonsten genauso aus, mit dem Unterschied, dass sie Fenster und eine Tür haben und als Wohnungen genutzt werden. Der große (und irgendwie auch einzige) Vorteil ist, dass man sie einfach auf ‘nen Truck laden kann, um sie irgendwo anders hin zu verfrachten. Umzüge sind dementsprechend einfach. Am Gemeinschaftsbriefkasten stieg gerade wieder ein Mann mit seiner Post in seinen Pick Up, als wir ankamen. Wir sprachen ihn auf das uns freundlich gesinnte Schild an. Vinnie sprang direkt auf uns an, meinte, wir hätten Glück, dass wir ihn getroffen haben, die meisten Radfahrer die her ankämen, bräuchten eine Weile, um alles zu finden. Auf unsere Frage, wo wir unser Zelt hinstellen könnten, lachte er nur kurz und winkte uns hinter sich her an den Containerreihen vorbei und auf eine kleine Holzhütte zu. „You can put your stuff inside and put on the heater so you gotta warm up from that weather!“ Wir meinten dann erst mal, dass wir auch einfach in unserem Zelt schlafen könnten, wir hatten zumindest nicht vor, viel Geld für unseren Schlafplatz auszugeben. „Ah no, it's all for free, just enjoy and take a rest.“ Wir waren von dieser plötzlich aufgetauchten Möglichkeit, trocken durch die Nacht zu kommen, etwas überrumpelt, bedankten uns zig mal bei Vinnie und luden ihn ein, später auf ein Bier vorbeizukommen, bevor er sich wieder in seinen Pick Up setzte, um ein paar Erledigungen zu machen. Wir luden also unsere Sachen ab und stießen die Tür von der von außen betrachtet ca. 12m² großen Bude auf. Drinnen ein großes Doppelbett und ein Etagenbett an der Wand. Wir würden die Nacht in einem Bett verbringen! Allein das war mehr, als wir gehofft hatten. Seit Edmonton hatten wir auf diesen Komfort verzichtet und wir freuten uns wie kleine Kinder. Je mehr wir die Hütte erkundeten, desto mehr fiel auf, dass das hier wirklich eine auf Radfahrer zugeschnittene Unterkunft war. Neben allem möglichen Campingequipment, dass anscheinend von anderen Radlern zurückgelassen wurde, gabs einen Kasten mit Ersatzschläuchen, Flickzeug und Reifen und einen weiteren mit Konserven, Kaffee, Müsliriegeln und Instantnudeln. Eine Elektrokochplatte und ein elektrischer Heizkörper machten den Komfort perfekt. Draußen gabs einen kleinen Unterstand mit Wäscheleine und Fahrradhalterung, falls man irgendwas am Gefährt fixen muss. Einfach nur klasse. Hinzu kam ein kleines Gästebuch, welches von den Radfahrern, die hier während der letzten zwanzig Jahre einkehrten, reichlich Informationen und Grüße enthielt. Es war toll, durch die Seiten zu blättern und lesen zu können, wie schon vor uns Hunderte Menschen den Weg zu Vinnie und John (Vinnies Schwiegervater und Mitbetreiber des Platzes) fanden. Einige gaben auch nette Reisetipps, oder verwiesen auf Blogseiten, wo sie – wie wir – von ihrer Tour berichten.

Bei Vinnie und John
Am Abend saßen wir dann noch mit Vinnie auf ein paar Bier draußen auf überdachten Bänken. Es war einfach wundervoll zu hören, dass Vinnie und John diesen Platz einfach gerne zur Verfügung stellen. Sie lernen gerne andere Menschen kennen und John scheint das Radfahren zu lieben – ihm gefällt dementsprechend auch der Reisestil. Über Warm Showers kann man diese Unterkunft auch suchen, da wir dort aber kein Konto haben, hatten wir einfach Glück, es gefunden zu haben. Sven hatte vorher schon davon gesprochen, aber diese Begegnung sorgte für die nötige Begeisterung auch Warm Showers anzubieten, sobald er wieder zurück in Deutschland ist und das bewerkstelligen kann.

Vinnie war ansonsten ein ruhiger Typ, der interessiert unseren Erfahrungen lauschte und mit uns bis spät in den Abend zusammen auf der Bank verbrachte.

Wunderbar in unserer 5 Sterne Suit erwacht, haben wir uns aufgemacht, um die ersten Kilometer nach Smithers zurückzulegen, um dort etwas zum Frühstücken zu kaufen. Von dort aus ging es nach Morricetown, oder Witset, je nachdem wen man fragt. Da wir uns im Gebiet der First Nations befanden, gab es zu eigentlich allen Örtlichkeiten einen Namen auf Englisch und einen auf der Sprache des ansässigen Tribes. Witset ist dabei auch schon die englische Fassung des eigentlichen Namens, glauben wir. Unsere Apps haben die Namen jedenfalls durcheinandergeworfen und uns unterschiedliche Namen für die Ansiedlungen angezeigt. Wenn dann noch das richtige Schriftbild der Tribes dazu kam, gab es drei Bezeichnungen für einen Ort.

In Witset haben wir auf einem Campingplatz genächtigt, auf dem es ein Museum gab, welches wir uns angeschaut haben. Die Betreiberin des Campingplatzes betreibt auch das Museum und lud uns dorthin ein. Es war ein großer, gemütlicher Raum. Übersichtlich hingen an den Wänden Informationstafeln zu Themen des Fischfangs. Außerdem schmückten die Wände wunderschöne Zeichnungen der Natives. Die Betreiberin des Museums gehörte selbst einem der fünf Tribes an, in deren Gebiet wir uns befanden. Sie nahm sich die Zeit uns, als einzigen Gästen nach Öffnungszeit, zu allen Bildern und Texten zu erklären, was sie wusste. Es war sehr interessant, da wir zum ersten Mal richtige Informationen aus erster Hand über die Kultur der First Nations bekamen. Bisher haben wir nur alle Informationstafeln auf unserem Weg gelesen und Gossip gehört.

Dann haben wir uns daraufhin auf den Weg zu Jessica und Jacob nach Kitwanga gemacht, wo wir auch ankamen...

Eigentlich wohnten Jessica, Jacob und ihre zwei Söhne Noah und Ezra noch einige Kilometer hinter Kitwanga. Da sich die Strecke, durch den immer stärker werdenden Regen, ziemlich zog, haben wir zur Stärkung unter dem Dach einer Tankstelle am Rande Kitwangas einen warmen Kaffee getrunken. Dann kam ein alter Trucker auf uns zu, rundlich und mit Schnurrbart. Hat irgendwas von Schwermetallen aus der Luft erzählt, die er auch alle fleißig aufzählen konnte – 4+.

Mit Ausrufen wie „Wake up!“ und „Tell erveryone!“ wollte er unsere Aufmerksamkeit hochhalten und unseren Enthusiasmus für seine Sache wecken. Bevor er richtig ausholen konnte, über die Umweltverschmutzung der Welt einen mehrstündigen Monolog zu halten, haben wir ihn unterbrochen „Mach dir mal keine Sorgen, wir fahren ja Fahrrad. Alles klasse für die Umwelt“.
Als er dann weg war, kam ein zweiter Typ zu uns und fragte: „Habt ihr verstanden worüber er geredet hat?“ Wir verneinten und der Typ meinte, dass der Trucker hier alle damit vollquatscht. Da waren wir schon fast erleichtert.

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[Ich füge mal wieder ein paar Karten in diesen Blogeintrag ein - anhand derer man die Stationen etwas besser nachvollziehen kann. (ph)]


Der gesamte Verlauf der Tour bisher

Teilausschnitt mit den in diesem Eintrag erwähnten Orten

Und dann ist da noch dieses Bild, das die beiden mitgeschickt haben, welches ich aber nicht so wirklich zuordnen kann und daher hier am Ende einfüge:

Betitelt mit "Ganz super toll viel Eis!" ... :-)


Freitag, 7. Juni 2019

Du kannst heute entscheiden, wo du die Ewigkeit verbringst

Von Tête Jaune Cache sind wir am Morgen, nachdem wir noch einmal eine Dusche genossen und ein Foto mit Dale gemacht hatten, aufgebrochen in Richtung McBride. Wir haben gesehen, dass McBride der einzige Ort zwischen unserem jetzigen und Prince George ist. Von McBride sind es noch 210 km und wir müssen für den Weg alles eingekauft haben, was wir brauchen, um uns zu versorgen.

Auf dem Weg nach McBride haben wir weitere Bären gesehen. Die ersten befanden sich rechts von uns auf einer großen, mit Löwenzahn übersäten Wiese und grasten dicht am Waldrand.

Sie waren wieder recht weit entfernt und zuerst nur als große, schwarze Flecken auf grün-gelbem Grund auszumachen. Als wir vorbeifuhren, hoben sie ihre Köpfe und beobachteten uns so lange, bis wir wieder verschwunden waren.

Die Sonne hat an diesem Tag hart geballert. Wir hatten 29 Grad und keine Wolken – in der Sonne waren es also deutlich über 30°C. Und bei dem Fahrtwind bekommt man die Hitze nicht so richtig mit, so dass zumindest Linus, der das Eincremen immer etwas vernachlässigt, einen kleinen Sonnenbrand bekam. Er war dann auch am Abend, als wir in McBride ankamen, ziemlich erschöpft. So 5 bis 6 Stunden in knalliger Sonne, ohne Schatten, ist schon ziemlich aufreibend. Auch wenn die Beine noch können, der Kopf und die mentale Verfassung lassen rasch nach. An jenem Tag sind wir knapp über 60km gefahren, fühlte sich aber enorm anstrengend an. Zumal wir auch noch Gegenwind hatten und die Steigungen zwischen den beiden Berghängen – zur rechten die Rockies, die Cariboo Mountains zur linken – häufig und extrem waren. Der Highway 40, auf dem wir unsere große Panne hatten, hatte die größeren Extreme, aber hier auf dem Stück war es ein ständiges auf und ab. Hinzu kamen kilometerlange Steigungen und Abfahrten, die man nicht sehen, aber spüren konnte.

Leider ist es nicht so berauschend, wie man es sich vielleicht vorstellt. Man könnte ja meinen, dass die Abfahrt, nach der Auffahrt eine großzügige Belohnung ist, für den harten Kampf mit dem Berg, aber das ist es nur bedingt. Die meisten schnellen Abfahrten müssen wir gut ausbremsen, da manchmal tückische Schlaglöcher auf uns warten, die uns mit einem Mal die Speichen durchbrechen könnten und wir wollen nicht zu waghalsig in die Täler rasen, um plötzlich auf Bären zu treffen. Wird es doch mal etwas schneller, da wir uns etwas sicherer fühlen (Straßenbeläge sind top und rechts zur Straße geht es steil ab, oder eine Steinmauer ist entlang der Straße gezogen), dann sausen wir mit 50 Sachen die Steigungen hinab, rufen, singen, lachen und grölen die Schluchten hinunter und hoffen, dass wir genug Krach machen, dass jedes Wildtier schon 1000 Meter vor unserem Eintreffen das Weite sucht. Bis hierhin klappte das eigentlich immer ganz gut.
 
Unser Zeltplatz in McBride
Auf dem Campingplatz, der zwei Kilometer vor McBride liegt, begrüßte uns eine Frau mittleren Alters mit britischem Akzent, nahm uns in Empfang und freute sich, die ersten Radfahrer dieses Jahres begrüßen zu dürfen. Die Wiese für Zeltcamper war völlig leer und wir durften uns von den gefühlt 60 Plätzen den Besten aussuchen. Zum Schutz vor der Sonne riet sie uns einen guten Platz neben zwei großen Bäumen zu nehmen. Außerdem gab es hier erneut Duschen, Trinkwasser, Strom im kleinen Waschraum und – Mücken ...

Rot 12:     „Rot vierhundersieben bitte kommen, Rot vierhundertsieben bitte kommen, over.“
Rot 407:   „Rot zwölf, hier Rot vierhundertsieben. Was los? Over."
Rot 12:     „Zwei Menschen auf 14:00 Uhr. Bring Geschwader 723f hinter mir in Stellung, over.“
Rot 407:   „Gebe Angriffsmeldung an Zentrale weiter, Rot zwölf. Ziele sehen erschöpft aus, bitte Zentrale um Verstärkung bevor unsere Ziele ihre Schutzschilde aktivieren. Over.“
5 Sekunden später
Blau 37:   „Rot zwölf, hier Blau 37, wir tauchen gleich hinter euch auf. 30-Köpfiges Geschwader 723f begibt sich in Stellung, wir nehmen den linken ins Visier, over.“
Rot 12:     „Rot Zwölf an Geschwader 1027c, hinter mir in Stellung bringen und den rechten anvisieren. Man riechen die lecker, over.“
Blau 89:   „Rot zwölf, hier Blau 89, Geschwaderführerin von 1027c. Bringe mich hinter dir in Stellung. Warten auf Angriffsbefehl von Zentrale, over.“
Rot 1:       „Hauptkommando an alle aktiven Geschwader, wir haben Verstärkung aus den Umliegenden Gebieten angefordert, wird noch ein paar Minuten dauern bis die hier sind, ihr müsst sie also etwas hinhalten, lasst ihnen keine Ruhe! Sie dürfen die Schutzschilde nicht fertigstellen bevor die Verstärkung da ist. Angriffsbefehl erteilt. Over.“
Rot 12:     „Ihr habt Rot 1 gehört. Geschwader 1027c aufteilen und Scheinangriff um rechte Wade fliegen, wir nehmen uns die linke Schulter vor. Blau 89, du führst.“
Blau 89:   „Verstanden Rot 12. Folgt mir!!!“
10 Sekunden später
Blau 89:   „Okay er hat uns gesehen, macht euch auf die Abwehrmaßnahmen bereit.“
Blau 303: „Bin gelandet, fange mit Blutsaugen an wir... Arghuhsadoua...krrrrrrk...“
Blau 89:   „Verdammt, was ist bei Blau 303 los?“
Blau 344: „Sie und Blau329 hats erwischt, wurden komplett zermalmt. Hand im Anflug! Ausweichmanöver einleiten!“
Blau 89:   „Rot zwölf, was dauert da bei euch so lange? Wir brauchen hier unten Entlastung!“
Rot 12:     „Wir kommen nicht durch, die Panzerung ist zu dick! Versuchen uns zum Nacken durchzukämpfen.“
Blau 89:   „Dafür ist keine Zeit Rot 12, erleiden schwere Verluste, muss Scheinangriff            abbrechen!“
Rot 12:     „Nun gut, bringe Geschwader um den Kopf in Stellung, dass sollte euch Entlastung bringen Blau 89.“
2 Sekunden später
Rot 12:     „Blau 89, konnten Treffer am Kopf landen, haben aber kein Leichtes Ziel, es schüttelt sich die ganze Zeit und pustet.“
Rot 12:     „Blau89? Blau 89 bitte melden, können nicht mehr lange...“
Blau 344: „Blau 344 an Geschwaderführerin! Wurden komplett aufgerieben, Blau 89 hat mit Blau356 unseren Rückzug gedeckt und die Knöchel attackiert, hab die beiden seitdem nicht mehr gesehen. Schwere Verluste, bin selbst schwer verwundet abgestürzt, versuche mich zu Fuß zum Sammelpunkt zu begeben, weiß nicht wie viele es von uns geschafft haben, es ist ein Massaker!“
Rot 12:     Rot 12 an Zentrale, können sie nicht länger aufhalten, haben über die Hälfte von 1027c verloren, wir sind zu wenige! Wo bleibt die Verstärkung?
Rot 1:       Brecht euren Angriff ab Rot 12, Blau 37 und 723f wurden fast komplett vernichtet, ihre Schutzhülle steht. Wir warten bis sie wieder rauskommen. Sie sind umzingelt!“

Wir waren auf jeden Fall bis zum nächsten Morgen ziemlich zerstochen, alternativ konnten wir uns auch in langen Sachen zu Tode schwitzen, was nach einem ohnehin schon heißen Tag, oder beim Aufstehen im von der Morgensonne erhitzten Zelt, unattraktiv wurde.
 
Mittach ...
Die Strecke, die bis Prince George vor uns lag, wurde uns von jeder Person, der wir unsere Route mitteilten, als ziemlich einsam beschrieben, keine Geschäfte, keine Siedlungen, nur Natur. Wir kauften dementsprechend großzügig ein und machten uns gegen Mittag aus McBride auf den Weg.

Vor dem zivilisatorischen Nichts
Ein paar Kilometer später kamen wir am letzten Haus am Straßenrand vorbei und kurz darauf signalisierte uns ein Straßenschild, dass die Schulbusse ab hier nicht mehr fahren, was in Kanada als sicheres Zeichen dafür gilt, dass in dem folgenden Gebiet niemand lebt. Wir bekamen zumindest häufig das Gefühl, dass Schulbusse immer und überall präsent sind und egal wie weit entfernt jemand lebt, die Kinder werden auf jeden Fall abgeholt und wiedergebracht.



Die Sonne ballerte konstant weiter, keine Wolken am Himmel, nur ein diesiger Dunst, der, wie wir erfahren haben, von einem Waldbrand auf der anderen Seite der Rockies herrührte und die Berge in der Ferne verblassen ließ. Nach zwei Stunden Fahrt machten wir an einer Brücke, die in zwanzig Metern Höhe über einen vom Schmelzwasser reißend schnellen Fluss führte, eine längere Trinkpause, um die Beine zu vertreten und das Panorama zu genießen. Als wir uns gerade wieder auf unsere Räder schwingen wollten, hielt ein Pick-Up, die Scheibe ging runter und ein Mann steckte seinen Kopf aus dem Wagen: „There is a bear at your side sixhundred meters up the road, keep an eye on it.“ Wir bedankten uns für die Info und mit einem Mal waren die ohnehin schon geschärften Sinne noch mehr auf Zack, als wir uns langsam den Hügel hoch um eine Kurve arbeiteten, die Augen immer auf die Böschung neben der Straße gerichtet und laut am Rufen. Sven hielt plötzlich an, stieg vom Rad und begann laut und ruhig zu reden, Linus stieg auch ab, eine Hand am Bärenspray. Fünf Meter vor uns guckte ein schwarzer Bärenkopf aus einem Busch, der vorher nicht zu sehen war und beobachtete uns gelassen. Wir quatschten mittlerweile laut weiter, gingen langsam zurück und beratschlagten, was wir tun sollten, während wir den Bären aus den Augenwinkeln beobachteten. Wir beschlossen, mit den Rädern zwischen uns und dem Bären die Straßenseite zu wechseln und langsam an ihm vorbei zu gehen. Der Bär schaute sich unser bemüht ruhiges Gebaren noch ein bisschen an, blieb aber auf seinem sonnigen Plätzchen sitzen und ließ uns vorüber ziehen.

Der folgende, aufgeregte und überdimensional laute Austausch über das Erlebte war berauschend. Im Vergleich zu den Bären die wir davor gesehen hatten, war dieser hier ziemlich nah, eigentlich schon zu nah, wenn man den Einschätzungen und Tipps unserer Bäreninformanten Glauben schenkte. Die erste face to face Begegnung mit einem Bären erfolgreich gemeistert!

Irgendwie ist es schon eine andere Situation, wenn man weiß, dass man, wenn man wirklich alles falsch macht und sich völlig danebenbenimmt oder man unglaubliches Pech hat und in ‘ne Mutter mit Jungen reinläuft, in eine lebensbedrohliche Situation kommen könnte. Alles natürlich relativ unwahrscheinlich, aber als wir den Bären die paar Meter vor uns sahen, waren wir schon ziemlich mit Adrenalin vollgepumpt.

Auf der anderen Seite war es auch gut zu sehen, wie ein Bär reagiert. Schon interessiert, was ihn da beim Essen stört, ab eher in der Beobachterrolle. Nicht aggressiv, nicht nervös, einfach abwartend, was passiert und hoffen, dass die Menschen es nicht auf seinen leckeren Löwenzahn abgesehen haben, den er sich gerade zum Mittag einverleibt. Dieser Erfahrungswert hat uns auf jeden Fall weitergeholfen. Wenn man von Bärenattacken liest, baut sich im Kopf eher ein Bild von aggressiven, wilden Tieren auf und bei den ganzen Überlegungen was man im Falle des Falles tun sollte, fällt der Punkt, dass Bären eigentlich nicht wirklich was von Menschen wollen, leicht außer Acht.

An diesem Tag sahen wir noch zwei weitere Bären, einer überquerte weit vor uns die Straße, deutlich größer als unsere erste Begegnung. Ein anderer saß wieder im Graben, der vom Sonnenlicht gefluteten rechten Seite der Straße und fühlte sich da sichtlich wohl, während wir diesmal etwas weiter weg zum Stehen kamen und unsere Räder auf der linken Seite an ihm vorüber schoben. Auch er beobachtete uns, bis wir um die nächste Kurve waren, auch so ein Indiz, dass Bären Menschen gegenüber eher scheu als aufdringlich sind – leben und leben lassen.

Kilometertechnisch ratterten wir einiges runter, mit 93 Kilometern die längste Tagesetappe bisher. Aber als wir unser Zelt auf einem Stück Wiese der wenigen Restareas aufschlugen, war die Luft raus, sowohl mental als auch physisch. Strecke und Wetter forderten ihren Tribut und die Stimmung hatte ihren ersten signifikanten Hänger, was bis zum nächsten Morgen anhielt. Die Kilometer stimmten zwar, aber die Leichtigkeit war irgendwie weg, auch weil die Ideen von der Art, wie es die restliche Strecke weitergehen sollte, nicht mehr richtig übereinstimmten. Sven wollte etwas die Kilometer pro Tag anziehen, mit der Sorge, am Ende zu wenig Zeit auf Quadra Island bei seiner Tante verbringen zu können, Linus war eher in Sorge um die Gelassenheit, die die Tour bisher geprägt hatte.

Richtig zur Sprache kam das erst am übernächsten Morgen.

Der Tag dazwischen war wenig kommunikativ, trotz eines weiteren Bären am linken Straßenrand und weiterhin beeindruckender Aussicht.

Am Nachmittag kamen wir bei Purden Lake, 60 Kilometer vor Prince George, bei einem Campingplatz an, den uns unsere App ausgespuckt hatte. Wir saßen noch lange am See, Sven ging schwimmen und wegen der Mücken verzogen wir uns bald ins Zelt, um erstmalig auf dieser Tour einen Mittagsschlaf zu halten. Wir wurden von der Campingpplatzbesitzerin geweckt, die vorbeigekommen war, um die Gebühr fürs Zelten abzuholen. Sie meinte, dass in den letzten Tagen gegenüber von der großen, mit Löwenzahn übersäten Wiese, auf der unser Zelt stand, ein Schwarzbär rumläuft. Mit einem Lächeln meinte sie, dass wir den bestimmt noch sehen werden.

Sie sollte Recht behalten, denn als Sven eine halbe Stunde später anfing zu kochen, kam der Schwarzbär auf die Wiese und begann mit aller Seelenruhe, zwanzig Meter von Linus und dem Zelt entfernt, Löwenzahn zu mampfen. Wir waren durch unsere kürzlichen Begegnungen wesentlich entspannter geworden, warteten einfach ab und ließen den Bären Bär sein. Ein paar andere Camper kamen noch vorbei, freuten sich hauptsächlich über das Tier, das sich hingelegt hatte und im Liegen weiter den Löwenzahn bekämpfte. Auch den Krach, den einige machten, um ihn zu vertreiben, ignorierte er stoisch, bevor er sich nach etwa einer halben Stunde wieder in den Wald verzog.

Am nächsten Morgen sprachen wir uns auf Linus‘ Initiative hin aus. Nach einigen Frustbekundungen und Aufzeigen der Knackpunkten der letzten Tage machten wir uns nach gutem Frühstück und viel Kaffee im zum Campingplatz gehörenden Restaurant wieder auf den Weg. Das Ergebnis nach unserem Gespräch am Morgen gab ihm recht, bei bestem Wetter radelten wir Prince George entgegen, die Zeit auf dem Sattel schien zu verfliegen und der Kopf war leicht, so dass wir am frühen Nachmittag in Prince George eintrafen.

Kaffee trinken in einer Campingplatz Bar
puhhh, das war knapp
Die anscheinend für ihre hohe Kriminalitätsrate in BC berühmt-berüchtigte Stadt mit ihren 70000 Einwohnern gefiel uns ziemlich gut, hatte halt irgendwie ein schmuddeliges Flair. Kriminalität war Pustekuchen, die Leute, die uns davor warnten und die wir dann fragten, ob sie schon mal überfallen worden wären, verneinten das. Wir hatten noch ein paar Besorgungen zu machen und als Sven nach dem vergeblichen Versuch, eine Alternative für den stark rußenden Coleman Spiritus für den Trangia zu bekommen, aus dem Walmart kam, war Linus bei den Fahrrädern wartend mit zwei Frauen, die eine Ende vierzig die andere ü70, in ein Gespräch verwickelt.

Auch sie waren, wie so viele vor ihnen, über unsere Räder auf uns aufmerksam geworden und erkundigten sich zunächst über unsere Tour und was wir in Deutschland machen. Über Linus Antwort (Sozialarbeiter) kam das Thema relativ schnell auf Flüchtlinge und Politik, wie die Leute in Deutschland drauf wären. Nach kurzer Erklärung unsererseits folgte dann eine lange Erwiderung, was die Liberale Regierung in Canada in den letzten Jahren alles vermurkst hat, gefolgt von der stolzen Aussage „We are conservatives, we aren't liberals!“

Alles auf einer ziemlich freundlichen Ebene, aber als es dann dahin ging, dass der Klimawandel ja eher eine Frage von Ansichten sei und wir durchs Lesen der Bibel in eine bessere Zukunft investieren („You can decide today where you spent eternity! Isn't that beautiful!?“), waren wir doch froh, als das Gespräch durch war und wir um eine Einladung zum Übernachten rumgeschifft waren. Der Rasen vom Vorgarten war gerade erst gewässert worden und hätte unsere rabiate Art zu zelten wohl kaum überstanden. So verwirrt diese Leute auch waren, sie brachten uns in den nächsten Tagen immer wieder zum Lachen, wenn wir an diese Begegnung dachten.

Einige Sprüche sind uns besonders in Erinnerung geblieben:

„Wir werden gerne älter und hassen Veränderungen“,
„Ich glaube... nein ich WEIß, wir Christen haben den meisten Spaß!“,
„Lest ihr denn nicht die Bibel? Eure Eltern wenigstens? Eure Großeltern? Irgendjemand?“,
„Leute die nur zur Weihnachtszeit in die Kirche gehen: Fake Christen“,
„Ist das Christentum denn noch populär in Europa? Wir haben da schlimme Sachen gehört“, „Dieser Islam, diese... Ideologie...“,
„Die Politiker haben kein Geld für unsere Kriegsveteranen! Aber geben 1,6 Millionen für eine Schule aus!“,
„Unser Präsident hat Kanutouren gegeben und ist Künstler! Die hätten mich wählen können!“,
„Damals hab‘ ich geglaubt, dass alle einfach glücklich sein sollten, aber heute weiß ich das besser“,

Als sie sich über die Obdachlosen und Kriminellen der Stadt ausließen, kam die Frage auf, wie oft sie beklaut wurden. Da meinte die jüngere der beiden: „Mein Mann ne, dem haben die beim Automaten die Nummer abgeguckt und dann 2 Kilometer weiter ausgeraubt und 3000 Dollar geklaut! In MONTREAL!!! (mehrere tausend Kilometer von Prince George entfernt)“ …

All das sagte sie so unglaublich fröhlich und lachend, dass man an ihrer Nüchternheit zweifeln konnte.

Wir haben die vage Vermutung, dass die hohe Kriminalität in Prince George (von der wir, während unserer Tour durch Kanada, schon öfter gehört hatten) nicht wirklich existiert, sondern einfach nur viele Idioten in Prince George leben, die dieses Gerücht verbreiten. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor...

Den Abend verbrachten wir dann wieder auf einem Campingplatz etwas außerhalb von Prince George, wo ein netter Zeltnachbar wieder einmal unser Essen bei sich im Wagen verstaute, so dass wir sorgenfrei nächtigen konnten. Wir haben zusätzlich einen Remix aufgenommen, indem neben den bescheuerten Sprüchen von Ihr natürlich nicht der Kreationist aus Big Valley fehlen durfte, der damals stolz verkündete, dass die Wissenschaftler des Tyrell Museums (eines der renommiertesten Institute) ihn hassen. Auch er war bei diesen Worten so mit Freude erfüllt, dass man tatsächlich ins Schmunzeln kam.

Wir können dennoch behaupten, dass die meisten Menschen, die wir treffen, äußerst freundlich sind und solche Begegnungen die Ausnahme darstellen.