Es war einfach, aus Prince George aufzubrechen. Nicht weil
der Zeltplatz schlecht oder Prince George zu uninteressant war, sondern weil
wir richtig Bock hatten, Kilometer zu machen. Es war nicht mehr so heiß wie die
letzten Tage, leicht bewölkt, super Radfahrwetter. Der Kaffee von der Tanke
gegenüber vom Campingplatz puschte dann zusätzlich und wir brachen voller
Enthusiasmus Richtung Vanderhoof, unserem nächsten Etappenziel, auf. Die
Strecke war gut zu fahren, der anfänglich noch stärker befahrene Yellowhead
Highway beruhigte sich zusehends, wir kamen dementsprechend gut auf wenig
hügeligem Terrain voran und erfreuten uns einer Streckenführung, die ohne große
Steigungen klar kam. Svens Hinterrad holte uns dann etwas unverhofft von der Straße,
einer der größeren Schottersteine, die viel vor Einfahrten rumlagen, hatte es
geschafft, ein Loch in den Schlauch zu reißen. Erste Zwangspause an diesem Tag,
eine weitere sollte 30 Minuten später folgen, gleiches Rad, diesmal ein anderes
Loch. Beide Rückschläge vermochten uns aber nicht die gute Laune zu nehmen,
selbst der gegen 14:00 Uhr einsetzende starke Gegenwind vermochte das nicht,
wir fuhren unbeirrt unseren Weg, der uns weiter zwischen den sanften Hügeln
Richtung Westen trug. Am Abend kamen wir abgestrampelt aber zufrieden damit,
fast hundert Kilometer hinter uns gebracht zu haben, in Vanderhoof an.
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| Tief im Dreck - Reifenflickzwangspause |
Vor dem dortigen Office-Häuschen verbrachten wir dann etwas
Wartezeit, da niemand vor Ort war. So konnten wir das Treiben auf jenem
Campingplatz beobachten und genossen die Abendsonne.
Viele Familien waren hier und der Platz war nahezu
ausgebucht. Nebenan erstreckte sich eine riesige Wiese mit Volleyballnetz,
Spielplatz und Café mit Bistro – es wirkte alles sehr idyllisch.
Als wir dann eincheckten, das Zelt aufgebaut hatten, Bier
tranken, Karten kloppten und Musik hörten, gaben wir uns der Euphorie hin, die
uns an diesem Tag bis nach Vanderhoof trug. Wir waren richtig guter Dinge. Am
Abend haben wir noch Nachbarn von uns angequatscht, denen wir unsere Bärensäcke
anvertrauten und dann gut schlafen konnten.
Am nächsten Tag wollten wir erneut gut Meter machen, wussten
aber auch, dass wir uns nun eigentlich auch mehr Zeit lassen können, da wir
gestern schon so gut vorangekommen waren. Also sind wir vom Campingplatz
runter, über die Straße und zu einer Tankstelle mit Kiosk. Da haben wir uns
erst mal einen Kaffee gegönnt und einige Muffins – einige zu viel wie sich
herausstellte, da wir danach so vollgestopft waren (mitnehmen war keine Option
– zusätzliches Gewicht wollten wir nicht), dass wir kaum vorwärtskamen. Es war
schon ein unangenehmes Völlegefühl. Rasten war dennoch keine Option, also ging
es auf. Die Natur war immer noch atemberaubend und gegen unsere Erwartungen
wurden die dichten Waldlandschaften immer wieder von Feldern und einzelnen
Wohnhäusern unterbrochen, was für schöne Abwechslung sorgte. In der Ferne
ragten immer wieder riesige, hohe Gipfel auf, die teilweise noch mit Schnee
bedeckt waren. Immer wieder konnte man riesigen Regenwolken dabei zuschauen,
wie sie sich an den langen Berghängen abregneten und die Gebirgsformationen
dahinter im unscharfen Dunst versanken.
| Schön anzusehen, nicht schön drin zu stehen |
Wir wurden immer besser im Abschätzen
des Wetters und Abwägen, wann wir Pausen machten und wann wir weiter Kilometer
machen wollten, wann ist Zeit für Mittagessen und wann trinkt man nur einen
Kaffee und rastet in einer Stunde. Da die Wetterprognosen in BC kaum besser
wurden als in Alberta, war unser Gefühl der beste Kompass – und wir verbrachten
viel Zeit draußen unter freiem Himmel, wodurch wir viel Zeit hatten, diesen
Kompass möglichst genau auszurichten. Auch Tempo, bergauf, bergrunter, wurde
immer ähnlicher und wir passten unseren Fahrstil immer besser an. Teilweise
fuhren wir so dicht auf den Vordermann auf, dass wenn es zum abrupten Abbremsen
käme, ein unheimlich fieser Sturz die Folge wäre. Doch gegenseitiges Vertrauen,
Erfahrungen über Straßenbegebenheiten und Einschätzung der an das Terrain
angepassten Geschwindigkeit zeigten, dass das gemeinsame Fahren über so lange
Zeit einen eher zu einer Einheit verschmelzen lässt. Manchmal ging der Arm der
vorderen Person zur Seite ab, um eine Pause anzudeuten und die hintere Person
kam an und sagte: „Nice, ich hätte auch so langsam eine Pause vorgeschlagen“.
Das Ganze klappte völlig ohne Absprache.
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| Kurz bevor es bergab geht |
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| Ab hier ging's bergab |
An diesem Tag fuhr Sven vor, Linus hatte eher Probleme, das
Essen drin zu behalten und war ziemlich mit sich beschäftigt. Doch das Prinzip
„ich lass mich ziehen von dir“ klappte ganz hervorragend. Auch wenn wir bereits
nach vierzig Kilometern einen Rastplatz ansteuerten, verging die Zeit dahin wie
im Flug. Da es nach Regen aussah, bauten wir rasch das Zelt auf und verkrochen
uns darin. Auch hier gab es wieder viele Mücken – einfach lästig diese Viecher.
Als die Bärensäcke verstaut waren, der Parkranger, der zu unserem Platz kam,
die Gebühr einsackte und uns freundlich Information über die Parkgegend
mitteilte und wir uns über die morgige Route ausgetauscht hatten, sind wir mit
viel Vorfreude auf die kommende Strecke eingeschlafen.
Die Kilometer verflogen und wir machten auch an den nächsten
Tagen keine Rast. Am Abend des nächsten Tages wurden wir das erste Mal von
unserer Camping App enttäuscht, da ein vorgeschlagener Campingplatz einfach
nicht existierte. Wir standen mitten im Nirgendwo, einen Kilometer vom Highway
und viele weitere Kilometer von jeglicher Ansiedlung von Menschen entfernt. Der
Feldweg endete an einem Bahnübergang, welcher mit Schildern zugestellt war:
„Danger“, „No Tresspassing“, „Keep Out“, usw. Von dieser Seite kommen also
höchstens Bären.
Wir fanden mitten in diesem Nirgendwo eine aus Steinen
gebaute Feuerstelle, an der wir unser Zelt aufschlugen. Während Sven das Zelt
aufbaute und den Stuff verstaute, übte sich Linus als Parkranger und suchte die
Umgebung nach Spuren ab. Neben Fußspuren von Elchen und kleineren Bären, fand
er Kot auf dem Feldweg und Kratzspuren an Bäumen. Nach diesen Kriterien wurden
die Plätze für die Bärensäcke bestimmt. Als wir gerade dabei waren zu kochen,
rollte ein Auto den Feldweg entlang, nahm aber 100 Meter entfernt eine
Abzweigung und kam nicht bei uns entlang. Das Auto wurden von mehreren Hunden
verfolgt und immer wieder waren Rufe und Kommandos zu hören. Nachdem die Kombo
den Wald einige Minuten lang in Aufregung versetzt hatte (bis zu dem Moment war
es erstaunlich ruhig), kam das Auto auf uns zugefahren. Drei Hunde eilten
voraus, bellten und rasten über unseren kleinen Kochplatz. Im Auto eine laute
Frauenstimme, die die ausreißenden Hunde immer wieder zur Ruhe zwang. „Hey
wisst ihr, ob es hier einen See gibt, in dem meine Hunde baden können?“
Wir guckten einander an: „Wir suchen auch noch nach Wasser,
aber einen See haben wir noch nicht gesehen“. Man sah förmlich, wie es in ihrem
Gesicht arbeitete und sie uns von oben bis unten abcheckte. Zwei komplett in schwarz
gehüllte, leicht abgehetzte, vom Schweiß durchnässte Gestalten, die abgesehen
von einem Blechkocher (so muss er für Unwissende in etwa aussehen), nichts
wirklich bei sich hatten. Unser Zelt stand hundert Meter von unserer Kochstelle
entfernt und war für sie nicht zu sehen. Nach abschätzenden Blicken fragte sie:
„Braucht ihr Hilfe?“
Wieder haben wir einen Blick ausgetauscht: „Nö, uns geht’s
ganz geil. Wir machen uns gerade Essen, ein Fluss für Wasser ist auch nebenan
und sonst niemand da.“ Das schien sie zu beruhigen und dann war sie auch schon
wieder davon, ihre Hunde eilten dem Wagen hinterher. Der Abend verlief für uns
ganz ruhig. Wildlife haben wir keines gesehen, waren aber auch gut bemüht, uns
ständig und laut zu unterhalten.
Am nächsten Tag sind wir wieder nicht wirklich weit
gekommen. Bis nach Burns Lake, wo wir zu Mittagessen wollten und wir uns erneut
so lange aufhielten, dass ein Weiterfahren für uns beide sinnlos schien. Burns
Lake hat einen Campingplatz, der laut unserer App nichts kosten sollte, was uns
sehr gefiel. So würden wir zumindest für die zweite Nacht in Folge nichts
zahlen müssen. In der App wurde man dank Kommentarfunktion darauf aufmerksam,
dass sich dort viele Betrunkene rumtreiben sollen, die die Besucher des
Campingplatzes (8 Plätze an einem Hügel) belästigen sollen „man fühle sich
nicht sicher, ob man seinen Campingplatz unbeaufsichtigt lassen kann“.
Wir fanden, es sah da ganz nett aus. Direkt an einem See
waren 5 Rastplätze (1 Tisch und eine Feuerstelle – die klassische Campingplatzausstattung)
und drei Plätze dahinter. Wenn das Wetter nicht so bescheiden gewesen wäre,
hätte man es sich hier echt gemütlich machen können. Außerdem gab es 100 Meter
weiter einen Liquor Store wo man das Geld, welches man eigentlich für einen
Campingplatz ausgegeben hätte, in Alkohol investieren konnte – was für ein
Zufall! Wir tranken also ein paar Bier. Ansonsten saßen wir viel im Zelt, da es
regnete. Zum ersten Mal seit Edmonton haben wir wieder gelesen und es hat uns
direkt richtig gecatcht. In Edmonton haben wir den zweiten Band auf Englisch
angefangen und ein Kapitel gelesen, seither keine Seite mehr.
Drei Stunden sind wir an jenem Tag wieder in der Welt
Abercrombies abgetaucht und seither jeden Abend aufs Neue auf ein paar weitere
Kapitel.
Am nächsten Morgen sind wir dann noch auf jene „Betrunkene“
oder andere zwielichtige Gestalten gestoßen, vor denen man sich in Acht nehmen
sollte.
Früh am Morgen, als wir gerade dabei waren, Kaffee zu kochen
und das Frühstück vorzubereiten, kam ein roter Wagen auf den Campingplatz
gefahren und hielt nicht weit von unserem Zelt entfernt. Wir warfen immer
wieder einen Blick hinüber, aber der Fahrer, der seinerseits ebenso uns
anblickte, stieg nicht aus. Irgendwann war der Kaffee fertig und noch später
war er ausgetrunken und wir überlegten, eine zweite Ladung zu kochen, da
öffnete sich die Wagentür. Der Typ, in geiler Bikerklamotte, kam auf uns zu,
eine Plastikschale mit Suppe darin in der Hand, nickte uns zu und fragte mit
kratziger Stimme: „Wo fahrt ihr denn hin?“
Dann entwickelte sich ein nettes Gespräch, über unsere Tour
und über Kanada. Dann entdeckte er unseren Trangia und meinte, dass er selbst
einen hat und wie praktisch diese Dinger seien. Wir erzählten ihm davon, dass
wir Probleme damit haben, den richtigen Brennspiritus zu finden, da die
Outdoorläden nur Coleman verkaufen. Und der rußt alles voll. Jetzt haben wir
eine Alternative gefunden, haben uns aber aus Unsicherheit nur eine kleine
Flasche gekauft. Da lachte er: „Hab noch eine Pulle davon im Auto, könnt ihr
haben.“ Nicer Typ! Als er uns die Flasche in die Hand drückte und seine Suppe
ausgelöffelt hat, ist er verschwunden.
Kurz drauf kam ein ziemlich betrunkener Typ den Hügel hoch,
hatte ein Grinsen über das ganze Gesicht und trug noch seinen benutzten
Essensteller bei sich. Er war sonnengebräunt, um die vierzig, hatte ein
bisschen was auf den Rippen, und trug Hemd mit Cowboyhut – den hat er sich in
Alaska gekauft!
Er kam eher so zu uns: „HEEEEY LEEEEUTE, ihr fahrt nicht wirklich
Fahrrad, oder?! Wo wart ihr schon, wo fahrt ihr hin? Ich bin Lavente!“ Er war
ein unglaublich lustig aufgelegter Typ.
Als wir fertig waren, von den Eckdaten unserer Tour zu
berichten, meinte er, dass er verheiratet ist und sich beide gerade eine kleine
Auszeit gönnen. In seiner Auszeit will er eine Bustour von Florida bis Alaska
und wieder zurück machen. In Alaska war er bereits und ist nun auf dem Rückweg.
Immer wieder betonte er, wie witzig er den Irrglauben der
Menschen findet, die glauben, das nördlichere Gegenden kälter sind, als
südlichere: „Es kommt nicht darauf an wie weit du im Norden bist, sondern wie
hoch du über dem Meeresspiegel bist! Ich war in Alaska bei 30 Grad an einem
See, 3 Kilometer weiter im Süden auf einem Berg waren es in der Zeit -30 Grad.“
Er war so schon super enthusiastisch. Aber als er begann,
über die Polarlichter zu reden, tauchte er ab in eine andere Welt. Er meinte,
dass er sie derweil in Alaska nicht sehen konnte, da es die ganze Zeit hell war
– wenn er auf seine Taschenuhr blickte und sie halb 10 zeigte, war es schwer zu
sagen, ob morgens oder abends. Aber er war mal auf Island. Die Eskimos glauben daran,
dass diese Polarlichter Geister sind. „We know the physics. It's just a solar flare [explaining stuff]. But
when you see the polar lights, you know why these people think, that these are
spirits“.
Er stand mit weit aufgerissenem Mund vor uns, um diesen
Moment zu beschreiben und sah dabei aus wie eine Mangafigur – absolut
theatralisch, übertreibend. Aber das ist Lavente, wie wir ihn kennenlernten.
Ein absolut begeisterter Typ, der sich an wunderschönen Dingen erfreute und sie
auch lange nach ihrem „Abklingen“ mit sich trug.
Er machte sich dann irgendwann auf den Weg zum Liquorstore,
weil sein Whiskey alle war. Wir setzten uns wieder auf unsere Räder, als
Etappenendziel für den Tag haben wir Houston ausgerufen.
Wir kamen wieder in bergiges Gebiet, die Hazelton Mountains
waren das letzte geografische Hindernis zwischen uns und Prince Rupert. Die
Steigung die dieser Umstand mit sich brachte war für uns aber wenig
Herausforderung an diesem Tag, wir behielten eher die Wolken im Auge, die sich
ohne den Wind der Vortage träge über den Himmel schleppten und überall um uns
herum ihre nasse Last den Berghängen überließen. Echt schön zum Angucken, aber
irgendwie begleitete uns die ganze Zeit die Sorge, dass der nächste Regenguss
uns gelten könnte.
Wie sich am Ende des Tages herausstellte, blieb uns unser
Reiseglück treu, die letzten dreißig Kilometer wurden wir von einer Regenwolke
verfolgt. Sie traf zehn Minuten nach uns bei unserem Campingplatz der Wahl ein
und wir waren Harald, dem Besitzer, unglaublich dankbar, dass er einen kleinen
Unterstand für uns frei räumte in den wir unser Zelt stellen konnten. Der
große, freundliche Mann sprach fließend Deutsch, war vor einer halben Ewigkeit
ausgewandert und hatte vor zwei Jahren den Campingplatz übernommen, sichtlich
bemüht, gute Eindrücke zu hinterlassen, was ihm auch ziemlich gut gelang.
Neben unserem Regenunterstand parkte ein grauschwarzes
Familienauto. Wie sich herausstellte gehörte es zu Annika und Jonas. Die beiden
hatten sechs Wochen für ihren Trip geplant, schliefen hinten im Wagen und
tourten von Campingplatz zu Campingplatz, die freie Zeit und Natur genießend.
Wir kamen schnell ins Gespräch, tauschten Reisegeschichten, Campingerfahrungen
und viel Gelächter aus, während es langsam dunkel wurde, das Geräusch vom
Auftreffen von Regentropfen auf Bäume und unser Dach aber nicht nachließ. Als
die beiden sich irgendwann in ihr Auto verkrochen und freundlicherweise unsere
Bärensäcke mitnahmen, bauten wir unser Zelt im Dunkeln unter unserem Dach auf
und hauten uns zufrieden über die trockene Übernachtungsmöglichkeit in unsere
Schlafsäcke.
Das klackende Geräusch von Regentropfen auf dem Holzdach
weckte uns früh am nächsten Morgen, wir blieben also lange liegen, bei Regen
wollten wir nicht starten. Irgendwann standen wir dann trotz des Regens auf, es
war kühler als am Vortag und die warmen Duschen taten gut und wuschen Schweiß
und Dreck der vergangenen Tage von den sich regenerierenden Körpern. Um 12:00
Uhr beschlossen wir dann: Regentag = Zelttag. Annika und Jonas fingen wir noch
ab, bevor sie sich auf den Weg nach Prince Rupert machten. Wir tauschten
Kontaktdaten aus, mit der Absicht, uns in ein zwei Wochen auf Vancouver Island
wieder zu treffen. Harald machte es nichts aus, dass wir noch eine Nacht
blieben, im Gegenteil, er bot uns sogar an, uns zum Einkaufen in die Stadt zu
fahren, bei dem Regen würde das mit dem Rad ja keinen Spaß machen. Sven machte
sich also mit ihm auf den Weg in die Stadt, während Linus sich an den Blog
setzte. Der Einkauf war schnell erledigt, Harald und seine Frau Kathy luden uns
dann sogar noch zum Abendessen ein, was wir natürlich nicht ausschlugen und
wenig später bei ihnen auf der Matte standen. Wir freuten uns unglaublich, mal
was anderes als Reis mit Soße zu essen. Wie sich herausstellte, sind wir bei
super freundlichen Gastgebern gelandet, Harald zeigte uns Fotos von den
Schneemassen im Winter und den Rehen, die hin und wieder über den Campingplatz
schlenderten. Ein absolut schöner Abend und wir verabschiedeten uns, als es
dunkel wurde, dankbar von den beiden in unser Zelt. Den Weg dahin durften wir
mit Haralds Golfkart machen, er benutzt das, um schneller über den Platz zu
kommen. Ist auf jeden Fall ziemlich lustig, damit über die Schotterwege zu
poltern. Wir haben es gefeiert.
Der Regen hatte sich am nächsten Tag zunächst verzogen, die
Wolken nicht, wir drifteten wieder in einen Spätstart, verschickten noch
Blogeintrag und Fotos, verabschiedeten uns von Harald und Kathy und machten
noch beim Supermarkt in Houston halt, um einem Hagelschauer auszuweichen. Wir
machten dann auch direkt die erste Essenspause, mittlerweile haben wir uns auf
Kuchenteilchen und Ähnliches, wenn vorhanden, als Zwischensnacks umgestellt,
ist ziemlich geil. Den Kaffee, den es da gab, nahmen wir dann auch noch mit
bevor wir uns Richtung Smithers aufmachten. Das Bulkley River Valley, durch das
wir fuhren, wurde ab Houston links und rechts wieder von schneebedeckten
Gipfeln gesäumt, die in Kombination mit den sich wieder abregnenden Wolken umso
majestätischer aussahen. Wir genossen, dass wir nicht von den Regenwolken
betroffen waren und kamen gut voran, 15 Kilometer vor Smithers machten wir dann
nochmal ‘ne Trinkpause in der Einfahrt von einer Farm, die sich durch das
Aussichtgenießen etwas mehr ausdehnte als geplant.
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| Panorama satt |
Als wir dann endlich wieder
kurz davor waren in die Pedalen zu treten, kam ein älterer Typ mit
Einsteinfriese und Gummistiefeln auf einem Quad die Einfahrt runter, um seine
Post abzuholen. Erst die üblichen Fragen, wo wir hinwollen, wo wir herkommen,
was wir sonst so machen. Es entwickelte sich ein Gespräch, das uns bereuen
ließ, unsere Trinkpause nicht 3 Minuten eher beendet zu haben, es kamen nach
und nach noch Verschwörungstheorien, abgedrehte religiöse Aussagen und
dergleichen mehr dazu. Wir konnten uns dann irgendwann losreißen, hatten beide
nicht so Bock auf den Typ und wollten ja noch nach Smithers. Inzwischen war
eine Front aus Regen vor uns aufgetaucht und als wir uns kurz darauf vor dem
kleinen Örtchen Telkwa entscheiden mussten, durch die Wand aus grau zu fahren
oder auf das Grundstück mit dem „Cyclists Welcome“ Schild an der Straße zu
fahren, um nach einem Platz für die Nacht zu suchen, fiel die Wahl nicht
schwer.
Die kurze Einfahrt führte uns auf eine große Wiese die von etwa
zehn Mobile Homes, die in zwei Reihen standen, besetzt war. Mobile Homes sind
etwas größer als Frachtcontainer, sehen aber ansonsten genauso aus, mit dem
Unterschied, dass sie Fenster und eine Tür haben und als Wohnungen genutzt
werden. Der große (und irgendwie auch einzige) Vorteil ist, dass man sie
einfach auf ‘nen Truck laden kann, um sie irgendwo anders hin zu verfrachten.
Umzüge sind dementsprechend einfach. Am Gemeinschaftsbriefkasten stieg gerade
wieder ein Mann mit seiner Post in seinen Pick Up, als wir ankamen. Wir
sprachen ihn auf das uns freundlich gesinnte Schild an. Vinnie sprang direkt
auf uns an, meinte, wir hätten Glück, dass wir ihn getroffen haben, die meisten
Radfahrer die her ankämen, bräuchten eine Weile, um alles zu finden. Auf unsere
Frage, wo wir unser Zelt hinstellen könnten, lachte er nur kurz und winkte uns
hinter sich her an den Containerreihen vorbei und auf eine kleine Holzhütte zu.
„You can put your stuff inside
and put on the heater so you gotta warm up from that weather!“ Wir
meinten dann erst mal, dass wir auch einfach in unserem Zelt schlafen könnten,
wir hatten zumindest nicht vor, viel Geld für unseren Schlafplatz auszugeben. „Ah no, it's all for free, just
enjoy and take a rest.“ Wir waren von dieser plötzlich aufgetauchten
Möglichkeit, trocken durch die Nacht zu kommen, etwas überrumpelt, bedankten
uns zig mal bei Vinnie und luden ihn ein, später auf ein Bier vorbeizukommen,
bevor er sich wieder in seinen Pick Up setzte, um ein paar Erledigungen zu
machen. Wir luden also unsere Sachen ab und stießen die Tür von der von außen
betrachtet ca. 12m² großen Bude auf. Drinnen ein großes Doppelbett und ein
Etagenbett an der Wand. Wir würden die Nacht in einem Bett verbringen! Allein
das war mehr, als wir gehofft hatten. Seit Edmonton hatten wir auf diesen
Komfort verzichtet und wir freuten uns wie kleine Kinder. Je mehr wir die Hütte
erkundeten, desto mehr fiel auf, dass das hier wirklich eine auf Radfahrer
zugeschnittene Unterkunft war. Neben allem möglichen Campingequipment, dass
anscheinend von anderen Radlern zurückgelassen wurde, gabs einen Kasten mit
Ersatzschläuchen, Flickzeug und Reifen und einen weiteren mit Konserven,
Kaffee, Müsliriegeln und Instantnudeln. Eine Elektrokochplatte und ein
elektrischer Heizkörper machten den Komfort perfekt. Draußen gabs einen kleinen
Unterstand mit Wäscheleine und Fahrradhalterung, falls man irgendwas am Gefährt
fixen muss. Einfach nur klasse. Hinzu kam ein kleines Gästebuch, welches von
den Radfahrern, die hier während der letzten zwanzig Jahre einkehrten,
reichlich Informationen und Grüße enthielt. Es war toll, durch die Seiten zu
blättern und lesen zu können, wie schon vor uns Hunderte Menschen den Weg zu
Vinnie und John (Vinnies Schwiegervater und Mitbetreiber des Platzes) fanden.
Einige gaben auch nette Reisetipps, oder verwiesen auf Blogseiten, wo sie – wie
wir – von ihrer Tour berichten.
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| Bei Vinnie und John |
Am Abend saßen wir dann noch mit Vinnie auf ein paar Bier
draußen auf überdachten Bänken. Es war einfach wundervoll zu hören, dass Vinnie
und John diesen Platz einfach gerne zur Verfügung stellen. Sie lernen gerne
andere Menschen kennen und John scheint das Radfahren zu lieben – ihm gefällt
dementsprechend auch der Reisestil. Über Warm Showers kann man diese Unterkunft
auch suchen, da wir dort aber kein Konto haben, hatten wir einfach Glück, es
gefunden zu haben. Sven hatte vorher schon davon gesprochen, aber diese
Begegnung sorgte für die nötige Begeisterung auch Warm Showers anzubieten,
sobald er wieder zurück in Deutschland ist und das bewerkstelligen kann.
Vinnie war ansonsten ein ruhiger Typ, der interessiert
unseren Erfahrungen lauschte und mit uns bis spät in den Abend zusammen auf der
Bank verbrachte.
Wunderbar in unserer 5 Sterne Suit erwacht, haben wir uns aufgemacht,
um die ersten Kilometer nach Smithers zurückzulegen, um dort etwas zum
Frühstücken zu kaufen. Von dort aus ging es nach Morricetown, oder Witset, je
nachdem wen man fragt. Da wir uns im Gebiet der First Nations befanden, gab es
zu eigentlich allen Örtlichkeiten einen Namen auf Englisch und einen auf der
Sprache des ansässigen Tribes. Witset ist dabei auch schon die englische
Fassung des eigentlichen Namens, glauben wir. Unsere Apps haben die Namen
jedenfalls durcheinandergeworfen und uns unterschiedliche Namen für die
Ansiedlungen angezeigt. Wenn dann noch das richtige Schriftbild der Tribes dazu
kam, gab es drei Bezeichnungen für einen Ort.
In Witset haben wir auf einem Campingplatz genächtigt, auf
dem es ein Museum gab, welches wir uns angeschaut haben. Die Betreiberin des
Campingplatzes betreibt auch das Museum und lud uns dorthin ein. Es war ein
großer, gemütlicher Raum. Übersichtlich hingen an den Wänden Informationstafeln
zu Themen des Fischfangs. Außerdem schmückten die Wände wunderschöne
Zeichnungen der Natives. Die Betreiberin des Museums gehörte selbst einem der
fünf Tribes an, in deren Gebiet wir uns befanden. Sie nahm sich die Zeit uns,
als einzigen Gästen nach Öffnungszeit, zu allen Bildern und Texten zu erklären,
was sie wusste. Es war sehr interessant, da wir zum ersten Mal richtige
Informationen aus erster Hand über die Kultur der First Nations bekamen. Bisher
haben wir nur alle Informationstafeln auf unserem Weg gelesen und Gossip gehört.
Dann haben wir uns daraufhin auf den Weg zu Jessica und
Jacob nach Kitwanga gemacht, wo wir auch ankamen...
Eigentlich wohnten Jessica, Jacob und ihre zwei Söhne Noah
und Ezra noch einige Kilometer hinter Kitwanga. Da sich die Strecke, durch den immer
stärker werdenden Regen, ziemlich zog, haben wir zur Stärkung unter dem Dach
einer Tankstelle am Rande Kitwangas einen warmen Kaffee getrunken. Dann kam ein
alter Trucker auf uns zu, rundlich und mit Schnurrbart. Hat irgendwas von
Schwermetallen aus der Luft erzählt, die er auch alle fleißig aufzählen konnte
– 4+.
Mit Ausrufen wie „Wake up!“ und „Tell erveryone!“ wollte er
unsere Aufmerksamkeit hochhalten und unseren Enthusiasmus für seine Sache
wecken. Bevor er richtig ausholen konnte, über die Umweltverschmutzung der Welt
einen mehrstündigen Monolog zu halten, haben wir ihn unterbrochen „Mach dir mal
keine Sorgen, wir fahren ja Fahrrad. Alles klasse für die Umwelt“.
Als er dann weg war, kam ein zweiter Typ zu uns und fragte:
„Habt ihr verstanden worüber er geredet hat?“ Wir verneinten und der Typ
meinte, dass der Trucker hier alle damit vollquatscht. Da waren wir schon fast
erleichtert.
[Ich füge mal wieder ein paar Karten in diesen Blogeintrag ein - anhand derer man die Stationen etwas besser nachvollziehen kann. (ph)]
Und dann ist da noch dieses Bild, das die beiden mitgeschickt haben, welches ich aber nicht so wirklich zuordnen kann und daher hier am Ende einfüge:
| Betitelt mit "Ganz super toll viel Eis!" ... :-) |







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