Dienstag, 18. Juni 2019

You're in the wild, wild West, so shoot out of the hip


Es war einfach, aus Prince George aufzubrechen. Nicht weil der Zeltplatz schlecht oder Prince George zu uninteressant war, sondern weil wir richtig Bock hatten, Kilometer zu machen. Es war nicht mehr so heiß wie die letzten Tage, leicht bewölkt, super Radfahrwetter. Der Kaffee von der Tanke gegenüber vom Campingplatz puschte dann zusätzlich und wir brachen voller Enthusiasmus Richtung Vanderhoof, unserem nächsten Etappenziel, auf. Die Strecke war gut zu fahren, der anfänglich noch stärker befahrene Yellowhead Highway beruhigte sich zusehends, wir kamen dementsprechend gut auf wenig hügeligem Terrain voran und erfreuten uns einer Streckenführung, die ohne große Steigungen klar kam. Svens Hinterrad holte uns dann etwas unverhofft von der Straße, einer der größeren Schottersteine, die viel vor Einfahrten rumlagen, hatte es geschafft, ein Loch in den Schlauch zu reißen. Erste Zwangspause an diesem Tag, eine weitere sollte 30 Minuten später folgen, gleiches Rad, diesmal ein anderes Loch. Beide Rückschläge vermochten uns aber nicht die gute Laune zu nehmen, selbst der gegen 14:00 Uhr einsetzende starke Gegenwind vermochte das nicht, wir fuhren unbeirrt unseren Weg, der uns weiter zwischen den sanften Hügeln Richtung Westen trug. Am Abend kamen wir abgestrampelt aber zufrieden damit, fast hundert Kilometer hinter uns gebracht zu haben, in Vanderhoof an.

Tief im Dreck - Reifenflickzwangspause
Vor dem dortigen Office-Häuschen verbrachten wir dann etwas Wartezeit, da niemand vor Ort war. So konnten wir das Treiben auf jenem Campingplatz beobachten und genossen die Abendsonne.

Viele Familien waren hier und der Platz war nahezu ausgebucht. Nebenan erstreckte sich eine riesige Wiese mit Volleyballnetz, Spielplatz und Café mit Bistro – es wirkte alles sehr idyllisch.
Als wir dann eincheckten, das Zelt aufgebaut hatten, Bier tranken, Karten kloppten und Musik hörten, gaben wir uns der Euphorie hin, die uns an diesem Tag bis nach Vanderhoof trug. Wir waren richtig guter Dinge. Am Abend haben wir noch Nachbarn von uns angequatscht, denen wir unsere Bärensäcke anvertrauten und dann gut schlafen konnten.

Am nächsten Tag wollten wir erneut gut Meter machen, wussten aber auch, dass wir uns nun eigentlich auch mehr Zeit lassen können, da wir gestern schon so gut vorangekommen waren. Also sind wir vom Campingplatz runter, über die Straße und zu einer Tankstelle mit Kiosk. Da haben wir uns erst mal einen Kaffee gegönnt und einige Muffins – einige zu viel wie sich herausstellte, da wir danach so vollgestopft waren (mitnehmen war keine Option – zusätzliches Gewicht wollten wir nicht), dass wir kaum vorwärtskamen. Es war schon ein unangenehmes Völlegefühl. Rasten war dennoch keine Option, also ging es auf. Die Natur war immer noch atemberaubend und gegen unsere Erwartungen wurden die dichten Waldlandschaften immer wieder von Feldern und einzelnen Wohnhäusern unterbrochen, was für schöne Abwechslung sorgte. In der Ferne ragten immer wieder riesige, hohe Gipfel auf, die teilweise noch mit Schnee bedeckt waren. Immer wieder konnte man riesigen Regenwolken dabei zuschauen, wie sie sich an den langen Berghängen abregneten und die Gebirgsformationen dahinter im unscharfen Dunst versanken.

Schön anzusehen, nicht schön drin zu stehen
Wir wurden immer besser im Abschätzen des Wetters und Abwägen, wann wir Pausen machten und wann wir weiter Kilometer machen wollten, wann ist Zeit für Mittagessen und wann trinkt man nur einen Kaffee und rastet in einer Stunde. Da die Wetterprognosen in BC kaum besser wurden als in Alberta, war unser Gefühl der beste Kompass – und wir verbrachten viel Zeit draußen unter freiem Himmel, wodurch wir viel Zeit hatten, diesen Kompass möglichst genau auszurichten. Auch Tempo, bergauf, bergrunter, wurde immer ähnlicher und wir passten unseren Fahrstil immer besser an. Teilweise fuhren wir so dicht auf den Vordermann auf, dass wenn es zum abrupten Abbremsen käme, ein unheimlich fieser Sturz die Folge wäre. Doch gegenseitiges Vertrauen, Erfahrungen über Straßenbegebenheiten und Einschätzung der an das Terrain angepassten Geschwindigkeit zeigten, dass das gemeinsame Fahren über so lange Zeit einen eher zu einer Einheit verschmelzen lässt. Manchmal ging der Arm der vorderen Person zur Seite ab, um eine Pause anzudeuten und die hintere Person kam an und sagte: „Nice, ich hätte auch so langsam eine Pause vorgeschlagen“. Das Ganze klappte völlig ohne Absprache.

Kurz bevor es bergab geht

Ab hier ging's bergab
An diesem Tag fuhr Sven vor, Linus hatte eher Probleme, das Essen drin zu behalten und war ziemlich mit sich beschäftigt. Doch das Prinzip „ich lass mich ziehen von dir“ klappte ganz hervorragend. Auch wenn wir bereits nach vierzig Kilometern einen Rastplatz ansteuerten, verging die Zeit dahin wie im Flug. Da es nach Regen aussah, bauten wir rasch das Zelt auf und verkrochen uns darin. Auch hier gab es wieder viele Mücken – einfach lästig diese Viecher. Als die Bärensäcke verstaut waren, der Parkranger, der zu unserem Platz kam, die Gebühr einsackte und uns freundlich Information über die Parkgegend mitteilte und wir uns über die morgige Route ausgetauscht hatten, sind wir mit viel Vorfreude auf die kommende Strecke eingeschlafen.

Die Kilometer verflogen und wir machten auch an den nächsten Tagen keine Rast. Am Abend des nächsten Tages wurden wir das erste Mal von unserer Camping App enttäuscht, da ein vorgeschlagener Campingplatz einfach nicht existierte. Wir standen mitten im Nirgendwo, einen Kilometer vom Highway und viele weitere Kilometer von jeglicher Ansiedlung von Menschen entfernt. Der Feldweg endete an einem Bahnübergang, welcher mit Schildern zugestellt war: „Danger“, „No Tresspassing“, „Keep Out“, usw. Von dieser Seite kommen also höchstens Bären.

Wir fanden mitten in diesem Nirgendwo eine aus Steinen gebaute Feuerstelle, an der wir unser Zelt aufschlugen. Während Sven das Zelt aufbaute und den Stuff verstaute, übte sich Linus als Parkranger und suchte die Umgebung nach Spuren ab. Neben Fußspuren von Elchen und kleineren Bären, fand er Kot auf dem Feldweg und Kratzspuren an Bäumen. Nach diesen Kriterien wurden die Plätze für die Bärensäcke bestimmt. Als wir gerade dabei waren zu kochen, rollte ein Auto den Feldweg entlang, nahm aber 100 Meter entfernt eine Abzweigung und kam nicht bei uns entlang. Das Auto wurden von mehreren Hunden verfolgt und immer wieder waren Rufe und Kommandos zu hören. Nachdem die Kombo den Wald einige Minuten lang in Aufregung versetzt hatte (bis zu dem Moment war es erstaunlich ruhig), kam das Auto auf uns zugefahren. Drei Hunde eilten voraus, bellten und rasten über unseren kleinen Kochplatz. Im Auto eine laute Frauenstimme, die die ausreißenden Hunde immer wieder zur Ruhe zwang. „Hey wisst ihr, ob es hier einen See gibt, in dem meine Hunde baden können?“

Wir guckten einander an: „Wir suchen auch noch nach Wasser, aber einen See haben wir noch nicht gesehen“. Man sah förmlich, wie es in ihrem Gesicht arbeitete und sie uns von oben bis unten abcheckte. Zwei komplett in schwarz gehüllte, leicht abgehetzte, vom Schweiß durchnässte Gestalten, die abgesehen von einem Blechkocher (so muss er für Unwissende in etwa aussehen), nichts wirklich bei sich hatten. Unser Zelt stand hundert Meter von unserer Kochstelle entfernt und war für sie nicht zu sehen. Nach abschätzenden Blicken fragte sie: „Braucht ihr Hilfe?“

Wieder haben wir einen Blick ausgetauscht: „Nö, uns geht’s ganz geil. Wir machen uns gerade Essen, ein Fluss für Wasser ist auch nebenan und sonst niemand da.“ Das schien sie zu beruhigen und dann war sie auch schon wieder davon, ihre Hunde eilten dem Wagen hinterher. Der Abend verlief für uns ganz ruhig. Wildlife haben wir keines gesehen, waren aber auch gut bemüht, uns ständig und laut zu unterhalten.

Am nächsten Tag sind wir wieder nicht wirklich weit gekommen. Bis nach Burns Lake, wo wir zu Mittagessen wollten und wir uns erneut so lange aufhielten, dass ein Weiterfahren für uns beide sinnlos schien. Burns Lake hat einen Campingplatz, der laut unserer App nichts kosten sollte, was uns sehr gefiel. So würden wir zumindest für die zweite Nacht in Folge nichts zahlen müssen. In der App wurde man dank Kommentarfunktion darauf aufmerksam, dass sich dort viele Betrunkene rumtreiben sollen, die die Besucher des Campingplatzes (8 Plätze an einem Hügel) belästigen sollen „man fühle sich nicht sicher, ob man seinen Campingplatz unbeaufsichtigt lassen kann“.

Wir fanden, es sah da ganz nett aus. Direkt an einem See waren 5 Rastplätze (1 Tisch und eine Feuerstelle – die klassische Campingplatzausstattung) und drei Plätze dahinter. Wenn das Wetter nicht so bescheiden gewesen wäre, hätte man es sich hier echt gemütlich machen können. Außerdem gab es 100 Meter weiter einen Liquor Store wo man das Geld, welches man eigentlich für einen Campingplatz ausgegeben hätte, in Alkohol investieren konnte – was für ein Zufall! Wir tranken also ein paar Bier. Ansonsten saßen wir viel im Zelt, da es regnete. Zum ersten Mal seit Edmonton haben wir wieder gelesen und es hat uns direkt richtig gecatcht. In Edmonton haben wir den zweiten Band auf Englisch angefangen und ein Kapitel gelesen, seither keine Seite mehr.
Drei Stunden sind wir an jenem Tag wieder in der Welt Abercrombies abgetaucht und seither jeden Abend aufs Neue auf ein paar weitere Kapitel.

Am nächsten Morgen sind wir dann noch auf jene „Betrunkene“ oder andere zwielichtige Gestalten gestoßen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte.

Früh am Morgen, als wir gerade dabei waren, Kaffee zu kochen und das Frühstück vorzubereiten, kam ein roter Wagen auf den Campingplatz gefahren und hielt nicht weit von unserem Zelt entfernt. Wir warfen immer wieder einen Blick hinüber, aber der Fahrer, der seinerseits ebenso uns anblickte, stieg nicht aus. Irgendwann war der Kaffee fertig und noch später war er ausgetrunken und wir überlegten, eine zweite Ladung zu kochen, da öffnete sich die Wagentür. Der Typ, in geiler Bikerklamotte, kam auf uns zu, eine Plastikschale mit Suppe darin in der Hand, nickte uns zu und fragte mit kratziger Stimme: „Wo fahrt ihr denn hin?“

Dann entwickelte sich ein nettes Gespräch, über unsere Tour und über Kanada. Dann entdeckte er unseren Trangia und meinte, dass er selbst einen hat und wie praktisch diese Dinger seien. Wir erzählten ihm davon, dass wir Probleme damit haben, den richtigen Brennspiritus zu finden, da die Outdoorläden nur Coleman verkaufen. Und der rußt alles voll. Jetzt haben wir eine Alternative gefunden, haben uns aber aus Unsicherheit nur eine kleine Flasche gekauft. Da lachte er: „Hab noch eine Pulle davon im Auto, könnt ihr haben.“ Nicer Typ! Als er uns die Flasche in die Hand drückte und seine Suppe ausgelöffelt hat, ist er verschwunden.

Kurz drauf kam ein ziemlich betrunkener Typ den Hügel hoch, hatte ein Grinsen über das ganze Gesicht und trug noch seinen benutzten Essensteller bei sich. Er war sonnengebräunt, um die vierzig, hatte ein bisschen was auf den Rippen, und trug Hemd mit Cowboyhut – den hat er sich in Alaska gekauft!

Er kam eher so zu uns: „HEEEEY LEEEEUTE, ihr fahrt nicht wirklich Fahrrad, oder?! Wo wart ihr schon, wo fahrt ihr hin? Ich bin Lavente!“ Er war ein unglaublich lustig aufgelegter Typ.

Als wir fertig waren, von den Eckdaten unserer Tour zu berichten, meinte er, dass er verheiratet ist und sich beide gerade eine kleine Auszeit gönnen. In seiner Auszeit will er eine Bustour von Florida bis Alaska und wieder zurück machen. In Alaska war er bereits und ist nun auf dem Rückweg.

Immer wieder betonte er, wie witzig er den Irrglauben der Menschen findet, die glauben, das nördlichere Gegenden kälter sind, als südlichere: „Es kommt nicht darauf an wie weit du im Norden bist, sondern wie hoch du über dem Meeresspiegel bist! Ich war in Alaska bei 30 Grad an einem See, 3 Kilometer weiter im Süden auf einem Berg waren es in der Zeit -30 Grad.“

Er war so schon super enthusiastisch. Aber als er begann, über die Polarlichter zu reden, tauchte er ab in eine andere Welt. Er meinte, dass er sie derweil in Alaska nicht sehen konnte, da es die ganze Zeit hell war – wenn er auf seine Taschenuhr blickte und sie halb 10 zeigte, war es schwer zu sagen, ob morgens oder abends. Aber er war mal auf Island. Die Eskimos glauben daran, dass diese Polarlichter Geister sind. „We know the physics. It's just a solar flare [explaining stuff]. But when you see the polar lights, you know why these people think, that these are spirits“.

Er stand mit weit aufgerissenem Mund vor uns, um diesen Moment zu beschreiben und sah dabei aus wie eine Mangafigur – absolut theatralisch, übertreibend. Aber das ist Lavente, wie wir ihn kennenlernten. Ein absolut begeisterter Typ, der sich an wunderschönen Dingen erfreute und sie auch lange nach ihrem „Abklingen“ mit sich trug.

Er machte sich dann irgendwann auf den Weg zum Liquorstore, weil sein Whiskey alle war. Wir setzten uns wieder auf unsere Räder, als Etappenendziel für den Tag haben wir Houston ausgerufen.

Wir kamen wieder in bergiges Gebiet, die Hazelton Mountains waren das letzte geografische Hindernis zwischen uns und Prince Rupert. Die Steigung die dieser Umstand mit sich brachte war für uns aber wenig Herausforderung an diesem Tag, wir behielten eher die Wolken im Auge, die sich ohne den Wind der Vortage träge über den Himmel schleppten und überall um uns herum ihre nasse Last den Berghängen überließen. Echt schön zum Angucken, aber irgendwie begleitete uns die ganze Zeit die Sorge, dass der nächste Regenguss uns gelten könnte.

Wie sich am Ende des Tages herausstellte, blieb uns unser Reiseglück treu, die letzten dreißig Kilometer wurden wir von einer Regenwolke verfolgt. Sie traf zehn Minuten nach uns bei unserem Campingplatz der Wahl ein und wir waren Harald, dem Besitzer, unglaublich dankbar, dass er einen kleinen Unterstand für uns frei räumte in den wir unser Zelt stellen konnten. Der große, freundliche Mann sprach fließend Deutsch, war vor einer halben Ewigkeit ausgewandert und hatte vor zwei Jahren den Campingplatz übernommen, sichtlich bemüht, gute Eindrücke zu hinterlassen, was ihm auch ziemlich gut gelang.

Neben unserem Regenunterstand parkte ein grauschwarzes Familienauto. Wie sich herausstellte gehörte es zu Annika und Jonas. Die beiden hatten sechs Wochen für ihren Trip geplant, schliefen hinten im Wagen und tourten von Campingplatz zu Campingplatz, die freie Zeit und Natur genießend. Wir kamen schnell ins Gespräch, tauschten Reisegeschichten, Campingerfahrungen und viel Gelächter aus, während es langsam dunkel wurde, das Geräusch vom Auftreffen von Regentropfen auf Bäume und unser Dach aber nicht nachließ. Als die beiden sich irgendwann in ihr Auto verkrochen und freundlicherweise unsere Bärensäcke mitnahmen, bauten wir unser Zelt im Dunkeln unter unserem Dach auf und hauten uns zufrieden über die trockene Übernachtungsmöglichkeit in unsere Schlafsäcke.

Das klackende Geräusch von Regentropfen auf dem Holzdach weckte uns früh am nächsten Morgen, wir blieben also lange liegen, bei Regen wollten wir nicht starten. Irgendwann standen wir dann trotz des Regens auf, es war kühler als am Vortag und die warmen Duschen taten gut und wuschen Schweiß und Dreck der vergangenen Tage von den sich regenerierenden Körpern. Um 12:00 Uhr beschlossen wir dann: Regentag = Zelttag. Annika und Jonas fingen wir noch ab, bevor sie sich auf den Weg nach Prince Rupert machten. Wir tauschten Kontaktdaten aus, mit der Absicht, uns in ein zwei Wochen auf Vancouver Island wieder zu treffen. Harald machte es nichts aus, dass wir noch eine Nacht blieben, im Gegenteil, er bot uns sogar an, uns zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, bei dem Regen würde das mit dem Rad ja keinen Spaß machen. Sven machte sich also mit ihm auf den Weg in die Stadt, während Linus sich an den Blog setzte. Der Einkauf war schnell erledigt, Harald und seine Frau Kathy luden uns dann sogar noch zum Abendessen ein, was wir natürlich nicht ausschlugen und wenig später bei ihnen auf der Matte standen. Wir freuten uns unglaublich, mal was anderes als Reis mit Soße zu essen. Wie sich herausstellte, sind wir bei super freundlichen Gastgebern gelandet, Harald zeigte uns Fotos von den Schneemassen im Winter und den Rehen, die hin und wieder über den Campingplatz schlenderten. Ein absolut schöner Abend und wir verabschiedeten uns, als es dunkel wurde, dankbar von den beiden in unser Zelt. Den Weg dahin durften wir mit Haralds Golfkart machen, er benutzt das, um schneller über den Platz zu kommen. Ist auf jeden Fall ziemlich lustig, damit über die Schotterwege zu poltern. Wir haben es gefeiert.

Der Regen hatte sich am nächsten Tag zunächst verzogen, die Wolken nicht, wir drifteten wieder in einen Spätstart, verschickten noch Blogeintrag und Fotos, verabschiedeten uns von Harald und Kathy und machten noch beim Supermarkt in Houston halt, um einem Hagelschauer auszuweichen. Wir machten dann auch direkt die erste Essenspause, mittlerweile haben wir uns auf Kuchenteilchen und Ähnliches, wenn vorhanden, als Zwischensnacks umgestellt, ist ziemlich geil. Den Kaffee, den es da gab, nahmen wir dann auch noch mit bevor wir uns Richtung Smithers aufmachten. Das Bulkley River Valley, durch das wir fuhren, wurde ab Houston links und rechts wieder von schneebedeckten Gipfeln gesäumt, die in Kombination mit den sich wieder abregnenden Wolken umso majestätischer aussahen. Wir genossen, dass wir nicht von den Regenwolken betroffen waren und kamen gut voran, 15 Kilometer vor Smithers machten wir dann nochmal ‘ne Trinkpause in der Einfahrt von einer Farm, die sich durch das Aussichtgenießen etwas mehr ausdehnte als geplant.

Panorama satt
Als wir dann endlich wieder kurz davor waren in die Pedalen zu treten, kam ein älterer Typ mit Einsteinfriese und Gummistiefeln auf einem Quad die Einfahrt runter, um seine Post abzuholen. Erst die üblichen Fragen, wo wir hinwollen, wo wir herkommen, was wir sonst so machen. Es entwickelte sich ein Gespräch, das uns bereuen ließ, unsere Trinkpause nicht 3 Minuten eher beendet zu haben, es kamen nach und nach noch Verschwörungstheorien, abgedrehte religiöse Aussagen und dergleichen mehr dazu. Wir konnten uns dann irgendwann losreißen, hatten beide nicht so Bock auf den Typ und wollten ja noch nach Smithers. Inzwischen war eine Front aus Regen vor uns aufgetaucht und als wir uns kurz darauf vor dem kleinen Örtchen Telkwa entscheiden mussten, durch die Wand aus grau zu fahren oder auf das Grundstück mit dem „Cyclists Welcome“ Schild an der Straße zu fahren, um nach einem Platz für die Nacht zu suchen, fiel die Wahl nicht schwer.

Die kurze Einfahrt führte uns auf eine große Wiese die von etwa zehn Mobile Homes, die in zwei Reihen standen, besetzt war. Mobile Homes sind etwas größer als Frachtcontainer, sehen aber ansonsten genauso aus, mit dem Unterschied, dass sie Fenster und eine Tür haben und als Wohnungen genutzt werden. Der große (und irgendwie auch einzige) Vorteil ist, dass man sie einfach auf ‘nen Truck laden kann, um sie irgendwo anders hin zu verfrachten. Umzüge sind dementsprechend einfach. Am Gemeinschaftsbriefkasten stieg gerade wieder ein Mann mit seiner Post in seinen Pick Up, als wir ankamen. Wir sprachen ihn auf das uns freundlich gesinnte Schild an. Vinnie sprang direkt auf uns an, meinte, wir hätten Glück, dass wir ihn getroffen haben, die meisten Radfahrer die her ankämen, bräuchten eine Weile, um alles zu finden. Auf unsere Frage, wo wir unser Zelt hinstellen könnten, lachte er nur kurz und winkte uns hinter sich her an den Containerreihen vorbei und auf eine kleine Holzhütte zu. „You can put your stuff inside and put on the heater so you gotta warm up from that weather!“ Wir meinten dann erst mal, dass wir auch einfach in unserem Zelt schlafen könnten, wir hatten zumindest nicht vor, viel Geld für unseren Schlafplatz auszugeben. „Ah no, it's all for free, just enjoy and take a rest.“ Wir waren von dieser plötzlich aufgetauchten Möglichkeit, trocken durch die Nacht zu kommen, etwas überrumpelt, bedankten uns zig mal bei Vinnie und luden ihn ein, später auf ein Bier vorbeizukommen, bevor er sich wieder in seinen Pick Up setzte, um ein paar Erledigungen zu machen. Wir luden also unsere Sachen ab und stießen die Tür von der von außen betrachtet ca. 12m² großen Bude auf. Drinnen ein großes Doppelbett und ein Etagenbett an der Wand. Wir würden die Nacht in einem Bett verbringen! Allein das war mehr, als wir gehofft hatten. Seit Edmonton hatten wir auf diesen Komfort verzichtet und wir freuten uns wie kleine Kinder. Je mehr wir die Hütte erkundeten, desto mehr fiel auf, dass das hier wirklich eine auf Radfahrer zugeschnittene Unterkunft war. Neben allem möglichen Campingequipment, dass anscheinend von anderen Radlern zurückgelassen wurde, gabs einen Kasten mit Ersatzschläuchen, Flickzeug und Reifen und einen weiteren mit Konserven, Kaffee, Müsliriegeln und Instantnudeln. Eine Elektrokochplatte und ein elektrischer Heizkörper machten den Komfort perfekt. Draußen gabs einen kleinen Unterstand mit Wäscheleine und Fahrradhalterung, falls man irgendwas am Gefährt fixen muss. Einfach nur klasse. Hinzu kam ein kleines Gästebuch, welches von den Radfahrern, die hier während der letzten zwanzig Jahre einkehrten, reichlich Informationen und Grüße enthielt. Es war toll, durch die Seiten zu blättern und lesen zu können, wie schon vor uns Hunderte Menschen den Weg zu Vinnie und John (Vinnies Schwiegervater und Mitbetreiber des Platzes) fanden. Einige gaben auch nette Reisetipps, oder verwiesen auf Blogseiten, wo sie – wie wir – von ihrer Tour berichten.

Bei Vinnie und John
Am Abend saßen wir dann noch mit Vinnie auf ein paar Bier draußen auf überdachten Bänken. Es war einfach wundervoll zu hören, dass Vinnie und John diesen Platz einfach gerne zur Verfügung stellen. Sie lernen gerne andere Menschen kennen und John scheint das Radfahren zu lieben – ihm gefällt dementsprechend auch der Reisestil. Über Warm Showers kann man diese Unterkunft auch suchen, da wir dort aber kein Konto haben, hatten wir einfach Glück, es gefunden zu haben. Sven hatte vorher schon davon gesprochen, aber diese Begegnung sorgte für die nötige Begeisterung auch Warm Showers anzubieten, sobald er wieder zurück in Deutschland ist und das bewerkstelligen kann.

Vinnie war ansonsten ein ruhiger Typ, der interessiert unseren Erfahrungen lauschte und mit uns bis spät in den Abend zusammen auf der Bank verbrachte.

Wunderbar in unserer 5 Sterne Suit erwacht, haben wir uns aufgemacht, um die ersten Kilometer nach Smithers zurückzulegen, um dort etwas zum Frühstücken zu kaufen. Von dort aus ging es nach Morricetown, oder Witset, je nachdem wen man fragt. Da wir uns im Gebiet der First Nations befanden, gab es zu eigentlich allen Örtlichkeiten einen Namen auf Englisch und einen auf der Sprache des ansässigen Tribes. Witset ist dabei auch schon die englische Fassung des eigentlichen Namens, glauben wir. Unsere Apps haben die Namen jedenfalls durcheinandergeworfen und uns unterschiedliche Namen für die Ansiedlungen angezeigt. Wenn dann noch das richtige Schriftbild der Tribes dazu kam, gab es drei Bezeichnungen für einen Ort.

In Witset haben wir auf einem Campingplatz genächtigt, auf dem es ein Museum gab, welches wir uns angeschaut haben. Die Betreiberin des Campingplatzes betreibt auch das Museum und lud uns dorthin ein. Es war ein großer, gemütlicher Raum. Übersichtlich hingen an den Wänden Informationstafeln zu Themen des Fischfangs. Außerdem schmückten die Wände wunderschöne Zeichnungen der Natives. Die Betreiberin des Museums gehörte selbst einem der fünf Tribes an, in deren Gebiet wir uns befanden. Sie nahm sich die Zeit uns, als einzigen Gästen nach Öffnungszeit, zu allen Bildern und Texten zu erklären, was sie wusste. Es war sehr interessant, da wir zum ersten Mal richtige Informationen aus erster Hand über die Kultur der First Nations bekamen. Bisher haben wir nur alle Informationstafeln auf unserem Weg gelesen und Gossip gehört.

Dann haben wir uns daraufhin auf den Weg zu Jessica und Jacob nach Kitwanga gemacht, wo wir auch ankamen...

Eigentlich wohnten Jessica, Jacob und ihre zwei Söhne Noah und Ezra noch einige Kilometer hinter Kitwanga. Da sich die Strecke, durch den immer stärker werdenden Regen, ziemlich zog, haben wir zur Stärkung unter dem Dach einer Tankstelle am Rande Kitwangas einen warmen Kaffee getrunken. Dann kam ein alter Trucker auf uns zu, rundlich und mit Schnurrbart. Hat irgendwas von Schwermetallen aus der Luft erzählt, die er auch alle fleißig aufzählen konnte – 4+.

Mit Ausrufen wie „Wake up!“ und „Tell erveryone!“ wollte er unsere Aufmerksamkeit hochhalten und unseren Enthusiasmus für seine Sache wecken. Bevor er richtig ausholen konnte, über die Umweltverschmutzung der Welt einen mehrstündigen Monolog zu halten, haben wir ihn unterbrochen „Mach dir mal keine Sorgen, wir fahren ja Fahrrad. Alles klasse für die Umwelt“.
Als er dann weg war, kam ein zweiter Typ zu uns und fragte: „Habt ihr verstanden worüber er geredet hat?“ Wir verneinten und der Typ meinte, dass der Trucker hier alle damit vollquatscht. Da waren wir schon fast erleichtert.

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[Ich füge mal wieder ein paar Karten in diesen Blogeintrag ein - anhand derer man die Stationen etwas besser nachvollziehen kann. (ph)]


Der gesamte Verlauf der Tour bisher

Teilausschnitt mit den in diesem Eintrag erwähnten Orten

Und dann ist da noch dieses Bild, das die beiden mitgeschickt haben, welches ich aber nicht so wirklich zuordnen kann und daher hier am Ende einfüge:

Betitelt mit "Ganz super toll viel Eis!" ... :-)


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