Donnerstag, 20. Juni 2019

Wenn du nicht aufpasst hast du train in den Augen


Wir nahmen das Fahrradfahren in Gitaus wieder auf, einem kleinen Dorf 20 Kilometer nördlich von Terrace, wo Jacob ein Meeting hatte und dementsprechend nicht weiterfuhr. Wir brachten die Kilometer bis Terrace in einer Stunde hinter uns und veranstalteten dort vor Walmart ein zweites Frühstück. Um Terrace setzte, wie von Jacob prophezeit, ein starker Wind ein, der kurz nach Terrace aber wieder verschwand und wir so, unbehelligt über ein paar Hügel und den dann startenden flachen Küstenabschnitt der Strecke hinwegfegten. Die Natur und das Klima veränderten sich auf dem Weg nach Prince Rupert wahrscheinlich ein letztes Mal, wir kamen in Regenwaldgebiet, es wurde deutlich schwüler, wenig Wind, viel Moos an den immer höher ragenden Bäumen. Nach längerer Suche machten wir einen uns zufriedenstellenden Schlafplatz an einem Boatlaunch am Exstew River aus und schlugen dort etwas erschöpft unser Zelt auf. Im weichen Sand der Rampe fanden wir einige frische Bärenspuren, Survivalguide Linus meinte, es wären Schwarzbären, wir verstauten unser Essen also wieder mal sorgfältig in unseren Säcken am Ende eines Astes und legten uns schlafen.

Bärenspuren am Boat Launch

Bärensack sicher verstaut
Der nächste Morgen barg eine miese Überraschung. In unseren Bärensäcken war die Spiritusflasche in Schieflage geraten und anscheinend nicht dicht gewesen, wir hatten sie zumindest noch nicht geöffnet. Wir mussten Brot und Äpfel wegschmeißen und aufgrund der Tatsache, dass es bis Prince Rupert keine Möglichkeit für Nachschubeinkäufe gab, entschlossen wir uns, aufs Frühstück zu verzichten. Wir dümpelten also los, waren kaum 10 Minuten unterwegs, als uns ein unerwartetes Schauspiel fesselte: Ein Personenzug. Ein stehender Personenzug. Mitten im Nirgendwo.

Insgesamt erst der zweite, den wir zu Gesicht bekommen haben. Sie wirken mit ihren drei Waggons lächerlich klein im Vergleich zu den Kolossen von Güterzügen, die halbstündlich über das Gleis am Highway rollen. Neben dem Zug standen verstreut ein paar Menschen herum. Als wir näherkamen, rief uns ein Mann, etwa Mitte vierzig, zu: „Hey guys! Want some Coffee?“ Und ohne uns zweimal bitten zu lassen, fuhren wir über den groben Schotter zu den Gleisen. Das Alter des Typen ist nur deswegen erwähnenswert, weil wir den Altersschnitt der Fahrgäste, die hier vor dem Zug standen, auf um die 75 Jahre geschätzt hätten. Es sollte sich zeigen, dass der Altersschnitt der Leute im Zug ähnlich war und als wir von Bruce, dem „Servicemanager“ des Zuges, in den Speisewagen geführt wurden, guckten uns viele Verblüffte Gesichter an. Wir brauchten ein paar Minuten durch den kurzen Zug, alle zwei Schritte die Eckdaten unserer Tour vor begeistertem Publikum vortragend.

Linus wurde von einer Frau mit den Worten „I know you!“ angequatscht und als dieser die Dame zunächst verwirrt, dann mit einem kurzen Blick der Erkenntnis, gefolgt von einem Gesichtsausdruck des Bedauerns musterte, erkannte er die Frau auch. Es war die ältere der beiden Frauen, die uns in Prince George vor dem Supermarkt angesprochen hatten und längst wussten, wo sie die Ewigkeit verbringen. Warum auch immer hatte sie aus dem Gespräch in Prince George entnommen, dass wir auch mit diesem Zug nach Prince George fahren würden (ehrlich, wir haben keine Ahnung, wie sie auf diesen Trichter gekommen ist). Für sie muss es wohl unglaublich verwirrend gewesen sein, uns in den Zug steigen zu sehen.

Im Speisewagen angekommen, sammelte Bruce gerade von zwei Leuten Geld für den Kaffee ein, füllte zwei weitere Becher, die er uns hinstellte und fragte: „You guys had some cookies today? Take some, here. You need a lot of cookies while cycling!“, während er uns eine volle Keksbox unter die Nase hielt. Wir waren völlig hin und weg.  Wir schlürften dankbar unter dem strahlenden Blick von Bruce unseren Kaffee und kamen ins Gespräch.
 
Kaffee im Zug
Der Zug war von Prince Rupert über Prince George unterwegs nach Jasper und wartete hier gerade auf einen entgegenkommenden Zug, weswegen Bruce vorgeschlagen hatte, sich etwas die Beine zu vertreten. Er ist selbst begeisterter Radfahrer und „warmshower“ Mitglied und als er uns gesehen hatte, war es für ihn selbstverständlich, uns herzurufen. Wir erzählten ihm von unserer Tour und unserer „warmshower“ Erfahrung bei Vinnie und John, worauf er lachend meinte: „Oh yeah! This cabin is beautiful. John is cycling in Chicago right now, I will tell him from you.“ Nach 15 Minuten meinte er dann, dass sie gleich weiterfahren würden, wir leerten also unsere Heißgetränke, griffen nochmal zu den Keksen und machten uns durch die Waggons zurück zum Ausgang. Auch dieser Weg dauerte verglichen mit der Zuglänge ewig, von allen Seiten bekamen wir irgendwas Ess- oder Trinkbares zugesteckt, wir hatten ja schließlich noch eine weite Strecke vor uns.

Mit Müsliriegeln, Trinkpäckchen, Mandarinen, Keksen und Torte (!) beladen, kamen wir die Trittstufen des Zuges herunter, schossen noch ein paar Selfies mit ein paar Fahrgästen und Bruce und als sich die Maschine wieder in Bewegung setzte, standen wir grinsend und winkend neben dem Zug während aus den Fenstern Leute mit Spiegelreflexkameras unser Konterfei ablichteten. Eine Minute später war der Zug dann nicht mehr zu hören. Was für eine Begegnung!
 
Mit Bruce und Speisen bewaffnet
Wir standen noch 20 Minuten am Gleis und ließen das Erlebte auf uns wirken. Zunächst war da Bruce, ein unglaublich netter Kerl, der wahrscheinlich weiß, wie geil es ist, irgendwo Kaffee geschenkt zu bekommen und mit Leuten über seine Tour zu quatschen. Dann die Oma aus Prince George. Für sie war es wahrscheinlich voll die Enttäuschung, als sie uns in Prince Rupert nicht unter den Fahrgästen gesehen hatte. Das dann zwei Stunden später der Zug auf offener Strecke, mitten im Dschungel hielt und die zwei abgeranzten Gestalten aus Prince George einstiegen, muss sie völlig vom Hocker gehauen haben. Das ganze Gourmet Essen, das wir bekommen haben, hat das ausgelassene Frühstück vergessen gemacht. Ich meine, wer rechnet schon damit, Sahnetorte angeboten zu bekommen? Einfach unglaublich.

Als der Zug längst außer Sichtweite war, haben wir uns wieder auf die Räder gesetzt und sind weitergefahren. Die Natur war schier unglaublich. Die letzten zwei-, dreihundert Kilometer waren schon absolut überwältigend, aber die riesig aufragenden Bäume und das hohe Unterholz, mit den nebelumsäumten Gebirgsgipfeln im Hintergrund, gab einem oft das Gefühl, sich im Jurassic Park zu befinden. Die Geräuschkulisse und der wechselnde Duft der Luft, lassen sich leider nicht auf Bildern einfangen, aber von überall wirkten neue Eindrücke für unsere Sinne zum Konsumieren auf uns ein.

An einem der schönsten Ausblicke und der gefährlichsten Passagen auf unserer Tour dieses Tages sahen wir in einer Kurve auf der Gegenfahrbahn in etwa 200 Metern vor uns ein „Etwas“. Wir waren uns erst nicht sicher, ob es ein auf die Fahrbahn ragendes Gestrüpp war, oder vielleicht doch ein Bär, da es sich leicht bewegte. Beim Näherkommen sahen wir einen jungen Mann, der oberkörperfrei in der Kurve an einer Leitplanke lehnte und rauchte. Vor ihm stand ein Fahrrad, mit teilweise abgeladenem Gepäck. Kaum zwei Meter neben ihm rauschten mit über 100 km/h die Pkws und Trucks vorbei.
 
Wer braucht Photoshop ...
Skeena River


Hinter ihm befand sich der Skeena-River, der an diesem Punkt so breit war, dass er auch als See durchgehen könnte. Hinter dem breiten Fluss türmten sich hoch die Coastal Mountains auf – ein unglaublich schöner und überwältigender Anblick. Wir grüßten und fuhren zu ihm hinüber auf die andere Straßenseite. Nach kurzem Austausch haben wir entschieden, dort Mittag zu essen. Also standen nun drei Personen und drei Fahrräder auf dem schmalen Seitenstreifen, zwischen Leitplanke und Fahrbahn. Hartley war auch auf einer Radtour von Victoria (wo er auch lebte) nach Alaska. Er war also noch ganz zu Beginn seiner Reise, wir schon kurz vorm Ende. Zuerst haben wir uns über die Touren ausgetauscht, dann aber auch über dies und das. Es war einfach ein total lieber, ruhiger Kerl und wir standen über eine Stunde mit ihm dort. Er hatte einige Essensspezialitäten bei sich, die er von einem Freund, den er auf der Reise getroffen hatte, geschenkt bekam und nun mit uns teilte. Wir bekamen von ihm Cantucini und Seegras. War beides super lecker.

Erst stand die Überlegung im Raum, dass wir gemeinsam irgendwo hier in der Wildnis campen und die Nacht noch zusammen verbringen, haben uns aber alle drei dann doch dazu entschieden, heute noch einige Kilometer zu fahren und dabei trennten sich leider unsere Wege. Hartley kam gerade aus Prince Rupert und wir wollten dorthin fahren. Nach einer warmherzigen Umarmung (kein einfaches kurzes Umschließen und Klopfen auf den Rücken, sondern sich richtig gemütlich aneinanderschmiegen – gefühlt nehmen sich hier fremde Menschen öfters in den Arm) gingen wir getrennter Wege. Wir haben noch Kontaktdaten ausgetauscht, sodass wir uns untereinander auf dem Laufenden halten können, was auch immer wir erleben.

Zum Abschied gabs von Hartley noch ein freundliches „Don't Die!“ und dann fuhren wir weiter.
Zusammen mit Hartley am Highway
Wir sind noch am selben Tag in Prudhomme Lake angekommen, das ungefähr zwanzig Kilometer vor Prince Rupert liegt. Die Fähre kommt erst in zwei Tagen und so haben wir die erste Nacht an diesem See verbracht. An einem Tag sollten wir die letzten 20 Kilometer wohl noch schaffen.

Dies war der erste Campingplatz, den wir hinter Terrace ansteuerten und er hatte schon ein ganz anderes Flair. Unser kleiner Platz war umringt von riesigen Bäumen, mit Moos bewachsen und neugierige, abgefahren aussehende Vögel erkundeten unsere Mitbringsel. Von den Farnen, die in unser Campingareal wuchsen, gab es Blätter mit denen man den Torso von jedem von uns abdecken konnte, so groß waren die: „Ein Meter achtzig Brennnesseln!“ Ansonsten haben wir uns früh ins Bett begeben, um am nächsten Tag früh in Prince Rupert anzukommen.

Gesagt getan. Als wir Prince Rupert erreichten, fuhren wir einmal durch die gesamte Stadt, um zum Campingplatz nahe des Fähranlegers zu kommen. Als wir dort unsere Sachen abluden und unsere Optionen checkten (Duschen, Waschmaschinen, Toiletten mit fließend Wasser), haben wir uns zum Fähranleger begeben, um schon mal die Tickets für die Tour zu kaufen. Prince Rupert nach Port Hardy kostet pro Person mit Rad 180 Dollar und dauert 22 Stunden. Das war aber alles in unser Budget mit einkalkuliert, also kein zu harter Schlag – dennoch nicht sehr günstig. Für zusätzliche 100 Dollar konnte man eine Kabine für die Nacht dazu buchen. Pff, und wenn wir halt eine Nacht durchmachen müssen...

Das Tickethäuschen war unbesetzt. Schon von Weitem haben wir sehen können, dass das gesamte kleine Häuschen mit mehreren Schildern behängt ist. Auf jenen Stand: „Push Button for service“. Einige hatten auch noch Pfeile darauf, die auf eben jenen Button zeigten.

Was für Leute kommen hierher, dass fünf Schilder nötig sind, um zu erklären was zu tun ist?

Wir haben also den Knopf gedrückt und über Lautsprecher erklärte man uns, dass wir das Ticket morgen direkt vor Abfahrt kaufen können. Wir sollen um neun Uhr hier sein. Die Fähre fährt dann um 11.

Dann ging es in die Stadt, um einzukaufen, sodass wir für die 22-stündige Fahrt genug zu futtern haben.

Nach unserer Rückkehr gab’s eine erfrischende Dusche und die Klamotten wurden in der Waschmaschine verstaut. Als wir an unserem Tisch saßen und Karten spielten, bemerkten wir, dass wir Nachbarn hatten. Zum einen zwei Typen, die sich prächtig unterhielten und noch zwei Frauen, die gerade auf den Platz fuhren. Als die vier untereinander Kontakt knüpften, haben wir schon gedacht, dass das ein ganz netter Abend werden könnte.

Es dauerte nicht lange und einer der beiden Männer schlenderte an unserem Platz vorbei, wir grüßten einander und er meinte: „Sprecht ihr auch deutsch?“ - unser Gekicher beim Kartenspiel muss man quer über den halben Platz gehört haben – war ‘ne heiße Partie!

Wir kamen ins Gespräch und nach kurzem Austausch meinte der freundliche Herr, Mitte dreißig, dass er Feuerholz suche und die vier heute Abend Feuer machen wollen. Er sei ganz allein hier und hat den anderen Typen auch heute erst kennengelernt. Also ein völlig zufälliges Zusammentreffen.

Wir zwei haben uns heute unsere Pulle Schnaps zur Feier des Tages gegönnt, da mit unserem Eintreffen in Prince Rupert ein großer Streckenabschnitt sein Ende findet. Wir schienen also ganz gut vorbereitet, auf ein gemeinsames Zusammensitzen und hatten auch noch was zum Teilen dabei.

Als das Feuer zu brennen begann, sind wir rüber stolziert. Einige Bänke wurden in Position gerückt und dann nahmen wir am Feuer Platz.

Der junge Herr, der das Feuerholz besorgte, stellte sich als Vincent vor. Der andere Herr war Mitte vierzig und heißt Aleks – aus den Niederlanden. Die beiden Damen waren Mutter und Tochter. Die Tochter war in ungefähr unserem Alter. Ihre Mutter dementsprechend etwas älter.

Da wir mit Aleks und Vincent unsere Kontaktdaten teilten, war es etwas einfacher, ihre Namen im Gedächtnis zu behalten. Die der beiden Damen haben wir wiedermal vergessen.

Als wir am Feuer saßen, entwickelten sich immer unterschiedliche Gespräche, zwischen verschiedenen Gruppen. Wir haben zum großen Teil allerdings Vincents spannender Geschichte gelauscht.

Die beiden Frauen waren mit dem Auto unterwegs und genossen ihre freien Tage. Sie kommen beide aus Kanada und fahren beliebte Reiseziele ab. Sie waren etwas aufgebracht, dass wir mit dem Rad von Calgary nach Prince Rupert gefahren sind, aber Attraktionen wie den Banff Nationalpark nicht besucht haben, oder den Ice Field Parkway. Auch bestimmte Wanderwege, die man dort hätte sehen können, sollen jeden Besuch wert sein und sie meinten, wir sollen direkt wieder zurückfahren, um unsere Fehler rückgängig zu machen.

Wir machten immer wieder klar, dass unsere Tour, so wie sie war, hervorragend und einfach unglaublich war und Touristenattraktionen gar nicht unsere vorrangigen Reiseziele sind. Die Damen konnten sich gar nicht vorstellen, was für eine schöne Zeit wir hatten – und das konnten sie wohl wirklich nicht, wie wir feststellen mussten. Für die Mutter waren wir, glaub ich, bis zuletzt „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und den Mt. Robsin Wanderweg nicht gelaufen sind“, oder „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und nicht den Ice Field Parkway durchfahren haben.“

Aleks ist Extremsportler. Er ist, soweit wir das richtig verstanden haben, in vielen Sportarten auf Distanz der zweitbeste Sportler der Welt. Also Radfahren auf Distanz, Laufen auf Distanz, Rudern auf Distanz, Schwimmen auf Distanz usw. irgendwelche Disziplinen aus diesem Metier.

Zurzeit war er mit einem Rudersurfbrett unterwegs. Also man steht auf einem Surfbrett, hinten und vorne das gesamte Gepäck darauf und paddelt sich voran.

Seine Tour startete in Seattle und soll bis nach Alaska gehen – einige hunderte Kilometer hatte er also schon hinter sich. Er war dafür bestens ausgestattet. Er zeigte uns zumindest noch Teile seines Equipments und schenkte uns auch noch praktische Dinge! Wir haben von ihm einen zwanzig Liter Wasserschlauch bekommen und Mahlzeiten, die man einfach mit kochendem Wasser aufgießen kann und dann seine 800 Kcal bekommt. Außerdem gab er Sven seine Sandalen – die super passten – und bot uns noch seine Regenjacke an. Also entweder hatte er zwei dabei, oder er hofft, bis nach Alaska nicht mehr nass zu werden. In jedem Fall super freundlich!

Er meinte, er müsse etwas an Ballast loswerden und ist froh, wenn jemand anderes dann etwas davon hat. Außerdem meinte er, dass wir unser Zelt unter einen Holzunterstand stellen sollten, da es hier in Prince Rupert oft regnet. Und wenn wir am nächsten morgen früh los wollen, gibt es nichts nervigeres, als ein nasses Zelt einzupacken. Er hat sein Zelt auch unter den Unterstand gestellt – ist doch egal, ob das ein Zeltplatz ist oder nicht!

Und dann war da Vincent. Die Stunden mit diesem Mann waren für uns beide sehr eindrucksvoll. Er war bestimmt nicht so ein krasser Sportler wie Aleks, oder hatte schon so viele Urlaubsorte in Kanada gesehen, wie die beiden Damen, aber seine Attitüde war einfach unbeschreiblich phänomenal.

Er hat sich aus Deutschland aufgemacht, um einfach mal einen Tapetenwechsel zu erfahren. Die Arbeit und den Alltag einfach mal hinter sich lassen, hat ihm dieses Leben nicht mehr die Freude bereitet, wie man es sich das vielleicht von seinem Leben wünscht. Er hat noch immer einen Forstbetrieb in der Heimat, der weiterläuft. Doch er hat gar nicht vor, in Kanada einfach Urlaub zu machen. Er will auch hier arbeiten, aber einfach anders als in Deutschland.

Vincent hatte sich in den Kopf gesetzt, Snowboardlehrer zu werden. Das war vor einigen Monaten alles, was er wollte. Also suchte er sich einen Mentor, der ihm all das nötige Zeug dazu beibringen sollte. Vincent achtete wohl darauf, dass dieser Typ richtig viel vom Snowboarden verstand und teilte ihm dann mit, dass er die Prüfung am liebsten in 2-3 Monaten ablegen wolle.

Vincent: „Die Leute haben mich für verrückt erklärt, da der Kurs mit dem bisschen Vorerfahrung, die ich hatte, ein Höllenritt werden könnte und die Leute haben nicht daran geglaubt, dass das jemand schaffen könnte in so kurzer Zeit.“
Am Ende dieser Prüfung muss man drei Prüfungsteile bestehen. Einer davon ist ein Sprung über 18 Meter mit einer 360° Drehung.
Wir: „Hast du bestanden?“
Vincent: „Hab den Sprung nicht 100% gepackt, aber bin durchgekommen. Nicht gut, aber hab bestanden“.

Aktuell wollte er fischen. Am liebsten Krabben, da hierfür gerade die Saison startet. Er war dafür bei jeder erdenklichen Stelle, um sich diesen Traum zu ermöglichen: Polizei, Hafenmeisterei, BC Fischereibehörde, Küstenwache, Touristeninformation, Ortsansässige Kapitäne und jeden Tag ist er hinunter zum Hafen gelaufen, um die Leute vor Ort anzuquatschen. Er meinte, dass die Leute zu Beginn kopfschüttelnd vor ihm standen und ihn für verrückt erklärten. Er solle lieber einen stressfreien Job machen, für den er noch mehr Kohle bekommt. Er wurde gefragt ob er überhaupt wisse, wie anstrengend es ist, bei jedem Wetter 21 Stunden am Stück zu arbeiten, kaum zu ruhen und dann wieder zu arbeiten, mehrere Tage am Stück. „Wenn ich mittlerweile runter zum Hafen gehe, lachen die Fischer und rufen mich ran, dass sie ‘ne Limo für mich über haben“.

Wir haben ihn gefragt, ob es irgendeinen bestimmten Grund gibt, dass er Lust hat zu fischen. Er antwortete einfach: „Ich will einfach fischen.“ Und damit war das für ihn geklärt.

Wir haben später auf der Fähre von Leuten erfahren, dass das Krabbenfischen hier an der Küste einer der rauesten und gefährlichsten Jobs der Welt ist und Leute dabei sterben. Und allein der Weg bis dahin war unglaublich steinig für ihn, da die meisten Leute einen deutschen Touristen vor sich stehen hatten, der vom Fischfang keine Ahnung hatte. Aber er war motiviert. „Am Anfang sag ich den Leuten einfach, dass ich weiß, wie man mit Mob und Wasser umgeht. Den Rest können sie mir ja beibringen“.

Wir sind vollends überzeugt, dass Vincent noch fischen wird. Seine Überzeugung, etwas zu tun ist heftiger und stärker, als alles was wir von uns selbst kannten.
Sven: „Vincent ist so wie die Endpassage aus dem Film The Big Lebowski, wo der alte Cowboy Dude sagt: ‚und irgendwo da draußen ist vielleicht noch ein anderer kleiner Lebowski, der einfach seinen Weg geht‘. Und man weiß einfach, Vincent macht genau das, worauf er Bock hat.“

Linus: „Erinnert mich an diesen Spruch: Alle sagten immer das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat's einfach gemacht“.

Der Abend war wunderschön und wir kamen einige Stunden später ins Bett, als geplant. Am nächsten Morgen haben wir zügig die Sachen zusammengepackt und uns auf zur Fähre gemacht.

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[Hier wieder einmal zwei Karten, die die Route (hoffentlich korrekt) zeigen: (ph)]

Die gesamte Strecke von Calgary bis Prince Rupert

In diesem Bericht erwähnte Orte, von Gitaus bis Prince Rupert

1 Kommentar:

  1. "The cyclists who came to Canada, biked all the way out to Drumheller, and did not see Dinosaur Provincial Park"

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