Wir nahmen das Fahrradfahren in Gitaus wieder auf, einem
kleinen Dorf 20 Kilometer nördlich von Terrace, wo Jacob ein Meeting hatte und
dementsprechend nicht weiterfuhr. Wir brachten die Kilometer bis Terrace in
einer Stunde hinter uns und veranstalteten dort vor Walmart ein zweites
Frühstück. Um Terrace setzte, wie von Jacob prophezeit, ein starker Wind ein,
der kurz nach Terrace aber wieder verschwand und wir so, unbehelligt über ein
paar Hügel und den dann startenden flachen Küstenabschnitt der Strecke
hinwegfegten. Die Natur und das Klima veränderten sich auf dem Weg nach Prince
Rupert wahrscheinlich ein letztes Mal, wir kamen in Regenwaldgebiet, es wurde
deutlich schwüler, wenig Wind, viel Moos an den immer höher ragenden Bäumen.
Nach längerer Suche machten wir einen uns zufriedenstellenden Schlafplatz an
einem Boatlaunch am Exstew River aus und schlugen dort etwas erschöpft unser
Zelt auf. Im weichen Sand der Rampe fanden wir einige frische Bärenspuren,
Survivalguide Linus meinte, es wären Schwarzbären, wir verstauten unser Essen
also wieder mal sorgfältig in unseren Säcken am Ende eines Astes und legten uns
schlafen.
| Bärenspuren am Boat Launch |
| Bärensack sicher verstaut |
Der nächste Morgen barg eine miese Überraschung. In unseren
Bärensäcken war die Spiritusflasche in Schieflage geraten und anscheinend nicht
dicht gewesen, wir hatten sie zumindest noch nicht geöffnet. Wir mussten Brot
und Äpfel wegschmeißen und aufgrund der Tatsache, dass es bis Prince Rupert
keine Möglichkeit für Nachschubeinkäufe gab, entschlossen wir uns, aufs
Frühstück zu verzichten. Wir dümpelten also los, waren kaum 10 Minuten
unterwegs, als uns ein unerwartetes Schauspiel fesselte: Ein Personenzug. Ein
stehender Personenzug. Mitten im Nirgendwo.
Insgesamt erst der zweite, den wir zu Gesicht bekommen
haben. Sie wirken mit ihren drei Waggons lächerlich klein im Vergleich zu den
Kolossen von Güterzügen, die halbstündlich über das Gleis am Highway rollen.
Neben dem Zug standen verstreut ein paar Menschen herum. Als wir näherkamen,
rief uns ein Mann, etwa Mitte vierzig, zu: „Hey guys! Want some Coffee?“ Und
ohne uns zweimal bitten zu lassen, fuhren wir über den groben Schotter zu den
Gleisen. Das Alter des Typen ist nur deswegen erwähnenswert, weil wir den
Altersschnitt der Fahrgäste, die hier vor dem Zug standen, auf um die 75 Jahre
geschätzt hätten. Es sollte sich zeigen, dass der Altersschnitt der Leute im
Zug ähnlich war und als wir von Bruce, dem „Servicemanager“ des Zuges, in den
Speisewagen geführt wurden, guckten uns viele Verblüffte Gesichter an. Wir
brauchten ein paar Minuten durch den kurzen Zug, alle zwei Schritte die
Eckdaten unserer Tour vor begeistertem Publikum vortragend.
Linus wurde von einer Frau mit den Worten „I know you!“
angequatscht und als dieser die Dame zunächst verwirrt, dann mit einem kurzen
Blick der Erkenntnis, gefolgt von einem Gesichtsausdruck des Bedauerns
musterte, erkannte er die Frau auch. Es war die ältere der beiden Frauen, die
uns in Prince George vor dem Supermarkt angesprochen hatten und längst wussten,
wo sie die Ewigkeit verbringen. Warum auch immer hatte sie aus dem Gespräch in
Prince George entnommen, dass wir auch mit diesem Zug nach Prince George fahren
würden (ehrlich, wir haben keine Ahnung, wie sie auf diesen Trichter gekommen
ist). Für sie muss es wohl unglaublich verwirrend gewesen sein, uns in den Zug
steigen zu sehen.
Im Speisewagen angekommen, sammelte Bruce gerade von zwei
Leuten Geld für den Kaffee ein, füllte zwei weitere Becher, die er uns
hinstellte und fragte: „You guys had some cookies today? Take some, here. You need a lot of cookies
while cycling!“, während er uns eine volle Keksbox unter die Nase hielt. Wir
waren völlig hin und weg. Wir schlürften
dankbar unter dem strahlenden Blick von Bruce unseren Kaffee und kamen ins
Gespräch.
Der Zug war von Prince Rupert über Prince George unterwegs
nach Jasper und wartete hier gerade auf einen entgegenkommenden Zug, weswegen
Bruce vorgeschlagen hatte, sich etwas die Beine zu vertreten. Er ist selbst
begeisterter Radfahrer und „warmshower“ Mitglied und als er uns gesehen hatte,
war es für ihn selbstverständlich, uns herzurufen. Wir erzählten ihm von
unserer Tour und unserer „warmshower“ Erfahrung bei Vinnie und John, worauf er
lachend meinte: „Oh yeah! This
cabin is beautiful. John is cycling in Chicago right now, I will tell him from
you.“ Nach 15 Minuten meinte er dann, dass sie gleich weiterfahren
würden, wir leerten also unsere Heißgetränke, griffen nochmal zu den Keksen und
machten uns durch die Waggons zurück zum Ausgang. Auch dieser Weg dauerte
verglichen mit der Zuglänge ewig, von allen Seiten bekamen wir irgendwas Ess-
oder Trinkbares zugesteckt, wir hatten ja schließlich noch eine weite Strecke
vor uns.
Mit Müsliriegeln, Trinkpäckchen, Mandarinen, Keksen und
Torte (!) beladen, kamen wir die Trittstufen des Zuges herunter, schossen noch
ein paar Selfies mit ein paar Fahrgästen und Bruce und als sich die Maschine
wieder in Bewegung setzte, standen wir grinsend und winkend neben dem Zug
während aus den Fenstern Leute mit Spiegelreflexkameras unser Konterfei
ablichteten. Eine Minute später war der Zug dann nicht mehr zu hören. Was für
eine Begegnung!
Wir standen noch 20 Minuten am Gleis und ließen das Erlebte
auf uns wirken. Zunächst war da Bruce, ein unglaublich netter Kerl, der
wahrscheinlich weiß, wie geil es ist, irgendwo Kaffee geschenkt zu bekommen und
mit Leuten über seine Tour zu quatschen. Dann die Oma aus Prince George. Für
sie war es wahrscheinlich voll die Enttäuschung, als sie uns in Prince Rupert
nicht unter den Fahrgästen gesehen hatte. Das dann zwei Stunden später der Zug
auf offener Strecke, mitten im Dschungel hielt und die zwei abgeranzten
Gestalten aus Prince George einstiegen, muss sie völlig vom Hocker gehauen
haben. Das ganze Gourmet Essen, das wir bekommen haben, hat das ausgelassene
Frühstück vergessen gemacht. Ich meine, wer rechnet schon damit, Sahnetorte
angeboten zu bekommen? Einfach unglaublich.
Als der Zug längst außer Sichtweite war, haben wir uns
wieder auf die Räder gesetzt und sind weitergefahren. Die Natur war schier
unglaublich. Die letzten zwei-, dreihundert Kilometer waren schon absolut
überwältigend, aber die riesig aufragenden Bäume und das hohe Unterholz, mit
den nebelumsäumten Gebirgsgipfeln im Hintergrund, gab einem oft das Gefühl,
sich im Jurassic Park zu befinden. Die Geräuschkulisse und der wechselnde Duft
der Luft, lassen sich leider nicht auf Bildern einfangen, aber von überall
wirkten neue Eindrücke für unsere Sinne zum Konsumieren auf uns ein.
An einem der schönsten Ausblicke und der gefährlichsten
Passagen auf unserer Tour dieses Tages sahen wir in einer Kurve auf der
Gegenfahrbahn in etwa 200 Metern vor uns ein „Etwas“. Wir waren uns erst nicht
sicher, ob es ein auf die Fahrbahn ragendes Gestrüpp war, oder vielleicht doch
ein Bär, da es sich leicht bewegte. Beim Näherkommen sahen wir einen jungen
Mann, der oberkörperfrei in der Kurve an einer Leitplanke lehnte und rauchte.
Vor ihm stand ein Fahrrad, mit teilweise abgeladenem Gepäck. Kaum zwei Meter
neben ihm rauschten mit über 100 km/h die Pkws und Trucks vorbei.
Hinter ihm befand sich der Skeena-River, der an diesem Punkt
so breit war, dass er auch als See durchgehen könnte. Hinter dem breiten Fluss
türmten sich hoch die Coastal Mountains auf – ein unglaublich schöner und
überwältigender Anblick. Wir grüßten und fuhren zu ihm hinüber auf die andere
Straßenseite. Nach kurzem Austausch haben wir entschieden, dort Mittag zu essen.
Also standen nun drei Personen und drei Fahrräder auf dem schmalen
Seitenstreifen, zwischen Leitplanke und Fahrbahn. Hartley war auch auf einer
Radtour von Victoria (wo er auch lebte) nach Alaska. Er war also noch ganz zu
Beginn seiner Reise, wir schon kurz vorm Ende. Zuerst haben wir uns über die
Touren ausgetauscht, dann aber auch über dies und das. Es war einfach ein total
lieber, ruhiger Kerl und wir standen über eine Stunde mit ihm dort. Er hatte
einige Essensspezialitäten bei sich, die er von einem Freund, den er auf der
Reise getroffen hatte, geschenkt bekam und nun mit uns teilte. Wir bekamen von
ihm Cantucini und Seegras. War beides super lecker.
Erst stand die Überlegung im Raum, dass wir gemeinsam
irgendwo hier in der Wildnis campen und die Nacht noch zusammen verbringen,
haben uns aber alle drei dann doch dazu entschieden, heute noch einige
Kilometer zu fahren und dabei trennten sich leider unsere Wege. Hartley kam
gerade aus Prince Rupert und wir wollten dorthin fahren. Nach einer
warmherzigen Umarmung (kein einfaches kurzes Umschließen und Klopfen auf den
Rücken, sondern sich richtig gemütlich aneinanderschmiegen – gefühlt nehmen
sich hier fremde Menschen öfters in den Arm) gingen wir getrennter Wege. Wir
haben noch Kontaktdaten ausgetauscht, sodass wir uns untereinander auf dem
Laufenden halten können, was auch immer wir erleben.
Zum Abschied gabs von Hartley noch ein freundliches „Don't
Die!“ und dann fuhren wir weiter.
Wir sind noch am selben Tag in Prudhomme Lake angekommen, das
ungefähr zwanzig Kilometer vor Prince Rupert liegt. Die Fähre kommt erst in
zwei Tagen und so haben wir die erste Nacht an diesem See verbracht. An einem
Tag sollten wir die letzten 20 Kilometer wohl noch schaffen.
Dies war der erste Campingplatz, den wir hinter Terrace
ansteuerten und er hatte schon ein ganz anderes Flair. Unser kleiner Platz war
umringt von riesigen Bäumen, mit Moos bewachsen und neugierige, abgefahren
aussehende Vögel erkundeten unsere Mitbringsel. Von den Farnen, die in unser
Campingareal wuchsen, gab es Blätter mit denen man den Torso von jedem von uns
abdecken konnte, so groß waren die: „Ein Meter achtzig Brennnesseln!“ Ansonsten
haben wir uns früh ins Bett begeben, um am nächsten Tag früh in Prince Rupert
anzukommen.
Gesagt getan. Als wir Prince Rupert erreichten, fuhren wir
einmal durch die gesamte Stadt, um zum Campingplatz nahe des Fähranlegers zu
kommen. Als wir dort unsere Sachen abluden und unsere Optionen checkten
(Duschen, Waschmaschinen, Toiletten mit fließend Wasser), haben wir uns zum
Fähranleger begeben, um schon mal die Tickets für die Tour zu kaufen. Prince
Rupert nach Port Hardy kostet pro Person mit Rad 180 Dollar und dauert 22
Stunden. Das war aber alles in unser Budget mit einkalkuliert, also kein zu
harter Schlag – dennoch nicht sehr günstig. Für zusätzliche 100 Dollar konnte
man eine Kabine für die Nacht dazu buchen. Pff, und wenn wir halt eine Nacht
durchmachen müssen...
Das Tickethäuschen war unbesetzt. Schon von Weitem haben wir
sehen können, dass das gesamte kleine Häuschen mit mehreren Schildern behängt
ist. Auf jenen Stand: „Push Button for service“. Einige hatten auch noch Pfeile darauf, die auf eben jenen
Button zeigten.
Was für Leute kommen hierher, dass fünf Schilder nötig sind,
um zu erklären was zu tun ist?
Wir haben also den Knopf gedrückt und über Lautsprecher
erklärte man uns, dass wir das Ticket morgen direkt vor Abfahrt kaufen können.
Wir sollen um neun Uhr hier sein. Die Fähre fährt dann um 11.
Dann ging es in die Stadt, um einzukaufen, sodass wir für
die 22-stündige Fahrt genug zu futtern haben.
Nach unserer Rückkehr gab’s eine erfrischende Dusche und die
Klamotten wurden in der Waschmaschine verstaut. Als wir an unserem Tisch saßen
und Karten spielten, bemerkten wir, dass wir Nachbarn hatten. Zum einen zwei
Typen, die sich prächtig unterhielten und noch zwei Frauen, die gerade auf den
Platz fuhren. Als die vier untereinander Kontakt knüpften, haben wir schon
gedacht, dass das ein ganz netter Abend werden könnte.
Es dauerte nicht lange und einer der beiden Männer
schlenderte an unserem Platz vorbei, wir grüßten einander und er meinte: „Sprecht
ihr auch deutsch?“ - unser Gekicher beim Kartenspiel muss man quer über den
halben Platz gehört haben – war ‘ne heiße Partie!
Wir kamen ins Gespräch und nach kurzem Austausch meinte der
freundliche Herr, Mitte dreißig, dass er Feuerholz suche und die vier heute
Abend Feuer machen wollen. Er sei ganz allein hier und hat den anderen Typen
auch heute erst kennengelernt. Also ein völlig zufälliges Zusammentreffen.
Wir zwei haben uns heute unsere Pulle Schnaps zur Feier des
Tages gegönnt, da mit unserem Eintreffen in Prince Rupert ein großer
Streckenabschnitt sein Ende findet. Wir schienen also ganz gut vorbereitet, auf
ein gemeinsames Zusammensitzen und hatten auch noch was zum Teilen dabei.
Als das Feuer zu brennen begann, sind wir rüber stolziert.
Einige Bänke wurden in Position gerückt und dann nahmen wir am Feuer Platz.
Der junge Herr, der das Feuerholz besorgte, stellte sich als
Vincent vor. Der andere Herr war Mitte vierzig und heißt Aleks – aus den
Niederlanden. Die beiden Damen waren Mutter und Tochter. Die Tochter war in
ungefähr unserem Alter. Ihre Mutter dementsprechend etwas älter.
Da wir mit Aleks und Vincent unsere Kontaktdaten teilten,
war es etwas einfacher, ihre Namen im Gedächtnis zu behalten. Die der beiden
Damen haben wir wiedermal vergessen.
Als wir am Feuer saßen, entwickelten sich immer
unterschiedliche Gespräche, zwischen verschiedenen Gruppen. Wir haben zum großen
Teil allerdings Vincents spannender Geschichte gelauscht.
Die beiden Frauen waren mit dem Auto unterwegs und genossen
ihre freien Tage. Sie kommen beide aus Kanada und fahren beliebte Reiseziele
ab. Sie waren etwas aufgebracht, dass wir mit dem Rad von Calgary nach Prince
Rupert gefahren sind, aber Attraktionen wie den Banff Nationalpark nicht
besucht haben, oder den Ice Field Parkway. Auch bestimmte Wanderwege, die man
dort hätte sehen können, sollen jeden Besuch wert sein und sie meinten, wir
sollen direkt wieder zurückfahren, um unsere Fehler rückgängig zu machen.
Wir machten immer wieder klar, dass unsere Tour, so wie sie
war, hervorragend und einfach unglaublich war und Touristenattraktionen gar
nicht unsere vorrangigen Reiseziele sind. Die Damen konnten sich gar nicht
vorstellen, was für eine schöne Zeit wir hatten – und das konnten sie wohl
wirklich nicht, wie wir feststellen mussten. Für die Mutter waren wir, glaub
ich, bis zuletzt „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und den Mt. Robsin
Wanderweg nicht gelaufen sind“, oder „die Radfahrer, die nach Kanada kommen und
nicht den Ice Field Parkway durchfahren haben.“
Aleks ist Extremsportler. Er ist, soweit wir das richtig
verstanden haben, in vielen Sportarten auf Distanz der zweitbeste Sportler der
Welt. Also Radfahren auf Distanz, Laufen auf Distanz, Rudern auf Distanz, Schwimmen
auf Distanz usw. irgendwelche Disziplinen aus diesem Metier.
Zurzeit war er mit einem Rudersurfbrett unterwegs. Also man
steht auf einem Surfbrett, hinten und vorne das gesamte Gepäck darauf und
paddelt sich voran.
Seine Tour startete in Seattle und soll bis nach Alaska
gehen – einige hunderte Kilometer hatte er also schon hinter sich. Er war dafür
bestens ausgestattet. Er zeigte uns zumindest noch Teile seines Equipments und
schenkte uns auch noch praktische Dinge! Wir haben von ihm einen zwanzig Liter
Wasserschlauch bekommen und Mahlzeiten, die man einfach mit kochendem Wasser
aufgießen kann und dann seine 800 Kcal bekommt. Außerdem gab er Sven seine
Sandalen – die super passten – und bot uns noch seine Regenjacke an. Also
entweder hatte er zwei dabei, oder er hofft, bis nach Alaska nicht mehr nass zu
werden. In jedem Fall super freundlich!
Er meinte, er müsse etwas an Ballast loswerden und ist froh,
wenn jemand anderes dann etwas davon hat. Außerdem meinte er, dass wir unser
Zelt unter einen Holzunterstand stellen sollten, da es hier in Prince Rupert
oft regnet. Und wenn wir am nächsten morgen früh los wollen, gibt es nichts
nervigeres, als ein nasses Zelt einzupacken. Er hat sein Zelt auch unter den
Unterstand gestellt – ist doch egal, ob das ein Zeltplatz ist oder nicht!
Und dann war da Vincent. Die Stunden mit diesem Mann waren
für uns beide sehr eindrucksvoll. Er war bestimmt nicht so ein krasser Sportler
wie Aleks, oder hatte schon so viele Urlaubsorte in Kanada gesehen, wie die
beiden Damen, aber seine Attitüde war einfach unbeschreiblich phänomenal.
Er hat sich aus Deutschland aufgemacht, um einfach mal einen
Tapetenwechsel zu erfahren. Die Arbeit und den Alltag einfach mal hinter sich
lassen, hat ihm dieses Leben nicht mehr die Freude bereitet, wie man es sich
das vielleicht von seinem Leben wünscht. Er hat noch immer einen Forstbetrieb
in der Heimat, der weiterläuft. Doch er hat gar nicht vor, in Kanada einfach
Urlaub zu machen. Er will auch hier arbeiten, aber einfach anders als in
Deutschland.
Vincent hatte sich in den Kopf gesetzt, Snowboardlehrer zu
werden. Das war vor einigen Monaten alles, was er wollte. Also suchte er sich
einen Mentor, der ihm all das nötige Zeug dazu beibringen sollte. Vincent
achtete wohl darauf, dass dieser Typ richtig viel vom Snowboarden verstand und
teilte ihm dann mit, dass er die Prüfung am liebsten in 2-3 Monaten ablegen
wolle.
Vincent: „Die Leute haben mich für verrückt erklärt, da der
Kurs mit dem bisschen Vorerfahrung, die ich hatte, ein Höllenritt werden könnte
und die Leute haben nicht daran geglaubt, dass das jemand schaffen könnte in so
kurzer Zeit.“
Am Ende dieser Prüfung muss man drei Prüfungsteile bestehen.
Einer davon ist ein Sprung über 18 Meter mit einer 360° Drehung.
Wir: „Hast du bestanden?“
Vincent: „Hab den Sprung nicht 100% gepackt, aber bin
durchgekommen. Nicht gut, aber hab bestanden“.
Aktuell wollte er fischen. Am liebsten Krabben, da hierfür
gerade die Saison startet. Er war dafür bei jeder erdenklichen Stelle, um sich
diesen Traum zu ermöglichen: Polizei, Hafenmeisterei, BC Fischereibehörde,
Küstenwache, Touristeninformation, Ortsansässige Kapitäne und jeden Tag ist er
hinunter zum Hafen gelaufen, um die Leute vor Ort anzuquatschen. Er meinte,
dass die Leute zu Beginn kopfschüttelnd vor ihm standen und ihn für verrückt
erklärten. Er solle lieber einen stressfreien Job machen, für den er noch mehr
Kohle bekommt. Er wurde gefragt ob er überhaupt wisse, wie anstrengend es ist,
bei jedem Wetter 21 Stunden am Stück zu arbeiten, kaum zu ruhen und dann wieder
zu arbeiten, mehrere Tage am Stück. „Wenn ich mittlerweile runter zum Hafen
gehe, lachen die Fischer und rufen mich ran, dass sie ‘ne Limo für mich über
haben“.
Wir haben ihn gefragt, ob es irgendeinen bestimmten Grund gibt,
dass er Lust hat zu fischen. Er antwortete einfach: „Ich will einfach fischen.“
Und damit war das für ihn geklärt.
Wir haben später auf der Fähre von Leuten erfahren, dass das
Krabbenfischen hier an der Küste einer der rauesten und gefährlichsten Jobs der
Welt ist und Leute dabei sterben. Und allein der Weg bis dahin war unglaublich
steinig für ihn, da die meisten Leute einen deutschen Touristen vor sich stehen
hatten, der vom Fischfang keine Ahnung hatte. Aber er war motiviert. „Am Anfang
sag ich den Leuten einfach, dass ich weiß, wie man mit Mob und Wasser umgeht. Den
Rest können sie mir ja beibringen“.
Wir sind vollends überzeugt, dass Vincent noch fischen wird.
Seine Überzeugung, etwas zu tun ist heftiger und stärker, als alles was wir von
uns selbst kannten.
Sven: „Vincent ist so wie die Endpassage aus dem Film The
Big Lebowski, wo der alte Cowboy Dude sagt: ‚und irgendwo da draußen ist
vielleicht noch ein anderer kleiner Lebowski, der einfach seinen Weg geht‘. Und
man weiß einfach, Vincent macht genau das, worauf er Bock hat.“
Linus: „Erinnert mich an diesen Spruch: Alle sagten immer
das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat's einfach gemacht“.
Der Abend war wunderschön und wir kamen einige Stunden
später ins Bett, als geplant. Am nächsten Morgen haben wir zügig die Sachen
zusammengepackt und uns auf zur Fähre gemacht.
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[Hier wieder einmal zwei Karten, die die Route (hoffentlich korrekt) zeigen: (ph)]
![]() |
| Die gesamte Strecke von Calgary bis Prince Rupert |
![]() |
| In diesem Bericht erwähnte Orte, von Gitaus bis Prince Rupert |





"The cyclists who came to Canada, biked all the way out to Drumheller, and did not see Dinosaur Provincial Park"
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