Mittwoch, 29. Mai 2019

Far over the Rocky Mountains cold...


Der Start aus Edmonton verlief ähnlich wie der Start aus Calgary etwas träge. Wir standen früh auf, um uns von Kirstin, Marco und Dante zu verabschieden, die zur Arbeit und zur Schule mussten. Die Nacht war dementsprechend kurz, und wir genossen am Morgen den Luxus von gutem Kaffee und einem entspannten Frühstück ausgiebig, bis wir nach und nach aus unserem Halbschlaf erwachten und unsere sieben Sachen packten, bis es dann gegen Mittag losging.

Der Weg aus Edmonton raus verlief relativ ereignislos, allerdings fuhren wir nicht wie geplant über den Highway 16a aus der Stadt, sondern nahmen eine weniger geschäftige Parallelstraße. Die versackte dann irgendwann auf einer üblen Schotterpiste, die wir bei der nächsten Möglichkeit Richtung Highway verließen. Ein breiter Seitenstreifen machte das Fahren neben den vielen Autos erträglich und wir spulten bis zum Abend noch einige Kilometer runter, fuhren beim Wabamun Lake Provincial Park vom Highway ab und suchten den zugehörigen Campingplatz, der noch ziemlich leer war. Die nette Frau im Office warnte uns vor dem kommenden May-long-weekend. Dieser ominöse Zeitpunkt, von dem uns schon in Drumheller berichtet wurde, wo das Wetter besser werden soll und alles auf die Campingplätze und in die Natur strömt. Sie meinte, wir sollten auf jeden Fall vorbuchen, wenn wir auf Campingplätze wollen. Hier hatten wir aber fast noch freie Platzwahl, durch die Bäume sah man nur vereinzelt andere Camper. Am nächsten Tag gings mit Nieselregen los, der sich bis zum Nachmittag hielt. Wir entschieden uns, noch einen Tag zu bleiben und das schlechte Wetter auszusitzen. Blogschreiben, Lesen und Frisbeewerfen füllen solche Tage hervorragend aus.

Die Sonne weckte uns am nächsten Tag und lockte uns wieder auf die Piste. Und wie! Das gute Wetter machte die Beine leicht und wir flogen über den Highway, der, je weiter wir uns von Edmonton entfernten, immer leerer wurde. Die sanften Hügel wurden immer mehr durch kleine Wäldchen geschmückt, die immer größer wurden und in den nächsten Tagen die Felder und Wiesen komplett ablösten und zu einem dichten Wald wurden, der sich entlang der vierspurigen Fahrbahn erstreckte. Mittag machten wir an einem kleinen Generalstore am Highway und erkundigten uns nach dem nächsten Campingplatz auf unserer Route. Zweimal wurde uns Noejack genannt, läge direkt am Highway, nicht zu verfehlen. Der Name stand dann auch einige Kilometer später neben Jasper und Hinton auf einem Kilometerangabenschild, wir beschlossen also, das kleine Dorf anzusteuern. Dreißig Kilometer später offenbarte sich uns dann Noejack. 23 Campingbänke, eine Wasserpumpe und ein Toilettenhaus waren die Ausstattung Noejacks, dass tatsächlich nur aus diesem Campingplatz bestand. Wahrscheinlich die 23 bekanntesten Bänke, die uns bis jetzt begegnet sind. Für uns war der Campingplatz aber super, wir machen uns beim Schlafen nichts aus Straßenlärm und selbst der nahm zum Abend hin stark ab, so dass nur noch ab und zu ein Truck störend vorbeisauste. Es ist schon interessant, wie wenig Menschen hier oben leben. Über die Tage bis hin zu den Rockies konnte man förmlich spüren, wie einem mit jedem Kilometer weniger Autos entgegenkamen und einen überholten.

Unser Plätzchen bei NoeJack

Das eigentlich Erwähnenswerte zu Noejack war, dass, als wir die Einfahrt runterrollten, ein anderes, voll bepacktes Fahrrad zwischen den Bäumen stand. Wie sich herausstellte, gehörte es zu Daniel, der vor einigen Tagen aus Edmonton aufgebrochen war und uns wahrscheinlich den ganzen Tag nur einige Kilometer voraus war, er war nur wenige Minuten vor uns eingetroffen. Für uns drei das erste Mal auf unseren Touren, dass wir andere Radfahrer trafen. Nachdem wir alles im Zelt verstaut hatten und unsere Bärensäcke, auf Rat von Daniel, aufgehängt hatten (bei Wabamun Lake wurden wir auf die Frage nach Bären noch etwas komisch angeguckt), saßen wir noch etwas zusammen, tauschten uns über unsere Routen aus und glichen Reiseerfahrungen ab. Er war echt ein Sonnenschein, wenn er nicht lächelte, lachte er und versprühte große Lebenslust. Sein Plan war es, am nächsten Tag bis Edson zu fahren, das die nächste Stadt sein sollte. Von da würden ihn seine Eltern kurz fürs Long-may-weekend einsammeln und ihn am Ende wieder dort absetzen, sein eigentliches Ziel war Vancouver, dass er über Jasper und Kamploops erreichen wollte. Er gab für die Campingplätze Entwarnung und bestätigte unseren Gedanken, dass für ein Zelt eigentlich immer Platz wäre.

Bärensäcke fast fachgerecht verstaut
Wir starteten am nächsten Tag eine halbe Stunde später als Daniel, bekamen ihn aber trotz knapp über 23 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit nicht mehr zu Gesicht. Die Kurzlebigkeit mancher Begegnungen ist beim Reisen dann auch schade, wir hätten uns gut vorstellen können, mit diesem netten Typ ein paar Kilometer gemeinsam zu machen. Ziel an diesem Tag war Hornbeck Creek, wieder ein Campingplatz direkt am Highway. Das Campareal war etwas vom Parkplatz abgeschottet, so dass sich an der Seite des sich schlängelnden Flusses und des Waldes eine gemütliche Campingidylle ergab. Neben uns hatten noch zwei weitere Familien für ein paar Tage ihre Camper hier aufgestellt, ganz entspannt also. Wir bekamen auch direkt von einer Frau Feuerholz angeboten, campen ohne Lagerfeuer ist hier nicht häufig gesehen, man kann auch an fast allen Campingplätzen Feuerholz kaufen. Am Abend haben wir wieder unsere Bärensäcke in einen passenden Baum gehängt. Den passenden Baum zu finden erweist sich als schwieriger als gedacht, obwohl wir ja jetzt im Waldgebiet sind. Man muss einen Ast finden, der so hoch hängt, dass ein Grizzly nicht drankommt und ein Schwarzbär ihn nicht abbrechen bzw. darauf klettern kann oder ihn vom Stamm erreicht. Das Gewicht der Bärensäcke sollte der Ast natürlich auch tragen. Die dicht stehenden und sehr dünnen Zedern bieten solche Äste eigentlich gar nicht. Wir fanden dann schließlich doch einen passenden Ast oben beim Parkplatz wo wir unser Zeug hinhängten. Unseren Lagerfeuerabend beendete dann die Kühle der Nacht, zu der sich etwas Regen gesellte.

Buchführung in Hornbeck Creek

Unser Platz bei Hornbeck Creek
Der nächste Morgen war sonnig, für Hinton war aber den ganzen Tag strömender Regen vorhergesagt, wir spielten mit dem Gedanken noch eine Nacht hier zu bleiben und den Tag zum Blogschreiben zu nutzen. Dieser Plan verflog relativ abrupt, als wir auf dem Weg zu unseren Bärensäcken feststellten, dass eben diese nicht mehr da waren. Seil und Karabiner waren auch weg, ein Bär war also auszuschließen. Hatte uns wirklich jemand mitten im Nirgendwo unsere Bärensäcke geklaut? Wir waren irgendwie ziemlich aufgeschmissen, schließlich war neben unserem ganzen Essen auch unser Kochequipment in den Säcken gewesen. In dem Moment kamen ein paar blöde Gedanken in uns hoch. Was, wenn wir die Säcke nicht wiederkriegen, den ganzen Kram nachzukaufen dürfte ziemlich teuer bis unmöglich werden, schließlich haben wir alles in Großstädten gekauft, bisher hatten wir in den ganzen kleineren Dörfern noch nicht wirklich Outdoor-Ausrüster gesehen. Die in Kauf zu nehmenden Umwege hätten auch ziemlich in unsere Routenplanung eingeschnitten, die durch unsere langen Aufenthalte in Edmonton und Calgary und die kalten Nächte, die damit verbundenen späten Starts, etwas zusammen gestutzt wurde.

Wir klopften bei einem RV, der neben unserem Baum stand und gestern Abend noch nicht da war. Der Mann, der öffnete, konnte uns zumindest sagen, wer unser Frühstück hatte. Um halb acht am Morgen ist wohl eine Frau vom Campingplatzpersonal vorbeigekommen und hat die Selfregistration-Box geleert.

Self Registration Card
Dabei hat sie wohl unsere herrenlosen Bärensäcke gesehen und diese nach kurzer Nachfrage bei ihm und seiner Frau, die natürlich nicht wussten, wem die Säcke im Baum gehören, mitgenommen. Zum Frust gesellte sich nun Unverständnis. Wer zum Geier fährt um halb acht morgens über den Campingplatz und sammelt Sachen ein. Check-out ist um 14:00 Uhr, vergessene Sachen abgreifen ist also kein Argument. Auch sollten in Bearcountry Bearbags nicht so unbekannt sein, dass man nicht weiß, was das ist. Für uns schien es zumindest einfach nachzuvollziehen, dass die zwei Räder und die Bärensäcke im Baum zusammengehören bzw. irgendjemand über Nacht sein Essen in den Säcken sichert. Das Paar hatte die Mailadresse, an die die Überweisungsträger für Kreditkartenbezahlung geschickt wurden, falls man kein Bargeld dabei hat. Da das unsere einzige Hoffnung war haben wir an Unbekannt unsere Hilfemail geschrieben und auf Antwort gewartet. In derselben Zeit haben die beiden eine Telefonnummer herausgefunden und dort angerufen. Sie schienen an der richtigen Adresse gewesen zu sein, zumindest schilderten sie der Person an der anderen Seite der Leitung unsere Lage und meinten kurz darauf, dass unsere Sachen in einer Stunde wieder da wären, jemand würde sie vorbei bringen. Nochmal Glück gehabt.

Als wir von unseren Campingnachbarn gefragt wurden, wie unsere Pläne nun aussähen und wir ihnen mittteilten, dass wir wegen des Wetters in Hinton noch eine Nacht bleiben wollten, winkten diese nur ab. „You shouldn't trust the weatherforecast, we have friends in Hinton, i gonna ask them what the weather looks like!“ Von seinen Freunden gabs grünes Licht und als wir dann um kurz nach eins unsere Bärensäcke ohne großen Kommentar vorbeigebracht bekamen, machten wir uns noch auf den Weg nach Hinton, bei dem Tempo der letzten Tage würden wir gegen Abend dort sein. Je näher wir den Rockies kamen, desto hügeliger wurde es, der Weg nach Hinton war also doch nicht so leicht wie gedacht und wir kamen ziemlich erschöpft und hungrig dort an, fanden den Campingplatz aber ohne große Mühe. Das Büro war unbesetzt, wir fragten also einfach einen der anderen Camper ob sie ein Auge auf die Räder haben könnten, wir hatten auf dem Weg in die Stadt rein eine Pizzeria entdeckt, der wir einen Besuch abstatten wollten. Ziemlich vollgefressen kamen wir zwei Stunden später aus dem mit Eishockeypokalen vollgestellten Restaurant und machten uns auf den Weg zurück zum Campingplatz. Das Büro war dort immer noch unbesetzt. Dan, der Mann, dem wir unsere Räder anvertraut hatten, hatte sich mittlerweile ein Lagerfeuer angezündet und wir gesellten uns mit ein paar Stücken Pizza, die wir nicht mehr geschafft hatten dazu.

Unser Platz in Hinton
 Nach kurzem Plausch haben wir uns in unser Zelt zurückgezogen. Die Bärensäcke konnten wir zu Dan in den Wagen schmeißen, da es auf dem Campground keine Bärencontainer gab und wir schon etwas gezeichnet waren, durch unsere Erfahrung von letzter Nacht.

Am nächsten Morgen sollte es dann mit einiger Verspätung losgehen. Wir wollten noch unsere Blogeinträge verschicken und auch einige Videos hochladen, die wir auf unserer Tour bis hierhin gemacht hatten. Das Internet war allerdings so unglaublich langsam, dass wir für die Blogeinträge mitsamt Bildern noch einige weitere Stunden auf dem Campingplatz verbrachten. Außerdem wollten wir unsere Geräte aufladen und dafür hatten wir lediglich die Steckdosen aus den öffentlichen Waschräumen, die wir nicht völlig unbeaufsichtigt lassen wollten. Also ging erst der Erste los: duschte sich, putzte Zähne, schnitt Finger- und Fußnägel und danach der Zweite – Hauptsache es dauert und wir können die Geräte aufladen.

Gegen 14 Uhr sind wir dann von dem Campinggelände aufgebrochen, mussten dann allerdings noch einkaufen. Wir wussten zumindest, dass die bevorstehenden Tage weniger Supermärkte für uns bereithielten und wollten deshalb gut vorbereitet sein. Als dann eine weitere Stunde verging, war das Frühstück schon einige Stunden her, sodass wir beim Supermarkt dann unsere erste „Pause“ einrichteten und was aßen. Gegen 16 Uhr haben wir Hinton verlassen, waren aber top motiviert, um nun in kürzester Zeit möglichst viele Kilometer abzustrampeln, sodass wir unser Pensum bis vor Sonnenuntergang erreichten.

Spannend waren die ersten Schilder, als wir auf den Highway 40 einbogen, die Autofahrerinnen davor warnten, dass man lieber noch volltanken soll, da die nächste Tankstelle erst in ca. 200km auf einen wartete.

Rast am Highway 40
Der Highway 40 war eine ganz, ganz andere Herausforderung. Die ersten 15-20 Kilometer sind wir stetig bergauf gefahren. Von „ein bisschen Bergauf“, bis hin zu „extrem steil Bergauf“. Zumindest konnten wir beide, trotz Fahren im kleinsten Gang, kaum fließend treten. Jeder Pedalentritt wurde von einem Schnauben begleitet. Und wir beide wussten: Bei 8km/h bergauf wird das die nächsten zwei Stunden so andauern. Und so war es auch. Dafür waren die Pausen, die wir immer öfters einlegen mussten, um etwas zu trinken und die Beine auszuschütteln, umso lohnender. Der Ausblick, den wir bekamen, umso höher wir fuhren, war einfach unbeschreiblich. Das Panorama mit den Rockies, die sich hoch am Horizont auftürmten, war mit nichts zu vergleichen, was wir beide kannten. Anders als die Alpen, beginnen die Rockies einfach von jetzt auf gleich. Inmitten der weiten Ebenen türmten sich riesige, brachiale Steinkolosse auf, deren Gipfel teils hinter Wolken verschwammen. Oft wurde aus einer Trinkpause ein Moment des Schweigens und des Staunens. Vielleicht auch ein wenig deshalb, weil wir wussten, dass wenn es weiter den Berghang hinauf geht, wir mit unglaublichen Anstrengungen zu rechnen haben.  

Blick aus Hinton auf die Rockies
Auf zu den Rockies
Doch wir waren auch auf der Hut und aufmerksam, beobachteten die Straßen vor uns hinter uns. Zum einen wegen der Bären, oder anderen Wildtieren, zum anderen wegen der Autos, die meistens mit über 100km/h an uns vorbeizogen.

Auf einem langgezogenen Stück: Eine komplett gerade Straße über Kilometer bergauf, da bemerkte Linus, dass Sven leichter trat bei selbem Tempo und das, obwohl er selbst schon im kleinsten Gang fuhr. Da fragte er nach vorn: „Sag mal, ist deine Schaltung anders als meine? Fährst du schon im kleinsten Gang?“.

„Moment, ich schau mal ob ich noch einmal runter schrrrrrrrrrr“, kam es zurück als Sven ins Stocken kam und keinen Zoll mehr vorwärtskam. Seine Kette war beim Schalten abgesprungen und hatte sich beim hinteren Zahnkranz zwischen seinen Speichen verhakt. Beim Anheben des Rades, hatte sich sein Sattel aus der Halterung gelöst und wir haben das Fahrrad vorerst von der Straße geholt, um zu flicken, was ging. Das mit der Kette war ein langer Akt, ließ sich aber letztlich beheben. Sven, der schon einige Räder geflickt und so manche abgesprungene Kette an ihren Platz befördert hat, meinte, dass er eine derart verhedderte Kette zwischen den Speichen noch nicht erlebt hatte.

Das mit dem Sattel erwies sich allerdings als noch größeres Problem. Wie man sich vielleicht vorstellen kann, ist es nicht nur unpraktisch, sondern auch fahrlässig, auf einem nicht richtig befestigten Sattel zu sitzen und mehrere hunderte Kilometer und Stunden darauf abzustrampeln. Das Sattelstück, auf dem man sitzt, wird stabilisiert durch Eisenstriemen, welche aus der Verankerung gerissen waren. Mit purer Muskelkraft ließ sich das Ding nicht wieder zurückbiegen.
Einen zweiten Sattel hatten wir auch nicht dabei. Die Notlösung war also, den nächstbesten Campingplatz anzusteuern und dort vorerst zu rasten. Wenn wir lange genug grübeln, finden wir schon eine Lösung – vielleicht ist ja auch jemand auf dem Gelände und kann uns helfen.

Der private Campingplatz, bei dem wir spät abends ankamen, soll laut Schildern ausgebucht sein. Der nächste dahinter lag einige Kilometer entfernt – die wollten wir bei aller Liebe nicht mehr strampeln. Haben erst überlegt, uns einfach in die Wälder zu hauen, aber die hereinbrechende Nacht stand bevor und wir waren nicht nur müde, sondern hatten auch Hunger. Und in Bearcountry lassen wir uns lieber Zeit, beim Suchen eines geeigneten Plätzchens. Es dauert halt alles länger und die Zeit hatten wir gerade nicht. Dann dachten wir, ob wir uns einfach eine Nacht illegal neben das Holzlager des gut besuchten Campingplatzes hauen und uns einen Wecker auf 5,6 Uhr stellen, um früh die Sachen zu packen und weiterzufahren. Alles irgendwie ätzend. Das bisschen Luxus (nachts ruhig irgendwo zu schlafen) wollten wir uns heute nicht nehmen lassen.

Wir haben dann über eine Internetseite für viel Geld einen Campingplatz reservieren können. Eine Nacht sollte irgendwie 30 Dollar kosten – soweit noch okay. Aber man kann hier nur reservieren, sonst darf man nicht campen. Und die Reservierungsgebühr kostet jeden 15 Dollar. So teuer waren nicht mal unsere AirBnB Angebote in New York, oder Calgary pro Nacht. Als wir dann neben unserem aufgebauten Zelt saßen und uns was zu essen machten, waren diese Sorgen glatt vergessen. Auch unsere Bärensäcke konnten wir wieder bei Nachbarn im Auto verstauen. Willi, der den größten Bus zum Camping ausfuhr, den wir je gesehen hatten, war bester Laune und lud uns auch noch zum gemeinsamen Sitzen an deren Feuer ein – er will gerne unsere Geschichten hören.

Wir bedankten uns für die Einladung, waren aber zu kaputt und mental verbraucht, um das Angebot anzunehmen. Der Tag hatte schon Nerven gekostet.

Am nächsten Tag ließen wir uns erneut Zeit, da der morgen sehr kühl begann. Um uns herum brach Festivalstimmung eines Abfahrtstages aus. Long May Weekend näherte sich dem Ende und so wurden überall die Campingplätze geräumt, einige von ihnen waren schon aufgebrochen, bevor wir überhaupt wach wurden. Kurz vor unserem Aufbruch (auch hier hatten wir eine Steckdose und wir wollten das Aufladen unserer Geräte hinauszögern – zumal wir immer noch keine gescheite Idee wegen des Sattels hatten), kam ein Auto der Park Officer vorbei. Sie erkundigten sich, ob wir gestern Stress mit einigen anderen Campingbesuchern hatten, was wir verneinten.

Und schon waren wir im Gespräch. Einer der Beiden war sofort bei unseren Rädern und begann zu grübeln: „Vor ein paar Tagen, habe ich irgendwo ‘n altes Fahrrad im Graben liegen sehen... Jungs, ich bin gleich wieder da! Gebt mir 10 Minuten!“. Und dann waren sie auch schon wieder weg. Wir zwei hatten nichts zu verlieren, also warteten wir auf ihre Rückkehr.

Leider Fehlanzeige. Das Fahrrad war bereits verschwunden. Die beiden Officer waren dennoch sehr freundlich und versuchten mit uns gemeinsam zu einer Lösung für das Problem zu kommen. Wir entschieden letztlich, dass wir weiter zum nächsten Campingplatz fahren werden und dann schauen werden, ob sich weitere Optionen auftun. Er hingegen sagte, er will nach uns schauen, da unsere Route auf dem Highway 40 Teil seines Arbeitsbereiches ist – wenn er nicht verhindert ist.

Als wir beim nächsten Campingplatz recht früh ankamen, erwartete man uns bereits „Aaah the Cyclists“. Der Officer hatte bereits von uns berichtet und wollte sichergehen, dass wir ja einen guten Schlafplatz hier finden werden.

Wir entschieden den Tag in Ruhe zu verbringen, Plätze für unsere Bärensäcke für die kommende Nacht zu finden (es gab wieder keine Bärenkontainer und diesmal waren wir recht allein auf dem riesigen Campinggelände) und zu schreiben. Sven entschied am nächsten morgen früh aufzustehen und sich an die Straße zu stellen, Finger raus und versuchen nach Hinton zu trampen, um den Sattel zu reparieren, oder einen neuen zu kaufen und dann wieder zurück zu trampen. Je nachdem, wie spät es wird, wollten wir dann noch weiter.

Der nächste Tag funktionierte tatsächlich ziemlich gut. Linus, der den Morgen damit verbrachte zu schreiben, wurde gegen Mittag von einem blauen Pick-Up überrascht, der auf unser Zelt zusteuerte. Sven stieg aus, hatte einen neuen Sattel dabei und machte sich dran, diesen zu befestigen. Linus packte nebenbei die Sachen zusammen und dann konnte es auch schon weitergehen. Als wir uns weiter durch das bergige Land kämpften und immer wieder wunderschöne Ausblicke genossen, verhedderte sich erneut Svens Kette bei einem leichten Aufstieg, kurz hinter dem Zenit der Bergkuppe. Sven machte sich sofort fluchend an die Inspektion und versuchte, das Kettenband aus den Speichen herauszuziehen. Dabei fiel auf, dass die Kette nahezu alle Speichen beschädigt hatte und auch einige gebrochen waren. Diese Schäden konnten wir mit unserem Werkzeug nicht beheben. Was also machen?

[Eine Audionotiz von Linus zu den Ereignissen...
zu einem Bild von Sven ...]

Wir haben uns nicht sehr lange abgesprochen, waren uns ohnehin viele Optionen genommen. Also die Logik sprechen lassen: Jeder von uns hat sich auf eine Seite des Highways gestellt und den Finger rausgehalten. Egal von welcher Seite ein Fahrzeug kommt, wir fahren in jene Richtung. Entweder zurück nach Hinton oder weiter nach Grande Cache. Hauptsache irgendwohin, wo wir das Fahrrad reparieren können.

Nach - ungelogen - 60 Sekunden (wenn nicht weniger) rauschte ein PickUp auf Svens Seite heran und blieb 20 Meter hinter ihm stehen. Wir können mit. Er hat uns auf dem Hinweg schon da liegen sehen und war nun wieder auf dem Weg nach Hinton. Er hat auch ein bisschen Zeitdruck, seine fünfjährige Tochter hat ein Baseballspiel und seine Frau fragt schon, wo er bleiben würde.
Also sind wir mit Highspeed nach Hinton geballert, haben wieder auf dem Campingplatz eingecheckt, wo wir vor 4 Tagen schon waren – Dans Wagen war immer noch da.

Aber irgendwie hat uns das überhaupt nicht gefrustet. Wir waren guter Dinge, wollten aber dennoch nochmal alles durchplanen. Wie viel Geld haben wir noch? Leben wir über unserem Tageslimit? Wie viele Tage bleiben noch und was müssen wir pro Tag abreißen, um den Flug zu kriegen?

Mental erschöpft von den letzten Tagen saßen wir in unserem Zelt und kalkulierten. Aufs Geld müssen wir ein bisschen besser achten, wird sich aber wahrscheinlich von selbst richten, da wir bald in sehr einsame Gebiete vordringen werden. Alte Route würden ungefähr 50 Kilometer am Tag bedeuten. Es waren mal 39km. Durch die schlechten Wetterbedingungen und nun auch Pannen, haben wir ganz schön an Zeit verloren, in der wir hätten Strecke machen müssen. Wir beide waren uns einig, dass wir das packen könnten, auch wenn man mal ein paar Tage an schönen Orten verweilt. Dann werden es halt 60km pro Tag.

Aber wir haben uns gefragt, ob das unseren Reisewünschen entspricht. Eigentlich hat uns der bisherige Reisestil gut gefallen – eben nicht auf Strecke pro Tag achten und einfach drauf los radeln. Also hat Sven nochmal eine andere Route ausgetüftelt. Diese sollte von Hinton weiter auf dem Highway 16 Richtung Jasper sein. Wir würden auf die gesamte Strecke 250 - 350 Kilometer einsparen und müssten dann täglich ca. 10 Kilometer weniger fahren. Nehmen wa!

Lächelnd über diesen Blödsinn der letzten Stunden und dass wir Pläne, die über Monate gereift sind, binnen weniger Stunden (oder vielleicht auch nur Minuten) über Bord warfen, sind wir eingeschlafen.

Sonntag, 26. Mai 2019

Ich habe die Frage nicht ganz verstanden


Da wir in den vorherigen Blogeinträgen weitgehend chronologisch unsere Tour beschrieben haben, gepaart mit einigen Eindrücken über Welt und Mensch, aber wenig über unsere Gedanken und Gefühle berichtet haben – da irgendwie immer so viel los ist – wollten wir das so zum Abschluss von „Kapitel 1“ unserer Tour nachholen. Kapitel 1 war für uns das Zusammenfinden (New York), die Planung (Calgary) und der Beginn unseres gemeinsamen Trainings, sowohl auf dem Fahrrad, mit Gepäck und Ressourcen, als auch wie wir miteinander zurechtkommen – man verbringt ja schon sehr viel Zeit auf einem Punkt und hat kaum Zeit nur für sich (der Weg von Calgary bis Edmonton).

Wer einfach nur lesen mag, was auf der Tour passiert und was wir erleben, kann diesen Part getrost überspringen. Hier soll es um unsere ganz persönlichen Empfindungen und Emotionen gehen, die wir auf unserer Reise erlebten und was das Ganze mit uns macht, was in uns bewegt wird und was uns vielleicht auch prägt. Da das etwas ganz Persönliches ist, werden wir diese Einträge auch einzeln für uns schreiben.

Linus:

Ich bin mittlerweile so lange und so weit von zu Hause weg, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich erinnere mich, dass ich im Flieger darüber nachdachte, auch gar nicht wiederkommen zu wollen, da mich in diesem „Zu Hause“ so viele Erwartungen und verblasste Hoffnungen, die ich dort zurückgelassen habe, wieder einholen würden. Dennoch hatte ich auch kaum Vorstellungen, was mich viele Tausend Kilometer und Stunden später erwarten würde.

Ich musste feststellen, dass ich fast fluchtartig Deutschland verlassen hatte. Sich „geplant“ und gut vorbereitet auf eine so lange Reise zu begeben, sieht zumindest anders aus. Die Route, die wir fahren wollten, habe ich nicht im Kopf gehabt. Höhenmeter? Streckenkilometer? Gröbste Vorstellungen. Klamotten, Papier, Stifte – ich hatte nicht mal das Nötigste bei mir. Über Bären hab‘ ich mich einen Nachmittag informiert, als ein Kumpel meinte „Ihr fahrt ja durch Bärengebiet“. Tausend Kilometer Fahrrad fahren – pack ich das überhaupt? Hab‘ ich da überhaupt Lust zu, nahezu den ganzen Sommer auf dem Sattel zu sitzen und nicht faul in der Sonne zu liegen? Konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass so lange zu machen. All die Menschen, die mich tagtäglich umgaben, mehrere Wochen nicht zu sehen, war da noch eine der einfachsten Vorstellungen – so etwas hat man ja öfters mal.

Aber auch der Blick nach vorne fiel mir schwer. Ich hatte kaum Ideen, was da auf mich zukommen würde. Außer Sven. Auf den freute ich mich unglaublich.

Ansonsten fühlte ich mich im Flugzeug eigentlich leer. Wollte schlafen, ging aber nicht. Wollte essen, ging aber nicht. Auf die Idee zu lesen kam ich nicht mal. Also saß ich da, wartete und starrte auf den Screen und beobachtete stundenlang, wie sich das kleine Flugzeug auf dem Display langsam von Deutschland nach Amerika bewegte.

Eigentlich war ich ganz froh, dass ich bei meiner Landung so viel Aufregung hatte, die die Müdigkeit und mein inneres Schweigen auflöste. Kein Sven, kaum Geld, nachts in New York an irgendeinem Flughafen, eine Adresse.

Bei den Jungs in Brooklyn habe ich eine Sache sofort lieben gelernt. Die Leichtigkeit mit der ich in Svens Gegenwart „sein“ kann. Klar bietet das „Urlaubssetting“ so etwas an, aber Sven ist ein so furchtbar unkomplizierter Mensch. Bei den Boys war auch alles so unglaublich lässig, genau das richtige Startsetting. Eigentlich genau das Gegenteil von dem, was man von New York, der immer lauten und stressigen Stadt, hört. Ich glaube, ich habe in dem wackligen Doppelbett mit den dünnen Laken seit Monaten wieder mal mehrere Nächte am Stück komplett durchgeschlafen.

Das ganze Planen hat mich richtig befeuert. Von New York bis Calgary war ich beschwingt und habe eine wahnsinnige Lust an der Tour entwickelt. Ich habe mich als einen entscheidenden Teil der Expedition gefühlt, dessen Entscheidung ein großes Gewicht tragen (50% halt). Ganz anders als in dem Leben, was mir davor vor die Füße geworfen wurde, wo man sich entweder auf der Arbeit nur als kleinen Teil, hinzukommend noch als „Arbeitsanfänger“, gefühlt hat. Oder, um das Ganze noch etwas größer aufzuziehen, man sich in einem Leben der Ungerechtigkeit und Ambivalenz, den Institutionen, Regeln, Gesetzen, Floskeln und selbst Begrüßungsformen ausgeliefert fühlt. Vor allem dann, wenn man sich entschieden hat, etwas „anders“ zu machen.

Hier hatte ich das Gefühl, dass das, was ich mache (und das einfach nur weil ich Lust dazu hatte), von anderen Leuten geachtet wird und sie ein grundlegendes Interesse an mir haben. So erinnere ich mich immer noch gerne an Framptons Frage: „Was treibt euch an?“ Und eben nicht: „Was macht ihr (beruflich)?“. Darum geht es in diesem Urlaub eben nicht. Und vielleicht ist das auch einfach die schönere Art und Weise, jemanden kennenzulernen.

Am Abend in Iricaana, als wir unsere ersten Kilometer abgestrampelt hatten und ich vollends am Ende war, habe ich nur gedacht: „Scheiße.“

Ich war mir absolut nicht sicher, ob diese Art Urlaub in diesem riesigen Setting das Richtige für mich ist. Zum ersten Mal auf der Tour hab‘ ich mir gewünscht, dass am nächsten Flughafen schon ein Flieger auf mich wartet, der mich zurückbringt. Nicht, dass ich keine Lust hätte Kanada zu sehen, aber ich war halt nicht nur für mich verantwortlich. Ich wollte Sven die Tour nicht vermiesen, hatte er so unglaublich viel Zeit und Mühe in dieses Abenteuer gesteckt. Ich hatte Sorge, ihn enttäuschen zu müssen, oder dass wir die Tour vielleicht nicht schaffen würden, wenn wir nicht gut genug vorankämen. Ich hatte zumindest das Gefühl, die nächsten 3 Tage mit Muskelkater im Zelt liegen zu müssen, um mich auszukurieren. Es war nur ein kurzer Moment, aber der Impuls war stark, Sven zu beichten, dass ich mich umentscheiden müsse.

Dann war ich duschen. Keine Ahnung was genau passiert ist, aber auf dem Rückweg zu unserem Zelt hatte ich ein Gefühl, das ich lange vermisst habe. Ehrgeiz. Ich hatte Lust, bis aufs Äußerste zu gehen und alles auszuprobieren, komme da was wolle.

Ich habe Sven erst Wochen später von meinen Gedanken an jenem Abend berichtet. Er wäre mit mir auch nur 30 Km am Tag gefahren, wenn es nicht anders gegangen wäre. Bringt mich immer noch zum Schmunzeln.

Eine letzte Sache, dir mir noch einfällt und die mir ein Stück die Augen öffnete, sind die Begegnungen mit den vielen unterschiedlichen, fremden Gesichtern. Menschen die ich wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben sehen werde.

Ich hatte eigentlich das Gefühl, mich die letzten Monate weiter zurückzuziehen. Mich weiter in mir zu vergraben, auf der Suche nach Antworten, die ich glaubte, irgendwo in mir verloren zu haben (das mag sehr mystisch klingen, beschreibt aber am besten meine Vorstellung davon). Klar bin ich auch in Deutschland viel in Kontakt mit Menschen getreten, auch fremden (besonders im letzten Jahr), aber irgendwie hatte ich manchmal das Gefühl, etwas präsentieren zu müssen und so immer mehr eine Kontur angenommen zu haben, in die ich mich selbst hineingepresst habe.

Das Bescheuerte: Man beobachtet sich kopfschüttelnd dabei.

Ich hatte das Gefühl, aus dieser Kontur herauszufallen, würde bedeuten, auseinanderzufallen, Stabilität zu verlieren und so klammert man sich verbissen an das was man kennt, lässt keinen Platz mehr für Kreativität.

Meine Konturhülle habe ich irgendwo auf dem Sitzplatz 27F im Flieger zurückgelassen.

Hier in dieser fremden, neuen Welt war Kreativität gefragt und sie sprudelte aus mir heraus, in unzähligen Gesprächen, neuen Situationen und Herausforderungen. In „mir“ ewig gesucht und „draußen“ in Augenblicken gefunden, direkt vor meiner Nase. Ich freue mich darüber, diese Erkenntnis gemacht zu haben und spüre, wie es mich jetzt schon weiterbringt – einfach Wahrnehmung verändert.

Ich bin sehr gespannt, was die kommenden Wochen noch bringen werden. Ich bin guter Dinge und finde alles so unglaublich abgefahren hier!


Sven:

Wie verschieden Radreisen sein können. Ich bin ja jetzt schon einige Radtouren von verschiedener Dauer, mit unterschiedlich vielen Mitfahrern und stark schwankenden Distanzen gefahren, aber jede Tour hat ihren eigenen Charakter, immer kommen neue Erfahrungen hinzu oder alte werden revidiert.

Als ich in der Woche, vor meinem Abflug nach New York am 03.03., mit meinem ganzen Hab und Gut Göttingen Lebewohl sagte und wieder nach Bielefeld kam, hatte ich die Ausmaße der Tour, rückblickend, noch gar nicht richtig begriffen. Die trubelreiche Woche hat mir nicht wirklich die Zeit gegeben, mir groß Gedanken zu machen. Mein spätes Packen, acht Stunden vor Abfahrt, war dann nur konsequent. Die Reisebegeisterung kam im Flugzeug dann geballt über mich, das Abenteuer winkte und hat geliefert.

Die Woche, die ich vom JFK Flughafen in New York bis zu Jim und Laurie, meinen Gastgebern für den nächsten Monat, gebraucht habe, hat durch den lange anhaltenden Winter eine für mich völlig neue Radfahrrealität geschaffen, vorher bin ich noch nie bei so kaltem Wetter gefahren. Einer der Hauptgründe für die Tour war also schon dabei, befriedigt zu werden: Grenzen auszutesten. Was geht, was geht nicht mit ‘nem Rad? Was hat Wetter für Auswirkungen auf die „Tourendynamik“?

Erkenntnis: Man braucht für alles mehr Zeit. Und die hab‘ ich! Bis mein Körper diesem Gedanken nachkam und sich mehr Zeit ließ, hat es noch ca. anderthalb Monate gedauert, als Linus und ich kurz hinter Calgary mit ähnlichen Situationen konfrontiert wurden. Für mich ein Indiz dafür, wie sehr ich mich an einen von Zeit dominierten Alltag gewöhnt habe (dabei lass ich es meistens ja ruhiger angehen) und das Umdenken seine Zeit braucht. In dem Monat habe ich meinen Kopf entrümpelt, alles Abgestandene raus und die Dinge, die es erst richtig gemütlich machen, drin behalten. Den neugewonnenen Platz begann ich mir dann eifrig mit neuen gemütlichen, spannenden und interessanten Dingen zu füllen, davon gab es bei den beiden Selbstversorgern reichlich.

Der Aufbruch aus meinem Winterquartier fiel mir dann auch deutlich schwerer als der Aufbruch aus Bielefeld. Hatte ich in Bielefeld noch den Gedanken, dass ich in ein paar Monaten wieder da bin, so war es hier der Abschied von einem neu gewonnenen Zuhause, dass man vielleicht erst in ein paar Jahren, vielleicht auch nie wieder sieht und all die gemütlichen Abende am Feuer, die lustigen Gespräche, das gute Essen und die befreiende Arbeit im Wald gehörten der Vergangenheit an. Die Woche, in der ich nach New York zurück bin, war dann ziemlich einsam und es war das erste Mal, dass ich Komfort und Gesellschaft vermisste.

Mit Linus' Eintreffen in New York hat dann etwas die Zeitlosigkeit begonnen, die Wochen bis Edmonton verflogen gefühlt und ich machte erneut die Erkenntnis, dass die doch schon sehr radikale Veränderung des Alltags, die mit so einer langen Tour einhergeht, nur Gutes mit sich bringt. Dadurch, dass wir im Wesentlichen nur von Tag zu Tag planen, bin ich mit meinen Gedanken häufig im viel beschworenen Hier-und-Jetzt, ich kann mir Zeit nehmen, über Dinge nachzudenken, die sonst vielleicht zu kurz kommen und man hat viel Platz zum Staunen.

Die ganzen Begegnungen mit wunderbaren und interessanten Menschen und die beeindruckende Natur heben die Ursprünglichkeit vom „unterwegs sein“ heraus und machen mir klar, wie klein mein eigener Blickwinkel auf viele Dinge ist. Ich kann unglaublich viel mitnehmen und meine Liste an Dingen, die ich in meinen Alltag in Deutschland integrieren will, wächst mit jedem Tag.

Das Fahren zu zweit, der gemeinsame Austausch über erlebte Dinge und das entschleunigte Reisetempo, in dem wir unterwegs sind, bereichert ungemein und ich denke, dass diese Tour, hätte ich sie allein gemacht, zwar auch wunderschön, aber komplett anders geworden wäre. Ich bin froh darüber, dass sie so ist wie sie ist.

Samstag, 25. Mai 2019

Wenn Vögel reden könnten


Der Weg bis nach Edmonton war lang und beschwerlich, aber alles sollte sich auszahlen, wie wir noch feststellen durften.

Als wir die ersten Ortsteile Edmontons erreichten, mussten wir uns noch einige Kilometer bis zu der Adresse durchwühlen, die uns von Svens Tante genannt wurde – Verwandte ihres Mannes.

Das Fahrradstraßennetz war in Edmonton weitaus besser ausgebaut als in Calgary und wir kamen richtig gut und gemütlich voran. Da wir nun etwas Zeit hatten, uns mit dem Straßennetz auseinanderzusetzen, konnten wir die Adresse auf unserer Karte schnell ausmachen.

Als wir suchend durch den Wohnblock fuhren, in dem das Haus liegen sollte, kam uns ein breit grinsender Herr entgegen. Linus und sein Blick trafen sich, während Sven bereits einige Meter vorausgefahren war.

„Seid ihr Deutsche?“, fragte er deutlich, mit schwachem Akzent. Sah man uns das so an? Oder eilt uns unser Ruf voraus – zwei dusselige deutsche Touris, die mit dem Fahrrad durch West Kanada fahren. Nun weiß man schon in der Hauptstadt Albertas von uns.

Er stellte sich als Marco vor und dass er und seine Familie uns schon erwartete. Wir stellten einander vor und er nahm uns die Straße hinunter mit zu deren Haus, welches wir vor wenigen Sekunden in unserem erschöpften Zustand bereits passierten. In der Eingangstür standen zwei junge Männer, die uns auch freundlich begrüßten. Der eine heißt Finn, ein Cousin, der zu Besuch ist, der andere Franz, der älteste Sohn des Hauses. Letzteren hatte Sven bereits vor einigen Jahren in Deutschland gesehen, als er in Bielefeld zu Besuch war. Franz führte uns hinter das Haus, wo wir unsere Räder abpackten und dann in die Garage stellen konnten – seit einigen Tagen soll ein Fahrraddieb hier seine Runden drehen.

Wir waren völlig erschöpft. Der Weg hierher war eine unnatürliche Kraftanstrengung und wir waren uns bis zuletzt nicht sicher, ob wir den Weg an diesem Tage hinter uns bringen konnten. Doch die Familie empfing uns mit so viel positiver Stimmung und Energie, dass Sven sich direkt zu ihnen oben in das Wohnzimmer setzte, während Linus für einen kurzen Moment erst die Dusche vorzog – die letzte war schon einige Tage her und Klamotten wurden nicht viel gewechselt.

Das Haus war eines der moderneren Slim-Häuser. Ein langgezogenes, schmales Haus, welches im Erdgeschoss neben dem Treppenaufstieg lediglich einen großen Raum hatte: Küche, Esszimmer und Wohnzimmer in einem. Neben Marco, Franz und Finn waren auch noch der jüngste Sohn des Hauses Dante (Linus findet diesen Namen einfach phänomenal) und Kirstin, die Frau von Marco, anwesend. Nicht zu vergessen natürlich Argo, ein ruhiger großer Hund, der auf seiner Decke lag und das ganze Treiben ruhig beobachtete.

Kirstin, Marco, Dante und Argo
Kirstin hatte eine Fußverletzung und war dazu verdammt, die Tage auf der Couch zu liegen und den Fuß bestmöglich nicht zu belasten. Sie fährt äußerst gerne Fahrrad und hätte gerne mit uns zusammen auf Rädern die Stadt erkundet. Außerdem sprach sie fließend Deutsch und freute sich darüber, nun ihre Fertigkeiten in den kommenden Tagen auszutesten und in Übung zu bleiben. Wir wechselten immerzu zwischen den Sprachen hin und her, was manchmal etwas verwirrend war – für uns und für andere im Raum wahrscheinlich auch. Marco konnte deutsch gut verstehen und teilweise sprechen. Mit ihm haben wir aber auf englisch gesprochen, was gut funktionierte, da man sich, wenn man in Vokabel-Engpässe kam, mit Hilfe beider Sprachen ausgezeichnet verständigen konnte, was auch dazu führte, dass wir uns über andere Themen besser und auch tiefgreifender unterhalten konnten.

Wir hatten den Plan, für einige Tage in Edmonton zu bleiben, um Vorräte aufzustocken, Wäsche zu waschen, Blogeinträge zu schreiben und eventuell unseren Vlog zum Laufen zu kriegen. Ansonsten hatten wir uns noch vorgenommen, den gesamten Blog ins englische zu übersetzen, für die Menschen, die wir hier in Kanada treffen. Davon ist fast nichts passiert.

Am Abend unserer Ankunft haben wir lecker Pizza gegessen und noch länger mit Marco und Kirstin geredet. Sie haben uns zusätzlich hilfreiche Tipps zum Reisen durch Kanada gegeben. Auch Franz war bestens bewandert auf dem Gebiet des Reisens durch die Gebirgsregionen British Columbias, da er selbst mit dem Mountainbike die ein oder andere Tour hindurch gemacht hatte. Es war ein schöner Abend und wie zuvor auf unserer Route waren wir bei wunderbaren Gastgebern.

Harte Arbeit in Edmonton
Marco zeigte uns unser „kleines“ Reich – der gesamte ausgebaute Keller: Ein großes Wohnzimmer mit Tisch und Sofas, einem Badezimmer mit Badewanne und Dusche und unserem Schlafzimmer, in dem ein großes Doppelbett stand. Als wir am Abend krachmüde in unser Bett fielen, konnten wir auf einen immens anstrengend Tag zurückblicken und doch freuten wir uns sehr auf die kommende Zeit bei unserer Gastfamilie.

An diesem Wochenende stand das alljährliche Kompostevent an, an welchem die gesamte Familie, mit freiwilligen Helferinnen, überall in der Stadt verteilt Kompost verkaufte. Am Abend nach getaner Arbeit sind dann alle, die Lust haben, zum gemeinsamen Essen im italienischen Restaurant eingeladen. Außerdem sollte davor noch ein Fußballturnier von Dante sein, was wir auf keinen Fall verpassen wollten!

Da wir nach unserer Rückkehr nach Bielefeld mit einem neu gegründeten Fußballteam in der wilden Liga durchstarten wollten, haben wir öfter davon geträumt, wie das wohl werden würde und haben uns gekonnt ins Fußballfieber versetzt. Danke an die lieben Menschen, die das während unserer Abwesenheit aufbauen! Wir freuen uns drauf!

Sven hat Kirstin morgens mit dem Auto zu ihrem Kompoststand gefahren. Als er zurückkam, machten wir uns zu Fuß auf den Weg in die Innenstadt. Neben einigen Besorgungen, die unsere Vorräte anbelangten, wollten wir gerne ein wenig von der Stadt sehen, da uns Calgary bereits so gut gefiel. Außerdem wollten wir uns den zweiten Teil der Buchreihe von Joe Abercrombie besorgen – das Vorlesen muss dann auf englisch fortgeführt werden. Die in Calgary nach Edmonton bestellten Bärensäcke sollten laut Infomail im MEC hier in Edmonton warten, ein Abstecher zu diesem geilen Outdoorladen war uns also auch nochmal gegönnt.

Der Fußmarsch in die Stadt dauerte seine Zeit, auch wenn wir das meiste besorgen konnten. Wir haben es auch endlich geschafft, einen Wasserfilter (wie von Bernie empfohlen – Hero auf ewig) in unsere Hände zu bekommen. Das Teil vernichtet 99,9% der Bakterien und so können wir in den entlegeneren Gegenden, in denen man innerhalb einiger Tage an keiner Siedlung vorbeikommt, Wasser von Bachläufen und Seen abzapfen. Das spart uns das Herumschleppen vieler Liter Wasser, die wir brauchen werden. Einige sagen auch, man könne das Wasser aus den fließenden Berggewässern ohne Filterung trinken, aber darauf wollen wir uns nicht verlassen. Die Wasserqualität ist in Kanada ohnehin nicht so gut. Das Wasser schmeckt oft chlorhaltig – zumindest aus den größeren Städten, in denen wir waren.

Was uns beim Reinfahren nach Edmonton schon aufgefallen ist und durch Kirstin, Marco und Franz bestätigt wurde: Das Radwegnetz in Edmonton ist echt bombastisch, uns ist in dieser Größenkategorie in Deutschland nichts Vergleichbares eingefallen. Selbst bis weit in die Innenstadt  gab es extra abgetrennte Radwege, der Fluss, der durch die gesamte Stadt verläuft und die großzügig darum angelegten Parkanlagen sollen zum Mountainbiken super sei. Dementsprechend viele Radfahrer haben wir hier auch gesehen. Was uns direkt ins Auge viel war, dass die Stadt an sich viel grüner ist als Calgary, viele mit Bäumen gesäumte Grünstreifen und kleinere und größere Parks. Kirstin meinte, dass man im Vergleich zu Calgary nicht extra Bäume pflanzen musste, ursprünglich erstreckten sich über das Stadtgebiet von Edmonton schon die Wälder aus dem Norden Kanadas, mittlerweile durch Farmland verdrängt. Ansonsten hatte Edmonton außerhalb der Innenstadt eher Vorstadtfeeling, viele Einfamilienhäuser mit kleinen Gärten neben wenig befahrenen Straßen. Der Sommer war hier anscheinend auch schon sehnsüchtig erwartet worden, die Leute nutzten das gute Wetter, um rauszukommen.

Unsere Erledigungen haben wir schnell abgehakt, das Buch von Abercrombie haben wir im dritten Anlauf auch gefunden, die Reiselektüre war also gesichert. Dank Ubahn sind wir auch noch rechtzeitig zurück gewesen, um mit Marco, Finn und Dante zu Dantes Turnier zu fahren.

Das Jugendlichen-System im Fußball unterscheidet sich in Edmonton ziemlich von dem in Deutschland. Die verschiedenen Stadtteile sind in Communitys unterteilt, innerhalb jeder Community werden Teams gebildet, die dann gegeneinander spielen, sodass man im Prinzip nur gegen Teams aus der Nachbarschaft antritt. Natürlich alles ehrenamtlich. Der Platz, auf dem das Turnier stattfand, war eine ziemlich große Rasenfläche, die zu einer Schule gehörte, es wurde auf fünf Plätzen gleichzeitig gespielt. Überall wuselten Kinder mit Fußballschuhen und Trikots, begleitet von Eltern oder Schaulustigen, wie wir es waren. Es hatte einen Familieneventcharakter, der in Kombination mit der Wärme der Sonne Sommergefühle verbreitete. Hier bestimmten Trainer die Aufstellung für das nächste Spiel, dort machte ein Schiedsrichter einen richtigen Einwurf vor, Bälle wurden über das grüne Geläuf gespielt, ein Hotdogstand versorgte erschöpfte Spieler (wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir auch Spielerinnen gesehen haben) mit Hotdogs und gekühlter Limo.

Dantes Team dominierte weitestgehend das Spiel und gewann relativ deutlich, er selbst war vom Kompostverkauf am Mittag noch ziemlich fertig, hatte aber trotzdem seinen Spaß. Am Ende stand Platz eins, Medaillen für Trainer und Spieler, alle happy. Danach hat Marco Finn und uns beim Restaurant rausgeworfen und ist weitergefahren, um Kirstin abzuholen.

Im Restaurant haben wir dann noch weitere freiwillige Helferinnen kennengelernt. Es war super lecker und ein schönes Beisammensein, auch wenn wir leider nicht an einem großen Tisch gemeinsam saßen, sondern an mehreren Tischen eines Raumabteils verteilt.

Aber auch hier haben wir uns prächtig unterhalten. Wir waren in diesen Tagen irgendwie ein Teil der Familie, wurden in ihr Leben eingespannt (hatten zumindest Möglichkeiten dazu, die wir auch gerne annahmen) und hatten so nochmal ganz andere Optionen, in das Leben in Kanada reinzuschnuppern.

Nach gemeinsamen Essen haben sich unsere Wege getrennt. Es war mittlerweile gegen 22 Uhr und das Restaurant war in der Whyte (oder Whyde?) Avenue, einer Kneipenmeile. Der Rest unserer Gesellschaft machte sich auf den Weg nach Hause. So nahmen wir uns vor, die Kneipen, Clubs und Spielhallen Edmontons zu erkunden! Wir gingen 10 Meter und bogen in die erste Kneipe ein – die auch unsere Letzte sein sollte...

Die Kneipe hatte einen großen Raum mit Bar, Tischen mit Bänken an den Wänden, Tischen im Raum mit hohen Barhockern und einen Fensterplatz direkt zur belebten Straße raus. Es war ein gemütlicher, warmer Abend, sodass viele Menschen raus auf die Straßen getrieben wurden, in Schale geschmissen und bestens drauf. Ein kleiner Gang im hinteren Teil des Gebäudes führte zum Badezimmer und in einen weiteren Raum, in dem eine Band spielte – hier gab’s nur Einlass mit Karte.

Wir nahmen direkt den freien Platz direkt am Fenster und beobachteten das bunte Treiben, das sich uns bot. Es war zwar kein New York City, aber dennoch waren es so viele Menschen auf einem Haufen, wie wir es schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatten.
 
Fensterplatz in der Bar
In der Bar tummelten sich 30, 40, 50 Leute – die Fluktuation war groß. Als wir unser erstes Bier vor uns stehen, das erste Erstaunen über den Moment ausgedrückt hatten und uns einig waren, dass hier ein guter Ort zum Biertrinken war, hofften wir, dass unser Kennenlernglück fremder Menschen weiter anhielt.

Draußen tummelte sich eine Gruppe junger Leute um die 25+-, die nach dem Rauchen die Kneipe betraten und an uns vorbeikamen, da unser Fensterplatz nicht weit vom Eingang gelegen war. Da wir beide sehr schlecht mit Namen sind, haben wir den Namen der jungen Frau, mit der wir ins Gespräch kamen, leider auch wieder vergessen. Wir witzelten, erzählten und lauschten ihr. Es ist für uns auf dieser Reise selten geworden, dass wir uns mit Menschen in unserem Alter (wobei wir ja schon ein paar Jahre auseinander liegen mit 21 und 28) unterhalten haben. Wir haben von ihr einiges über das Nachtleben Edmontons erfahren und soweit wir uns erinnern können, war es einfach ein „anderes“ Gespräch. Wir haben nicht viel über unsere Reise erzählt. Das Gespräch ging über einen einfachen Smalltalk hinaus. Wir saßen mit ihr und ihrem Freund - ein Punker, der Linus optisch sehr an einen jungen Jonas Döbler erinnerte (Grüße gehen raus!) - einige Zeit zusammen. Beide waren unglaublich aufgeschlossen und zu Späßen aufgelegt. Wir erinnern uns, dass wir uns Witze erzählten, auch wenn das mit der Umschreibung von Deutsch zu Englisch manchmal etwas schwierig war.

Unser namenloser Kontakt aus der Bar
Sven erinnert sich noch an einen Witz, den der junge Mann erzählte.

Eine englische Familie adoptiert ein junges deutsches Kind im Alter von einem Jahr. Mit drei Jahren hat das Kind noch immer kein Wort gesprochen. Der Arzt, den die Eltern aufsuchen, verspricht ihnen, dass es dem Kind bestens geht. Es ist gesund.
Mit sechs Jahren hat das Kind allerdings immer noch kein Wort gesprochen. Also geht es wieder zum Arzt und dieser erklärt erneut, dass es dem Kind an nichts fehle.
Als das Kind neun Jahre alt ist und am Mittagstisch sitzt, bemerkt es: „Die Suppe ist etwas kalt.“
Die Eltern starren ihr Kind an, erfreut darüber, dass es spricht, vielleicht etwas traurig, dass die ersten Worte nicht „Mama“ oder „Papa“ sind. Da fragt die Mutter: „Warum hast du denn bisher noch nichts gesagt?“
Kind: „Bisher gabs noch nichts zu meckern“.

Als wir wieder an unserem Fensterplatz saßen, tauchte irgendwann Jakob auf, der einen Eimer mit Eis mit sich herumschleppte. Darin befanden sich mehrere Dosen Bier, die er gerne mit uns teilte. Er erklärte uns, dass er zu 1/8 Deutscher ist und daher Unmengen an Bier trinkt – und auch nur das!

Als der Eimer leer war, besorgte er straight neues. Der Abend rutschte in eine Richtung, wie wir es nicht erwartet hatten. Uns fehlen in einigen Passagen zu viele Erinnerungen, um den Abend fortlaufend beschreiben zu können. Ein kleines Video vom Rückweg ist geblieben, was uns die Bestätigung gab: Die Nacht hat uns mehr als gut gefallen. Es war eine willkommene Abwechslung und bis hierhin völlig einzigartig. Wir sind froh, dass unsere Tour so viele unterschiedliche Momente für uns bereithält.

Am nächsten Tag wurde lange geschlafen und wir haben es ruhig angehen lassen. Es war Muttertag und es sollte am Abend gegrillt werden, also haben wir bei den Vorbereitungen ein wenig mitgeholfen und uns viel mit Kirstin und Gladdis (die Mutter von Marco) unterhalten. Gladdis hat bereits die ganze Welt bereist: „So günstig wie niemand sonst“. Es gab viel zu hören, wie sie mit ihren Tricks und Kniffen von Ort zu Ort reiste und sich so Stück für Stück die Teile der Weltkarte erschloss. Irgendwann hat sie auch ein bisschen von ihrer Flucht aus El Salvador erzählt, die ganzen Einzelheiten sind uns nicht geblieben, aber es ist beeindruckend, so eine bewegende Geschichte aus erster Hand zu hören.

Am späten Nachmittag kam Marco von der Arbeit und machte sich direkt ans Kochen. Es war ein schönes Bild, wir saßen draußen auf der Terrasse im Sonnenschein, drinnen war Marco zu Manu Chao in seine Kochkünste vertieft. Gegen sechs Uhr kamen Franz und seine Freundin Miranda und Vanessa mit Matt vorbei (Marcos Schwester und ihr Mann). Es gab kleine Tortillas mit Ente/Schwein und zwei unglaublich leckeren Zwiebelsoßen, Marco hatte ganze Arbeit geleistet. Wir saßen bis zum letzten Sonnenlicht, Sprachen mit Matt, der in Dawson Creek aufgewachsen ist, über unsere Tour, Bären und Outdoorcamping. Matt hatte Lust, seine Erfahrungen mit uns zu teilen. Sowas ist besser als jedes Buch. Er war auch ziemlich entspannt, was Bären angeht und meinte genau wie Kirstin, dass wir eher vor den Autos aufpassen sollen.

Am letzten Tag vor unserer Abreise haben wir ein Ärztehaus aufgesucht. Linus hat beim längeren Radfahren starke Schmerzen in der linken Schulter bekommen, die durch die Dauerbelastung nicht wirklich zur Ruhe kam. Fühlt sich an wie ein Nadelkissen, in das mit fortlaufender Fahrt immer weitere Nadeln hineingeschoben werden. Das Ganze gipfelt dann im Taubheitsgefühl. Die Klinik schickte uns zu einem Ärztehaus 15 Kilometer entfernt, was wir dann gelassen haben – es müssen die Pausen auf der Tour reichen.

Ursprünglich wollte Linus sich auch nur ein paar Tipps abholen, Dehnübungen die er machen kann oder ähnliches. Ein bisschen Sorge, die Tour abbrechen zu müssen, war schon vorhanden. Wenn jemand ‘ne Ahnung hat, kann er es gerne in die Kommentare schreiben :)

Ansonsten waren wir noch in einem Do-It-Yourself Fahrradladen, da Sven an seinem Fahrrad noch Schutzbleche montieren wollte. Der Laden war völlig überlaufen und einige freiwillige Helfer haben den hereinströmenden Kunden mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Eine totale Rumpelkammer, vollgestopft mit Stuff, den Leute hier abgegeben haben und der in -zig beschrifteten Dosen, Kästen, Kisten, Eimern und Regalen verstaut war.

Das Ganze hat viel Zeit in Anspruch genommen und wir mussten danach noch bis spät in die Nacht unsere Sachen packen und den morgigen Aufbruch planen. Ab morgen wird es dann aber losgehen. Ein ganz neuer Abschnitt unserer Reise. Auf ins Bear Country, in dem unsere Bearbags ausgetestet werden sollen. Und all unser Wissen, das wir in den letzten Wochen angesammelt haben. Auf dem Weg nach Edmonton wollten wir in Form kommen, die weiten Ebenen der Prärie waren dafür der beste Start und so durfte es jetzt in die Berge gehen, was voraussichtlich sehr viel anstrengender sein wird. 

Edmonton - Blick aus der Stadt

So machten wir uns am nächsten Morgen auf, raus aus Edmonton und auf nach Westen. Hinton, eine kleine Stadt östlich an den Rockies, sollte in den nächsten Tagen unser Ziel sein.

Mittwoch, 22. Mai 2019

Ein kurzer Zwischenbericht mit Übersichtskarte

Dies ist kein Blogeintrag von Linus und Sven, sondern ein kurzer Zwischenbericht "vom Lektor"...;)

Damit ihr eine ungefähre Vorstellung der Route bekommt, poste ich hier den Weg der beiden Weltenradler vom Startpunkt Calgary bis nach Edmonton, dem Ort des letzten Blogeintrags. Aktuell sind sie schon um einiges weiter (so ziemlich genau 288 Kilometer) - und es hat sich zwischenzeitlich viel ereignet - aber das werden sie euch in Kürze selbst berichten!

Zunächst die Route in Textform:


Und nun im großen Kontext:


Etwas kleiner:


Und detailiert:

Die Zeitangabe ist natürlich Blödsinn ...
wer radelt schon 413 km ohne Pause
mit konstanter Geschwindigkeit ...
Das kann nur Google. <g>
Was nach Edmonton passiert ist und wie es weitergeht, werden Linus und Sven euch bald erzählen ... bleibt gespannt ... :-)

Dienstag, 21. Mai 2019

Eine Reise zum Mittelpunkt von Nord Alberta


Die ersten Sonnenstrahlen kletterten an dem Ästen der knorrigen Bäume, die, viel zu klein für ihr Alter, gebeugt vom ewig peitschenden Wind der Prärie, stetig hin und her wogten. Eine kleine Oase von Grün und Blau in den unendlichen Feldern, die sie umgaben. In den Baumwipfeln war eine Krähe auszumachen, ungerührt von den Kräften des Windes, der sie umgab. Es war ein guter Tag zum Fliegen und als sich der Vogel über ein alleinstehendes Zelt von den Böen zum See, mit seinen weiß roten Salzablagerungen, tragen ließ, sah er von Weitem das sich kräuselnde Wasser, während kleine Regentropfen von seinen Federn perlten.

Die Sonne blinzelte durch die Wolken, doch die Feuchtigkeit des Morgens hatte sich noch nicht gelegt, als Körper aus der Benommenheit des Schlafes erwachten. Ein Kopf reckte sich aus dem grob zusammengeschusterten Unterschlupf, blickte in alle Richtungen, um sich sicher zu sein, dass sie alleine und in Sicherheit waren. „Kaffee. Ich kümmere mich um unseren Kram hier“, brummte der Bärtige, während er an der Zeltplane zupfte. Kurz darauf, als der Kopf verschwand, ragten beide Füße aus dem Zelt und schlüpften in grob genähtes, schwarzes Schuhwerk. Der massige Körper ragte im vollen Stand hoch neben den kleinen höhlenartigen Behausungen auf, der Blick zum Himmel gerichtet und er konnte beobachten, wie eine Krähe Richtung See davonzog.

Kopfschüttelnd tat er den Gedanken ab, wie gut diese Krähe über dem Feuer ausgesehen hätte, besann sich aber eines Besseren und beobachtete die nähere Umgebung – sie waren doch nicht allein. Anscheinend hatten sich am Vorabend noch weitere Reisende diesen Ort als Rastplatz ausgesucht, um vor der hereinbrechenden Dunkelheit Schutz zu suchen. Unbehaglich schweifte sein Blick über den kleinen Platz, den er und sein Compadre gestern bis aufs Äußerste verwüstet hatten -  sie sollten schleunigst aufbrechen. Er riss die äußere Zeltplane mit einem geübten Ruck zur Seite und begann mit dem Falten, Sortieren und Zusammensuchen nützlicher Objekte, die über den zehn Meter im Durchmesser breiten Kreis verteilt lagen.

Im Zeltinnern kam der Blick auf eine, in einen Kokon aus Decken gehüllte, fast kindlich klein aussehende Gestalt zum Vorschein. Der Kopf zuckte umher, als das helle Licht und klirrende Kälte in das Innenzelt drangen: „Was soll das? Ich steh ja schon auf“, kam es kratzig hervor.
„Wir kommen ja doch nicht vor Mittag los. Bei dem Wind brauchen wir ewig bis nach Edmonton“, folgte ein Brummen.

Langsam, aber dann immer schneller werdend, rollte sich der Spitzbubige aus seinen etlichen Hüllen, Decken und Kleidungsstücken heraus. Einen Großteil der Kleidungsstücke ließ er allerdings am Körper und schlüpfte fix in sein heruntergekommenes Schuhwerk. Kurz darauf brodelte Wasser in einem Blechtopf und das Zelt verschwand in großen schwarzen und grauen Säcken, neben vielen anderen Utensilien, wie Schlafsäcken, Matratzen, Decken, Kleidung – sowohl für den heißesten Sommer, als auch für milde Winter, Ersatzteile, Werkzeug, elektronische Komponenten, mit denen man wahrscheinlich ganz Edmonton eindecken konnte, Hygieneartikel – bei denen nicht mal Zahnseide fehlte, 2 vollständige Kartenspiele, eine Unterlegscheibe für Autofelgen – die zum Wurfobjekt umfunktioniert wurde, Besteck und zusätzliche Messer, 7,5 Liter Wasser und Proviant für einen Tag.

Zum Proviant zählen neben Käse, Äpfeln, Vitaminriegel, Brotfladen, Schoko-Haselnusscreme, auch Nudeln, Gewürze und Gemüse. Genug, um einem hungrigen Reisenden das Leben zu retten.

Beide ließen sich auf je einer Seite der zwei Bänke nieder, die Tischplatte und das schwarze Gold darauf, in ihrer Mitte. Im Becher kreiste der Kaffee im Uhrzeigersinn, als sich kleine Stückchen ungefilterten Kaffees wie kleine Boote im donnernden Strudel einen Kampf auf Leben und Tod lieferten, bis doch bald alle im treibenden Wirbel verschwunden sein werden. Vredek stieß den Gedanken beiseite, griff in eine seiner vielen Seitentaschen und zückte ein klein gefaltetes Stück Papier hervor. Er grinste, als er es auseinanderfaltete und über den gesamten Tisch ausbreitete: „Wir sind hier“ und sein dürrer Zeigefinger kratzte über das Papier, bis er südlich eines kleinen Sees zum Stehen kam. Sein Grinsen wurde noch breiter: „Wir könnten es heute tatsächlich schaffen“. Seine Stimme bebte vor Aufregung.

„Freu dich nicht zu früh. Das wird ein anstrengender Ritt“. Joe nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Becher und verzog das Gesicht, als er dickere Klumpen ungelösten Kaffeepulvers in den Rachen bekam. „Wir haben Nord-West Wind. Und wir werden heute ausschließlich erst nach Westen und dann nach Norden fahren“. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er mit seinem Finger über die schmalen Linien des brüchigen Papiers fuhr.

Das Grinsen in Vredeks Gesicht schien gerade zu verblassen, da wurden seine Mundwinkel wieder breit: „Du fährst vor, dann hab ich Windschatten. Außerdem, mit dem ganzen Gepäck, da wird uns der Wind schon nicht aus dem Sattel pusten“.

Sie blickten beide zu ihren Rädern. Zwei japanische Schlachtenbummler Nishiki und Miyata, die schon auf vielen Touren gefahren wurden und heute nochmal, auf ihre alten Tage, aufs Ärgste geprüft werden.

Als das schwarze Gold den Rachen hinuntergespült war und es sofort seine gewohnte, pulsierende Energie entfaltete, sprangen beide auf ihre alten Drahtesel und traten los.

Sie winkten gerade noch einem in Schlangenlinien fahrenden, betrunkenen Bauern, welcher ungeachtet des Gegenverkehres die gesamte Fahrbahnbreite ausnutze, als die kräftigen und unnachgiebigen Arme des Windes sie in Empfang nahmen.

Der erste Windstoß kam so heftig und so schnell, das Vredek sich mit aller Kraft an seinen alten Freund Miyata festkrallen musste, um nicht wie ein kleiner Papierflieger vom Wind weggetragen zu werden. Joes Arme strafften sich, Muskeln spannten, um die Linie seines Lenkers im Wind zu halten.

Kam der Wind aus Norden, mussten beide aufpassen, um nicht zu weit auf die tobende Fahrbahn links von ihnen getrieben zu werden. Ließ der Wind für einen kurzen Augenblick nach, da zur Rechten kleine Waldgrüppchen, oder einige Gebäude auftauchten, mussten die zwei hingegen aufpassen, nicht zu stark gegenzulenken, um nicht im Geröll zu landen – in den weniger schlimmen Fällen. Hin und wieder warteten auch Flüsse, oder Tümpel auf sie.

Kam der Wind aus Westen, raubte er jegliches Tempo und das Fahren auf der weiten Ebene wurde zur riesigen Kraftanstrengung.

Auf der Fahrbahn tobte heilloses Chaos. Sauste auf der Gegenfahrbahn ein vierzig Tonnen schweres Ungetüm an ihnen vorbei, kam es nicht nur einmal vor, dass Vredek und Joe vom harten Aufprall der Windwand aus dem Tritt gebracht wurden und dann, als sich dahinter das leere Luftloch auftat, beide aus der Bahn gerissen wurden.

Fünf Kilometer fühlten sich an wie zehn. Das Tempo war unterirdisch langsam. Zum Mittag waren erst 30 Kilometer geschafft. Vredeks Muskeln brannten, der Schweiß rann ihm in Sturzbächen von der Stirn. Die Hitze in ihm wirkte wie ein Feuer, was ihn von innen heraus verbrennt, während um ihn die beißend kalte Luft des Windes peitschte. Die Kleidung, die er zum Schutz gegen das Äußere trug, befeuerten sein Innerstes. Der Schweiß brannte in den Augen und an seinen Beinen hingen Zentner schwere Steine, die ihn immer weiter haben erlahmen lassen. Er merkte, wie die Wetterbedingungen, der rasende Verkehr und sein müder werdender Körper an seiner Aufmerksamkeit nagte. Und Unaufmerksamkeit könnte hier seinen Tod bedeuten. In Kanada sterben Menschen tausendmal eher daran, von einem Auto überfahren zu werden, als von einem Bären getötet zu werden, hatte Mutter Gundring immer gesagt.

Als sie an einem General Store, der irgendwo auf ihrer gottverlassenen Route lag, hielten, rutschte Vredek erschöpft vom Sattel. Miyata konnte das Gewicht allein nicht tragen und sank wie er zu Boden.

Auf all seinen Touren hatte Joe es noch nie mit so einem peitschenden Wind zu tun bekommen. Die Böen, die ihn über die Fahrbahn schoben, erforderten so viel Konzentration, dass das Fahren zu einem mentalen Kraftakt wurde. Seine Beine hingegen arbeiteten sich unnachgiebig durch die ebenso unnachgiebige Wand aus Wind. Ein Pedalenstoß nach dem anderen. Er sehnte sich nach dem Ende dieses Tages, zwang sich aber mit seinen Gedanken zurück aufs Rad. Ein Pedalstoß nach dem anderen. Als er, geschafft von 30 hart erkämpften Kilometern, auf dem staubigen Parkplatz Nishiki an die brüchige Bretterbarrikade, die wahrscheinlich das Geländer der Veranda sein sollte, sein Rad abstellte, freute sich trotzdem jeder Muskel auf die kurze Pause, bevor es wieder zurück auf die Straße und in den wogenden Wind ging.

Der Laden entpuppte sich als zwei Läden, die von ein und derselben Person geführt wurden. Ein General Store und ein Liquor Geschäft. „Ein Bier kommt jetzt nicht schlecht, verlängert die Pause etwas“ murrte Joe und über Vredeks Gesicht huschte ein Lächeln, das direkt wieder von der Erschöpfung aufgesogen wurde. Einige Augenblicke später saßen die beiden auf zwei Schemeln, geschützt vom Wind, an der Verandawand. „Es gäbe noch eine andere Route“ hörten sie über sich den Besitzer des Ladens mit breitem Akzent sagen. Als Joe hochblickte, sah er nur einen mit einem Turban und einem weißen Bart geschmückten Kopf, der ihm freundlich entgegen lächelte. „Ein, zwei Straßen weiter im Osten gibt es einen versteckten Pfad den ihr nehmen könntet, Autos nutzen ihn nicht!“ „Wir müssen aber nicht nach Osten“, brummte Joe, dem nicht danach zumute war, auch nur einen Meter der zurückgelegten Strecke noch einmal zu fahren. „Es ist eure Entscheidung, der Verkehr auf eurer Route ist bisweilen tückisch“ kam es vom höher gelegenen Ende der Veranda. „Was meinst du, Vredek“, fragte Joe. „Mir doch egal“, nuschelte Vredek in seine Flasche. Joe holte noch einmal die Karte raus und betrachtete die vom Ladenbesitzer vorgeschlagene Route. Er wollte sicher nur helfen, aber der von ihm erwähnte Pfad führte östlich an Edmonton vorbei. Sie würden neben einem Umweg auch mindestens zehn Kilometer mehr gegen den Wind auf sich nehmen als bei der anderen Route, nur um den Verkehr zu entkommen. „Wir halten den Kurs“, knurrte Joe, als er die Karte wegsteckte.

15 Minuten später schob sich das schwarze Gummi der Reifen wieder auf den mit kleinen Steinen und Sand übersäten Seitenstreifen, während Joe dem Wind einige Verwünschungen entgegenstieß und gegen die Böen wetterte.

Vredek war still. Seine ganze Konzentration, seine ganze Kraft floss in die Anstrengung, immer noch einen Tritt in die Pedale zu tun, um nicht stehen zu bleiben.

Der Himmel war bis zum Horizont mit kleinen Wolken bedeckt, die so aussahen, als ob sie ein wilder Hund in tausend Fetzen zerrissen hätte und die seltenen Baumgrüppchen am Straßenrand bogen sich unter den gewaltigen Winden.

Als sie nach einer weiteren Stunde harter Arbeit endlich an die ersehnte Abzweigung Richtung Norden und Richtung Edmonton kamen, bekam der Gedanke in Joes Kopf, dass sie es tatsächlich noch in die Hauptstadt Albertas schaffen würden, neue Hoffnung.

„Wie weit noch?“ Vredeks Schrei schien von der nächstbesten Böe davongetragen zu werden und seine Stimme verhallte im Wind. Joe hatte den Ruf aber vernommen, doch als sich sein Kopf nach hinten drehte, sah Vredek nur, wie sich seine Lippen stumm bewegten und der Wind die Worte schluckte.

Montag, 20. Mai 2019

Wie die Maden im Speck


Auf dem Highway 56 ging es weiter nach Norden. Wir passten unser Tempo und die Fahrtdauer den Wetterbedingungen und den Kräften von Linus an.

Der Highway
Wir nächtigten noch vier weitere Male bei Farmern, die am Highway gelegen wohnten. Die Erfahrungen, die wir dabei machten, waren phänomenal. Was für wunderbare Begegnungen wir machten. Nicht selten standen wir sprachlos auf großen Grasflächen wo wir unser Zelt aufschlugen und starrten mit einem Lächeln im Gesicht über die weiten Prärien.

Am nächsten Abend brauchten wir einige Versuche, um einen Schlafplatz zu finden. Die ersten Farmer waren nicht zu Hause und zwei Familien hatten nicht so große Lust auf uns. Dann kamen wir zu einem älteren Ehepaar: Kim und Ann. Die beiden besitzen eine Alpakafarm und leben in ihrem kuscheligen Haus, die nächsten Nachbarn sind einen Kilometer entfernt. Beide kamen am Abend nochmal zu uns nach draußen und luden uns auf eine warme Suppe nach drinnen ein. Dieses Angebot schlugen wir noch aus, da wir erschöpft von der Fahrt waren und einfach ein bisschen Zeit für uns wollten. Wir saßen draußen, so lange die Temperatur es zuließ (es wurde so langsam etwas besser). Und mittlerweile hatten wir uns auch so an die Temperaturen gewöhnt, dass 8°C eigentlich recht warm waren und wir nicht mehr dick eingepackt draußen saßen. Die Frisbee musste leider eingepackt bleiben – der Wind blies zu stark.

Am nächsten Morgen kamen beide wieder nach draußen. Man hatte auf unser Erwachen schon gewartet. Wir wurden zum Frühstück nach drinnen eingeladen. Es gab Kaffee (ausnahmsweise mal guten) und Porridge. Danach noch Rührei. Die beiden waren unglaublich freundlich und uns ging es richtig, richtig gut. Wir haben bestimmt 3 Stunden bei den beiden drinnen gesessen, gegessen und geredet. Wir wollten ihnen wirklich keine Umstände machen, aber sie meinten, sie seien richtig froh über unseren Besuch. Da Linus über die kalten Nächte klagte, bekam er von Ann selbstgestrickte Alpakasocken geschenkt – die sind so flauschig!

Sie teilten uns mit, dass ihre größte Sorge der ausbleibende Regen ist. Der letzte Regen soll letztes Jahr im November gefallen sein und der Boden trocknet aus. Schnee haben sie zu Hauf, aber richtige Regenfälle nicht. Dieses fremde Land faszinierte uns und so haben wir uns gerne Geschichten über die Lebensbedingungen der Menschen angehört. Tatsächlich schnappten wir in diesen Tagen auf, wie sich die Flüsse in den Canyons zurückbildeten. Drumheller liegt direkt an einem Fluss, der vor vielen Jahrtausenden mal den gesamten Canyon ausfüllte. Am Gestein des Canyons lassen sich die verschiedenen Wassermarken ausmachen, in welchen Etappen der Fluss stückweise austrocknete. Sollte der Fluss irgendwann gänzlich austrocknen (auch wenn niemand von uns das wohl miterleben wird), müsste Drumheller ihr gesamtes Wasser importieren und auch wenn die Kleinstadt nur einige tausend Einwohner hat, wissen wir zumindest aus Beispielen wie Las Vegas, wie teuer ein solches Unterfangen ist: Drumheller könnte also irgendwann der Grundlage seiner Existenz beraubt werden.

Wir mussten uns von den beiden losreißen, so gut hat es uns gefallen und so gerne wären wir noch weitere Stunden bei ihnen im Warmen sitzen geblieben und hätten uns ausgetauscht. Aber uns liegt immer etwas die Zeit im Nacken, da wir gegen 17 Uhr immer anfangen wollten, einen Schlafplatz für die bevorstehende Nacht aufzutreiben. Wenn es mal schlecht läuft, kann man dafür durchaus 1-2 Stunden einplanen und im Dunkeln oder Eisigkalten sein Zelt aufzubauen, darauf hatten wir beide keine Lust.

Also machten wir uns wieder auf den Highway 56. Der Highway hatte kaum Seitenstreifen und umso nördlicher wir kamen, desto stärker war er befahren (zumindest war das unser Gefühl). An einigen Passagen war das recht anstrengend. Linus wurde auch von einem Stein getroffen, der unter dem Druck eines Lastwagenreifens zum Geschoss wurde. Nichts Wildes, aber ein bisschen blutete das Bein dennoch. Sven überlegte sich seither, eine Sonnenbrille zu kaufen. Einäugig wäre die Tour nur halb so atemberaubend. Und wir beide entwickelten den Reflex, dass wir den Kopf senkten, wenn wieder ein 40-Tonner auf uns zuraste.

Einige Fahrer waren allerdings auch sehr umsichtig, fuhren in gemächlichem Tempo an uns vorbei, oder fuhren komplett auf die Gegenfahrbahn, um den Abstand möglichst groß zu halten. Diesen Leuten winkten wir auch stets hinterher. Winken haben wir etwas lieben gelernt.

Viele Leute winkten uns von sich aus zu (Leute auf Rädern scheinen hier zumindest eine Seltenheit zu sein – wir haben noch niemand anderes gesehen) und wir gingen auch dazu über, fast jeder Person zu winken, die uns entgegenkam. Irgendwie machte uns diese Art der Kommunikation Spaß.

Kurz nach Mittag sind wir in Stettler im Walmart einkaufen gegangen. Draußen auf dem Parkplatz haben wir dann unser Mittagessen eingenommen und sind soweit gefahren, bis es wieder ca. 17 Uhr war.

Das nächste Farmgelände war einfach riesig. Es standen drei Gebäude darauf. Ein Wohnhaus, eine Lagerhalle oder so etwas in der Art und eine kleinere Hütte.

Die Eltern der drei Kinder waren Mitte vierzig, würden wir schätzen. Der Älteste ist gerade in Holland bei einem Fechtturnier. Er will sich früher oder später für Olympia qualifizieren. Der Farmer ließ unsere Wasserflaschen auffüllen und zeigte uns danach einen Platz, wo wir campen konnten – direkt an einem Teich. Die Wiese neben uns war groß genug, dass wir mit einem Dutzend Leuten dort hätten Frisbee spielen können, aber zu zweit hat es auch Spaß gemacht.


Plötzlich kam ein Auto hinter uns den Hügel heruntergefahren. Der Farmer stieg aus und holte zwei Campingstühle aus dem Auto, die er uns zu unserem Zelt stellte. Wie geil ist das denn? Jetzt mussten wir unser Essen nicht mal auf dem Boden sitzend zubereiten. Wie nett sind die Leute hier? Als wir uns bei ihm bedankten, winkte er nur ab und lächelte. Dann drückte er uns zwei Tupperdosen in die Hand. War das Chili? Es war Chili, noch heiß, geil scharf und schmeckte einfach nur himmlisch. Wir konnten uns auf den Campingstühlen zurücklehnen und das Chili genießen. Wir haben uns gefühlt wie Könige. Schon die zweite Nacht bei solch unglaublich netten Leuten. Dabei haben wir lediglich einen Platz gesucht, an dem wir unser Zelt aufstellen können, ohne von irgendwem weggejagt zu werden.

Nachdem wir aufgegessen hatten und weiter Frisbee spielten, kam jemand den Hügel heruntergelaufen und hatte einen überdimensionalen Hut über den Kopf gezogen. Es war ein ziemlich langer Hut, so um die 2-3 Meter – ein Kajak.

Aspen kam den Hügel hinuntergelaufen. Die älteste Tochter des Hauses: „Are you guys bored? Wanna Kayaking?“

Wir wussten erst gar nicht, was wir sagen sollten, guckten uns nur an und stammelten uns Wortfetzen entgegen. Kurze Zeit später waren wir an einem größeren Teich 100 Meter weiter hinten auf dem Gelände. Sie hielt uns die Paddel hin: „Wer will zuerst?“ Sven bekam den Vortritt, Linus musste erst mal die Kamera an den Start bekommen und wollte zugucken, da er noch nie in einem Kajak saß.


Keiner von uns ist ins Wasser gefallen, es hat mega Spaß gemacht. Der „Teich“ war um die 40x80 Meter groß – wir hatten also Platz. Nicht, dass wir ihn gebraucht hätten, aber Aspen zeigte uns, wie man so ein Kajak richtig „ausfährt“. Es war der erste jüngere Mensch (ungefähr so alt wie wir), mit dem wir auf der Reise Kontakt hatten. Es war ein total erinnerungswürdiger Moment für uns beide.
Kajak fahren ist vielleicht das Eine, bei fremden Leuten im Garten zu zelten das Andere, aber so viel bedingungslose Freundlichkeit entgegengebracht zu bekommen und das in so kurzer Zeit ist schon etwas erschlagend.

Das nächste Mal, als Aspen auftauchte, brachte sie zwei Decken und einen richtig dicken Schlafsack mit. Sie meinte, die Nacht würde sehr kalt werden und da wir über unsere mangelhafte Ausrüstung sprachen, erschien es ihr das Beste, uns ihre Wintersachen auszuleihen. Unsere Fassungslosigkeit steigerte sich zunehmend.

Als Aspen daraufhin nochmal mit ihrem kleinen Bruder auftauchte, brachten sie uns Thermosbecher mit heißem Kakao darin. Außerdem noch eine große Thermoskanne mit noch mehr heißen Kakao.
Und, achja, noch ein Lunchpaket. Zippbeutel mit Apfel, Muffins, Keksen, Sandwich, Schokoriegel... oder haben wir die Schokoriegel und Kekse schon vorher von dem Farmer bekommen?

Wir sind daraufhin auf den Campingstühlen zusammengesackt, wortlos. Gibt es in Kanada etwa den Brauch, dass man Leute bewirten muss, es sei denn, sie verlangen in Ruhe gelassen zu werden? Haben wir irgendwas übersehen, hätten wir diese Gastfreundschaft stärker von uns weisen müssen?
War es unfreundlich, all das anzunehmen? Puh, wir waren wirklich erschlagen. Auch wenn die Quantitäten uns erschlugen, waren es vor allem die Qualitäten, die uns umhauten. Die Leute haben uns wirklich das Gefühl gegeben, dass sie Lust auf uns haben. Erst Kim und Ann und dann auch noch diese Familie, die gewiss einen ziemlich vollgepackten Alltag hat. Wir haben uns richtig gut aufgehoben gefühlt. Wir dachten, wir würden auf dieser Reise spartanisch leben, nur mit dem notwendigsten unterwegs, kein Wasser, kein Unterschlupf, manchmal Nahrungsengpässe. Das waren Dinge, über die wir uns Gedanken gemacht hatten und doch lebten wir die Tage wie die Maden im Speck.

Es war die erste klare Nacht, seitdem wir Calgary und seine vielen Lichter hinter uns gelassen hatten und der Sternenhimmel schien von goldenen Punkten übersät. Die Kälte schickte uns zwar schon bald wieder unter unseren Deckenberg, der fast das halbe Zelt ausfüllte, aber solche Sternennächte lassen einen immer beeindruckt zurück.

Am nächsten Morgen gings so ausgeschlafen wie bisher noch nie aus dem Zelt, Kakao und Zusatzdecken hatten ganze Arbeit geleistet. Das Wetter hatte sich unserer Zeltwärme angepasst, draußen schien die Sonne, fast keine Wolken zu sehen. Nach kurzer Verabschiedung und vielen 'Thank you' und 'Awesome' Ausrufen gings wieder auf den Highway, der uns weiter nach Norden trug.

Beste Stimmung und bestes Wetter gaben den Beinen ungewohnte Leichtigkeit, die Kälte der letzten Tage hatte doch eine kleine lähmende Wirkung. Wie wir so vor uns hin radelten, tauchte am Horizont in unserer Richtung eine kleine dunkle Wolke auf, die bei unserem Näherkommen größer und größer wurde und den halben Himmel ausfüllte. Wir blieben einige hundert Meter vor den Wolkenschatten stehen, unschlüssig, weiterzufahren und den sich nun ergießenden Regenmassen zu trotzen oder hoffen, dass sie weiterzögen. Die Entscheidung wurde uns nach ein paar Minuten abgenommen, als die Wolken den blauen Himmel über uns beanspruchten und die wärmende Sonne verdeckten. Wir entschieden uns, bei der Farm in deren Einfahrt wir standen, nach Unterschlupf zu suchen.


Anscheinend war gerade niemand da. Wir stellten uns unters Vordach der Garage und warteten auf den Regen. Als er dann kurz darauf einsetzte, bog ein Auto in die lange Einfahrt. Die Frau und ihr Sohn, die aus dem Auto stiegen, brachten nur gerade etwas zu Essen vorbei und wohnten hier eigentlich gar nicht. Wir erklärten ihr, Rachel, unsere Lage und sie rief darauf über mehrere Stationen den Farmer an und erklärte uns zwei Sätze später, dass wir unser Zelt einfach irgendwo aufs Grundstück stellen könnten. Der Farmer war gerade bei der Aussaat und würde am Abend wieder da sein. Das Gewitter war mittlerweile vollends über uns hereingebrochen und als einer der zahlreichen Blitze wenige Meter von uns entfernt einschlug, verzogen wir uns nach drinnen, die Tür war nicht abgeschlossen. Das Gewitter verschwand genauso schnell, wie es gekommen war und ein paar Minuten später war es draußen wieder still. Die beiden machten sich wieder auf den Weg, nicht ohne uns noch eine gute Reise zu wünschen.

Wir hatten unsere Räder noch nicht wieder bepackt, als ein zweites Auto auf den Hof rollte und wieder Frau und Sohn ausstiegen. Sie war die Frau des Farmers. Von den Anrufen hatte sie zwar nichts mitbekommen, aber auch sie hatte keine Einwände und meinte, dass es weiter hinten im Garten gut zum Zelten wäre. Nach und nach kam auch die Sonne wieder raus, während die Regenwolken im Südwesten verschwanden. Noch nie hatten wir so einen plötzlichen Wetterumschwung mitbekommen, die natürlichen Extreme liegen hier schon weiter auseinander.



Als das Zelt aufgebaut und die Sachen verstaut waren, haben wir ein wenig versucht, Frisbee zu spielen, während ein Auto vom Hof zu uns hinüberrollte. Die Mutter des Hauses und zwei ihrer Kinder stiegen aus. Sie brachten uns Campingstühle und je einen Zipperbeutel. Darin befanden sich neben Obst und einem Schokoriegel auch noch Thermosbecher mit Kaffee und ein Sandwich. Wir konnten also erneut auf das Kochen verzichten und waren ein zweites Mal vom Blitz getroffen. Erneut hat uns die Gastfreundschaft der Familie begeistert. Kaum hatten wir uns bedankt, waren sie auch schon wieder verschwunden und wir saßen speisend auf unseren Stühlen.

Kurz drauf kam ein zweites Unwetter auf uns zugerast, das wir erneut von Weitem ausmachen konnten. Schnell die letzten Sachen ins Zelt gepackt und ab hinein.

Wir haben den Abend dann damit verbracht, ein Buch zu lesen. Linus überragende Erzählerstimme und Svens wunderbare Eigenschaft, ein guter Zuhörer zu sein, verwandelten diesen und viele weitere Abende zu gemütlichen Tagesabschlüssen. Gelesen wurde: Joe Abercrombi Königsschwur (Half a king). Ursprünglich hat Linus das Buch in Drumheller alleine begonnen, war dann aber so begeistert, dass er Sven auf diese wundervolle Reise mitnahm – wir haben das Buch unglaublich gefeiert!

Seitdem Linus von Sven gefragt wurde, ob er schon einmal darüber nachgedacht hat, Hörbuchsprecher zu werden, überlegt er nun, ob er diesen Versuch einmal starten sollte, sobald er wieder zurück in Deutschland ist. Sven würde es feiern! [Anmerkung des Lektors: Bei der Party wäre ich dabei! 😊]

Am nächsten Mittag ging es weiter auf dem Highway 56 zum Miquelon Lake. Unterwegs passierten wir Camrose, eigentlich nur ein kleines Städtchen, aber hier ist es die größte Häuseransammlung zwischen Drumheller und Edmonton. Vor dem Supermarkt, in dem wir unsere Vorräte aufstockten, kamen wir mit einer älteren Dame ins Gespräch, die darauf wartete, mit ihren Einkäufen von ihrem Mann abgeholt zu werden. Man kommt echt überall mit irgendwem ins Gespräch!

Der Weg zum Miquelon Lake war nochmal ziemlich anstrengend, aufgrund fehlender Schilder sind wir über ein großzügiges Schotterstück gefahren, nach zwei bis drei Kilometer über losen Splitt waren wir ziemlich gerädert. Der Campingplatz am See gehörte zu einem Provincial Park. Am Anfang stand ein Schild, das darauf hinwies, dass außerhalb der Saison alles über Selfregistration geht. Das Konzept: Jeder, der auf dem Platz campen will, holt sich von einem kleinen Stand einen vorgedruckten Briefumschlag, auf dem man die Anzahl der Nächte, Nummernschild, Name und Platznummer eintragen soll. Den fälligen Betrag packt man dann in den Umschlag und wirft ihn in einen Briefkasten. Alles auf Vertrauensbasis. Wie sich herausstellen sollte, wird das nicht das letzte Mal sein, dass wir dieser Zahlungsmethode begegnen. Nichtsdestotrotz schön, dass das alles so klappt.