Dienstag, 21. Mai 2019

Eine Reise zum Mittelpunkt von Nord Alberta


Die ersten Sonnenstrahlen kletterten an dem Ästen der knorrigen Bäume, die, viel zu klein für ihr Alter, gebeugt vom ewig peitschenden Wind der Prärie, stetig hin und her wogten. Eine kleine Oase von Grün und Blau in den unendlichen Feldern, die sie umgaben. In den Baumwipfeln war eine Krähe auszumachen, ungerührt von den Kräften des Windes, der sie umgab. Es war ein guter Tag zum Fliegen und als sich der Vogel über ein alleinstehendes Zelt von den Böen zum See, mit seinen weiß roten Salzablagerungen, tragen ließ, sah er von Weitem das sich kräuselnde Wasser, während kleine Regentropfen von seinen Federn perlten.

Die Sonne blinzelte durch die Wolken, doch die Feuchtigkeit des Morgens hatte sich noch nicht gelegt, als Körper aus der Benommenheit des Schlafes erwachten. Ein Kopf reckte sich aus dem grob zusammengeschusterten Unterschlupf, blickte in alle Richtungen, um sich sicher zu sein, dass sie alleine und in Sicherheit waren. „Kaffee. Ich kümmere mich um unseren Kram hier“, brummte der Bärtige, während er an der Zeltplane zupfte. Kurz darauf, als der Kopf verschwand, ragten beide Füße aus dem Zelt und schlüpften in grob genähtes, schwarzes Schuhwerk. Der massige Körper ragte im vollen Stand hoch neben den kleinen höhlenartigen Behausungen auf, der Blick zum Himmel gerichtet und er konnte beobachten, wie eine Krähe Richtung See davonzog.

Kopfschüttelnd tat er den Gedanken ab, wie gut diese Krähe über dem Feuer ausgesehen hätte, besann sich aber eines Besseren und beobachtete die nähere Umgebung – sie waren doch nicht allein. Anscheinend hatten sich am Vorabend noch weitere Reisende diesen Ort als Rastplatz ausgesucht, um vor der hereinbrechenden Dunkelheit Schutz zu suchen. Unbehaglich schweifte sein Blick über den kleinen Platz, den er und sein Compadre gestern bis aufs Äußerste verwüstet hatten -  sie sollten schleunigst aufbrechen. Er riss die äußere Zeltplane mit einem geübten Ruck zur Seite und begann mit dem Falten, Sortieren und Zusammensuchen nützlicher Objekte, die über den zehn Meter im Durchmesser breiten Kreis verteilt lagen.

Im Zeltinnern kam der Blick auf eine, in einen Kokon aus Decken gehüllte, fast kindlich klein aussehende Gestalt zum Vorschein. Der Kopf zuckte umher, als das helle Licht und klirrende Kälte in das Innenzelt drangen: „Was soll das? Ich steh ja schon auf“, kam es kratzig hervor.
„Wir kommen ja doch nicht vor Mittag los. Bei dem Wind brauchen wir ewig bis nach Edmonton“, folgte ein Brummen.

Langsam, aber dann immer schneller werdend, rollte sich der Spitzbubige aus seinen etlichen Hüllen, Decken und Kleidungsstücken heraus. Einen Großteil der Kleidungsstücke ließ er allerdings am Körper und schlüpfte fix in sein heruntergekommenes Schuhwerk. Kurz darauf brodelte Wasser in einem Blechtopf und das Zelt verschwand in großen schwarzen und grauen Säcken, neben vielen anderen Utensilien, wie Schlafsäcken, Matratzen, Decken, Kleidung – sowohl für den heißesten Sommer, als auch für milde Winter, Ersatzteile, Werkzeug, elektronische Komponenten, mit denen man wahrscheinlich ganz Edmonton eindecken konnte, Hygieneartikel – bei denen nicht mal Zahnseide fehlte, 2 vollständige Kartenspiele, eine Unterlegscheibe für Autofelgen – die zum Wurfobjekt umfunktioniert wurde, Besteck und zusätzliche Messer, 7,5 Liter Wasser und Proviant für einen Tag.

Zum Proviant zählen neben Käse, Äpfeln, Vitaminriegel, Brotfladen, Schoko-Haselnusscreme, auch Nudeln, Gewürze und Gemüse. Genug, um einem hungrigen Reisenden das Leben zu retten.

Beide ließen sich auf je einer Seite der zwei Bänke nieder, die Tischplatte und das schwarze Gold darauf, in ihrer Mitte. Im Becher kreiste der Kaffee im Uhrzeigersinn, als sich kleine Stückchen ungefilterten Kaffees wie kleine Boote im donnernden Strudel einen Kampf auf Leben und Tod lieferten, bis doch bald alle im treibenden Wirbel verschwunden sein werden. Vredek stieß den Gedanken beiseite, griff in eine seiner vielen Seitentaschen und zückte ein klein gefaltetes Stück Papier hervor. Er grinste, als er es auseinanderfaltete und über den gesamten Tisch ausbreitete: „Wir sind hier“ und sein dürrer Zeigefinger kratzte über das Papier, bis er südlich eines kleinen Sees zum Stehen kam. Sein Grinsen wurde noch breiter: „Wir könnten es heute tatsächlich schaffen“. Seine Stimme bebte vor Aufregung.

„Freu dich nicht zu früh. Das wird ein anstrengender Ritt“. Joe nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Becher und verzog das Gesicht, als er dickere Klumpen ungelösten Kaffeepulvers in den Rachen bekam. „Wir haben Nord-West Wind. Und wir werden heute ausschließlich erst nach Westen und dann nach Norden fahren“. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er mit seinem Finger über die schmalen Linien des brüchigen Papiers fuhr.

Das Grinsen in Vredeks Gesicht schien gerade zu verblassen, da wurden seine Mundwinkel wieder breit: „Du fährst vor, dann hab ich Windschatten. Außerdem, mit dem ganzen Gepäck, da wird uns der Wind schon nicht aus dem Sattel pusten“.

Sie blickten beide zu ihren Rädern. Zwei japanische Schlachtenbummler Nishiki und Miyata, die schon auf vielen Touren gefahren wurden und heute nochmal, auf ihre alten Tage, aufs Ärgste geprüft werden.

Als das schwarze Gold den Rachen hinuntergespült war und es sofort seine gewohnte, pulsierende Energie entfaltete, sprangen beide auf ihre alten Drahtesel und traten los.

Sie winkten gerade noch einem in Schlangenlinien fahrenden, betrunkenen Bauern, welcher ungeachtet des Gegenverkehres die gesamte Fahrbahnbreite ausnutze, als die kräftigen und unnachgiebigen Arme des Windes sie in Empfang nahmen.

Der erste Windstoß kam so heftig und so schnell, das Vredek sich mit aller Kraft an seinen alten Freund Miyata festkrallen musste, um nicht wie ein kleiner Papierflieger vom Wind weggetragen zu werden. Joes Arme strafften sich, Muskeln spannten, um die Linie seines Lenkers im Wind zu halten.

Kam der Wind aus Norden, mussten beide aufpassen, um nicht zu weit auf die tobende Fahrbahn links von ihnen getrieben zu werden. Ließ der Wind für einen kurzen Augenblick nach, da zur Rechten kleine Waldgrüppchen, oder einige Gebäude auftauchten, mussten die zwei hingegen aufpassen, nicht zu stark gegenzulenken, um nicht im Geröll zu landen – in den weniger schlimmen Fällen. Hin und wieder warteten auch Flüsse, oder Tümpel auf sie.

Kam der Wind aus Westen, raubte er jegliches Tempo und das Fahren auf der weiten Ebene wurde zur riesigen Kraftanstrengung.

Auf der Fahrbahn tobte heilloses Chaos. Sauste auf der Gegenfahrbahn ein vierzig Tonnen schweres Ungetüm an ihnen vorbei, kam es nicht nur einmal vor, dass Vredek und Joe vom harten Aufprall der Windwand aus dem Tritt gebracht wurden und dann, als sich dahinter das leere Luftloch auftat, beide aus der Bahn gerissen wurden.

Fünf Kilometer fühlten sich an wie zehn. Das Tempo war unterirdisch langsam. Zum Mittag waren erst 30 Kilometer geschafft. Vredeks Muskeln brannten, der Schweiß rann ihm in Sturzbächen von der Stirn. Die Hitze in ihm wirkte wie ein Feuer, was ihn von innen heraus verbrennt, während um ihn die beißend kalte Luft des Windes peitschte. Die Kleidung, die er zum Schutz gegen das Äußere trug, befeuerten sein Innerstes. Der Schweiß brannte in den Augen und an seinen Beinen hingen Zentner schwere Steine, die ihn immer weiter haben erlahmen lassen. Er merkte, wie die Wetterbedingungen, der rasende Verkehr und sein müder werdender Körper an seiner Aufmerksamkeit nagte. Und Unaufmerksamkeit könnte hier seinen Tod bedeuten. In Kanada sterben Menschen tausendmal eher daran, von einem Auto überfahren zu werden, als von einem Bären getötet zu werden, hatte Mutter Gundring immer gesagt.

Als sie an einem General Store, der irgendwo auf ihrer gottverlassenen Route lag, hielten, rutschte Vredek erschöpft vom Sattel. Miyata konnte das Gewicht allein nicht tragen und sank wie er zu Boden.

Auf all seinen Touren hatte Joe es noch nie mit so einem peitschenden Wind zu tun bekommen. Die Böen, die ihn über die Fahrbahn schoben, erforderten so viel Konzentration, dass das Fahren zu einem mentalen Kraftakt wurde. Seine Beine hingegen arbeiteten sich unnachgiebig durch die ebenso unnachgiebige Wand aus Wind. Ein Pedalenstoß nach dem anderen. Er sehnte sich nach dem Ende dieses Tages, zwang sich aber mit seinen Gedanken zurück aufs Rad. Ein Pedalstoß nach dem anderen. Als er, geschafft von 30 hart erkämpften Kilometern, auf dem staubigen Parkplatz Nishiki an die brüchige Bretterbarrikade, die wahrscheinlich das Geländer der Veranda sein sollte, sein Rad abstellte, freute sich trotzdem jeder Muskel auf die kurze Pause, bevor es wieder zurück auf die Straße und in den wogenden Wind ging.

Der Laden entpuppte sich als zwei Läden, die von ein und derselben Person geführt wurden. Ein General Store und ein Liquor Geschäft. „Ein Bier kommt jetzt nicht schlecht, verlängert die Pause etwas“ murrte Joe und über Vredeks Gesicht huschte ein Lächeln, das direkt wieder von der Erschöpfung aufgesogen wurde. Einige Augenblicke später saßen die beiden auf zwei Schemeln, geschützt vom Wind, an der Verandawand. „Es gäbe noch eine andere Route“ hörten sie über sich den Besitzer des Ladens mit breitem Akzent sagen. Als Joe hochblickte, sah er nur einen mit einem Turban und einem weißen Bart geschmückten Kopf, der ihm freundlich entgegen lächelte. „Ein, zwei Straßen weiter im Osten gibt es einen versteckten Pfad den ihr nehmen könntet, Autos nutzen ihn nicht!“ „Wir müssen aber nicht nach Osten“, brummte Joe, dem nicht danach zumute war, auch nur einen Meter der zurückgelegten Strecke noch einmal zu fahren. „Es ist eure Entscheidung, der Verkehr auf eurer Route ist bisweilen tückisch“ kam es vom höher gelegenen Ende der Veranda. „Was meinst du, Vredek“, fragte Joe. „Mir doch egal“, nuschelte Vredek in seine Flasche. Joe holte noch einmal die Karte raus und betrachtete die vom Ladenbesitzer vorgeschlagene Route. Er wollte sicher nur helfen, aber der von ihm erwähnte Pfad führte östlich an Edmonton vorbei. Sie würden neben einem Umweg auch mindestens zehn Kilometer mehr gegen den Wind auf sich nehmen als bei der anderen Route, nur um den Verkehr zu entkommen. „Wir halten den Kurs“, knurrte Joe, als er die Karte wegsteckte.

15 Minuten später schob sich das schwarze Gummi der Reifen wieder auf den mit kleinen Steinen und Sand übersäten Seitenstreifen, während Joe dem Wind einige Verwünschungen entgegenstieß und gegen die Böen wetterte.

Vredek war still. Seine ganze Konzentration, seine ganze Kraft floss in die Anstrengung, immer noch einen Tritt in die Pedale zu tun, um nicht stehen zu bleiben.

Der Himmel war bis zum Horizont mit kleinen Wolken bedeckt, die so aussahen, als ob sie ein wilder Hund in tausend Fetzen zerrissen hätte und die seltenen Baumgrüppchen am Straßenrand bogen sich unter den gewaltigen Winden.

Als sie nach einer weiteren Stunde harter Arbeit endlich an die ersehnte Abzweigung Richtung Norden und Richtung Edmonton kamen, bekam der Gedanke in Joes Kopf, dass sie es tatsächlich noch in die Hauptstadt Albertas schaffen würden, neue Hoffnung.

„Wie weit noch?“ Vredeks Schrei schien von der nächstbesten Böe davongetragen zu werden und seine Stimme verhallte im Wind. Joe hatte den Ruf aber vernommen, doch als sich sein Kopf nach hinten drehte, sah Vredek nur, wie sich seine Lippen stumm bewegten und der Wind die Worte schluckte.

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