Montag, 20. Mai 2019

Wie die Maden im Speck


Auf dem Highway 56 ging es weiter nach Norden. Wir passten unser Tempo und die Fahrtdauer den Wetterbedingungen und den Kräften von Linus an.

Der Highway
Wir nächtigten noch vier weitere Male bei Farmern, die am Highway gelegen wohnten. Die Erfahrungen, die wir dabei machten, waren phänomenal. Was für wunderbare Begegnungen wir machten. Nicht selten standen wir sprachlos auf großen Grasflächen wo wir unser Zelt aufschlugen und starrten mit einem Lächeln im Gesicht über die weiten Prärien.

Am nächsten Abend brauchten wir einige Versuche, um einen Schlafplatz zu finden. Die ersten Farmer waren nicht zu Hause und zwei Familien hatten nicht so große Lust auf uns. Dann kamen wir zu einem älteren Ehepaar: Kim und Ann. Die beiden besitzen eine Alpakafarm und leben in ihrem kuscheligen Haus, die nächsten Nachbarn sind einen Kilometer entfernt. Beide kamen am Abend nochmal zu uns nach draußen und luden uns auf eine warme Suppe nach drinnen ein. Dieses Angebot schlugen wir noch aus, da wir erschöpft von der Fahrt waren und einfach ein bisschen Zeit für uns wollten. Wir saßen draußen, so lange die Temperatur es zuließ (es wurde so langsam etwas besser). Und mittlerweile hatten wir uns auch so an die Temperaturen gewöhnt, dass 8°C eigentlich recht warm waren und wir nicht mehr dick eingepackt draußen saßen. Die Frisbee musste leider eingepackt bleiben – der Wind blies zu stark.

Am nächsten Morgen kamen beide wieder nach draußen. Man hatte auf unser Erwachen schon gewartet. Wir wurden zum Frühstück nach drinnen eingeladen. Es gab Kaffee (ausnahmsweise mal guten) und Porridge. Danach noch Rührei. Die beiden waren unglaublich freundlich und uns ging es richtig, richtig gut. Wir haben bestimmt 3 Stunden bei den beiden drinnen gesessen, gegessen und geredet. Wir wollten ihnen wirklich keine Umstände machen, aber sie meinten, sie seien richtig froh über unseren Besuch. Da Linus über die kalten Nächte klagte, bekam er von Ann selbstgestrickte Alpakasocken geschenkt – die sind so flauschig!

Sie teilten uns mit, dass ihre größte Sorge der ausbleibende Regen ist. Der letzte Regen soll letztes Jahr im November gefallen sein und der Boden trocknet aus. Schnee haben sie zu Hauf, aber richtige Regenfälle nicht. Dieses fremde Land faszinierte uns und so haben wir uns gerne Geschichten über die Lebensbedingungen der Menschen angehört. Tatsächlich schnappten wir in diesen Tagen auf, wie sich die Flüsse in den Canyons zurückbildeten. Drumheller liegt direkt an einem Fluss, der vor vielen Jahrtausenden mal den gesamten Canyon ausfüllte. Am Gestein des Canyons lassen sich die verschiedenen Wassermarken ausmachen, in welchen Etappen der Fluss stückweise austrocknete. Sollte der Fluss irgendwann gänzlich austrocknen (auch wenn niemand von uns das wohl miterleben wird), müsste Drumheller ihr gesamtes Wasser importieren und auch wenn die Kleinstadt nur einige tausend Einwohner hat, wissen wir zumindest aus Beispielen wie Las Vegas, wie teuer ein solches Unterfangen ist: Drumheller könnte also irgendwann der Grundlage seiner Existenz beraubt werden.

Wir mussten uns von den beiden losreißen, so gut hat es uns gefallen und so gerne wären wir noch weitere Stunden bei ihnen im Warmen sitzen geblieben und hätten uns ausgetauscht. Aber uns liegt immer etwas die Zeit im Nacken, da wir gegen 17 Uhr immer anfangen wollten, einen Schlafplatz für die bevorstehende Nacht aufzutreiben. Wenn es mal schlecht läuft, kann man dafür durchaus 1-2 Stunden einplanen und im Dunkeln oder Eisigkalten sein Zelt aufzubauen, darauf hatten wir beide keine Lust.

Also machten wir uns wieder auf den Highway 56. Der Highway hatte kaum Seitenstreifen und umso nördlicher wir kamen, desto stärker war er befahren (zumindest war das unser Gefühl). An einigen Passagen war das recht anstrengend. Linus wurde auch von einem Stein getroffen, der unter dem Druck eines Lastwagenreifens zum Geschoss wurde. Nichts Wildes, aber ein bisschen blutete das Bein dennoch. Sven überlegte sich seither, eine Sonnenbrille zu kaufen. Einäugig wäre die Tour nur halb so atemberaubend. Und wir beide entwickelten den Reflex, dass wir den Kopf senkten, wenn wieder ein 40-Tonner auf uns zuraste.

Einige Fahrer waren allerdings auch sehr umsichtig, fuhren in gemächlichem Tempo an uns vorbei, oder fuhren komplett auf die Gegenfahrbahn, um den Abstand möglichst groß zu halten. Diesen Leuten winkten wir auch stets hinterher. Winken haben wir etwas lieben gelernt.

Viele Leute winkten uns von sich aus zu (Leute auf Rädern scheinen hier zumindest eine Seltenheit zu sein – wir haben noch niemand anderes gesehen) und wir gingen auch dazu über, fast jeder Person zu winken, die uns entgegenkam. Irgendwie machte uns diese Art der Kommunikation Spaß.

Kurz nach Mittag sind wir in Stettler im Walmart einkaufen gegangen. Draußen auf dem Parkplatz haben wir dann unser Mittagessen eingenommen und sind soweit gefahren, bis es wieder ca. 17 Uhr war.

Das nächste Farmgelände war einfach riesig. Es standen drei Gebäude darauf. Ein Wohnhaus, eine Lagerhalle oder so etwas in der Art und eine kleinere Hütte.

Die Eltern der drei Kinder waren Mitte vierzig, würden wir schätzen. Der Älteste ist gerade in Holland bei einem Fechtturnier. Er will sich früher oder später für Olympia qualifizieren. Der Farmer ließ unsere Wasserflaschen auffüllen und zeigte uns danach einen Platz, wo wir campen konnten – direkt an einem Teich. Die Wiese neben uns war groß genug, dass wir mit einem Dutzend Leuten dort hätten Frisbee spielen können, aber zu zweit hat es auch Spaß gemacht.


Plötzlich kam ein Auto hinter uns den Hügel heruntergefahren. Der Farmer stieg aus und holte zwei Campingstühle aus dem Auto, die er uns zu unserem Zelt stellte. Wie geil ist das denn? Jetzt mussten wir unser Essen nicht mal auf dem Boden sitzend zubereiten. Wie nett sind die Leute hier? Als wir uns bei ihm bedankten, winkte er nur ab und lächelte. Dann drückte er uns zwei Tupperdosen in die Hand. War das Chili? Es war Chili, noch heiß, geil scharf und schmeckte einfach nur himmlisch. Wir konnten uns auf den Campingstühlen zurücklehnen und das Chili genießen. Wir haben uns gefühlt wie Könige. Schon die zweite Nacht bei solch unglaublich netten Leuten. Dabei haben wir lediglich einen Platz gesucht, an dem wir unser Zelt aufstellen können, ohne von irgendwem weggejagt zu werden.

Nachdem wir aufgegessen hatten und weiter Frisbee spielten, kam jemand den Hügel heruntergelaufen und hatte einen überdimensionalen Hut über den Kopf gezogen. Es war ein ziemlich langer Hut, so um die 2-3 Meter – ein Kajak.

Aspen kam den Hügel hinuntergelaufen. Die älteste Tochter des Hauses: „Are you guys bored? Wanna Kayaking?“

Wir wussten erst gar nicht, was wir sagen sollten, guckten uns nur an und stammelten uns Wortfetzen entgegen. Kurze Zeit später waren wir an einem größeren Teich 100 Meter weiter hinten auf dem Gelände. Sie hielt uns die Paddel hin: „Wer will zuerst?“ Sven bekam den Vortritt, Linus musste erst mal die Kamera an den Start bekommen und wollte zugucken, da er noch nie in einem Kajak saß.


Keiner von uns ist ins Wasser gefallen, es hat mega Spaß gemacht. Der „Teich“ war um die 40x80 Meter groß – wir hatten also Platz. Nicht, dass wir ihn gebraucht hätten, aber Aspen zeigte uns, wie man so ein Kajak richtig „ausfährt“. Es war der erste jüngere Mensch (ungefähr so alt wie wir), mit dem wir auf der Reise Kontakt hatten. Es war ein total erinnerungswürdiger Moment für uns beide.
Kajak fahren ist vielleicht das Eine, bei fremden Leuten im Garten zu zelten das Andere, aber so viel bedingungslose Freundlichkeit entgegengebracht zu bekommen und das in so kurzer Zeit ist schon etwas erschlagend.

Das nächste Mal, als Aspen auftauchte, brachte sie zwei Decken und einen richtig dicken Schlafsack mit. Sie meinte, die Nacht würde sehr kalt werden und da wir über unsere mangelhafte Ausrüstung sprachen, erschien es ihr das Beste, uns ihre Wintersachen auszuleihen. Unsere Fassungslosigkeit steigerte sich zunehmend.

Als Aspen daraufhin nochmal mit ihrem kleinen Bruder auftauchte, brachten sie uns Thermosbecher mit heißem Kakao darin. Außerdem noch eine große Thermoskanne mit noch mehr heißen Kakao.
Und, achja, noch ein Lunchpaket. Zippbeutel mit Apfel, Muffins, Keksen, Sandwich, Schokoriegel... oder haben wir die Schokoriegel und Kekse schon vorher von dem Farmer bekommen?

Wir sind daraufhin auf den Campingstühlen zusammengesackt, wortlos. Gibt es in Kanada etwa den Brauch, dass man Leute bewirten muss, es sei denn, sie verlangen in Ruhe gelassen zu werden? Haben wir irgendwas übersehen, hätten wir diese Gastfreundschaft stärker von uns weisen müssen?
War es unfreundlich, all das anzunehmen? Puh, wir waren wirklich erschlagen. Auch wenn die Quantitäten uns erschlugen, waren es vor allem die Qualitäten, die uns umhauten. Die Leute haben uns wirklich das Gefühl gegeben, dass sie Lust auf uns haben. Erst Kim und Ann und dann auch noch diese Familie, die gewiss einen ziemlich vollgepackten Alltag hat. Wir haben uns richtig gut aufgehoben gefühlt. Wir dachten, wir würden auf dieser Reise spartanisch leben, nur mit dem notwendigsten unterwegs, kein Wasser, kein Unterschlupf, manchmal Nahrungsengpässe. Das waren Dinge, über die wir uns Gedanken gemacht hatten und doch lebten wir die Tage wie die Maden im Speck.

Es war die erste klare Nacht, seitdem wir Calgary und seine vielen Lichter hinter uns gelassen hatten und der Sternenhimmel schien von goldenen Punkten übersät. Die Kälte schickte uns zwar schon bald wieder unter unseren Deckenberg, der fast das halbe Zelt ausfüllte, aber solche Sternennächte lassen einen immer beeindruckt zurück.

Am nächsten Morgen gings so ausgeschlafen wie bisher noch nie aus dem Zelt, Kakao und Zusatzdecken hatten ganze Arbeit geleistet. Das Wetter hatte sich unserer Zeltwärme angepasst, draußen schien die Sonne, fast keine Wolken zu sehen. Nach kurzer Verabschiedung und vielen 'Thank you' und 'Awesome' Ausrufen gings wieder auf den Highway, der uns weiter nach Norden trug.

Beste Stimmung und bestes Wetter gaben den Beinen ungewohnte Leichtigkeit, die Kälte der letzten Tage hatte doch eine kleine lähmende Wirkung. Wie wir so vor uns hin radelten, tauchte am Horizont in unserer Richtung eine kleine dunkle Wolke auf, die bei unserem Näherkommen größer und größer wurde und den halben Himmel ausfüllte. Wir blieben einige hundert Meter vor den Wolkenschatten stehen, unschlüssig, weiterzufahren und den sich nun ergießenden Regenmassen zu trotzen oder hoffen, dass sie weiterzögen. Die Entscheidung wurde uns nach ein paar Minuten abgenommen, als die Wolken den blauen Himmel über uns beanspruchten und die wärmende Sonne verdeckten. Wir entschieden uns, bei der Farm in deren Einfahrt wir standen, nach Unterschlupf zu suchen.


Anscheinend war gerade niemand da. Wir stellten uns unters Vordach der Garage und warteten auf den Regen. Als er dann kurz darauf einsetzte, bog ein Auto in die lange Einfahrt. Die Frau und ihr Sohn, die aus dem Auto stiegen, brachten nur gerade etwas zu Essen vorbei und wohnten hier eigentlich gar nicht. Wir erklärten ihr, Rachel, unsere Lage und sie rief darauf über mehrere Stationen den Farmer an und erklärte uns zwei Sätze später, dass wir unser Zelt einfach irgendwo aufs Grundstück stellen könnten. Der Farmer war gerade bei der Aussaat und würde am Abend wieder da sein. Das Gewitter war mittlerweile vollends über uns hereingebrochen und als einer der zahlreichen Blitze wenige Meter von uns entfernt einschlug, verzogen wir uns nach drinnen, die Tür war nicht abgeschlossen. Das Gewitter verschwand genauso schnell, wie es gekommen war und ein paar Minuten später war es draußen wieder still. Die beiden machten sich wieder auf den Weg, nicht ohne uns noch eine gute Reise zu wünschen.

Wir hatten unsere Räder noch nicht wieder bepackt, als ein zweites Auto auf den Hof rollte und wieder Frau und Sohn ausstiegen. Sie war die Frau des Farmers. Von den Anrufen hatte sie zwar nichts mitbekommen, aber auch sie hatte keine Einwände und meinte, dass es weiter hinten im Garten gut zum Zelten wäre. Nach und nach kam auch die Sonne wieder raus, während die Regenwolken im Südwesten verschwanden. Noch nie hatten wir so einen plötzlichen Wetterumschwung mitbekommen, die natürlichen Extreme liegen hier schon weiter auseinander.



Als das Zelt aufgebaut und die Sachen verstaut waren, haben wir ein wenig versucht, Frisbee zu spielen, während ein Auto vom Hof zu uns hinüberrollte. Die Mutter des Hauses und zwei ihrer Kinder stiegen aus. Sie brachten uns Campingstühle und je einen Zipperbeutel. Darin befanden sich neben Obst und einem Schokoriegel auch noch Thermosbecher mit Kaffee und ein Sandwich. Wir konnten also erneut auf das Kochen verzichten und waren ein zweites Mal vom Blitz getroffen. Erneut hat uns die Gastfreundschaft der Familie begeistert. Kaum hatten wir uns bedankt, waren sie auch schon wieder verschwunden und wir saßen speisend auf unseren Stühlen.

Kurz drauf kam ein zweites Unwetter auf uns zugerast, das wir erneut von Weitem ausmachen konnten. Schnell die letzten Sachen ins Zelt gepackt und ab hinein.

Wir haben den Abend dann damit verbracht, ein Buch zu lesen. Linus überragende Erzählerstimme und Svens wunderbare Eigenschaft, ein guter Zuhörer zu sein, verwandelten diesen und viele weitere Abende zu gemütlichen Tagesabschlüssen. Gelesen wurde: Joe Abercrombi Königsschwur (Half a king). Ursprünglich hat Linus das Buch in Drumheller alleine begonnen, war dann aber so begeistert, dass er Sven auf diese wundervolle Reise mitnahm – wir haben das Buch unglaublich gefeiert!

Seitdem Linus von Sven gefragt wurde, ob er schon einmal darüber nachgedacht hat, Hörbuchsprecher zu werden, überlegt er nun, ob er diesen Versuch einmal starten sollte, sobald er wieder zurück in Deutschland ist. Sven würde es feiern! [Anmerkung des Lektors: Bei der Party wäre ich dabei! 😊]

Am nächsten Mittag ging es weiter auf dem Highway 56 zum Miquelon Lake. Unterwegs passierten wir Camrose, eigentlich nur ein kleines Städtchen, aber hier ist es die größte Häuseransammlung zwischen Drumheller und Edmonton. Vor dem Supermarkt, in dem wir unsere Vorräte aufstockten, kamen wir mit einer älteren Dame ins Gespräch, die darauf wartete, mit ihren Einkäufen von ihrem Mann abgeholt zu werden. Man kommt echt überall mit irgendwem ins Gespräch!

Der Weg zum Miquelon Lake war nochmal ziemlich anstrengend, aufgrund fehlender Schilder sind wir über ein großzügiges Schotterstück gefahren, nach zwei bis drei Kilometer über losen Splitt waren wir ziemlich gerädert. Der Campingplatz am See gehörte zu einem Provincial Park. Am Anfang stand ein Schild, das darauf hinwies, dass außerhalb der Saison alles über Selfregistration geht. Das Konzept: Jeder, der auf dem Platz campen will, holt sich von einem kleinen Stand einen vorgedruckten Briefumschlag, auf dem man die Anzahl der Nächte, Nummernschild, Name und Platznummer eintragen soll. Den fälligen Betrag packt man dann in den Umschlag und wirft ihn in einen Briefkasten. Alles auf Vertrauensbasis. Wie sich herausstellen sollte, wird das nicht das letzte Mal sein, dass wir dieser Zahlungsmethode begegnen. Nichtsdestotrotz schön, dass das alles so klappt.


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