Auf dem Highway 56 ging es weiter nach Norden. Wir passten
unser Tempo und die Fahrtdauer den Wetterbedingungen und den Kräften von Linus
an.
| Der Highway |
Wir nächtigten noch vier weitere Male bei Farmern, die am
Highway gelegen wohnten. Die Erfahrungen, die wir dabei machten, waren
phänomenal. Was für wunderbare Begegnungen wir machten. Nicht selten standen
wir sprachlos auf großen Grasflächen wo wir unser Zelt aufschlugen und starrten
mit einem Lächeln im Gesicht über die weiten Prärien.
Am nächsten Abend brauchten wir einige Versuche, um einen
Schlafplatz zu finden. Die ersten Farmer waren nicht zu Hause und zwei Familien
hatten nicht so große Lust auf uns. Dann kamen wir zu einem älteren Ehepaar:
Kim und Ann. Die beiden besitzen eine Alpakafarm und leben in ihrem kuscheligen
Haus, die nächsten Nachbarn sind einen Kilometer entfernt. Beide kamen am Abend
nochmal zu uns nach draußen und luden uns auf eine warme Suppe nach drinnen
ein. Dieses Angebot schlugen wir noch aus, da wir erschöpft von der Fahrt waren
und einfach ein bisschen Zeit für uns wollten. Wir saßen draußen, so lange die
Temperatur es zuließ (es wurde so langsam etwas besser). Und mittlerweile
hatten wir uns auch so an die Temperaturen gewöhnt, dass 8°C eigentlich recht
warm waren und wir nicht mehr dick eingepackt draußen saßen. Die Frisbee musste
leider eingepackt bleiben – der Wind blies zu stark.
Am nächsten Morgen kamen beide wieder nach draußen. Man
hatte auf unser Erwachen schon gewartet. Wir wurden zum Frühstück nach drinnen
eingeladen. Es gab Kaffee (ausnahmsweise mal guten) und Porridge. Danach noch
Rührei. Die beiden waren unglaublich freundlich und uns ging es richtig,
richtig gut. Wir haben bestimmt 3 Stunden bei den beiden drinnen gesessen,
gegessen und geredet. Wir wollten ihnen wirklich keine Umstände machen, aber
sie meinten, sie seien richtig froh über unseren Besuch. Da Linus über die
kalten Nächte klagte, bekam er von Ann selbstgestrickte Alpakasocken geschenkt
– die sind so flauschig!
Sie teilten uns mit, dass ihre größte Sorge der ausbleibende
Regen ist. Der letzte Regen soll letztes Jahr im November gefallen sein und der
Boden trocknet aus. Schnee haben sie zu Hauf, aber richtige Regenfälle nicht.
Dieses fremde Land faszinierte uns und so haben wir uns gerne Geschichten über
die Lebensbedingungen der Menschen angehört. Tatsächlich schnappten wir in
diesen Tagen auf, wie sich die Flüsse in den Canyons zurückbildeten. Drumheller
liegt direkt an einem Fluss, der vor vielen Jahrtausenden mal den gesamten Canyon
ausfüllte. Am Gestein des Canyons lassen sich die verschiedenen Wassermarken
ausmachen, in welchen Etappen der Fluss stückweise austrocknete. Sollte der
Fluss irgendwann gänzlich austrocknen (auch wenn niemand von uns das wohl
miterleben wird), müsste Drumheller ihr gesamtes Wasser importieren und auch
wenn die Kleinstadt nur einige tausend Einwohner hat, wissen wir zumindest aus
Beispielen wie Las Vegas, wie teuer ein solches Unterfangen ist: Drumheller
könnte also irgendwann der Grundlage seiner Existenz beraubt werden.
Wir mussten uns von den beiden losreißen, so gut hat es uns
gefallen und so gerne wären wir noch weitere Stunden bei ihnen im Warmen sitzen
geblieben und hätten uns ausgetauscht. Aber uns liegt immer etwas die Zeit im
Nacken, da wir gegen 17 Uhr immer anfangen wollten, einen Schlafplatz für die
bevorstehende Nacht aufzutreiben. Wenn es mal schlecht läuft, kann man dafür
durchaus 1-2 Stunden einplanen und im Dunkeln oder Eisigkalten sein Zelt
aufzubauen, darauf hatten wir beide keine Lust.
Also machten wir uns wieder auf den Highway 56. Der Highway
hatte kaum Seitenstreifen und umso nördlicher wir kamen, desto stärker war er
befahren (zumindest war das unser Gefühl). An einigen Passagen war das recht
anstrengend. Linus wurde auch von einem Stein getroffen, der unter dem Druck
eines Lastwagenreifens zum Geschoss wurde. Nichts Wildes, aber ein bisschen
blutete das Bein dennoch. Sven überlegte sich seither, eine Sonnenbrille zu
kaufen. Einäugig wäre die Tour nur halb so atemberaubend. Und wir beide
entwickelten den Reflex, dass wir den Kopf senkten, wenn wieder ein 40-Tonner
auf uns zuraste.
Einige Fahrer waren allerdings auch sehr umsichtig, fuhren
in gemächlichem Tempo an uns vorbei, oder fuhren komplett auf die
Gegenfahrbahn, um den Abstand möglichst groß zu halten. Diesen Leuten winkten
wir auch stets hinterher. Winken haben wir etwas lieben gelernt.
Viele Leute winkten uns von sich aus zu (Leute auf Rädern
scheinen hier zumindest eine Seltenheit zu sein – wir haben noch niemand
anderes gesehen) und wir gingen auch dazu über, fast jeder Person zu winken,
die uns entgegenkam. Irgendwie machte uns diese Art der Kommunikation Spaß.
Kurz nach Mittag sind wir in Stettler im Walmart einkaufen
gegangen. Draußen auf dem Parkplatz haben wir dann unser Mittagessen
eingenommen und sind soweit gefahren, bis es wieder ca. 17 Uhr war.
Das nächste Farmgelände war einfach riesig. Es standen drei
Gebäude darauf. Ein Wohnhaus, eine Lagerhalle oder so etwas in der Art und eine
kleinere Hütte.
Die Eltern der drei Kinder waren Mitte vierzig, würden wir
schätzen. Der Älteste ist gerade in Holland bei einem Fechtturnier. Er will
sich früher oder später für Olympia qualifizieren. Der Farmer ließ unsere
Wasserflaschen auffüllen und zeigte uns danach einen Platz, wo wir campen
konnten – direkt an einem Teich. Die Wiese neben uns war groß genug, dass wir
mit einem Dutzend Leuten dort hätten Frisbee spielen können, aber zu zweit hat
es auch Spaß gemacht.
Plötzlich kam ein Auto hinter uns den Hügel heruntergefahren.
Der Farmer stieg aus und holte zwei Campingstühle aus dem Auto, die er uns zu
unserem Zelt stellte. Wie geil ist das denn? Jetzt mussten wir unser Essen
nicht mal auf dem Boden sitzend zubereiten. Wie nett sind die Leute hier? Als
wir uns bei ihm bedankten, winkte er nur ab und lächelte. Dann drückte er uns
zwei Tupperdosen in die Hand. War das Chili? Es war Chili, noch heiß, geil
scharf und schmeckte einfach nur himmlisch. Wir konnten uns auf den
Campingstühlen zurücklehnen und das Chili genießen. Wir haben uns gefühlt wie
Könige. Schon die zweite Nacht bei solch unglaublich netten Leuten. Dabei haben
wir lediglich einen Platz gesucht, an dem wir unser Zelt aufstellen können,
ohne von irgendwem weggejagt zu werden.
Nachdem wir aufgegessen hatten und weiter Frisbee spielten,
kam jemand den Hügel heruntergelaufen und hatte einen überdimensionalen Hut
über den Kopf gezogen. Es war ein ziemlich langer Hut, so um die 2-3 Meter –
ein Kajak.
Aspen kam den Hügel hinuntergelaufen. Die älteste Tochter
des Hauses: „Are you guys
bored? Wanna Kayaking?“
Wir wussten erst gar nicht, was wir sagen sollten, guckten
uns nur an und stammelten uns Wortfetzen entgegen. Kurze Zeit später waren wir
an einem größeren Teich 100 Meter weiter hinten auf dem Gelände. Sie hielt uns
die Paddel hin: „Wer will zuerst?“ Sven bekam den Vortritt, Linus musste erst
mal die Kamera an den Start bekommen und wollte zugucken, da er noch nie in
einem Kajak saß.
Keiner von uns ist ins Wasser gefallen, es hat mega Spaß
gemacht. Der „Teich“ war um die 40x80 Meter groß – wir hatten also Platz. Nicht,
dass wir ihn gebraucht hätten, aber Aspen zeigte uns, wie man so ein Kajak
richtig „ausfährt“. Es war der erste jüngere Mensch (ungefähr so alt wie wir),
mit dem wir auf der Reise Kontakt hatten. Es war ein total erinnerungswürdiger
Moment für uns beide.
Kajak fahren ist vielleicht das Eine, bei fremden Leuten im
Garten zu zelten das Andere, aber so viel bedingungslose Freundlichkeit
entgegengebracht zu bekommen und das in so kurzer Zeit ist schon etwas
erschlagend.
Das nächste Mal, als Aspen auftauchte, brachte sie zwei
Decken und einen richtig dicken Schlafsack mit. Sie meinte, die Nacht würde
sehr kalt werden und da wir über unsere mangelhafte Ausrüstung sprachen,
erschien es ihr das Beste, uns ihre Wintersachen auszuleihen. Unsere
Fassungslosigkeit steigerte sich zunehmend.
Als Aspen daraufhin nochmal mit ihrem kleinen Bruder auftauchte,
brachten sie uns Thermosbecher mit heißem Kakao darin. Außerdem noch eine große
Thermoskanne mit noch mehr heißen Kakao.
Und, achja, noch ein Lunchpaket. Zippbeutel mit Apfel,
Muffins, Keksen, Sandwich, Schokoriegel... oder haben wir die Schokoriegel und
Kekse schon vorher von dem Farmer bekommen?
Wir sind daraufhin auf den Campingstühlen zusammengesackt,
wortlos. Gibt es in Kanada etwa den Brauch, dass man Leute bewirten muss, es
sei denn, sie verlangen in Ruhe gelassen zu werden? Haben wir irgendwas
übersehen, hätten wir diese Gastfreundschaft stärker von uns weisen müssen?
War es unfreundlich, all das anzunehmen? Puh, wir waren wirklich
erschlagen. Auch wenn die Quantitäten uns erschlugen, waren es vor allem die Qualitäten,
die uns umhauten. Die Leute haben uns wirklich das Gefühl gegeben, dass sie
Lust auf uns haben. Erst Kim und Ann und dann auch noch diese Familie, die
gewiss einen ziemlich vollgepackten Alltag hat. Wir haben uns richtig gut
aufgehoben gefühlt. Wir dachten, wir würden auf dieser Reise spartanisch leben,
nur mit dem notwendigsten unterwegs, kein Wasser, kein Unterschlupf, manchmal
Nahrungsengpässe. Das waren Dinge, über die wir uns Gedanken gemacht hatten und
doch lebten wir die Tage wie die Maden im Speck.
Es war die erste klare Nacht, seitdem wir Calgary und seine
vielen Lichter hinter uns gelassen hatten und der Sternenhimmel schien von goldenen
Punkten übersät. Die Kälte schickte uns zwar schon bald wieder unter unseren
Deckenberg, der fast das halbe Zelt ausfüllte, aber solche Sternennächte lassen
einen immer beeindruckt zurück.
Am nächsten Morgen gings so ausgeschlafen wie bisher noch
nie aus dem Zelt, Kakao und Zusatzdecken hatten ganze Arbeit geleistet. Das
Wetter hatte sich unserer Zeltwärme angepasst, draußen schien die Sonne, fast
keine Wolken zu sehen. Nach kurzer Verabschiedung und vielen 'Thank you' und
'Awesome' Ausrufen gings wieder auf den Highway, der uns weiter nach Norden
trug.
Beste Stimmung und bestes Wetter gaben den Beinen ungewohnte
Leichtigkeit, die Kälte der letzten Tage hatte doch eine kleine lähmende
Wirkung. Wie wir so vor uns hin radelten, tauchte am Horizont in unserer
Richtung eine kleine dunkle Wolke auf, die bei unserem Näherkommen größer und
größer wurde und den halben Himmel ausfüllte. Wir blieben einige hundert Meter
vor den Wolkenschatten stehen, unschlüssig, weiterzufahren und den sich nun
ergießenden Regenmassen zu trotzen oder hoffen, dass sie weiterzögen. Die
Entscheidung wurde uns nach ein paar Minuten abgenommen, als die Wolken den
blauen Himmel über uns beanspruchten und die wärmende Sonne verdeckten. Wir
entschieden uns, bei der Farm in deren Einfahrt wir standen, nach Unterschlupf
zu suchen.
Anscheinend war gerade niemand da. Wir stellten uns unters
Vordach der Garage und warteten auf den Regen. Als er dann kurz darauf
einsetzte, bog ein Auto in die lange Einfahrt. Die Frau und ihr Sohn, die aus
dem Auto stiegen, brachten nur gerade etwas zu Essen vorbei und wohnten hier
eigentlich gar nicht. Wir erklärten ihr, Rachel, unsere Lage und sie rief
darauf über mehrere Stationen den Farmer an und erklärte uns zwei Sätze später,
dass wir unser Zelt einfach irgendwo aufs Grundstück stellen könnten. Der
Farmer war gerade bei der Aussaat und würde am Abend wieder da sein. Das
Gewitter war mittlerweile vollends über uns hereingebrochen und als einer der
zahlreichen Blitze wenige Meter von uns entfernt einschlug, verzogen wir uns
nach drinnen, die Tür war nicht abgeschlossen. Das Gewitter verschwand genauso
schnell, wie es gekommen war und ein paar Minuten später war es draußen wieder still.
Die beiden machten sich wieder auf den Weg, nicht ohne uns noch eine gute Reise
zu wünschen.
Wir hatten unsere Räder noch nicht wieder bepackt, als ein
zweites Auto auf den Hof rollte und wieder Frau und Sohn ausstiegen. Sie war
die Frau des Farmers. Von den Anrufen hatte sie zwar nichts mitbekommen, aber
auch sie hatte keine Einwände und meinte, dass es weiter hinten im Garten gut
zum Zelten wäre. Nach und nach kam auch die Sonne wieder raus, während die
Regenwolken im Südwesten verschwanden. Noch nie hatten wir so einen plötzlichen
Wetterumschwung mitbekommen, die natürlichen Extreme liegen hier schon weiter
auseinander.
Als das Zelt aufgebaut und die Sachen verstaut waren, haben
wir ein wenig versucht, Frisbee zu spielen, während ein Auto vom Hof zu uns
hinüberrollte. Die Mutter des Hauses und zwei ihrer Kinder stiegen aus. Sie
brachten uns Campingstühle und je einen Zipperbeutel. Darin befanden sich neben
Obst und einem Schokoriegel auch noch Thermosbecher mit Kaffee und ein
Sandwich. Wir konnten also erneut auf das Kochen verzichten und waren ein
zweites Mal vom Blitz getroffen. Erneut hat uns die Gastfreundschaft der
Familie begeistert. Kaum hatten wir uns bedankt, waren sie auch schon wieder
verschwunden und wir saßen speisend auf unseren Stühlen.
Kurz drauf kam ein zweites Unwetter auf uns zugerast, das
wir erneut von Weitem ausmachen konnten. Schnell die letzten Sachen ins Zelt
gepackt und ab hinein.
Wir haben den Abend dann damit verbracht, ein Buch zu lesen.
Linus überragende Erzählerstimme und Svens wunderbare Eigenschaft, ein guter
Zuhörer zu sein, verwandelten diesen und viele weitere Abende zu gemütlichen
Tagesabschlüssen. Gelesen wurde: Joe Abercrombi Königsschwur (Half a king).
Ursprünglich hat Linus das Buch in Drumheller alleine begonnen, war dann aber
so begeistert, dass er Sven auf diese wundervolle Reise mitnahm – wir haben das
Buch unglaublich gefeiert!
Seitdem Linus von Sven gefragt wurde, ob er schon einmal darüber
nachgedacht hat, Hörbuchsprecher zu werden, überlegt er nun, ob er diesen Versuch einmal starten sollte, sobald er wieder zurück in Deutschland ist. Sven würde es
feiern! [Anmerkung des Lektors: Bei der Party wäre ich dabei! 😊]
Am nächsten Mittag ging es weiter auf dem Highway 56 zum
Miquelon Lake. Unterwegs passierten wir Camrose, eigentlich nur ein kleines
Städtchen, aber hier ist es die größte Häuseransammlung zwischen Drumheller und
Edmonton. Vor dem Supermarkt, in dem wir unsere Vorräte aufstockten, kamen wir mit
einer älteren Dame ins Gespräch, die darauf wartete, mit ihren Einkäufen von
ihrem Mann abgeholt zu werden. Man kommt echt überall mit irgendwem ins
Gespräch!
Der Weg zum Miquelon Lake war nochmal ziemlich anstrengend,
aufgrund fehlender Schilder sind wir über ein großzügiges Schotterstück
gefahren, nach zwei bis drei Kilometer über losen Splitt waren wir ziemlich gerädert.
Der Campingplatz am See gehörte zu einem Provincial Park. Am Anfang stand ein
Schild, das darauf hinwies, dass außerhalb der Saison alles über
Selfregistration geht. Das Konzept: Jeder, der auf dem Platz campen will, holt
sich von einem kleinen Stand einen vorgedruckten Briefumschlag, auf dem man die
Anzahl der Nächte, Nummernschild, Name und Platznummer eintragen soll. Den
fälligen Betrag packt man dann in den Umschlag und wirft ihn in einen
Briefkasten. Alles auf Vertrauensbasis. Wie sich herausstellen sollte, wird das
nicht das letzte Mal sein, dass wir dieser Zahlungsmethode begegnen.
Nichtsdestotrotz schön, dass das alles so klappt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen