Da wir in den vorherigen Blogeinträgen weitgehend
chronologisch unsere Tour beschrieben haben, gepaart mit einigen Eindrücken
über Welt und Mensch, aber wenig über unsere Gedanken und Gefühle berichtet
haben – da irgendwie immer so viel los ist – wollten wir das so zum Abschluss
von „Kapitel 1“ unserer Tour nachholen. Kapitel 1 war für uns das
Zusammenfinden (New York), die Planung (Calgary) und der Beginn unseres
gemeinsamen Trainings, sowohl auf dem Fahrrad, mit Gepäck und Ressourcen, als
auch wie wir miteinander zurechtkommen – man verbringt ja schon sehr viel Zeit
auf einem Punkt und hat kaum Zeit nur für sich (der Weg von Calgary bis
Edmonton).
Wer einfach nur lesen mag, was auf der Tour passiert und was
wir erleben, kann diesen Part getrost überspringen. Hier soll es um unsere ganz
persönlichen Empfindungen und Emotionen gehen, die wir auf unserer Reise
erlebten und was das Ganze mit uns macht, was in uns bewegt wird und was uns
vielleicht auch prägt. Da das etwas ganz Persönliches ist, werden wir diese
Einträge auch einzeln für uns schreiben.
Linus:
Ich bin mittlerweile so lange und so weit von zu Hause
weg, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich erinnere mich, dass ich im Flieger
darüber nachdachte, auch gar nicht wiederkommen zu wollen, da mich in diesem
„Zu Hause“ so viele Erwartungen und verblasste Hoffnungen, die ich dort
zurückgelassen habe, wieder einholen würden. Dennoch hatte ich auch kaum
Vorstellungen, was mich viele Tausend Kilometer und Stunden später erwarten
würde.
Ich musste feststellen, dass ich fast fluchtartig
Deutschland verlassen hatte. Sich „geplant“ und gut vorbereitet auf eine so
lange Reise zu begeben, sieht zumindest anders aus. Die Route, die wir fahren
wollten, habe ich nicht im Kopf gehabt. Höhenmeter? Streckenkilometer? Gröbste
Vorstellungen. Klamotten, Papier, Stifte – ich hatte nicht mal das Nötigste bei
mir. Über Bären hab‘ ich mich einen Nachmittag informiert, als ein Kumpel
meinte „Ihr fahrt ja durch Bärengebiet“. Tausend Kilometer Fahrrad fahren –
pack ich das überhaupt? Hab‘ ich da überhaupt Lust zu, nahezu den ganzen Sommer
auf dem Sattel zu sitzen und nicht faul in der Sonne zu liegen? Konnte ich mir
gar nicht vorstellen, dass so lange zu machen. All die Menschen, die mich
tagtäglich umgaben, mehrere Wochen nicht zu sehen, war da noch eine der
einfachsten Vorstellungen – so etwas hat man ja öfters mal.
Aber auch der Blick nach vorne fiel mir schwer. Ich hatte
kaum Ideen, was da auf mich zukommen würde. Außer Sven. Auf den freute ich mich
unglaublich.
Ansonsten fühlte ich mich im Flugzeug eigentlich leer.
Wollte schlafen, ging aber nicht. Wollte essen, ging aber nicht. Auf die Idee
zu lesen kam ich nicht mal. Also saß ich da, wartete und starrte auf den Screen
und beobachtete stundenlang, wie sich das kleine Flugzeug auf dem Display
langsam von Deutschland nach Amerika bewegte.
Eigentlich war ich ganz froh, dass ich bei meiner Landung
so viel Aufregung hatte, die die Müdigkeit und mein inneres Schweigen auflöste.
Kein Sven, kaum Geld, nachts in New York an irgendeinem Flughafen, eine
Adresse.
Bei den Jungs in Brooklyn habe ich eine Sache sofort
lieben gelernt. Die Leichtigkeit mit der ich in Svens Gegenwart „sein“ kann.
Klar bietet das „Urlaubssetting“ so etwas an, aber Sven ist ein so furchtbar
unkomplizierter Mensch. Bei den Boys war auch alles so unglaublich lässig,
genau das richtige Startsetting. Eigentlich genau das Gegenteil von dem, was
man von New York, der immer lauten und stressigen Stadt, hört. Ich glaube, ich
habe in dem wackligen Doppelbett mit den dünnen Laken seit Monaten wieder mal
mehrere Nächte am Stück komplett durchgeschlafen.
Das ganze Planen hat mich richtig befeuert. Von New York
bis Calgary war ich beschwingt und habe eine wahnsinnige Lust an der Tour
entwickelt. Ich habe mich als einen entscheidenden Teil der Expedition gefühlt,
dessen Entscheidung ein großes Gewicht tragen (50% halt). Ganz anders als in
dem Leben, was mir davor vor die Füße geworfen wurde, wo man sich entweder auf
der Arbeit nur als kleinen Teil, hinzukommend noch als „Arbeitsanfänger“,
gefühlt hat. Oder, um das Ganze noch etwas größer aufzuziehen, man sich in
einem Leben der Ungerechtigkeit und Ambivalenz, den Institutionen, Regeln,
Gesetzen, Floskeln und selbst Begrüßungsformen ausgeliefert fühlt. Vor allem
dann, wenn man sich entschieden hat, etwas „anders“ zu machen.
Hier hatte ich das Gefühl, dass das, was ich mache (und
das einfach nur weil ich Lust dazu hatte), von anderen Leuten geachtet wird und
sie ein grundlegendes Interesse an mir haben. So erinnere ich mich immer noch
gerne an Framptons Frage: „Was treibt euch an?“ Und eben nicht: „Was macht ihr
(beruflich)?“. Darum geht es in diesem Urlaub eben nicht. Und vielleicht ist
das auch einfach die schönere Art und Weise, jemanden kennenzulernen.
Am Abend in Iricaana, als wir unsere ersten Kilometer
abgestrampelt hatten und ich vollends am Ende war, habe ich nur gedacht:
„Scheiße.“
Ich war mir absolut nicht sicher, ob diese Art Urlaub in
diesem riesigen Setting das Richtige für mich ist. Zum ersten Mal auf der Tour
hab‘ ich mir gewünscht, dass am nächsten Flughafen schon ein Flieger auf mich
wartet, der mich zurückbringt. Nicht, dass ich keine Lust hätte Kanada zu
sehen, aber ich war halt nicht nur für mich verantwortlich. Ich wollte Sven die
Tour nicht vermiesen, hatte er so unglaublich viel Zeit und Mühe in dieses
Abenteuer gesteckt. Ich hatte Sorge, ihn enttäuschen zu müssen, oder dass wir
die Tour vielleicht nicht schaffen würden, wenn wir nicht gut genug vorankämen.
Ich hatte zumindest das Gefühl, die nächsten 3 Tage mit Muskelkater im Zelt
liegen zu müssen, um mich auszukurieren. Es war nur ein kurzer Moment, aber der
Impuls war stark, Sven zu beichten, dass ich mich umentscheiden müsse.
Dann war ich duschen. Keine Ahnung was genau passiert
ist, aber auf dem Rückweg zu unserem Zelt hatte ich ein Gefühl, das ich lange
vermisst habe. Ehrgeiz. Ich hatte Lust, bis aufs Äußerste zu gehen und alles
auszuprobieren, komme da was wolle.
Ich habe Sven erst Wochen später von meinen Gedanken an
jenem Abend berichtet. Er wäre mit mir auch nur 30 Km am Tag gefahren, wenn es
nicht anders gegangen wäre. Bringt mich immer noch zum Schmunzeln.
Eine letzte Sache, dir mir noch einfällt und die mir ein
Stück die Augen öffnete, sind die Begegnungen mit den vielen unterschiedlichen,
fremden Gesichtern. Menschen die ich wahrscheinlich nie wieder in meinem Leben
sehen werde.
Ich hatte eigentlich das Gefühl, mich die letzten Monate
weiter zurückzuziehen. Mich weiter in mir zu vergraben, auf der Suche nach
Antworten, die ich glaubte, irgendwo in mir verloren zu haben (das mag sehr
mystisch klingen, beschreibt aber am besten meine Vorstellung davon). Klar bin
ich auch in Deutschland viel in Kontakt mit Menschen getreten, auch fremden
(besonders im letzten Jahr), aber irgendwie hatte ich manchmal das Gefühl,
etwas präsentieren zu müssen und so immer mehr eine Kontur angenommen zu haben,
in die ich mich selbst hineingepresst habe.
Das Bescheuerte: Man beobachtet sich kopfschüttelnd
dabei.
Ich hatte das Gefühl, aus dieser Kontur herauszufallen,
würde bedeuten, auseinanderzufallen, Stabilität zu verlieren und so klammert
man sich verbissen an das was man kennt, lässt keinen Platz mehr für
Kreativität.
Meine Konturhülle habe ich irgendwo auf dem Sitzplatz 27F
im Flieger zurückgelassen.
Hier in dieser fremden, neuen Welt war Kreativität
gefragt und sie sprudelte aus mir heraus, in unzähligen Gesprächen, neuen
Situationen und Herausforderungen. In „mir“ ewig gesucht und „draußen“ in
Augenblicken gefunden, direkt vor meiner Nase. Ich freue mich darüber, diese
Erkenntnis gemacht zu haben und spüre, wie es mich jetzt schon weiterbringt –
einfach Wahrnehmung verändert.
Ich bin sehr gespannt, was die kommenden Wochen noch
bringen werden. Ich bin guter Dinge und finde alles so unglaublich abgefahren
hier!
Sven:
Wie verschieden Radreisen sein können. Ich bin ja jetzt
schon einige Radtouren von verschiedener Dauer, mit unterschiedlich vielen
Mitfahrern und stark schwankenden Distanzen gefahren, aber jede Tour hat ihren
eigenen Charakter, immer kommen neue Erfahrungen hinzu oder alte werden
revidiert.
Als ich in der Woche, vor meinem Abflug nach New York am
03.03., mit meinem ganzen Hab und Gut Göttingen Lebewohl sagte und wieder nach
Bielefeld kam, hatte ich die Ausmaße der Tour, rückblickend, noch gar nicht
richtig begriffen. Die trubelreiche Woche hat mir nicht wirklich die Zeit
gegeben, mir groß Gedanken zu machen. Mein spätes Packen, acht Stunden vor
Abfahrt, war dann nur konsequent. Die Reisebegeisterung kam im Flugzeug dann
geballt über mich, das Abenteuer winkte und hat geliefert.
Die Woche, die ich vom JFK Flughafen in New York bis zu
Jim und Laurie, meinen Gastgebern für den nächsten Monat, gebraucht habe, hat
durch den lange anhaltenden Winter eine für mich völlig neue Radfahrrealität
geschaffen, vorher bin ich noch nie bei so kaltem Wetter gefahren. Einer der
Hauptgründe für die Tour war also schon dabei, befriedigt zu werden: Grenzen
auszutesten. Was geht, was geht nicht mit ‘nem Rad? Was hat Wetter für
Auswirkungen auf die „Tourendynamik“?
Erkenntnis: Man braucht für alles mehr Zeit. Und die hab‘
ich! Bis mein Körper diesem Gedanken nachkam und sich mehr Zeit ließ, hat es
noch ca. anderthalb Monate gedauert, als Linus und ich kurz hinter Calgary mit
ähnlichen Situationen konfrontiert wurden. Für mich ein Indiz dafür, wie sehr
ich mich an einen von Zeit dominierten Alltag gewöhnt habe (dabei lass ich es
meistens ja ruhiger angehen) und das Umdenken seine Zeit braucht. In dem Monat
habe ich meinen Kopf entrümpelt, alles Abgestandene raus und die Dinge, die es
erst richtig gemütlich machen, drin behalten. Den neugewonnenen Platz begann
ich mir dann eifrig mit neuen gemütlichen, spannenden und interessanten Dingen
zu füllen, davon gab es bei den beiden Selbstversorgern reichlich.
Der Aufbruch aus meinem Winterquartier fiel mir dann auch
deutlich schwerer als der Aufbruch aus Bielefeld. Hatte ich in Bielefeld noch
den Gedanken, dass ich in ein paar Monaten wieder da bin, so war es hier der
Abschied von einem neu gewonnenen Zuhause, dass man vielleicht erst in ein paar
Jahren, vielleicht auch nie wieder sieht und all die gemütlichen Abende am
Feuer, die lustigen Gespräche, das gute Essen und die befreiende Arbeit im Wald
gehörten der Vergangenheit an. Die Woche, in der ich nach New York zurück bin,
war dann ziemlich einsam und es war das erste Mal, dass ich Komfort und
Gesellschaft vermisste.
Mit Linus' Eintreffen in New York hat dann etwas die
Zeitlosigkeit begonnen, die Wochen bis Edmonton verflogen gefühlt und ich machte
erneut die Erkenntnis, dass die doch schon sehr radikale Veränderung des
Alltags, die mit so einer langen Tour einhergeht, nur Gutes mit sich bringt.
Dadurch, dass wir im Wesentlichen nur von Tag zu Tag planen, bin ich mit meinen
Gedanken häufig im viel beschworenen Hier-und-Jetzt, ich kann mir Zeit nehmen,
über Dinge nachzudenken, die sonst vielleicht zu kurz kommen und man hat viel
Platz zum Staunen.
Die ganzen Begegnungen mit wunderbaren und interessanten
Menschen und die beeindruckende Natur heben die Ursprünglichkeit vom „unterwegs
sein“ heraus und machen mir klar, wie klein mein eigener Blickwinkel auf viele
Dinge ist. Ich kann unglaublich viel mitnehmen und meine Liste an Dingen, die
ich in meinen Alltag in Deutschland integrieren will, wächst mit jedem Tag.
Das Fahren zu zweit, der gemeinsame Austausch über
erlebte Dinge und das entschleunigte Reisetempo, in dem wir unterwegs sind,
bereichert ungemein und ich denke, dass diese Tour, hätte ich sie allein gemacht,
zwar auch wunderschön, aber komplett anders geworden wäre. Ich bin froh
darüber, dass sie so ist wie sie ist.
Ihr seid so süß ihr beiden :P
AntwortenLöschenWünsch euch noch ganz viel Spaß , ich denk an euch <3
Gruß Herzog Hauke