Da wir am Montagabend nach unserer ersten kleinen Tour
einige Dinge festgestellt haben, die Mike noch ändern sollte, wollten wir ihm
nach seinem Abendessen noch ein Besuch abstatten.
Leider war er nicht mehr da, weshalb sich Sven früh morgens
einen Wecker gestellt hat, um alles Nötige so früh wie möglich abzuklären.
Schließlich wollten wir schnell aufbrechen und Kilometer machen. Bei Mike
angekommen war dieser voll beschäftigt, nächster möglicher Zeitpunkt für ihn
nach den Rädern zu gucken, wäre 11:00 Uhr. Wir haben noch gemütlich
gefrühstückt und waren mit gepackten Sachen um elf bei Mike. Gepäckträger,
Räuber Hotzenplotz und das Tacho mussten montiert werden, die Sättel höher, die
Bremsen fester. Das hat sich dann alles ziemlich gezogen, vor allem wegen immer
wieder nicht passenden Gepäckträgern. Als es dann auf die 15:00 Uhr zuging,
beschlossen wir kurzerhand, doch noch eine Nacht zu bleiben, Fahrten aus
Städten heraus ziehen sich immer und wir wollten nicht im Dunkeln in
irgendwelchen Vororten hängen bleiben. Also standen wir Dienstagabend wieder
bei Lauren vor der Tür, die „unser“ Zimmer zum Glück noch frei hatte, sodass
wir da noch eine Nacht im Warmen schlafen konnten. Für den Abend haben wir uns
mit Mike auf ein Bierchen in seinem Hinterhof, der mit alten Radteilen übersät
war, getroffen und mit ihm etwas über die anstehende Tour gequatscht, echt ein
super cooler Typ. Nach dem Abend waren wir uns einig, dass er eher wie ein
alter Freund als wie ein Fremder wirkt, den man nach langer Zeit wiedersieht
und es hat sich nichts geändert, die Vertrautheit ist sofort wieder da.
| Vor dem Aufbruch ... |
An dem Tag gab es schon ein kleines Auf und Ab. Zuerst waren
wir voller Vorfreude, dass wir nun endlich aufbrechen können. Dann begann es
langsam nach 12 Uhr zu werden und ursprünglich war geplant, dass wir gegen 10 aufbrechen.
In den drei Stunden bis 15 Uhr war es ein Hin und Her, fahren wir noch oder
lassen wir es. Wo werden wir landen und wird das mit dem Schlafplatz finden
dann noch möglich? Als wir uns entschieden hatten, nicht mehr zu fahren, war es
eigentlich gut, aber ein Stück Enttäuschung blieb schon. Der Abend mit Mike hat
dann alles wieder rumgerissen. Wir wären fast traurig drum, wenn wir diesen
Abend mit unserem neu gewonnen Freund nicht gehabt hätten.
Am nächsten Tag sind wir also wieder extra früh aufgestanden
und zu Mike gefahren. Long-Story short: Wir sind erst um 12 Uhr losgekommen.
Wir wollten noch Fotos machen und dann entwickelte sich hier und da doch noch
ein Plausch, sodass die Zeit wieder vorauseilte.
| Sven, Linus & Mike |
| Mike |
Die Tour durch Calgary-City war schon etwas anstrengend. Wir
haben zwar noch Fotos von Mikes Monitor gemacht (Route, die wir fahren
sollten), aber mussten dennoch ständig auf unsere Handy-App gucken. Maps.me - absolut
empfehlenswert! Ohne Internet und nur mit GPS Routenplanung, Städteübersicht,
bis hin zu Infos über Restaurant, Schlafplätze, Points of Interest usw. Es dauerte
zwei Stunden, bis wir aus der Stadt auf den Highway 564 kamen.
Zu den Straßen:
Die Ost-West Verbindungen sollen in der Regel asphaltiert
sein. Die Nord-Süd Verbindungen sind nervige Schotterwege. Sind so breit wie
normale Straßen, aber von der Bodenbeschaffung ‘ne Vollkatastrophe. Auf denen
fahren wir kaum schneller als 10 Km/h. Die Vorderreifen sind zu dünn und man
rutscht ständig weg, das Hinterrad versinkt aufgrund des Gewichtes ständig im
Sand und man rutscht teilweise mehr, als das man fährt. Es gibt bei den
Nord-Süd Verbindungen einige wenige Ausnahmen. Das sind dann meistens größere,
stärker befahrene Highways.
Highway bedeutet allerdings nicht immer gleich Highway! Für
alle gilt in der Regel 100 km/h Maximalgeschwindigkeit, außer es kommt zu
diversen Engpässen, Brücken usw. Der Seitenstreifen, der für Traktoren, Roller
und Radfahrer (wir haben bisher noch keine Anderen gesehen) vorhanden ist,
variiert stark von seiner Breite. Die schmalen sind gerade breit genug, um mit
dem Fahrrad darin zu fahren und nach links und rechts noch ein bisschen Spiel
zu haben. Auf den breiteren kann man gemütlich nebeneinander fahren.
Eins haben sie alle gemeinsam. Sie sind gerade. Soweit das
Auge reicht. Jede Kurve wird mit einem Schild markiert. Die Leute haben Kurven
wohl nur um ganz schwer passierbare Gebirge oder ähnliches herum gebaut.
Auch die Verkehrslage ist etwas anders. Wir waren von Calgary
nach Drumheller auf dem Highway 9 unterwegs (Schotterstraßen sind zwar nahezu
unbefahren, aber wir haben uns mit unseren Rädern dagegen entschieden). Dieser
Highway war nach Aussage einiger Einheimischer wohl stark befahren: „Da wollt
ihr mit den Rädern lang fahren? Auch wenn der Seitenstreifen breit ist, da ist
echt viel Verkehr!“
Wir glauben, die Leute hier wissen gar nicht, was viel
Verkehr ist.... Manchmal steht man auf dem Highway und lauscht über die weiten
Prärien des Umlandes. Irgendwo am Horizont sieht man verschwommen einige
Trucks, die auch bald hinter den Hügeln verschwinden.
Es ist nun nicht so, dass wir uns von der Mahnung bezüglich
der Verkehrslage nicht haben leiten lassen. Zwischen Calgary und Irricana
(unser erster Spot), waren wir viel auf den Schotterwegen unterwegs. Das ist
allerdings ein sehr frustrierendes Fahren. Man steckt sehr viel Energie in das
Radeln und bekommt fast nichts dafür zurück. Wir waren an dem ersten Tag ca.
60km unterwegs.
Sven:
Das erste Mal nach jetzt gut zwei Wochen wieder auf den
Rädern zu sitzen war ein geiles Gefühl. Wenn man auf ‘ner geraden Strecke über
den Asphalt zu fliegen scheint, nur begleitet vom Summen der Reifen und dem
stetigen Klackern der Kette, fühlt sich das echt nach Freiheit an und man blendet
den kalten Wind und die zweifelnden Gedanken aus und die Umgebung schrumpft
aufs Reisen zusammen. Mit den 60 Kilometern ging die erste Tagesetappe auch
voll in Ordnung, ein gemütlicher Start in die jetzt richtig beginnende Tour.
Linus:
Wie lange war es jetzt her, dass ich das letzte Mal auf
einem Fahrrad saß? Achja richtig, vor zwei Jahren mit Sven von Dänemark nach
Bielefeld. Ich glaube, in den 10 Tagen damals habe ich die letzten 700/800 km,
die ich in den letzten 6-7 Jahren überhaupt gefahren bin, gemacht.
Ich hab das ganze natürlich völlig unterschätzt. Ich
glaube, nach so 20-30 Kilometern war ich schon ziemlich kaputt. Hab mich aber
die ganze Zeit weiter angetrieben, so leicht wollte ich nicht aufgeben. Sven
war natürlich ‘ne super gute moralische Stütze. Hab ihm auch mehrmals gesagt,
dass ich ihm echt nicht wie so ‘n Klotz am Bein hängen will, aber er war immer
ganz gelassen. Wollte sich meinen langsamen Reisestil angewöhnen. Ich glaube,
damit hat er nicht langsam „fahren“ gemeint.
Ich war gut abgehetzt, aber auch zufrieden, als wir
Irricana erreicht haben. War auf dem Weg aber auch echt viel mit mir
beschäftigt, ob das ganze wirklich so ‘ne gute Idee war, mehrere tausend
Kilometer mit dem Drahtesel zu reisen.
Irricana wirkte auf uns beide wie ein verschlafenes 200
Einwohner Nest. Schön, dass Camping in Kanada Nationalsport ist und man überall
Plätze findet. Allerdings nicht so einen. Der Campingplatz Irricanas war leer,
wirkte fast wie ausgestorben. Es gab einen riesigen Wohnwagen mit Anbauten –
klarer Fall: Dauercamper. Außerdem stand auf dem Gelände noch ein kleines
Wohnmobil einer Mietsfirma (also wahrscheinlich Touristen).
![]() |
| Unterschlupf in Irricana |
Als wir in die kleine, brüchig aussehende Hütte kamen,
befanden sich vier Person in dem kleinen Raum. Ein junges und ein altes Paar.
Wir wollten eine Nacht für ein Zelt buchen. „Ein Zelt? Es soll heute
schrecklich kalt draußen werden!“ Wir haben halt nichts anderes. Cid und Luise
boten uns direkt an, dass sie mit rauskommen und uns einen windgeschützten
Platz zwischen den Bäumen zu suchen. Bevor wir rausgingen, meinten beide, wir
sollten doch lieber in dem Duschraum schlafen, wenn es zu kalt wird. Er putzt viermal
täglich den Raum, es ist also sehr sauber, versprach er.
„Aber ne, schlaft am besten in unserem kleinen
Küchenhäuschen. Da steht ein Ofen drin und es ist windgeschützt. Und wenn
jemand klopft und rein will, sagt ihr einfach: Private Party!“ Es war auf dem
Gelände eh niemand, der kommen konnte, außer dem jungen Paar – Schweizer, wie
sie sich gleich vorstellen sollten.
Cid und Luise brachten uns zu dem kleinen Häuschen. Drinnen
standen neben den typischen Campingtischen (Tisch mit festen Bänken auf zwei
Seiten) ein alter Ofen. Die beiden brachten uns später noch Feuerholz und Kekse
für die Nacht vorbei. Sie haben uns behandelt, als seien wir ihre Kinder, die
wieder nach Hause kamen und sie besuchten. Davon haben sie fünf, alle leben in
Calgary und haben mittlerweile ihre eigenen Familien. Was haben wir auch für ein
Glück, dass wir erneut auf so nette Menschen trafen. Sie waren nett und Cid war
ein witziger alter Kauz. Hat uns mehrmals gesagt, wie geil er das
Badezimmerpasswort findet. 2 4 1. Na? Two for One! Er fands super. Sven hat‘s
trotzdem vergessen und ist in der Nacht nicht auf die Toilette gekommen.
Auf den Schildern stand, dass wir um 10 Uhr morgens
ausgecheckt haben müssen, er meinte diese müssen uns nicht interessieren. Wir
könnten so lange bleiben, wie wir wollen.
Auch im Umgang miteinander waren sie super-süß. Haben sich
die ganze Zeit ein wenig geneckt und sich dann immer wieder liebe, schmunzelnde
Blicke zugeworfen – das wirkte unglaublich harmonisch. Haben uns auch noch
Tipps für die Reise mit auf den Weg gegeben und uns das Schloss der Hütte
dagelassen. Wir sollen morgen einfach abschließen und was wir nicht mehr
bräuchten, vor die Tür stellen. Ihr blindes Vertrauen soll bei uns gut
aufgehoben sein.
Am Abend kamen die beiden Schweizer vorbei, um den Abend mit
uns in der Hütte zu verbringen. Wir verbrannten das Feuerholz, aßen Chips, die
die beiden mitbrachten und Sven schenkte einen seiner berühmten Kaffees aus:
Wir haben uns New York Filterkaffee gekauft, aber keine Filter! Seither trinken
wir jeden Morgen einfach Kaffee mit heißem Wasser. Löst sich nicht so richtig
auf.
Das Ganze ist so selbstverständlich geworden, dass er den
Kaffee einfach aufgoss, ohne den beiden mitzuteilen, WIE wir diesen Kaffee
trinken. Als er drauf aufmerksam wurde, war es zu spät. Lukas hat den Kaffee
leer getrunken (wohl mehr aus Anstand, als dass er ihm wirklich schmeckte).
Es war ein ganz netter Abend. Man tauschte sich über die
unterschiedlichen Touren aus, die alle unternahmen und über Interessen, Hobbys,
Campingplätze usw. Hatten wir auf der Reise auch noch nicht, dass wir uns mit
anderen Leuten auf Deutsch unterhielten. Lustigerweise hatten wir dasselbe
Reiseziel: Drumheller. Nur dass die Beiden mit ihrem Camper unterwegs waren und
wir mit den Rädern. Aber vielleicht sieht man sich ja wieder.
Sven:
Die Nacht war dann trotz befeuertem Ofen und Windschutz
relativ kalt. Ich bin mittlerweile so im Reiseschlafrhythmus, dass ich nach
zehn Minuten weg döse und am nächsten Morgen gut ausgeschlafen aufwache, mit
den Decken, die wir besorgt hatten, gings auch voll.
Linus:
Ich hab mich mit Boxershorts, T-Shirt und Socken in den
Schlafsack gemummelt. Eine der beiden Decken, die wir uns besorgten, habe ich
über den Schlafsack gelegt – von den Füßen bis hoch zum Hals. Sven war längst
eingeschlafen, aber der Boden war so furchtbar kalt. Die Hände und Arme aus dem
Schlafsack zu ziehen war so unglaublich frostig, dass ich glaubte, sie würden
auch im Schlafsack nicht wieder warm werden. Musste aber die Decke
umpositionieren. Sie musste irgendwie unter mich, dass ich teils drauf liege
und teilweise etwas über mir habe.
Mit dem hin und herdrehen hat sich das die ganze Zeit
verschoben. Also habe ich nochmal einen größeren Versuch gestartet, um alles
wärmer zu machen. Habe mir meinen Jogger in den Schlafsack gezwängt und ‘ne
halbe Ewigkeit gebraucht, ihn im Schlafsack anzuziehen, ohne rauskommen zu
müssen. Dann noch eine Strickjacke gegriffen. Über die ersten Socken habe ich
mir ein zweites Paar gezogen. Ab dann war es ein ewiges Hin und Her. Oben kalt,
unten kalt. Das ging so lange, bis Sven irgendwann wach wurde und gut vergnügt
aus dem Zelt stieg.
In der Nacht waren es Minusgrade. Hoffentlich war es die
letzte kalte Nacht.
Wir kamen erneut erst spät los. Gegen 13 Uhr. Irgendwie hat
Frühstücken und Einpacken sehr lange gedauert – wir haben am Vorabend keinen
Handschlag mehr gemacht.
Nach kurzem Ausprobieren der Schotterwege dann die endgültige
Entscheidung: Highway 9.
So schlecht sein Ruf als Hauptverkehrsstraße auch zu sein
schien, wir empfanden den Verkehr als moderat bis „streckenweise ein zwei Autos
die Minute“. Auf den breiten Seitenstreifen ließ es sich super fahren und etwas
Landschaft genießen. Die Prärie ist schon beeindruckend. Die Weite der Umgebung
scheint nicht fassbar und die Getreidefelder und Viehweiden erstrecken sich
über das gesamte Blickfeld. Die Rationalität, mit der hier die Straßen gebaut
wurden, lässt sich unter diesem Blickpunkt verstehen: Wer hunderte Kilometer an
sich sanft wogendem Grasland zu überbrücken hat, baut halt nicht viele Kurven,
sondern einfach immer weiter Richtung Westen. Alle paar Kilometer stach mal ein
kleiner Hof, Getreidespeicher oder eine Ölpumpe aus den mit Schneeflecken
überzogenen Wiesen raus, sonst scheint es hier doch eher einsam zu sein.
Die 84 km nach Drumheller überwanden wir in ca. sechs
Stunden. Es war ein harter Anstieg von 60 auf 84 km, aber Linus hat sich in den
Kopf gesetzt, diese Hürde zu meistern. Sven nahm das natürlich problemlos mit.
Drumheller ist eine alte Ausgrabungsregion für
Dinosaurierfossile. Es liegt wunderschön in einem Canyon eingebettet. Von weit
weg und den Blick von oben erschien das ganze Tal wie ein abgebissener Marmorkuchen.
Der Campingplatz wirkte genauso leer wie der in Irricana. Wir sind halt
außerhalb der Saison (bei kaltem Wetter) unterwegs. Tatsächlich hatten wir hier
nochmals richtig Pech. Zumindest behaupten die Leute hier, dass es in den
letzten Jahren nicht so gewesen ist. Nachts sollen nochmal Minusgerade auf uns
zukommen, eventuell sogar Schnee.


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