Dienstag, 7. Mai 2019

Siehst du was Gott uns angetan hat - Fragezeichen - Das war nicht Gott, das warst du, du Idiot - Ausrufezeichen


Da wir am Montagabend nach unserer ersten kleinen Tour einige Dinge festgestellt haben, die Mike noch ändern sollte, wollten wir ihm nach seinem Abendessen noch ein Besuch abstatten.

Leider war er nicht mehr da, weshalb sich Sven früh morgens einen Wecker gestellt hat, um alles Nötige so früh wie möglich abzuklären. Schließlich wollten wir schnell aufbrechen und Kilometer machen. Bei Mike angekommen war dieser voll beschäftigt, nächster möglicher Zeitpunkt für ihn nach den Rädern zu gucken, wäre 11:00 Uhr. Wir haben noch gemütlich gefrühstückt und waren mit gepackten Sachen um elf bei Mike. Gepäckträger, Räuber Hotzenplotz und das Tacho mussten montiert werden, die Sättel höher, die Bremsen fester. Das hat sich dann alles ziemlich gezogen, vor allem wegen immer wieder nicht passenden Gepäckträgern. Als es dann auf die 15:00 Uhr zuging, beschlossen wir kurzerhand, doch noch eine Nacht zu bleiben, Fahrten aus Städten heraus ziehen sich immer und wir wollten nicht im Dunkeln in irgendwelchen Vororten hängen bleiben. Also standen wir Dienstagabend wieder bei Lauren vor der Tür, die „unser“ Zimmer zum Glück noch frei hatte, sodass wir da noch eine Nacht im Warmen schlafen konnten. Für den Abend haben wir uns mit Mike auf ein Bierchen in seinem Hinterhof, der mit alten Radteilen übersät war, getroffen und mit ihm etwas über die anstehende Tour gequatscht, echt ein super cooler Typ. Nach dem Abend waren wir uns einig, dass er eher wie ein alter Freund als wie ein Fremder wirkt, den man nach langer Zeit wiedersieht und es hat sich nichts geändert, die Vertrautheit ist sofort wieder da.

Vor dem Aufbruch ...
An dem Tag gab es schon ein kleines Auf und Ab. Zuerst waren wir voller Vorfreude, dass wir nun endlich aufbrechen können. Dann begann es langsam nach 12 Uhr zu werden und ursprünglich war geplant, dass wir gegen 10 aufbrechen. In den drei Stunden bis 15 Uhr war es ein Hin und Her, fahren wir noch oder lassen wir es. Wo werden wir landen und wird das mit dem Schlafplatz finden dann noch möglich? Als wir uns entschieden hatten, nicht mehr zu fahren, war es eigentlich gut, aber ein Stück Enttäuschung blieb schon. Der Abend mit Mike hat dann alles wieder rumgerissen. Wir wären fast traurig drum, wenn wir diesen Abend mit unserem neu gewonnen Freund nicht gehabt hätten.

Am nächsten Tag sind wir also wieder extra früh aufgestanden und zu Mike gefahren. Long-Story short: Wir sind erst um 12 Uhr losgekommen. Wir wollten noch Fotos machen und dann entwickelte sich hier und da doch noch ein Plausch, sodass die Zeit wieder vorauseilte.

Sven, Linus & Mike

Mike
Die Tour durch Calgary-City war schon etwas anstrengend. Wir haben zwar noch Fotos von Mikes Monitor gemacht (Route, die wir fahren sollten), aber mussten dennoch ständig auf unsere Handy-App gucken. Maps.me - absolut empfehlenswert! Ohne Internet und nur mit GPS Routenplanung, Städteübersicht, bis hin zu Infos über Restaurant, Schlafplätze, Points of Interest usw. Es dauerte zwei Stunden, bis wir aus der Stadt auf den Highway 564 kamen.

Zu den Straßen:
Die Ost-West Verbindungen sollen in der Regel asphaltiert sein. Die Nord-Süd Verbindungen sind nervige Schotterwege. Sind so breit wie normale Straßen, aber von der Bodenbeschaffung ‘ne Vollkatastrophe. Auf denen fahren wir kaum schneller als 10 Km/h. Die Vorderreifen sind zu dünn und man rutscht ständig weg, das Hinterrad versinkt aufgrund des Gewichtes ständig im Sand und man rutscht teilweise mehr, als das man fährt. Es gibt bei den Nord-Süd Verbindungen einige wenige Ausnahmen. Das sind dann meistens größere, stärker befahrene Highways.

Highway bedeutet allerdings nicht immer gleich Highway! Für alle gilt in der Regel 100 km/h Maximalgeschwindigkeit, außer es kommt zu diversen Engpässen, Brücken usw. Der Seitenstreifen, der für Traktoren, Roller und Radfahrer (wir haben bisher noch keine Anderen gesehen) vorhanden ist, variiert stark von seiner Breite. Die schmalen sind gerade breit genug, um mit dem Fahrrad darin zu fahren und nach links und rechts noch ein bisschen Spiel zu haben. Auf den breiteren kann man gemütlich nebeneinander fahren.

Eins haben sie alle gemeinsam. Sie sind gerade. Soweit das Auge reicht. Jede Kurve wird mit einem Schild markiert. Die Leute haben Kurven wohl nur um ganz schwer passierbare Gebirge oder ähnliches herum gebaut.

Auch die Verkehrslage ist etwas anders. Wir waren von Calgary nach Drumheller auf dem Highway 9 unterwegs (Schotterstraßen sind zwar nahezu unbefahren, aber wir haben uns mit unseren Rädern dagegen entschieden). Dieser Highway war nach Aussage einiger Einheimischer wohl stark befahren: „Da wollt ihr mit den Rädern lang fahren? Auch wenn der Seitenstreifen breit ist, da ist echt viel Verkehr!“

Wir glauben, die Leute hier wissen gar nicht, was viel Verkehr ist.... Manchmal steht man auf dem Highway und lauscht über die weiten Prärien des Umlandes. Irgendwo am Horizont sieht man verschwommen einige Trucks, die auch bald hinter den Hügeln verschwinden.

Es ist nun nicht so, dass wir uns von der Mahnung bezüglich der Verkehrslage nicht haben leiten lassen. Zwischen Calgary und Irricana (unser erster Spot), waren wir viel auf den Schotterwegen unterwegs. Das ist allerdings ein sehr frustrierendes Fahren. Man steckt sehr viel Energie in das Radeln und bekommt fast nichts dafür zurück. Wir waren an dem ersten Tag ca. 60km unterwegs.

Sven:
Das erste Mal nach jetzt gut zwei Wochen wieder auf den Rädern zu sitzen war ein geiles Gefühl. Wenn man auf ‘ner geraden Strecke über den Asphalt zu fliegen scheint, nur begleitet vom Summen der Reifen und dem stetigen Klackern der Kette, fühlt sich das echt nach Freiheit an und man blendet den kalten Wind und die zweifelnden Gedanken aus und die Umgebung schrumpft aufs Reisen zusammen. Mit den 60 Kilometern ging die erste Tagesetappe auch voll in Ordnung, ein gemütlicher Start in die jetzt richtig beginnende Tour.

Linus:
Wie lange war es jetzt her, dass ich das letzte Mal auf einem Fahrrad saß? Achja richtig, vor zwei Jahren mit Sven von Dänemark nach Bielefeld. Ich glaube, in den 10 Tagen damals habe ich die letzten 700/800 km, die ich in den letzten 6-7 Jahren überhaupt gefahren bin, gemacht.

Ich hab das ganze natürlich völlig unterschätzt. Ich glaube, nach so 20-30 Kilometern war ich schon ziemlich kaputt. Hab mich aber die ganze Zeit weiter angetrieben, so leicht wollte ich nicht aufgeben. Sven war natürlich ‘ne super gute moralische Stütze. Hab ihm auch mehrmals gesagt, dass ich ihm echt nicht wie so ‘n Klotz am Bein hängen will, aber er war immer ganz gelassen. Wollte sich meinen langsamen Reisestil angewöhnen. Ich glaube, damit hat er nicht langsam „fahren“ gemeint.

Ich war gut abgehetzt, aber auch zufrieden, als wir Irricana erreicht haben. War auf dem Weg aber auch echt viel mit mir beschäftigt, ob das ganze wirklich so ‘ne gute Idee war, mehrere tausend Kilometer mit dem Drahtesel zu reisen.

Irricana wirkte auf uns beide wie ein verschlafenes 200 Einwohner Nest. Schön, dass Camping in Kanada Nationalsport ist und man überall Plätze findet. Allerdings nicht so einen. Der Campingplatz Irricanas war leer, wirkte fast wie ausgestorben. Es gab einen riesigen Wohnwagen mit Anbauten – klarer Fall: Dauercamper. Außerdem stand auf dem Gelände noch ein kleines Wohnmobil einer Mietsfirma (also wahrscheinlich Touristen).

Unterschlupf in Irricana
Als wir in die kleine, brüchig aussehende Hütte kamen, befanden sich vier Person in dem kleinen Raum. Ein junges und ein altes Paar. Wir wollten eine Nacht für ein Zelt buchen. „Ein Zelt? Es soll heute schrecklich kalt draußen werden!“ Wir haben halt nichts anderes. Cid und Luise boten uns direkt an, dass sie mit rauskommen und uns einen windgeschützten Platz zwischen den Bäumen zu suchen. Bevor wir rausgingen, meinten beide, wir sollten doch lieber in dem Duschraum schlafen, wenn es zu kalt wird. Er putzt viermal täglich den Raum, es ist also sehr sauber, versprach er.

„Aber ne, schlaft am besten in unserem kleinen Küchenhäuschen. Da steht ein Ofen drin und es ist windgeschützt. Und wenn jemand klopft und rein will, sagt ihr einfach: Private Party!“ Es war auf dem Gelände eh niemand, der kommen konnte, außer dem jungen Paar – Schweizer, wie sie sich gleich vorstellen sollten.

Cid und Luise brachten uns zu dem kleinen Häuschen. Drinnen standen neben den typischen Campingtischen (Tisch mit festen Bänken auf zwei Seiten) ein alter Ofen. Die beiden brachten uns später noch Feuerholz und Kekse für die Nacht vorbei. Sie haben uns behandelt, als seien wir ihre Kinder, die wieder nach Hause kamen und sie besuchten. Davon haben sie fünf, alle leben in Calgary und haben mittlerweile ihre eigenen Familien. Was haben wir auch für ein Glück, dass wir erneut auf so nette Menschen trafen. Sie waren nett und Cid war ein witziger alter Kauz. Hat uns mehrmals gesagt, wie geil er das Badezimmerpasswort findet. 2 4 1. Na? Two for One! Er fands super. Sven hat‘s trotzdem vergessen und ist in der Nacht nicht auf die Toilette gekommen.

Auf den Schildern stand, dass wir um 10 Uhr morgens ausgecheckt haben müssen, er meinte diese müssen uns nicht interessieren. Wir könnten so lange bleiben, wie wir wollen.

Auch im Umgang miteinander waren sie super-süß. Haben sich die ganze Zeit ein wenig geneckt und sich dann immer wieder liebe, schmunzelnde Blicke zugeworfen – das wirkte unglaublich harmonisch. Haben uns auch noch Tipps für die Reise mit auf den Weg gegeben und uns das Schloss der Hütte dagelassen. Wir sollen morgen einfach abschließen und was wir nicht mehr bräuchten, vor die Tür stellen. Ihr blindes Vertrauen soll bei uns gut aufgehoben sein.

Am Abend kamen die beiden Schweizer vorbei, um den Abend mit uns in der Hütte zu verbringen. Wir verbrannten das Feuerholz, aßen Chips, die die beiden mitbrachten und Sven schenkte einen seiner berühmten Kaffees aus: Wir haben uns New York Filterkaffee gekauft, aber keine Filter! Seither trinken wir jeden Morgen einfach Kaffee mit heißem Wasser. Löst sich nicht so richtig auf.

Das Ganze ist so selbstverständlich geworden, dass er den Kaffee einfach aufgoss, ohne den beiden mitzuteilen, WIE wir diesen Kaffee trinken. Als er drauf aufmerksam wurde, war es zu spät. Lukas hat den Kaffee leer getrunken (wohl mehr aus Anstand, als dass er ihm wirklich schmeckte).

Es war ein ganz netter Abend. Man tauschte sich über die unterschiedlichen Touren aus, die alle unternahmen und über Interessen, Hobbys, Campingplätze usw. Hatten wir auf der Reise auch noch nicht, dass wir uns mit anderen Leuten auf Deutsch unterhielten. Lustigerweise hatten wir dasselbe Reiseziel: Drumheller. Nur dass die Beiden mit ihrem Camper unterwegs waren und wir mit den Rädern. Aber vielleicht sieht man sich ja wieder.

Sven:
Die Nacht war dann trotz befeuertem Ofen und Windschutz relativ kalt. Ich bin mittlerweile so im Reiseschlafrhythmus, dass ich nach zehn Minuten weg döse und am nächsten Morgen gut ausgeschlafen aufwache, mit den Decken, die wir besorgt hatten, gings auch voll.

Linus:
Ich hab mich mit Boxershorts, T-Shirt und Socken in den Schlafsack gemummelt. Eine der beiden Decken, die wir uns besorgten, habe ich über den Schlafsack gelegt – von den Füßen bis hoch zum Hals. Sven war längst eingeschlafen, aber der Boden war so furchtbar kalt. Die Hände und Arme aus dem Schlafsack zu ziehen war so unglaublich frostig, dass ich glaubte, sie würden auch im Schlafsack nicht wieder warm werden. Musste aber die Decke umpositionieren. Sie musste irgendwie unter mich, dass ich teils drauf liege und teilweise etwas über mir habe.

Mit dem hin und herdrehen hat sich das die ganze Zeit verschoben. Also habe ich nochmal einen größeren Versuch gestartet, um alles wärmer zu machen. Habe mir meinen Jogger in den Schlafsack gezwängt und ‘ne halbe Ewigkeit gebraucht, ihn im Schlafsack anzuziehen, ohne rauskommen zu müssen. Dann noch eine Strickjacke gegriffen. Über die ersten Socken habe ich mir ein zweites Paar gezogen. Ab dann war es ein ewiges Hin und Her. Oben kalt, unten kalt. Das ging so lange, bis Sven irgendwann wach wurde und gut vergnügt aus dem Zelt stieg.

In der Nacht waren es Minusgrade. Hoffentlich war es die letzte kalte Nacht.

Wir kamen erneut erst spät los. Gegen 13 Uhr. Irgendwie hat Frühstücken und Einpacken sehr lange gedauert – wir haben am Vorabend keinen Handschlag mehr gemacht.

Nach kurzem Ausprobieren der Schotterwege dann die endgültige Entscheidung: Highway 9.

So schlecht sein Ruf als Hauptverkehrsstraße auch zu sein schien, wir empfanden den Verkehr als moderat bis „streckenweise ein zwei Autos die Minute“. Auf den breiten Seitenstreifen ließ es sich super fahren und etwas Landschaft genießen. Die Prärie ist schon beeindruckend. Die Weite der Umgebung scheint nicht fassbar und die Getreidefelder und Viehweiden erstrecken sich über das gesamte Blickfeld. Die Rationalität, mit der hier die Straßen gebaut wurden, lässt sich unter diesem Blickpunkt verstehen: Wer hunderte Kilometer an sich sanft wogendem Grasland zu überbrücken hat, baut halt nicht viele Kurven, sondern einfach immer weiter Richtung Westen. Alle paar Kilometer stach mal ein kleiner Hof, Getreidespeicher oder eine Ölpumpe aus den mit Schneeflecken überzogenen Wiesen raus, sonst scheint es hier doch eher einsam zu sein.

Die 84 km nach Drumheller überwanden wir in ca. sechs Stunden. Es war ein harter Anstieg von 60 auf 84 km, aber Linus hat sich in den Kopf gesetzt, diese Hürde zu meistern. Sven nahm das natürlich problemlos mit.

Drumheller ist eine alte Ausgrabungsregion für Dinosaurierfossile. Es liegt wunderschön in einem Canyon eingebettet. Von weit weg und den Blick von oben erschien das ganze Tal wie ein abgebissener Marmorkuchen. Der Campingplatz wirkte genauso leer wie der in Irricana. Wir sind halt außerhalb der Saison (bei kaltem Wetter) unterwegs. Tatsächlich hatten wir hier nochmals richtig Pech. Zumindest behaupten die Leute hier, dass es in den letzten Jahren nicht so gewesen ist. Nachts sollen nochmal Minusgerade auf uns zukommen, eventuell sogar Schnee.




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