Nach noch weiteren ziemlich anstrengenden zehn Kilometern
sind wir am Abend bei Jessica und Jacob auf die Einfahrt eingebogen. Auf den
ersten Blick sah man drei Gebäude und einige Fahrzeuge, eher Traktoren als
Autos. Außerdem riesige Bäume und Grünflächen, die sich immer weiter
ausdehnten, umso mehr Sicht man auf das große Grundstück bekam. Wir hielten auf
einer Wiese und aus dem hinteren Teil des Grundstücks kamen die vier winkend
auf uns zu, ihre zwei Hunde an ihrer Seite.
Sie empfingen uns super freundlich und ihre lebendige Art
hat den müden Geist direkt erfrischt.
Am Abend wurden wir herumgeführt und haben uns das
Grundstück angeschaut. Die beiden Jungs waren richtig super und haben uns alles
gezeigt, was es zu sehen gab. Neben dem riesigen Geräteschuppen, den Feldern,
Wiesen und Äckern haben wir einen Bachlauf mit Pumpsystem gesehen. Noah hat
während der Tour sein außerordentliches Wissen und Interesse an Pflanzen zeigen
können. Wir sind an so vielen Pflanzen vorbeigekommen, von denen er etwas
pflückte, uns hinhielt und erklärte, was es ist. Danach verschwand es oft in
seinem Mund. „Ist essbar und nahrhaft“. Wir haben daraufhin so viele
unterschiedliche Dinge probiert und gegessen, so vielfältig isst man bei keinem
Hauptgericht. Das schmeckt nach Bohnen, das schmeckt süßlich, das schmeckt
fruchtig, das schmeckt nach Pilzen. „Hier, die Rinde kann man abmachen und dann
die Innenseite ablecken“. Absolut. Schmeckt erst süßlich, dann bitter. Hat er
sich zu vielen Teilen selbst beigebracht. Es war schön zu sehen, mit wie viel
Lebensfreude ihn das Draußensein und Erklären erfüllte. Als uns die Mücken ins
Haus jagten, haben wir im Wohnzimmer gesessen, gegessen und uns ausgetauscht.
Ezra ist ein erstaunlich guter Ukulelespieler und wir haben am Abend mehrere
seiner Songs genießen dürfen. Auch Sven hat sich getraut, einen Song zu singen
– nice! Es war für uns ein absolut angenehmes Ankommen. Es musste gar kein
warmwerden sein, da es von Anfang an sehr herzlich war – wir haben uns sehr gut
aufgehoben gefühlt! Als Jacob uns am Abend fragte, ob wir noch einen Tag
bleiben wollten, zögerten wir nicht lange. Die Nacht haben wir im Camper vor
dem Haus verbracht. Kein Zelt aufbauen und einfach im trockenen Bett schlafen –
himmlisch.
Am nächsten Tag sind einige Arbeiterinnen gekommen, um auf
dem Feld zu arbeiten. Nach unserem Frühstück, das uns Jessica und Jacob
kredenzten, haben uns die Jungs noch etwas herumgeführt. Nachdem Ezra Sven
seine gesamte Legokollektion zeigte -MILLENIUMFALKON!!111 - und Linus von Noah
in dessen Toyota übers Grundstück gefahren wurde - das ist hier völlig legal -
haben wir uns auf einem Beet wiedergefunden, auf dem wir Heu ausstreuten. Wir
haben den beiden gesagt, dass wir gerne helfen wollen, wenn sie hier am Arbeiten
sind.
Zum Mittagessen hat Jessica für alle Helfenden Essen
gemacht, was wir in großer Runde genossen.
Am Nachmittag waren die meisten Helferinnen verschwunden. Wir
arbeiteten mit der Familie noch allein weiter. Der Sonnenschein wich bald
dichten Wolken, die sich über uns ergossen. Linus hat mit Jacob Pflanzen
gegossen und nachdem der auf dem ATV [Anm.: kurz
für All Terrain Vehicle, deutsch: „Geländefahrzeug“] stehende Wassertank
leer war, ist er mit Linus runter zum Bach gefahren, um neues zu besorgen.
Nachdem der Ablauf durch war, fragte er Linus, ob er die zweite Tour fahren
würde. Also ab in das ATV! Jacob hat sich daraufhin an Sven gewandt und fragte
ihn, ob er Eimer von A nach B befördern könne. Das waren ziemlich viele, also
wurden alle auf einen Hänger gehoben und hinter einen Trecker gespannt: „Sven
magst du den Traktor fahren?“.
Sah ziemlich witzig für Linus aus, als dieser den Hang
hochkam und Sven auf dem roten Oldtimer Traktor saß, die Arme zum Himmel
gereckt am Jubeln und das bei ungeschlagenen 4 km/h.
So glücklich hat Linus ihn nicht mal auf einem Fahrrad
gesehen.
Wir bereiteten alles darauf vor, einen Acker mit Kartoffeln
zu bepflanzen. Der Acker war 100 Meter einen Hügel hinauf und Sven hat mit
seinem Traktor einige Touren machen müssen. Wirkte nicht so, als ob ihm das
etwas ausmachte.
Der größere Traktor, der das Feld pflügen sollte, musste
allerdings auch noch nach oben. „Linus, willst du den hoch fahren?“ Also saß er
wenige Sekunden später hinterm Steuer und ließ sich die Steuerung und Hebel
erklären. Jetzt konnte er Svens Euphorie verstehen. Glücklich wie ein Kind fuhr
er im Schneckentempo den Traktor nach oben auf das Feld.
Leute in Kanada haben richtig Glück. Die dürfen neben den
ganzen Maßeinheiten, die man gewöhnlich in Europa benutzt, auch die
amerikanischen Maßeinheiten lernen. Der Acker wurde in Inch und Feet
ausgemessen – das ist schon ziemlich lästig und ohne das richtige
Messinstrument schwer nachvollziehbar.
Dann ging es los. Abstände wurden abgemessen (15 Zoll zu
jeder Seite Platz), dann markiert und dann wurden in Zweierreihen Löcher
gebuddelt. Acker rauf. Acker runter. So lange es geht. Denn Noah, der viel in
Gartenarbeit hineinsteckt, fehlen am morgigen Tag helfende Hände und so muss
heute so viel geschafft werden wie möglich. Auch der immer stärker werdende
Regen darf dabei kein Hindernis sein.
![]() |
| Links wir zwei - rechts Ezra und Jessica |
Wir verbrachten einige Stunden auf dem Acker, quatschten
miteinander oder hörten jemandem beim summen und singen von Melodien zu.
Auch wenn wir an diesem Tag viel arbeiteten, war es dennoch
mehr ein familiäres Event. Die Vier sind ein klasse Team und wir zwei waren
höchst beschwingt.
Dennoch waren wir nach den Stunden auf dem Feld klatschnass
geregnet und die Dusche am Abend war höchst erfrischend. Zum Abendessen gab es
dann den Champagner, den sich beide zur Feier des verkauften Hauses gekauft hatten
– woraufhin sie sich dann dieses Grundstück kauften. Es war ein gemütlicher
Abend, an dem wir uns noch lange austauschten. Es gab eigentlich immer was zu
reden. Jacob war beispielsweise einige Monate in Deutschland und spricht und
versteht auch immer noch einiges. So hat er Linus erzählt, wie es bei ihm
anfing, dass er auf Deutsch dachte und auch träumte.
Das passiert immer öfter: Man überlegt, was man einkaufen
muss, wo man morgen hinfährt, geht Abläufe des Tages durch und das immer alles auf
Englisch. Sven und Linus erwischen sich oft dabei, dass sie nach einem Gespräch
mit irgendwem noch Minuten danach auf Englisch weitersprachen, da das ewige hin
und her Hüpfen der Sprachen manchmal lästiger ist, als einfach weiter auf
Englisch zu quatschen.
Wir würden beide nicht behaupten, dass wir tolles Englisch
sprechen, aber es reicht halt aus, um sich über alles auszutauschen, die Leute
zu verstehen und zur Not halt nachfragen zu können, was irgendeine Vokabel
bedeutet. Zumal auch viele Leute sagen, dass das mit dem englisch Reden eh
niemand genau nimmt. Zeiten vertauschen, Grammatik, Aussprache, es gibt so
viele Menschen, die englisch sprechen, jeder hat da irgendwelche Fehler.
Besonders die Slangwechsel sind abgefahren. Wir fahren ja
nun schon einige Wochen durch Kanada und haben uns mit Leuten
unterschiedlichster Herkunft und vieler Altersstufen unterhalten. Es ist schon
verdammt vielfältig, was einem so um die Ohren geballert wird.
Für uns vollkommen neu war die Art und Weise wie Noah und
Ezra ihre Schulerfahrungen machen. Das Schulgebäude kriegen sie zumindest nicht
zu sehen. Jacob und Jessica betreiben Home-Schooling. Davon kann man nun halten,
was man will. Es hängt alles von den Eltern ab, was sie daraus machen. Uns hat
gut gefallen, dass die beiden Eltern darauf setzen, dass sich ihre Kinder mit
den Dingen auseinandersetzen sollen, die ihnen gefallen. Natürlich müssen
einige Dinge gelernt werden, wie rechnen und schreiben, aber man stelle sich
vor, dass Kinder diese Dinge nicht lernen, weil sie es müssen. Sondern weil sie
es wollen. Weil sie Spaß daran haben.
Noah kann also ganz in seinem Element der Natur und der
Gärtnerei aufgehen – und er bietet schon in seinen jungen Jahren sein Gemüse
auf einem Markt an. Ezra spielt seine Ukulele nicht nur für sich, sondern
erfreute bereits im letzten Jahr viele Besucher eines örtlichen Musikfestivals.
Und es wirkte für uns absolut nicht so, als täten sie das, weil sie es
irgendwie müssen, sondern einfach, weil sie Lust dazu haben. Und dabei auch
noch unglaubliche Freude haben.
Wir glauben, Jessica und Jacob machen da etwas richtig gut.
Jessica und Jacob haben wir als humorvolle, liebevolle und
klare Leute wahrgenommen. Ehrlichkeit ist ihnen sehr wichtig. Die Zeit bei den
Vieren verging wie im Flug. Der Zweite Abend flog dahin und es stand nur noch
eine Frage im Raum. Jacob bot an, uns am morgigen Tag im Auto bis nach Terrace
mitzunehmen. Er hat dort in der Nähe ein Meeting. „Bis nach Terrace seht ihr eh
nichts Neues. Erst dahinter verändert sich die Natur nochmal richtig.“ Bis nach
Prince Rupert waren es von Kitwanga noch 240 km und wir hatten noch drei Tage
Zeit dafür, um die Fähre nach Vancouver Island zu bekommen. Ursprünglich hatten
wir vier, aber da wir uns entschieden, noch einen Tag zu bleiben, musste
nochmal neu gerechnet werden.
Linus fand die Idee eigentlich ganz gut. Wir hätten den Tag
bei unseren Gastgeberinnen mitnehmen können und müssten dennoch nicht
wesentlich mehr Kilometer fahren. Das kratzte etwas an Svens Radfahrerstolz und
er wolle etwas Zeit haben, um darüber nachzudenken.
Als am Abend alle im Bett waren und wir noch mit Jacob zusammensaßen
und uns unterhielten, haben wir beschlossen, uns von Jacob mitnehmen zu lassen.
Dann würden wir ca. 80 Kilometer bis kurz vor Terrace überspringen und von dort
weiterfahren.
Am nächsten Morgen haben wir uns nett von Jessica, Noah und
Ezra verabschiedet und sind mit Jacob in rasender Geschwindigkeit den Highway
entlanggefahren. Auto fahren kommt einem zumindest ziemlich schnell vor, wenn
man vorher über Stunden hinweg bestimmte Landmarken
beobachten konnte, die jetzt nach Minuten wieder
verschwanden. Zum Abschied gab es noch gekochte Eier von Jessica, ein
Abschiedsfoto und eine herzliche Umarmung.
Neben der Farmarbeit, dem Entdecken der Natur und unseren vielen
Fragen zum Leben „da draußen“ kamen wir auch immer wieder auf die Kultur und
das Leben der First Nations (der Ureinwohner) in Kanada zu sprechen. Jacob
gehört selbst einem Clan der Natives an und konnte uns dementsprechend viel
erzählen. Genauso Jessica, die nicht Teil eines Clans war und trotzdem ebenso
viel berichten konnte.
Zwischen Calgary und Kitwanga sind uns mehrere Menschen mit
teilweise ziemlich komischen Weltanschauungen, in denen auch häufig offener
Rassismus durchkam, begegnet. Bei uns kam dadurch mit fortschreitender
Reisedauer die Frage auf, wie „normal“ das ist? Haben wir einfach Pech und
treffen häufig Idioten, die so freizügig mit ihrer Meinung umgehen, dass sie
sie jedem Fremden nach zwei Minuten Gespräch auf die Nase binden? Oder sind
solche Einstellungen hier eher geduldet oder toleriert? Wir wollten uns diese
Fragen eigentlich für Quadra Island und Svens Tante Iris aufheben, schließlich
ist das auch ein Thema, über das man nicht mit Menschen reden will, die man
erst seit wenigen Minuten kennt. Als wir die letzten Kilometer auf dem Highway
37 dann zu den vier „unbekannten Bekannten“ hochfuhren, hatten wir schon
überlegt, wenn es sich ergibt, mal zu fragen wie es politisch so in Kanada
aussieht. Gerade zu der Situation der Natives hatten wir bisher nur von europastämmigen
Kanadiern gehört.
Direkt am ersten Abend, aber auch öfter während unseres
Aufenthaltes, haben wir uns ausgetauscht. Jacob und Jessica wirkten sehr
reflektiert und wissend. Sie konnten uns auf alles eine Antwort und darüber
hinaus viele Erklärungen für diverse Zustände geben.
Für uns war es immer etwas verwirrend, dass die
konservativen Leute so schnell und direkt auf ihre Themen kamen und uns damit
konfrontierten. In Deutschland kriegen wir es zumindest beim Spaziergang nicht
so oft mit, dass man von jemandem angequatscht wird, der gerade seinen Hof
kehrt: „Hey, wie ist euer Tag so? Ich bin Konservativer! Habt ihr Bock mit mir
über Religion und Politik zu reden?“ Der nächste Satz könnte dann sein: „Ich
find Moslems übrigens voll Scheiße“.
So kamen uns einige Situationen hier zumindest vor.
Kanada hat eine große rassistische Community, die teilweise
auch stark mit dem christlichen Glauben verwachsen ist.
In der Gesellschaft sind rassistische Klischees ziemlich
akzeptiert, weshalb die Leute sich in der Öffentlichkeit mit ihren Äußerungen
nicht zurückhalten müssen.
Außerdem findet eine konsequente „Nicht-Aufarbeitung“ der
Geschichte statt. So wie wir das verstanden haben, gab es Prozesse zwischen den
First Nations und den Kanadiern, in denen entschieden wurde, dass die Kanadier
das Land geraubt haben und es rechtlich zurückgeben müssten. Das passiert
allerdings nicht, da es gar kein gesellschaftliches Interesse gibt, dieser
Forderung nachzukommen.
Neben den Eindrücken über den Ist-Zustand haben wir auch
einiges über die Geschichte Kanadas gehört, wie die Siedler kamen und wie die
Menschen vorher hier lebten.
Einige Dinge, die in Geschichte nicht beigebracht werden, da
die Geschichte immer noch von den Gewinnern geschrieben wird und andere Teile
und Erzählungen in Vergessenheit geraten, haben uns ziemlich beeindruckt. Die
Kanus beispielsweise, die wir uns oft als kleine längliche und schmale Boote
vorstellten, waren zur Zeit des Eintreffens der Siedler viel größer als die
Schiffe aus Europa. Außerdem sind Chinesen und sehr wahrscheinlich auch Russen
schon vor den Europäern in Kanada gewesen, weshalb die Natives Gegenstände der
anderen Zivilisationen bei sich hatten.
Die Darstellung der Geschichte sieht meistens anders aus.
In der Vergangenheit (auch noch nach WW2) gab es
„Erziehungsanstalten“. Eltern mussten ihre Kinder in diese Schulen schicken,
sonst wurde ihnen gedroht, sie ins Gefängnis zu sperren. In den Anstalten
wurden Kinder misshandelt, gefoltert oder gar getötet. In den Schulen wurde den
Kindern ihre eigene Sprache verboten, wodurch ihre Sprache verkümmerte.
Über die Zeit wurde ihre Kultur systematisch zerstört,
Kinder umgedrillt, die Sprache gerät in Vergessenheit, Ausgrenzung und offener
Rassismus setzen dem Ganzen die Krone auf. Es war schon erschreckend.
Doch so ernst der Gesprächsinhalt auch war, Jessica und
Jacob gaben uns nicht das Gefühl der Beklommenheit. Es veränderte dennoch
unseren Blick auf einige Dinge. Es waren sehr viele Informationen, die wir auf
anderen Wegen nur schwer, wenn überhaupt, bekommen hätten. Wir danken den
beiden sehr dafür, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns geteilt zu haben.
Und bevor wir anfangen mit dem Kopf zu schütteln und den
Finger auf „böse, konservative“ Kanadier zu richten, sollten wir natürlich
vorerst vor der eigenen Haustür kehren.
Gibt ja genug zu tun.




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