Donnerstag, 20. Juni 2019

Essbar und nahrhaft


Nach noch weiteren ziemlich anstrengenden zehn Kilometern sind wir am Abend bei Jessica und Jacob auf die Einfahrt eingebogen. Auf den ersten Blick sah man drei Gebäude und einige Fahrzeuge, eher Traktoren als Autos. Außerdem riesige Bäume und Grünflächen, die sich immer weiter ausdehnten, umso mehr Sicht man auf das große Grundstück bekam. Wir hielten auf einer Wiese und aus dem hinteren Teil des Grundstücks kamen die vier winkend auf uns zu, ihre zwei Hunde an ihrer Seite.
 
Farm von Familie Beaton
Sie empfingen uns super freundlich und ihre lebendige Art hat den müden Geist direkt erfrischt.

Am Abend wurden wir herumgeführt und haben uns das Grundstück angeschaut. Die beiden Jungs waren richtig super und haben uns alles gezeigt, was es zu sehen gab. Neben dem riesigen Geräteschuppen, den Feldern, Wiesen und Äckern haben wir einen Bachlauf mit Pumpsystem gesehen. Noah hat während der Tour sein außerordentliches Wissen und Interesse an Pflanzen zeigen können. Wir sind an so vielen Pflanzen vorbeigekommen, von denen er etwas pflückte, uns hinhielt und erklärte, was es ist. Danach verschwand es oft in seinem Mund. „Ist essbar und nahrhaft“. Wir haben daraufhin so viele unterschiedliche Dinge probiert und gegessen, so vielfältig isst man bei keinem Hauptgericht. Das schmeckt nach Bohnen, das schmeckt süßlich, das schmeckt fruchtig, das schmeckt nach Pilzen. „Hier, die Rinde kann man abmachen und dann die Innenseite ablecken“. Absolut. Schmeckt erst süßlich, dann bitter. Hat er sich zu vielen Teilen selbst beigebracht. Es war schön zu sehen, mit wie viel Lebensfreude ihn das Draußensein und Erklären erfüllte. Als uns die Mücken ins Haus jagten, haben wir im Wohnzimmer gesessen, gegessen und uns ausgetauscht. Ezra ist ein erstaunlich guter Ukulelespieler und wir haben am Abend mehrere seiner Songs genießen dürfen. Auch Sven hat sich getraut, einen Song zu singen – nice! Es war für uns ein absolut angenehmes Ankommen. Es musste gar kein warmwerden sein, da es von Anfang an sehr herzlich war – wir haben uns sehr gut aufgehoben gefühlt! Als Jacob uns am Abend fragte, ob wir noch einen Tag bleiben wollten, zögerten wir nicht lange. Die Nacht haben wir im Camper vor dem Haus verbracht. Kein Zelt aufbauen und einfach im trockenen Bett schlafen – himmlisch.
 
Ezra mit Mocqua
Am nächsten Tag sind einige Arbeiterinnen gekommen, um auf dem Feld zu arbeiten. Nach unserem Frühstück, das uns Jessica und Jacob kredenzten, haben uns die Jungs noch etwas herumgeführt. Nachdem Ezra Sven seine gesamte Legokollektion zeigte -MILLENIUMFALKON!!111 - und Linus von Noah in dessen Toyota übers Grundstück gefahren wurde - das ist hier völlig legal - haben wir uns auf einem Beet wiedergefunden, auf dem wir Heu ausstreuten. Wir haben den beiden gesagt, dass wir gerne helfen wollen, wenn sie hier am Arbeiten sind.

Zum Mittagessen hat Jessica für alle Helfenden Essen gemacht, was wir in großer Runde genossen.

Am Nachmittag waren die meisten Helferinnen verschwunden. Wir arbeiteten mit der Familie noch allein weiter. Der Sonnenschein wich bald dichten Wolken, die sich über uns ergossen. Linus hat mit Jacob Pflanzen gegossen und nachdem der auf dem ATV [Anm.: kurz für All Terrain Vehicle, deutsch: „Geländefahrzeug“] stehende Wassertank leer war, ist er mit Linus runter zum Bach gefahren, um neues zu besorgen. Nachdem der Ablauf durch war, fragte er Linus, ob er die zweite Tour fahren würde. Also ab in das ATV! Jacob hat sich daraufhin an Sven gewandt und fragte ihn, ob er Eimer von A nach B befördern könne. Das waren ziemlich viele, also wurden alle auf einen Hänger gehoben und hinter einen Trecker gespannt: „Sven magst du den Traktor fahren?“.
 
Noah und Linus im ATV
Sven auf'm Traktor
Sah ziemlich witzig für Linus aus, als dieser den Hang hochkam und Sven auf dem roten Oldtimer Traktor saß, die Arme zum Himmel gereckt am Jubeln und das bei ungeschlagenen 4 km/h.

So glücklich hat Linus ihn nicht mal auf einem Fahrrad gesehen.

Wir bereiteten alles darauf vor, einen Acker mit Kartoffeln zu bepflanzen. Der Acker war 100 Meter einen Hügel hinauf und Sven hat mit seinem Traktor einige Touren machen müssen. Wirkte nicht so, als ob ihm das etwas ausmachte.

Der größere Traktor, der das Feld pflügen sollte, musste allerdings auch noch nach oben. „Linus, willst du den hoch fahren?“ Also saß er wenige Sekunden später hinterm Steuer und ließ sich die Steuerung und Hebel erklären. Jetzt konnte er Svens Euphorie verstehen. Glücklich wie ein Kind fuhr er im Schneckentempo den Traktor nach oben auf das Feld.

Leute in Kanada haben richtig Glück. Die dürfen neben den ganzen Maßeinheiten, die man gewöhnlich in Europa benutzt, auch die amerikanischen Maßeinheiten lernen. Der Acker wurde in Inch und Feet ausgemessen – das ist schon ziemlich lästig und ohne das richtige Messinstrument schwer nachvollziehbar.

Dann ging es los. Abstände wurden abgemessen (15 Zoll zu jeder Seite Platz), dann markiert und dann wurden in Zweierreihen Löcher gebuddelt. Acker rauf. Acker runter. So lange es geht. Denn Noah, der viel in Gartenarbeit hineinsteckt, fehlen am morgigen Tag helfende Hände und so muss heute so viel geschafft werden wie möglich. Auch der immer stärker werdende Regen darf dabei kein Hindernis sein.
Links wir zwei - rechts Ezra und Jessica
Wir verbrachten einige Stunden auf dem Acker, quatschten miteinander oder hörten jemandem beim summen und singen von Melodien zu.

Auch wenn wir an diesem Tag viel arbeiteten, war es dennoch mehr ein familiäres Event. Die Vier sind ein klasse Team und wir zwei waren höchst beschwingt.

Dennoch waren wir nach den Stunden auf dem Feld klatschnass geregnet und die Dusche am Abend war höchst erfrischend. Zum Abendessen gab es dann den Champagner, den sich beide zur Feier des verkauften Hauses gekauft hatten – woraufhin sie sich dann dieses Grundstück kauften. Es war ein gemütlicher Abend, an dem wir uns noch lange austauschten. Es gab eigentlich immer was zu reden. Jacob war beispielsweise einige Monate in Deutschland und spricht und versteht auch immer noch einiges. So hat er Linus erzählt, wie es bei ihm anfing, dass er auf Deutsch dachte und auch träumte.

Das passiert immer öfter: Man überlegt, was man einkaufen muss, wo man morgen hinfährt, geht Abläufe des Tages durch und das immer alles auf Englisch. Sven und Linus erwischen sich oft dabei, dass sie nach einem Gespräch mit irgendwem noch Minuten danach auf Englisch weitersprachen, da das ewige hin und her Hüpfen der Sprachen manchmal lästiger ist, als einfach weiter auf Englisch zu quatschen.

Wir würden beide nicht behaupten, dass wir tolles Englisch sprechen, aber es reicht halt aus, um sich über alles auszutauschen, die Leute zu verstehen und zur Not halt nachfragen zu können, was irgendeine Vokabel bedeutet. Zumal auch viele Leute sagen, dass das mit dem englisch Reden eh niemand genau nimmt. Zeiten vertauschen, Grammatik, Aussprache, es gibt so viele Menschen, die englisch sprechen, jeder hat da irgendwelche Fehler.

Besonders die Slangwechsel sind abgefahren. Wir fahren ja nun schon einige Wochen durch Kanada und haben uns mit Leuten unterschiedlichster Herkunft und vieler Altersstufen unterhalten. Es ist schon verdammt vielfältig, was einem so um die Ohren geballert wird.

Für uns vollkommen neu war die Art und Weise wie Noah und Ezra ihre Schulerfahrungen machen. Das Schulgebäude kriegen sie zumindest nicht zu sehen. Jacob und Jessica betreiben Home-Schooling. Davon kann man nun halten, was man will. Es hängt alles von den Eltern ab, was sie daraus machen. Uns hat gut gefallen, dass die beiden Eltern darauf setzen, dass sich ihre Kinder mit den Dingen auseinandersetzen sollen, die ihnen gefallen. Natürlich müssen einige Dinge gelernt werden, wie rechnen und schreiben, aber man stelle sich vor, dass Kinder diese Dinge nicht lernen, weil sie es müssen. Sondern weil sie es wollen. Weil sie Spaß daran haben.
 
Noah hat's schwer erwischt :-)
Noah kann also ganz in seinem Element der Natur und der Gärtnerei aufgehen – und er bietet schon in seinen jungen Jahren sein Gemüse auf einem Markt an. Ezra spielt seine Ukulele nicht nur für sich, sondern erfreute bereits im letzten Jahr viele Besucher eines örtlichen Musikfestivals. Und es wirkte für uns absolut nicht so, als täten sie das, weil sie es irgendwie müssen, sondern einfach, weil sie Lust dazu haben. Und dabei auch noch unglaubliche Freude haben.

Wir glauben, Jessica und Jacob machen da etwas richtig gut.

Jessica und Jacob haben wir als humorvolle, liebevolle und klare Leute wahrgenommen. Ehrlichkeit ist ihnen sehr wichtig. Die Zeit bei den Vieren verging wie im Flug. Der Zweite Abend flog dahin und es stand nur noch eine Frage im Raum. Jacob bot an, uns am morgigen Tag im Auto bis nach Terrace mitzunehmen. Er hat dort in der Nähe ein Meeting. „Bis nach Terrace seht ihr eh nichts Neues. Erst dahinter verändert sich die Natur nochmal richtig.“ Bis nach Prince Rupert waren es von Kitwanga noch 240 km und wir hatten noch drei Tage Zeit dafür, um die Fähre nach Vancouver Island zu bekommen. Ursprünglich hatten wir vier, aber da wir uns entschieden, noch einen Tag zu bleiben, musste nochmal neu gerechnet werden.

Linus fand die Idee eigentlich ganz gut. Wir hätten den Tag bei unseren Gastgeberinnen mitnehmen können und müssten dennoch nicht wesentlich mehr Kilometer fahren. Das kratzte etwas an Svens Radfahrerstolz und er wolle etwas Zeit haben, um darüber nachzudenken.

Als am Abend alle im Bett waren und wir noch mit Jacob zusammensaßen und uns unterhielten, haben wir beschlossen, uns von Jacob mitnehmen zu lassen. Dann würden wir ca. 80 Kilometer bis kurz vor Terrace überspringen und von dort weiterfahren.

Am nächsten Morgen haben wir uns nett von Jessica, Noah und Ezra verabschiedet und sind mit Jacob in rasender Geschwindigkeit den Highway entlanggefahren. Auto fahren kommt einem zumindest ziemlich schnell vor, wenn man vorher über Stunden hinweg bestimmte Landmarken
beobachten konnte, die jetzt nach Minuten wieder verschwanden. Zum Abschied gab es noch gekochte Eier von Jessica, ein Abschiedsfoto und eine herzliche Umarmung.
 
Mit Jacob zum Abschied
Neben der Farmarbeit, dem Entdecken der Natur und unseren vielen Fragen zum Leben „da draußen“ kamen wir auch immer wieder auf die Kultur und das Leben der First Nations (der Ureinwohner) in Kanada zu sprechen. Jacob gehört selbst einem Clan der Natives an und konnte uns dementsprechend viel erzählen. Genauso Jessica, die nicht Teil eines Clans war und trotzdem ebenso viel berichten konnte.

Zwischen Calgary und Kitwanga sind uns mehrere Menschen mit teilweise ziemlich komischen Weltanschauungen, in denen auch häufig offener Rassismus durchkam, begegnet. Bei uns kam dadurch mit fortschreitender Reisedauer die Frage auf, wie „normal“ das ist? Haben wir einfach Pech und treffen häufig Idioten, die so freizügig mit ihrer Meinung umgehen, dass sie sie jedem Fremden nach zwei Minuten Gespräch auf die Nase binden? Oder sind solche Einstellungen hier eher geduldet oder toleriert? Wir wollten uns diese Fragen eigentlich für Quadra Island und Svens Tante Iris aufheben, schließlich ist das auch ein Thema, über das man nicht mit Menschen reden will, die man erst seit wenigen Minuten kennt. Als wir die letzten Kilometer auf dem Highway 37 dann zu den vier „unbekannten Bekannten“ hochfuhren, hatten wir schon überlegt, wenn es sich ergibt, mal zu fragen wie es politisch so in Kanada aussieht. Gerade zu der Situation der Natives hatten wir bisher nur von europastämmigen Kanadiern gehört.

Direkt am ersten Abend, aber auch öfter während unseres Aufenthaltes, haben wir uns ausgetauscht. Jacob und Jessica wirkten sehr reflektiert und wissend. Sie konnten uns auf alles eine Antwort und darüber hinaus viele Erklärungen für diverse Zustände geben.

Für uns war es immer etwas verwirrend, dass die konservativen Leute so schnell und direkt auf ihre Themen kamen und uns damit konfrontierten. In Deutschland kriegen wir es zumindest beim Spaziergang nicht so oft mit, dass man von jemandem angequatscht wird, der gerade seinen Hof kehrt: „Hey, wie ist euer Tag so? Ich bin Konservativer! Habt ihr Bock mit mir über Religion und Politik zu reden?“ Der nächste Satz könnte dann sein: „Ich find Moslems übrigens voll Scheiße“.
So kamen uns einige Situationen hier zumindest vor.

Kanada hat eine große rassistische Community, die teilweise auch stark mit dem christlichen Glauben verwachsen ist.

In der Gesellschaft sind rassistische Klischees ziemlich akzeptiert, weshalb die Leute sich in der Öffentlichkeit mit ihren Äußerungen nicht zurückhalten müssen.

Außerdem findet eine konsequente „Nicht-Aufarbeitung“ der Geschichte statt. So wie wir das verstanden haben, gab es Prozesse zwischen den First Nations und den Kanadiern, in denen entschieden wurde, dass die Kanadier das Land geraubt haben und es rechtlich zurückgeben müssten. Das passiert allerdings nicht, da es gar kein gesellschaftliches Interesse gibt, dieser Forderung nachzukommen.

Neben den Eindrücken über den Ist-Zustand haben wir auch einiges über die Geschichte Kanadas gehört, wie die Siedler kamen und wie die Menschen vorher hier lebten.

Einige Dinge, die in Geschichte nicht beigebracht werden, da die Geschichte immer noch von den Gewinnern geschrieben wird und andere Teile und Erzählungen in Vergessenheit geraten, haben uns ziemlich beeindruckt. Die Kanus beispielsweise, die wir uns oft als kleine längliche und schmale Boote vorstellten, waren zur Zeit des Eintreffens der Siedler viel größer als die Schiffe aus Europa. Außerdem sind Chinesen und sehr wahrscheinlich auch Russen schon vor den Europäern in Kanada gewesen, weshalb die Natives Gegenstände der anderen Zivilisationen bei sich hatten.

Die Darstellung der Geschichte sieht meistens anders aus.

In der Vergangenheit (auch noch nach WW2) gab es „Erziehungsanstalten“. Eltern mussten ihre Kinder in diese Schulen schicken, sonst wurde ihnen gedroht, sie ins Gefängnis zu sperren. In den Anstalten wurden Kinder misshandelt, gefoltert oder gar getötet. In den Schulen wurde den Kindern ihre eigene Sprache verboten, wodurch ihre Sprache verkümmerte.

Über die Zeit wurde ihre Kultur systematisch zerstört, Kinder umgedrillt, die Sprache gerät in Vergessenheit, Ausgrenzung und offener Rassismus setzen dem Ganzen die Krone auf. Es war schon erschreckend.

Doch so ernst der Gesprächsinhalt auch war, Jessica und Jacob gaben uns nicht das Gefühl der Beklommenheit. Es veränderte dennoch unseren Blick auf einige Dinge. Es waren sehr viele Informationen, die wir auf anderen Wegen nur schwer, wenn überhaupt, bekommen hätten. Wir danken den beiden sehr dafür, ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit uns geteilt zu haben.

Und bevor wir anfangen mit dem Kopf zu schütteln und den Finger auf „böse, konservative“ Kanadier zu richten, sollten wir natürlich vorerst vor der eigenen Haustür kehren.

Gibt ja genug zu tun.

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