Unsere Reise begann in New York, Brooklyn.
Wir lebten dort in einer WG von drei jungen Männern, von denen zu Beginn nur zwei am Start gewesen sind. Da unsere offizielle Anreise erst der nächste Tag war, haben wir zuerst in einem der Schlafzimmer der Jungs gelebt. Dort hatten wir n großes Doppelbett. Wie könnte man die WG gut beschreiben...
Also die WG war schon ziemlich abgeranzt. Keiner der Jungs fühlte sich anscheinend für irgendwas verantwortlich. Die Küche stand heftig ab, das Badezimmer wirkte auch recht süffig. Unser erstes Zimmer war mit unseren abgestellten Sachen völlig überfüllt - das eigentliche Gästezimmer wurde in der ersten Nacht noch von zwei anderen Airbnb'lern bewohnt. Der Flur war mit Müll überfüllt, es standen Fahrräder irgendwo im Weg, auf der Couch lag irgendwer. Später stellte sich heraus, dass das einfach 'n Kumpel von den Boys war. Die Wände waren so dünn, dass man nicht sagen konnte, ob jemand im Treppenhaus unterwegs war, oder jemand durch den Flur rannte und über die Räder stolperte. Mehrmals hatte man das Gefühl jemand klopfte an der Haustür, aber in den seltensten Fällen war auch wirklich jemand da.
| Frampton |
Swan sein Mitbewohner ist Producer und hat sich eigentlich den ganzen Tag der Musik gewidmet. Auch Nachts gab es Jam Sessions. Er machte die Beats, Frampton rappte darauf. Wenn Besuch da war, wurde zusammen gerappt. Das war eigentlich der Großteil der Beschäftigung der Jungs. Musik schien ihr Leben zu prägen. Haben uns natürlich auch über Musik unterhalten. Uns hat interessiert, woher die Einflüsse kamen und ob die in Deutschland hochgefeierten Artists, von den Jungs genauso gefeiert werden, oder ob man bei uns eigentlich nur den heftigsten Trash hört. Swans größtes Idol ist Mf DOOM, aber auch Artists wie Mos Def, Hopsin etc. haben wir uns angehört. Swan hatte zu allem eine sehr klare Meinung. Entweder war etwas "FIIIRRREEE" oder halt Scheiße. Dazwischen gabs eigentlich nichts.
Der Brooklyner Slang in dem die anfang zwanzig Jahre alten Jungs sprachen, war teilweise sehr schwer zu verstehen. Die haben da auch gar kein Rücksicht genommen, entweder hast dus halt verstanden, oder nicht.
Frampton unser Airbnb Gastgeber war allerdings stets bemüht. Er hat uns Tipps gegeben, wie wir am besten durch die Stadt kommen, wo wir einkaufen können usw. Meinte aber dass wir Brooklyn am besten erkunden, indem wir einfach durch die Gegend gehen und alles auf uns wirken lassen. Das haben wir dann auch getan.
Dieser Moment lässt sich kaum in Worte fassen. Wir haben die ersten beiden Tage damit verbracht durch Brooklyn zu laufen. Den Ganzen Tag, so lange bis uns die Füße qualmten.
Stundenlang sind wir nebeneinander hergelaufen und haben teils kein Wort miteinander gewechselt. Es war wie LifeTV. Alle paar Meter wurden alte Eindrücke bedeckt und durch neue Ersetzt. Überall Geräusche die sich überlagerten und die Menschen so bunt, das haben wir beide noch nie gesehen. Es war ein riesiges Areal. Auch nach Stundenlangen gehens folgten immer nur weitere Avenues und Streets. Hausnummern bis in den fünfstelligen Bereich. Man könnte fast meinen, dass sich Eindrücke wiederholen könnten, aber alles war anders. Da stand eine Schule, daneben war ein kleiner Kiosk vor dem Leute saßen und das Treiben beobachteten, dann folgte eine Baustelle, daraufhin ein Wellblechzaun, dann ein Wohnhaus, dahinter Kinder die in Mülltonnen spielten. Und alles zugesprüht mit Graffiti. Gärten hatte hier niemand und das bisschen Grün was man fand, waren kleinere Stadtparks, die meistens allerdings so überfüllt waren, dass man von dem Grün eh nichts sah. Der Straßenverkehr wirkte Regellos und willkürlich - Ampeln hielten keine Leute auf. Es war ein riesiger multikultureller Raum, auch wenn wir als Weiße hier eine Minderheit waren. Das alles war wirklich super überwältigend. Wir hatten wahrscheinlich auch einfach das Glück, dass wir nicht einem Touristengebiet waren. Angefangen von der WG, bis hin zum urbanen Raum drumherum.
An Tag drei und vier sind wir durch Manhattann gelaufen. Naja am dritten Tag haben wir hauptsächlich in ner Bar gesessen und Bier getrunken, weil es die ganzen Zeit regnete.
Die Bar war geil. Die Zweite Fahrt nach Manhatten war noch etwas besonders. Wir saßen gerade 5 Minuten in der Bahn, dann öffnete sich die Tür und es kam ein junger Mann in den Wagon. Den Klamotten nach zu Urteilen, war er arm. Er rief durch die gesamte Bahn und er erzählte von seinem Leben. Sechs Jahre Militärdienst, danach eine Ausbildung zum Koch, wo er rausgeworfen wurde. Seither lebte er auf der Straße, hat einen Sohn den er nicht ernähren kann. Seine "Rede" wenn man sie so nennen will, dauerte fünf Minuten. Die Leute in der Bahn blickten zu Boden "Was ich nicht sehen kann ist auch nicht da". Ich glaube von den 40 Fahrgästen reagierten nur wenige Personen auf den jungnen Mann und drückten ihm etwas Geld in die Hand, woraufhin er sich überschwinglich bedankte: "God bless you" hauchte er Sven entgegen, als dieser ihm ein Paar Münzen in die Hand drückte. Es war schon eine sehr eindrucksvolle Szene, da mit Armut in Deutschland ganz anders umgegangen wird. In Deutschland habe ich noch nie gesehen, dass jemand in den Bus steigt und im Bus allen Leuten von seinem Leidensweg erzählte. Wie Menschen damit umgingen schien uns allerdings recht vertraut. Am liebsten den Bettelnden nicht in die Augen schauen, sie gar nicht erst wahrnehmen. Doch in Deutschland ist das halt auch leichter, da einem die Armut nicht so direkt in die Fresse geballert wird (auch wenn natürlich jeder Mensch weiß, dass es sie gibt). Das Pappschild und der Münzbecher lassen sich halt leichter ausblenden.
Es dauerte keine zwei Minuten und zwei durchtrainierte Poledancer hüpften durch den Wagon, streichten leichten Applaus und ein paar Münzen ein. Begleitet wurde ihr Schauspiel von Musik, die durch alte kleine Boxen dröhnte.
Wieder kaum eine Minute später lief ein Bettler durch den Wagon auf der Suche nach 10 Cents. Er hat sich einfach vor Leute gestellt, sich zu ihnen hinuntergebückt und sie eiskalt gefragt "Na, hast du denn auch keine 10 fucking Cents für mich?". Er war gut penetrant und ließ sich nicht so leicht abwimmeln, auch wenn die Leute ihn ignorierten. Wir sind uns gar nicht sicher was das größere Schauspiel war. Das der Bettler und Tänzer, oder dass der Fahrgäste, die all das gekonnt ignorierten?
Manhattan hatte schon wieder eher was europäisches. Klar, alles war viel größer und spektakulärer, voller und vielfältiger, aber das Flair ließ sich doch besser verarbeiten als Brooklyn. Auch hier in Manhattan verbrachten wir Stunden damit zu Fuß durch die Gegend zu gehen. Am ersten Tag wollten wir zum Financial District, wurden aber wegen des Regens aufgehalten. Der zweite Manhattan Tag wurde damit verbracht, weiter nach Norden zu gehen, Richtung Central Park. Der Übergang war genial. Man läuft durch die schmalen Gassen der riesigen Wolkenkratzer und ZACK vorbei und man stand im Park. Die Menschenmassen ließen nicht nach, aber das Flair veränderte sich schlagartig. Wirkte das Leben in der Stadt sehr treibend, hatte man im Park mehr das Gefühl von Urlaub, auch wenn hinter jedem Baum riesige Wolkenkratzer emporragten und dich nie vergessen ließen, wo du eigentlich bist.
Der Park war ganz anders, als Parks die man aus Deutschland kennt. Hier gab es nicht nur Wiese und ein bisschen Gewässer, sondern Felsen zum klettern, kleine Brücken, angelegte Teichanlagen, einen Zoo, ein paar Verkaufsstände und sogar MÜLLEIMER!!! (die gabs echt selten).
Neben uns spielten ein paar Kinder Baseball. Haben sich ein eigenes Feld abgesteckt, haben irgend nen Ast ausgebuddelt und nen Tennisball benutzt. Zwei, drei schienen die Regeln zu kennen und der Rest spielte einfach mit. Das war richtig schön harmonisch. Auf der anderen Seite neben uns spielte eine Violinistin Storm von Vanessa Mae - richtig gut!
Wir beide sind uns einig: Wenn jemand nach New York fliegt... Geht nach Brooklyn! Manhattan hat was, keine Frage. Man sieht halt all das was man aus Amerikanischen Filmen kennt - bzw. kann es sich anschauen. Aber Brooklyn hat ein total eigenes Flair. Uns beide hat Brookyln (zumindest der Teil an dem wir beide waren) unglaublich gepackt. Das Gefühl, welches Brooklyn in uns auslöste, war nochmal ganz anders als jenes, was Manhattan auslöste.
An den Abenden gab es immer geile Bratkartoffeln - worauf sich auch bald Swan immer sehr freute: "Pooootaaatoooeees, soooo fiiiiireeee maaaan".
Der Typ hat uns mit seiner Aussprache jetzt schon die Tour versüßt.
Am 24.4 morgens um halb 4 sind wir aufgestanden, um unseren Flug nach Torronto und dann Calgary zu erwischen. Da die öffentlichen Verkehrsmittel ziemlich unübersichtlich sind (es gibt halt einfach tausend), waren wir uns beide teilweise ziemlich unsicher. Und den Flug durften wir auf keinen Fall verpassen. Die Busfahrer waren allerdings echt freundlich und boten uns deren Hilfe an. Die Automaten hingegen hatten nicht so bock auf Svens Kreditkarte. Die wollten uns unsere Tickets nicht ausspucken und in Amerika ist das nicht so leicht mit dem Fahren ohne Ticket. Es gab überall diese Drehkreuze und man musste die Tickets haben, damit diese sich drehten. Und vor den Drehkreuzen gab es Security. Ja, auch um 4 Uhr morgens. Die waren allerdings unser Glück. Hab uns irgendwann den Notausgang geöffnet und wir konnten ohne Ticket fahren. Den Flug haben wir erwischt.
Hallo Linus
AntwortenLöschenmit großem Interesse habe ich deine ausführliche Schilderung eures Aufenthalts in NY gelesen. Sehr interessant und mit vielfältigen bunten Eindrücken. Freu mich schon auf die Fortsetzung ❣️
Viel Spaß und Interessantes weiterhin. Lieben Gruß, Marlis
wenn ich nicht deine patentante waere,wuerde ich sagen l i e g, bei euren Erzaehlungen kommen mir meine Erinnerungen an meine ersten Reisen per Anhalter durch die Welt hoch,wunderbar,weiter so und haltet die Augen und Ohren und Herzen weiter auf lg Rita
AntwortenLöschenDieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
AntwortenLöschenVersuch Nummer 2:
AntwortenLöschenHallo Linus,
wie schön von dir zu lesen! Ich musste sowohl über den Namen eures Blogs, als auch über die Beschreibung von Swan lachen - so lustig!
Habt weiterhin ganz viel Spaß und genießt die Zeit in Kanada.
Liebe Grüße,
Danica
Hello friends! Was great to meet you in Drumheller, Alberta! I look forward to following your journey.
AntwortenLöschenBernie from Edmonton