Mittwoch, 29. Mai 2019

Far over the Rocky Mountains cold...


Der Start aus Edmonton verlief ähnlich wie der Start aus Calgary etwas träge. Wir standen früh auf, um uns von Kirstin, Marco und Dante zu verabschieden, die zur Arbeit und zur Schule mussten. Die Nacht war dementsprechend kurz, und wir genossen am Morgen den Luxus von gutem Kaffee und einem entspannten Frühstück ausgiebig, bis wir nach und nach aus unserem Halbschlaf erwachten und unsere sieben Sachen packten, bis es dann gegen Mittag losging.

Der Weg aus Edmonton raus verlief relativ ereignislos, allerdings fuhren wir nicht wie geplant über den Highway 16a aus der Stadt, sondern nahmen eine weniger geschäftige Parallelstraße. Die versackte dann irgendwann auf einer üblen Schotterpiste, die wir bei der nächsten Möglichkeit Richtung Highway verließen. Ein breiter Seitenstreifen machte das Fahren neben den vielen Autos erträglich und wir spulten bis zum Abend noch einige Kilometer runter, fuhren beim Wabamun Lake Provincial Park vom Highway ab und suchten den zugehörigen Campingplatz, der noch ziemlich leer war. Die nette Frau im Office warnte uns vor dem kommenden May-long-weekend. Dieser ominöse Zeitpunkt, von dem uns schon in Drumheller berichtet wurde, wo das Wetter besser werden soll und alles auf die Campingplätze und in die Natur strömt. Sie meinte, wir sollten auf jeden Fall vorbuchen, wenn wir auf Campingplätze wollen. Hier hatten wir aber fast noch freie Platzwahl, durch die Bäume sah man nur vereinzelt andere Camper. Am nächsten Tag gings mit Nieselregen los, der sich bis zum Nachmittag hielt. Wir entschieden uns, noch einen Tag zu bleiben und das schlechte Wetter auszusitzen. Blogschreiben, Lesen und Frisbeewerfen füllen solche Tage hervorragend aus.

Die Sonne weckte uns am nächsten Tag und lockte uns wieder auf die Piste. Und wie! Das gute Wetter machte die Beine leicht und wir flogen über den Highway, der, je weiter wir uns von Edmonton entfernten, immer leerer wurde. Die sanften Hügel wurden immer mehr durch kleine Wäldchen geschmückt, die immer größer wurden und in den nächsten Tagen die Felder und Wiesen komplett ablösten und zu einem dichten Wald wurden, der sich entlang der vierspurigen Fahrbahn erstreckte. Mittag machten wir an einem kleinen Generalstore am Highway und erkundigten uns nach dem nächsten Campingplatz auf unserer Route. Zweimal wurde uns Noejack genannt, läge direkt am Highway, nicht zu verfehlen. Der Name stand dann auch einige Kilometer später neben Jasper und Hinton auf einem Kilometerangabenschild, wir beschlossen also, das kleine Dorf anzusteuern. Dreißig Kilometer später offenbarte sich uns dann Noejack. 23 Campingbänke, eine Wasserpumpe und ein Toilettenhaus waren die Ausstattung Noejacks, dass tatsächlich nur aus diesem Campingplatz bestand. Wahrscheinlich die 23 bekanntesten Bänke, die uns bis jetzt begegnet sind. Für uns war der Campingplatz aber super, wir machen uns beim Schlafen nichts aus Straßenlärm und selbst der nahm zum Abend hin stark ab, so dass nur noch ab und zu ein Truck störend vorbeisauste. Es ist schon interessant, wie wenig Menschen hier oben leben. Über die Tage bis hin zu den Rockies konnte man förmlich spüren, wie einem mit jedem Kilometer weniger Autos entgegenkamen und einen überholten.

Unser Plätzchen bei NoeJack

Das eigentlich Erwähnenswerte zu Noejack war, dass, als wir die Einfahrt runterrollten, ein anderes, voll bepacktes Fahrrad zwischen den Bäumen stand. Wie sich herausstellte, gehörte es zu Daniel, der vor einigen Tagen aus Edmonton aufgebrochen war und uns wahrscheinlich den ganzen Tag nur einige Kilometer voraus war, er war nur wenige Minuten vor uns eingetroffen. Für uns drei das erste Mal auf unseren Touren, dass wir andere Radfahrer trafen. Nachdem wir alles im Zelt verstaut hatten und unsere Bärensäcke, auf Rat von Daniel, aufgehängt hatten (bei Wabamun Lake wurden wir auf die Frage nach Bären noch etwas komisch angeguckt), saßen wir noch etwas zusammen, tauschten uns über unsere Routen aus und glichen Reiseerfahrungen ab. Er war echt ein Sonnenschein, wenn er nicht lächelte, lachte er und versprühte große Lebenslust. Sein Plan war es, am nächsten Tag bis Edson zu fahren, das die nächste Stadt sein sollte. Von da würden ihn seine Eltern kurz fürs Long-may-weekend einsammeln und ihn am Ende wieder dort absetzen, sein eigentliches Ziel war Vancouver, dass er über Jasper und Kamploops erreichen wollte. Er gab für die Campingplätze Entwarnung und bestätigte unseren Gedanken, dass für ein Zelt eigentlich immer Platz wäre.

Bärensäcke fast fachgerecht verstaut
Wir starteten am nächsten Tag eine halbe Stunde später als Daniel, bekamen ihn aber trotz knapp über 23 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit nicht mehr zu Gesicht. Die Kurzlebigkeit mancher Begegnungen ist beim Reisen dann auch schade, wir hätten uns gut vorstellen können, mit diesem netten Typ ein paar Kilometer gemeinsam zu machen. Ziel an diesem Tag war Hornbeck Creek, wieder ein Campingplatz direkt am Highway. Das Campareal war etwas vom Parkplatz abgeschottet, so dass sich an der Seite des sich schlängelnden Flusses und des Waldes eine gemütliche Campingidylle ergab. Neben uns hatten noch zwei weitere Familien für ein paar Tage ihre Camper hier aufgestellt, ganz entspannt also. Wir bekamen auch direkt von einer Frau Feuerholz angeboten, campen ohne Lagerfeuer ist hier nicht häufig gesehen, man kann auch an fast allen Campingplätzen Feuerholz kaufen. Am Abend haben wir wieder unsere Bärensäcke in einen passenden Baum gehängt. Den passenden Baum zu finden erweist sich als schwieriger als gedacht, obwohl wir ja jetzt im Waldgebiet sind. Man muss einen Ast finden, der so hoch hängt, dass ein Grizzly nicht drankommt und ein Schwarzbär ihn nicht abbrechen bzw. darauf klettern kann oder ihn vom Stamm erreicht. Das Gewicht der Bärensäcke sollte der Ast natürlich auch tragen. Die dicht stehenden und sehr dünnen Zedern bieten solche Äste eigentlich gar nicht. Wir fanden dann schließlich doch einen passenden Ast oben beim Parkplatz wo wir unser Zeug hinhängten. Unseren Lagerfeuerabend beendete dann die Kühle der Nacht, zu der sich etwas Regen gesellte.

Buchführung in Hornbeck Creek

Unser Platz bei Hornbeck Creek
Der nächste Morgen war sonnig, für Hinton war aber den ganzen Tag strömender Regen vorhergesagt, wir spielten mit dem Gedanken noch eine Nacht hier zu bleiben und den Tag zum Blogschreiben zu nutzen. Dieser Plan verflog relativ abrupt, als wir auf dem Weg zu unseren Bärensäcken feststellten, dass eben diese nicht mehr da waren. Seil und Karabiner waren auch weg, ein Bär war also auszuschließen. Hatte uns wirklich jemand mitten im Nirgendwo unsere Bärensäcke geklaut? Wir waren irgendwie ziemlich aufgeschmissen, schließlich war neben unserem ganzen Essen auch unser Kochequipment in den Säcken gewesen. In dem Moment kamen ein paar blöde Gedanken in uns hoch. Was, wenn wir die Säcke nicht wiederkriegen, den ganzen Kram nachzukaufen dürfte ziemlich teuer bis unmöglich werden, schließlich haben wir alles in Großstädten gekauft, bisher hatten wir in den ganzen kleineren Dörfern noch nicht wirklich Outdoor-Ausrüster gesehen. Die in Kauf zu nehmenden Umwege hätten auch ziemlich in unsere Routenplanung eingeschnitten, die durch unsere langen Aufenthalte in Edmonton und Calgary und die kalten Nächte, die damit verbundenen späten Starts, etwas zusammen gestutzt wurde.

Wir klopften bei einem RV, der neben unserem Baum stand und gestern Abend noch nicht da war. Der Mann, der öffnete, konnte uns zumindest sagen, wer unser Frühstück hatte. Um halb acht am Morgen ist wohl eine Frau vom Campingplatzpersonal vorbeigekommen und hat die Selfregistration-Box geleert.

Self Registration Card
Dabei hat sie wohl unsere herrenlosen Bärensäcke gesehen und diese nach kurzer Nachfrage bei ihm und seiner Frau, die natürlich nicht wussten, wem die Säcke im Baum gehören, mitgenommen. Zum Frust gesellte sich nun Unverständnis. Wer zum Geier fährt um halb acht morgens über den Campingplatz und sammelt Sachen ein. Check-out ist um 14:00 Uhr, vergessene Sachen abgreifen ist also kein Argument. Auch sollten in Bearcountry Bearbags nicht so unbekannt sein, dass man nicht weiß, was das ist. Für uns schien es zumindest einfach nachzuvollziehen, dass die zwei Räder und die Bärensäcke im Baum zusammengehören bzw. irgendjemand über Nacht sein Essen in den Säcken sichert. Das Paar hatte die Mailadresse, an die die Überweisungsträger für Kreditkartenbezahlung geschickt wurden, falls man kein Bargeld dabei hat. Da das unsere einzige Hoffnung war haben wir an Unbekannt unsere Hilfemail geschrieben und auf Antwort gewartet. In derselben Zeit haben die beiden eine Telefonnummer herausgefunden und dort angerufen. Sie schienen an der richtigen Adresse gewesen zu sein, zumindest schilderten sie der Person an der anderen Seite der Leitung unsere Lage und meinten kurz darauf, dass unsere Sachen in einer Stunde wieder da wären, jemand würde sie vorbei bringen. Nochmal Glück gehabt.

Als wir von unseren Campingnachbarn gefragt wurden, wie unsere Pläne nun aussähen und wir ihnen mittteilten, dass wir wegen des Wetters in Hinton noch eine Nacht bleiben wollten, winkten diese nur ab. „You shouldn't trust the weatherforecast, we have friends in Hinton, i gonna ask them what the weather looks like!“ Von seinen Freunden gabs grünes Licht und als wir dann um kurz nach eins unsere Bärensäcke ohne großen Kommentar vorbeigebracht bekamen, machten wir uns noch auf den Weg nach Hinton, bei dem Tempo der letzten Tage würden wir gegen Abend dort sein. Je näher wir den Rockies kamen, desto hügeliger wurde es, der Weg nach Hinton war also doch nicht so leicht wie gedacht und wir kamen ziemlich erschöpft und hungrig dort an, fanden den Campingplatz aber ohne große Mühe. Das Büro war unbesetzt, wir fragten also einfach einen der anderen Camper ob sie ein Auge auf die Räder haben könnten, wir hatten auf dem Weg in die Stadt rein eine Pizzeria entdeckt, der wir einen Besuch abstatten wollten. Ziemlich vollgefressen kamen wir zwei Stunden später aus dem mit Eishockeypokalen vollgestellten Restaurant und machten uns auf den Weg zurück zum Campingplatz. Das Büro war dort immer noch unbesetzt. Dan, der Mann, dem wir unsere Räder anvertraut hatten, hatte sich mittlerweile ein Lagerfeuer angezündet und wir gesellten uns mit ein paar Stücken Pizza, die wir nicht mehr geschafft hatten dazu.

Unser Platz in Hinton
 Nach kurzem Plausch haben wir uns in unser Zelt zurückgezogen. Die Bärensäcke konnten wir zu Dan in den Wagen schmeißen, da es auf dem Campground keine Bärencontainer gab und wir schon etwas gezeichnet waren, durch unsere Erfahrung von letzter Nacht.

Am nächsten Morgen sollte es dann mit einiger Verspätung losgehen. Wir wollten noch unsere Blogeinträge verschicken und auch einige Videos hochladen, die wir auf unserer Tour bis hierhin gemacht hatten. Das Internet war allerdings so unglaublich langsam, dass wir für die Blogeinträge mitsamt Bildern noch einige weitere Stunden auf dem Campingplatz verbrachten. Außerdem wollten wir unsere Geräte aufladen und dafür hatten wir lediglich die Steckdosen aus den öffentlichen Waschräumen, die wir nicht völlig unbeaufsichtigt lassen wollten. Also ging erst der Erste los: duschte sich, putzte Zähne, schnitt Finger- und Fußnägel und danach der Zweite – Hauptsache es dauert und wir können die Geräte aufladen.

Gegen 14 Uhr sind wir dann von dem Campinggelände aufgebrochen, mussten dann allerdings noch einkaufen. Wir wussten zumindest, dass die bevorstehenden Tage weniger Supermärkte für uns bereithielten und wollten deshalb gut vorbereitet sein. Als dann eine weitere Stunde verging, war das Frühstück schon einige Stunden her, sodass wir beim Supermarkt dann unsere erste „Pause“ einrichteten und was aßen. Gegen 16 Uhr haben wir Hinton verlassen, waren aber top motiviert, um nun in kürzester Zeit möglichst viele Kilometer abzustrampeln, sodass wir unser Pensum bis vor Sonnenuntergang erreichten.

Spannend waren die ersten Schilder, als wir auf den Highway 40 einbogen, die Autofahrerinnen davor warnten, dass man lieber noch volltanken soll, da die nächste Tankstelle erst in ca. 200km auf einen wartete.

Rast am Highway 40
Der Highway 40 war eine ganz, ganz andere Herausforderung. Die ersten 15-20 Kilometer sind wir stetig bergauf gefahren. Von „ein bisschen Bergauf“, bis hin zu „extrem steil Bergauf“. Zumindest konnten wir beide, trotz Fahren im kleinsten Gang, kaum fließend treten. Jeder Pedalentritt wurde von einem Schnauben begleitet. Und wir beide wussten: Bei 8km/h bergauf wird das die nächsten zwei Stunden so andauern. Und so war es auch. Dafür waren die Pausen, die wir immer öfters einlegen mussten, um etwas zu trinken und die Beine auszuschütteln, umso lohnender. Der Ausblick, den wir bekamen, umso höher wir fuhren, war einfach unbeschreiblich. Das Panorama mit den Rockies, die sich hoch am Horizont auftürmten, war mit nichts zu vergleichen, was wir beide kannten. Anders als die Alpen, beginnen die Rockies einfach von jetzt auf gleich. Inmitten der weiten Ebenen türmten sich riesige, brachiale Steinkolosse auf, deren Gipfel teils hinter Wolken verschwammen. Oft wurde aus einer Trinkpause ein Moment des Schweigens und des Staunens. Vielleicht auch ein wenig deshalb, weil wir wussten, dass wenn es weiter den Berghang hinauf geht, wir mit unglaublichen Anstrengungen zu rechnen haben.  

Blick aus Hinton auf die Rockies
Auf zu den Rockies
Doch wir waren auch auf der Hut und aufmerksam, beobachteten die Straßen vor uns hinter uns. Zum einen wegen der Bären, oder anderen Wildtieren, zum anderen wegen der Autos, die meistens mit über 100km/h an uns vorbeizogen.

Auf einem langgezogenen Stück: Eine komplett gerade Straße über Kilometer bergauf, da bemerkte Linus, dass Sven leichter trat bei selbem Tempo und das, obwohl er selbst schon im kleinsten Gang fuhr. Da fragte er nach vorn: „Sag mal, ist deine Schaltung anders als meine? Fährst du schon im kleinsten Gang?“.

„Moment, ich schau mal ob ich noch einmal runter schrrrrrrrrrr“, kam es zurück als Sven ins Stocken kam und keinen Zoll mehr vorwärtskam. Seine Kette war beim Schalten abgesprungen und hatte sich beim hinteren Zahnkranz zwischen seinen Speichen verhakt. Beim Anheben des Rades, hatte sich sein Sattel aus der Halterung gelöst und wir haben das Fahrrad vorerst von der Straße geholt, um zu flicken, was ging. Das mit der Kette war ein langer Akt, ließ sich aber letztlich beheben. Sven, der schon einige Räder geflickt und so manche abgesprungene Kette an ihren Platz befördert hat, meinte, dass er eine derart verhedderte Kette zwischen den Speichen noch nicht erlebt hatte.

Das mit dem Sattel erwies sich allerdings als noch größeres Problem. Wie man sich vielleicht vorstellen kann, ist es nicht nur unpraktisch, sondern auch fahrlässig, auf einem nicht richtig befestigten Sattel zu sitzen und mehrere hunderte Kilometer und Stunden darauf abzustrampeln. Das Sattelstück, auf dem man sitzt, wird stabilisiert durch Eisenstriemen, welche aus der Verankerung gerissen waren. Mit purer Muskelkraft ließ sich das Ding nicht wieder zurückbiegen.
Einen zweiten Sattel hatten wir auch nicht dabei. Die Notlösung war also, den nächstbesten Campingplatz anzusteuern und dort vorerst zu rasten. Wenn wir lange genug grübeln, finden wir schon eine Lösung – vielleicht ist ja auch jemand auf dem Gelände und kann uns helfen.

Der private Campingplatz, bei dem wir spät abends ankamen, soll laut Schildern ausgebucht sein. Der nächste dahinter lag einige Kilometer entfernt – die wollten wir bei aller Liebe nicht mehr strampeln. Haben erst überlegt, uns einfach in die Wälder zu hauen, aber die hereinbrechende Nacht stand bevor und wir waren nicht nur müde, sondern hatten auch Hunger. Und in Bearcountry lassen wir uns lieber Zeit, beim Suchen eines geeigneten Plätzchens. Es dauert halt alles länger und die Zeit hatten wir gerade nicht. Dann dachten wir, ob wir uns einfach eine Nacht illegal neben das Holzlager des gut besuchten Campingplatzes hauen und uns einen Wecker auf 5,6 Uhr stellen, um früh die Sachen zu packen und weiterzufahren. Alles irgendwie ätzend. Das bisschen Luxus (nachts ruhig irgendwo zu schlafen) wollten wir uns heute nicht nehmen lassen.

Wir haben dann über eine Internetseite für viel Geld einen Campingplatz reservieren können. Eine Nacht sollte irgendwie 30 Dollar kosten – soweit noch okay. Aber man kann hier nur reservieren, sonst darf man nicht campen. Und die Reservierungsgebühr kostet jeden 15 Dollar. So teuer waren nicht mal unsere AirBnB Angebote in New York, oder Calgary pro Nacht. Als wir dann neben unserem aufgebauten Zelt saßen und uns was zu essen machten, waren diese Sorgen glatt vergessen. Auch unsere Bärensäcke konnten wir wieder bei Nachbarn im Auto verstauen. Willi, der den größten Bus zum Camping ausfuhr, den wir je gesehen hatten, war bester Laune und lud uns auch noch zum gemeinsamen Sitzen an deren Feuer ein – er will gerne unsere Geschichten hören.

Wir bedankten uns für die Einladung, waren aber zu kaputt und mental verbraucht, um das Angebot anzunehmen. Der Tag hatte schon Nerven gekostet.

Am nächsten Tag ließen wir uns erneut Zeit, da der morgen sehr kühl begann. Um uns herum brach Festivalstimmung eines Abfahrtstages aus. Long May Weekend näherte sich dem Ende und so wurden überall die Campingplätze geräumt, einige von ihnen waren schon aufgebrochen, bevor wir überhaupt wach wurden. Kurz vor unserem Aufbruch (auch hier hatten wir eine Steckdose und wir wollten das Aufladen unserer Geräte hinauszögern – zumal wir immer noch keine gescheite Idee wegen des Sattels hatten), kam ein Auto der Park Officer vorbei. Sie erkundigten sich, ob wir gestern Stress mit einigen anderen Campingbesuchern hatten, was wir verneinten.

Und schon waren wir im Gespräch. Einer der Beiden war sofort bei unseren Rädern und begann zu grübeln: „Vor ein paar Tagen, habe ich irgendwo ‘n altes Fahrrad im Graben liegen sehen... Jungs, ich bin gleich wieder da! Gebt mir 10 Minuten!“. Und dann waren sie auch schon wieder weg. Wir zwei hatten nichts zu verlieren, also warteten wir auf ihre Rückkehr.

Leider Fehlanzeige. Das Fahrrad war bereits verschwunden. Die beiden Officer waren dennoch sehr freundlich und versuchten mit uns gemeinsam zu einer Lösung für das Problem zu kommen. Wir entschieden letztlich, dass wir weiter zum nächsten Campingplatz fahren werden und dann schauen werden, ob sich weitere Optionen auftun. Er hingegen sagte, er will nach uns schauen, da unsere Route auf dem Highway 40 Teil seines Arbeitsbereiches ist – wenn er nicht verhindert ist.

Als wir beim nächsten Campingplatz recht früh ankamen, erwartete man uns bereits „Aaah the Cyclists“. Der Officer hatte bereits von uns berichtet und wollte sichergehen, dass wir ja einen guten Schlafplatz hier finden werden.

Wir entschieden den Tag in Ruhe zu verbringen, Plätze für unsere Bärensäcke für die kommende Nacht zu finden (es gab wieder keine Bärenkontainer und diesmal waren wir recht allein auf dem riesigen Campinggelände) und zu schreiben. Sven entschied am nächsten morgen früh aufzustehen und sich an die Straße zu stellen, Finger raus und versuchen nach Hinton zu trampen, um den Sattel zu reparieren, oder einen neuen zu kaufen und dann wieder zurück zu trampen. Je nachdem, wie spät es wird, wollten wir dann noch weiter.

Der nächste Tag funktionierte tatsächlich ziemlich gut. Linus, der den Morgen damit verbrachte zu schreiben, wurde gegen Mittag von einem blauen Pick-Up überrascht, der auf unser Zelt zusteuerte. Sven stieg aus, hatte einen neuen Sattel dabei und machte sich dran, diesen zu befestigen. Linus packte nebenbei die Sachen zusammen und dann konnte es auch schon weitergehen. Als wir uns weiter durch das bergige Land kämpften und immer wieder wunderschöne Ausblicke genossen, verhedderte sich erneut Svens Kette bei einem leichten Aufstieg, kurz hinter dem Zenit der Bergkuppe. Sven machte sich sofort fluchend an die Inspektion und versuchte, das Kettenband aus den Speichen herauszuziehen. Dabei fiel auf, dass die Kette nahezu alle Speichen beschädigt hatte und auch einige gebrochen waren. Diese Schäden konnten wir mit unserem Werkzeug nicht beheben. Was also machen?

[Eine Audionotiz von Linus zu den Ereignissen...
zu einem Bild von Sven ...]

Wir haben uns nicht sehr lange abgesprochen, waren uns ohnehin viele Optionen genommen. Also die Logik sprechen lassen: Jeder von uns hat sich auf eine Seite des Highways gestellt und den Finger rausgehalten. Egal von welcher Seite ein Fahrzeug kommt, wir fahren in jene Richtung. Entweder zurück nach Hinton oder weiter nach Grande Cache. Hauptsache irgendwohin, wo wir das Fahrrad reparieren können.

Nach - ungelogen - 60 Sekunden (wenn nicht weniger) rauschte ein PickUp auf Svens Seite heran und blieb 20 Meter hinter ihm stehen. Wir können mit. Er hat uns auf dem Hinweg schon da liegen sehen und war nun wieder auf dem Weg nach Hinton. Er hat auch ein bisschen Zeitdruck, seine fünfjährige Tochter hat ein Baseballspiel und seine Frau fragt schon, wo er bleiben würde.
Also sind wir mit Highspeed nach Hinton geballert, haben wieder auf dem Campingplatz eingecheckt, wo wir vor 4 Tagen schon waren – Dans Wagen war immer noch da.

Aber irgendwie hat uns das überhaupt nicht gefrustet. Wir waren guter Dinge, wollten aber dennoch nochmal alles durchplanen. Wie viel Geld haben wir noch? Leben wir über unserem Tageslimit? Wie viele Tage bleiben noch und was müssen wir pro Tag abreißen, um den Flug zu kriegen?

Mental erschöpft von den letzten Tagen saßen wir in unserem Zelt und kalkulierten. Aufs Geld müssen wir ein bisschen besser achten, wird sich aber wahrscheinlich von selbst richten, da wir bald in sehr einsame Gebiete vordringen werden. Alte Route würden ungefähr 50 Kilometer am Tag bedeuten. Es waren mal 39km. Durch die schlechten Wetterbedingungen und nun auch Pannen, haben wir ganz schön an Zeit verloren, in der wir hätten Strecke machen müssen. Wir beide waren uns einig, dass wir das packen könnten, auch wenn man mal ein paar Tage an schönen Orten verweilt. Dann werden es halt 60km pro Tag.

Aber wir haben uns gefragt, ob das unseren Reisewünschen entspricht. Eigentlich hat uns der bisherige Reisestil gut gefallen – eben nicht auf Strecke pro Tag achten und einfach drauf los radeln. Also hat Sven nochmal eine andere Route ausgetüftelt. Diese sollte von Hinton weiter auf dem Highway 16 Richtung Jasper sein. Wir würden auf die gesamte Strecke 250 - 350 Kilometer einsparen und müssten dann täglich ca. 10 Kilometer weniger fahren. Nehmen wa!

Lächelnd über diesen Blödsinn der letzten Stunden und dass wir Pläne, die über Monate gereift sind, binnen weniger Stunden (oder vielleicht auch nur Minuten) über Bord warfen, sind wir eingeschlafen.

1 Kommentar:

  1. Jasper instead of Fort St John. Good call - it is a beautiful destination. Be aware - it is a National Park and you will have to buy a park pass. You will likely see mountain sheep here, and will start to get nearer to bear country.

    As you change your route to Vancouver, you should consider Hwy 99 past Kamloops. It is the most beautiful drive, and will be much better than busy Hwy 1. You will also pass by the beautiful mountain village of Whistler. Many miles to go - enjoy the adventure.
    Keep pedaling - you will reach your destination.

    The Norman's (the stop at Aspen's house)

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